Spuren einer Zeitenwende

23. Dezember 2010 | Kategorie: RottMeyer, Zeitlos

Dr. Bruno Bandulet wird in Deutschland auch „Goldpapst“ genannt. Er ist einer der ersten, der sich mit dem Thema seit den 70er Jahren beschäftigt und unzählige Schriften darüber veröffentlicht hat. Sein letztes Werk ist sein Buch „Die letzten Tage des Euro“, in dem er Fakten zur europäischen Einheitswährung sammelte und zum Schluss kommt, dass der Euro nicht nur ein Experiment sein wird, sondern letztendlich scheitern muss.

Herr Bandulet… Vielleicht passend zur Jahreszeit fiel mir kürzlich das „Wintermärchen“ von Heinrich Heine in die Hände. In einem Gedicht schreibt er: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann…“ Wie würden Sie den Satz vervollständigen?

…dann fällt mir die Falle ein, in die unsere Politiker gelaufen sind. Und die heißt „Euro“…

Die Politiker sagen aber immer wieder, dass der Euro eine wunderbare Sache sei, weil wir doch wahnsinnig davon profitiert haben. Meinen Sie nicht auch?

Wenn wir so davon profitiert haben, verstehe ich nicht, warum es Deutschland noch besser ging, als wir den Euro nicht hatten.
Tut es das?

Zur Zeit des Wirtschaftswunders hatten wir keine Probleme. Auch heute haben sehr viele Länder in der EU den Euro nicht und es geht ihnen hervorragend. Den Schweden geht es gut. Den Norwegern auch. Der Euro ist nicht notwenig, dass es einem Land gut geht.

Man hört und liest öfters, dass der Euro einen Konstruktionsfehler hat. Wie würden Sie diesen beschreiben?

Er hat eine Reihe von Konstruktionsfehler. Der erste Fehler bestand darin, dass er aus rein politischen Gründen eingeführt wurde und nicht aus ökonomischen Gründen. So etwas rächt sich immer. Der andere Fehler lag darin, dass die Eurozone kein optimaler Währungsraum war, sondern ein Wirtschaftsraum, der überhaupt nicht homogen ist. Da ist etwas zusammengeführt worden, was nicht zusammen passte.

Wenn der Euro politisch motiviert war, dann wird die Lösung der Probleme wohl auch politisch passieren. Auf was sollte man sich denn einrichten?

Zunächst muss man sehen, dass Politiker ungern zugeben, dass sie einen riesigen Fehler gemacht haben. Sie korrigieren sich ungern selbst und verschleppen gerne die Probleme. Der Ausweg ist natürlich ein großes Politikum. Es gibt kein Patentrezept dafür. Der Euro ist so gescheitert, wie er konzipiert war. Der Maastrichter Vertrag, mit dem der Euro damals konzipiert wurde, ist in vielen Bestimmungen und Grundlagen gebrochen worden. Um diese Erkenntnis mogelt man sich noch herum. Jetzt haben wir im Prinzip verschiedene Möglichkeiten. Die erste bestünde darin, dass die Südeuropäer eine lange Rezession oder Depression auf sich nehmen. Griechenland brauchte eine Abwertung von sagen wir 30 Prozent. Wenn die Griechen es schaffen, die Löhne und Preise um 30 Prozent zu senken, dann haben sie auch diesen Effekt. Aber ich bezweifle sehr, dass sie das durchhalten würden. Sie haben ja auch jetzt schon ihre ökonomische Souveränität und damit auch die politische Souveränität bei der EU und beim IWF abgegeben, was wiederum den Nationalstolz verletzt – auch den der Bürger in Irland. Schon jetzt sehen wir, dass der Euro Europa nicht zusammenschweißt, sondern vielmehr spaltet.

Dann haben wir ja noch die zweite Möglichkeit der Umfunktionierung der Eurozone in eine Transferunion, welche zu Lasten Deutschlands und übrigens auch Frankreichs gehen würde. Frankreich garantiert diese Kredite an die schwachen Länder mit. Dabei vermute ich, dass die Franzosen eher aussteigen werden als die Deutschen. Eine Bundesregierung, die die Lasten sehenden Auges auf sich nimmt, ist nicht mehr zu retten. Die muss „bescheuert sein.“

In den letzten Tagen war viel vom sogenannten Eurobond die Rede, einer Anleihe, die Gesamteuropa herausgeben könnte. Frankreich und Deutschland sagen bislang nein.

Das ist eine besonders fatale Idee. Wie soll die Bundesregierung das vor ihren Steuerzahlern rechtfertigen, dass sie gemeinsame Bonds unterschreibt, die ja sofort dazu führen, dass Deutschland für seine Staatsschulden mehr Zinsen zahlen muss? Das ist auch eine Variante der Transferunion. Und mit Recht wehrt sich die Bundeskanzlerin dagegen. Ich vermute allerdings, dass Schäuble da anderer Meinung ist.

Ist es nicht ein Vorteil, dass diese ganze Angelegenheit sowohl niemand versteht als inzwischen auch für viele lästig geworden ist? Und von Widerstand kann man ja auch nicht wirklich reden…

Bisher hat das so funktioniert. Aber es stößt auch irgendwann an seine Grenzen. Ich habe schon den Eindruck, dass sie deutsche Bevölkerung begriffen hat, dass sie den Lastesel und Zahlmeister spielen soll und dass sie an die Grenze ihrer Toleranz bereits gelangt ist. Ich bezweifle allerdings, dass das noch durchsetzbar wäre. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die EZB Staatsanleihen in beliebigen Mengen aufkauft, was sie bisher mit 70 Milliarden Euro weitaus weniger getan hat als die amerikanische FED.

Das ist ja das „Wunderbare“ am Papiergeldsystem, dass man im Grunde alles machen kann. Sie können soviel drucken wie sie wollen. Gut, dann gehen von diesen Staatsanleihen einige pleite und dann hat die EZB ein riesiges Problem, was aber auch lösbar ist. Dann gibt es eine Kapitalerhöhung und die Deutschen müssen als größter Zahlmeister wieder am meisten einschießen. Aber mit dieser Methode, die Anleihen laufend aufzukaufen, hält man den Euro eine Zeit lang über Wasser, aber dann wird der Euro eben eine Inflationswährung. Man ruiniert seine Qualität. Auch das ist ein unverantwortlicher Weg.

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