Steigende Zinsen werden die Derivatemärkte auf ihre Belastbarkeit testen

12. Juli 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Claus Vogt

Klumpenrisiko am Derivatemarkt. Ende 2012 belief sich der Nominalwert aller von US-Banken gehaltener Derivatekontrakte auf 223 Billionen Dollar. Unter Einbeziehung der Bank-Holding-Gesellschaften sind es sogar 287,6 Billionen Dollar. Dieser Betrag entspricht dem 18-fachen des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) und dem 15,7-fachen der US-Aktienmarktkapitalisierung…

Die fünf größten US-Banken JPMorgan Chase, Bank of America, Citigroup, Morgan Stanley und Goldman Sachs vereinigen 95,6% dieser Summe auf sich, also Derivate im Nennwert von 274,9 Billionen Dollar.

Summe der Nominalwerte der von US-Banken gehaltenen Derivate in Billionen $, 1991 bis 2012

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Das von den Derivatemärkten ausgehende Risiko ist heute nicht geringer als in 2008.
Quelle: Office of the Comptroller of the Currency

Ein derart riesiger Markt wird also von diesen fünf Großspekulanten dominiert. Hier drängt sich der Gedanke an ein gewisses Klumpenrisiko auf. Zufall? Oder sehen wir hier eine Nebenwirkung früherer Bankenrettungen? Wer von der Politik als zu wichtig eingestuft wird, um Pleite gehen zu dürfen, kann natürlich ganz andere Risiken eingehen als ein x-beliebiger Marktteilnehmer. Und wer könnte es ihm verdenken, wenn er es tatsächlich täte?

Das Gesamtrisiko kann nicht reduziert werden

Nun geben Nominalwerte zwar keinen direkten Einblick auf die mit diesen Positionen tatsächlich eingegangenen Risiken. Aber die gigantische Größenordnung, mit der wir es hier zu tun haben, legt doch die Vermutung nahe, dass selbst ein kleinerer „Unfall“ große Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben kann.

Natürlich sind Derivate sinnvoll und nützlich. Sie machen Risiken handelbar. Einzelne Marktteilnehmer können sie zur Steuerung ihrer Risiken verwenden und riskante Positionen an andere Marktteilnehmer abtreten. Auf diese Weise kann das Gesamtrisiko auf mehr Schultern verteilt werden als das ohne diese Märkte der Fall wäre. Eine Reduzierung des Gesamtrisikos ist allerdings nicht möglich.

Kleine „Unfälle“ mit großen Folgen

1998 brachte der Spekulationsfonds LTCM das amerikanische Finanzsystem an den Rand der Katastrophe. Und 2008 waren es die Wirkungen von in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Derivaten – sogenannten Collateralized Debt Obligations, CDO – die das Weltfinanzsystem fast kollabieren ließen. Diese beiden Episoden haben bereits den Beweis erbracht, dass von den Derivatemärkten beziehungsweise von einigen besonders risikofreudigen oder törichten Marktteilnehmern gewaltige Risiken für das Weltfinanzsystem und damit auch für die Weltwirtschaft ausgehen.
Die folgende Grafik zeigt Ihnen die Entwicklung der Derivatemärkte seit 1991. Konkret zeigt sie die Summe der Nominalwerte aller von US-Banken gehaltener Derivate. Wie Sie sehen, befinden wir uns deutlich über dem Niveau von 1998 und leicht über dem von 2008. Einer Wiederholung der oben erwähnten „Unfälle“ steht also nichts im Wege.

Zinskontrakte dominieren die Derivatemärkte

Der Nominalwert aller weltweit ausstehender Derivatekontrakte betrug Ende 2012 laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich 633 Billionen Dollar. Das mit Abstand größte Segment dieses gigantischen weltweiten Derivatemarkts sind Zinskontrakte. Ihr Nominalwert beläuft sich auf 490 Billionen Dollar oder 77,4% des Gesamtmarkts.

Summe der Nominalwerte aller weltweit gehaltenen Derivate in Bllionen $, 2006 bis 2012

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Der hohe Anteil von Zinsderivaten lässt bei steigenden Zinsen Turbulenzen vermuten. Quelle: BIZ

Dieser hohe Anteil der Zinskontrakte legt die Vermutung nahe, dass der Zinsanstieg der vergangenen Wochen, den US-Zentralbankpräsident Bernanke als rätselhaft bezeichnet hat, bereits zu großem Stress in den Derivatebüchern zumindest einiger Marktteilnehmer geführt hat. Vor allem lässt er die Vermutung zu, dass ein fortgesetzter Zinsanstieg das Potenzial hat, an den Derivatemärkten die eine oder andere Bombe hochgehen zu lassen.

Der langfristige Abwärtstrend der Zinsen begann vor über 30 Jahren. Wenn jetzt die von mir vermutete langfristige Trendwende tatsächlich stattgefunden haben sollte, dann wird der Markt für Zinsderivate einen echten Stresstest erleben. Ich bin sehr gespannt, welche Großspekulanten diesen Test nicht bestehen werden.

Ich wünsche Ihnen ein sonniges und schönes Wochenende,

Ihr
Claus VogtHomepage von Claus Vogt

P.S.: Wahrscheinlich werden auch diesmal wieder deutsche Banken betroffen sein.


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