Staaten und andere Gelddiebe

1. April 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Manfred Gburek

Immer wenn der Goldpreis im frühen New Yorker Handel vorübergehend einbricht, sind die Kommentatoren schnell mit haarsträubenden Begründungen zur Stelle. So auch am Freitag, als sie den kurzfristigen Preiseinbruch mit der niedrigen Arbeitslosenquote in den USA begründeten…

Als der Goldpreis sich dann wieder schnell erholte, hätten sie konsequenterweise argumentieren müssen, dass eigentlich eine viel niedrigere Arbeitslosenquote erwartet worden war und der Goldpreis deshalb wieder stieg.

Natürlich sind solche und ähnliche Begründungen totaler Unsinn, weil eine unmittelbare Beziehung und damit Kausalität in diesem Fall an den Haaren herbeigezogen wird. Aber sie gibt mir Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen nicht nur zum Gold, sondern auch zu sonstigen Anlagen. Dazu veranlasst hat mich unter anderem der steile Anstieg der deutschen Umlaufrendite: von 2,82 auf zuletzt 3,15 Prozent, und das innerhalb von nur knapp zwei Wochen.

Die Anleiherenditen steigen in den USA ebenfalls. Und wenn wir den Rückgang der Arbeitslosigkeit dort als positives Zeichen für die Konjunktur interpretieren, dann steigen sie zu Recht. Wer es sich nun einfach macht, zieht daraus den Schluss, dass 1. steigende Renditen Gift für Aktienkurse sind und dass 2. das unverzinsliche Gold unter den immer höher steigenden Anleiherenditen leiden könnte.

So weit die Theorie. Die Praxis zeigt indes, dass die Aktienkurse und der Goldpreis robust reagieren, also im Trend per Saldo eher ein wenig steigen statt zu fallen. Das wiederum lässt sich so erklären: Die erwarteten Gewinne der Aktiengesellschaften kompensieren deren höhere Fremdkapitalkosten, sprich Zinsen, sodass der Anstieg der Anleiherenditen nur als erstes Warnsignal, jedoch nicht als Grund wahrgenommen wird, sich von Aktien zu trennen – jedenfalls bis auf Weiteres. Und ob steigende Anleiherenditen dem Goldpreis wirklich etwas anhaben können, ist äußerst zweifelhaft, weil sie ja bedeuten, dass die Kurse der Anleihen fallen.

An dieser Stelle möchte ich auf ein Phänomen hinweisen, das man als Paradigmenwechsel bezeichnet, also als Wechsel von einer Grundauffassung zur anderen. Ich meine hier konkret den Gedankensprung, den Anleger zurzeit an allen Börsen vollziehen, indem sie Staatsanleihen zunehmend nicht mehr als sogenannten sicheren Hafen ansehen, sondern als havarierten Schrott. Das heißt, die steigenden Renditen werden weniger als willkommener Anlass wahrgenommen, mit Anleihen nach vielen Jahren endlich wieder mehr Ertrag zu erwirtschaften, sondern als Warnung vor immer schlechterer Anlagequalität. Irland, Portugal, Griechenland, Japan sowieso, sie und viele weitere lassen grüßen – die USA inbegriffen, und Deutschland kann sich dem Sog der anderen nicht mehr entziehen.

Anleger, die nicht aufpassen, können da ganz schlimm im die Bredouille geraten. Nehmen wir beispielsweise den einfachen Fall, dass jemand eine – in Deutschland aus unerfindlichen Gründen immer noch weit verbreitete – Kapitallebensversicherung abgeschlossen hat und deshalb mehr als zwei Jahrzehnte lang zu über drei Vierteln auf das Wohl und Wehe von Anleihen angewiesen ist, die in den Portfolios der Versicherer dominant vertreten sind. Denen scheinen steigende Renditen willkommen zu sein, können sie doch nun wieder mehr Ertrag erwirtschaften als in den langen Niedrigzinsjahren. Doch was machen sie mit den Kursverlusten der Anleihen, die sich im Zuge steigender Renditen automatisch ergeben? Nichts, sie sitzen sie einfach aus, bis die Anleihen auslaufen. Das war in der Vergangenheit so, und das wird auch in der Zukunft so sein – allerdings mit dem Unterschied, dass die zukünftigen Nominalwerte in mehr als zwei Jahrzehnten wegen der zu erwartenden Inflation gerade mal für die Butter aufs Brot reichen werden... (Seite 2)

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