Spiele ohne Regeln: Über Gottspieler und ihre Flaschengeister

20. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Pokern wird zwar gemeinhin als Glücksspiel angesehen, doch glaubt man Experten, ist der Erfolg durchaus auch Resultat von Geschicklichkeit und Können. Zwar können günstige Karten zu Erfolgen führen, durch Bluffen lässt sich jedoch auch eine schlechte Hand in einen Sieg ummünzen… 

Im Spiel an den Märkten sitzt derzeit allerdings ein Spieler am Tisch, der vollkommen andere Möglichkeiten hat den Spielverlauf zu bestimmen. Denn Zentralbanken und Politik können im Alleingang die Karten aller anderen sehen, die Regeln verändern oder sogar beliebig viele Karten ziehen – sprich Gelddrucken. Für die Mitspieler am Tisch wird das Pokern dadurch deutlich komplizierter. Denn wer weiß heute schon sicher, ob die guten Karten von heute die guten Karten von morgen sind?

Selbst ein ausgewiesener Profi kann mit seiner Erfahrung wenig punkten, auch er ist auf das Wohlwollen des „Gottspielers“ angewiesen. Roland Baader hatte diesen Ausdruck einst geprägt, dabei jedoch immer darauf hingewiesen, dass auch für diese Akteure am Ende des Tages die Naturgesetzte der Ökonomie gelten würden.

Bereits im Editorial unseres aktuellen Heftes haben wir auf diesen grundsätzlichen Paradigmenwechsel an den Märkten hingewiesen. Die Nachrichtenlage der letzten Wochen bestärkt uns erneut in dieser Feststellung. Wohin man auch blickt versuchen „Gottspieler“ mit gewaltigen Anstrengungen gegen die Gesetzte des Marktes anzukämpfen. So versuchen Notenbank und Regierung in Japan gerade massiv gegen Windmühlen anzukämpfen – nach außen hin mit Erfolg.

Japan extrem

Die Geister, die der japanische Premier Shinzō Abe freigelassen hat, sind nicht wieder in die Flasche zurückzubekommen – so viel steht fest. Auch kann man nicht einmal behaupten, dass Fiskal- und vor allem Geldpolitik im Kamikaze-Stil nicht wirken würden. Natürlich wirken sie, nur leider – wie so oft bei staatlichen Interventionen – nicht unbedingt im Sinne des Erfinders.

Die Regierung Abe könnte wohl das neue Standardwerk über die Zerstörung einer Volkswirtschaft durch Interventionismus und staatliche Interventionsspiralen verfassen. Noch aber ist das letzte Kapitel des dortigen Crack-up-Booms nicht geschrieben. Eine Zwischenbilanz wird jedoch erlaubt sein:

Die Staatsverschuldung – also bereits die explizite und offizielle, die ja allenfalls die kleine Schwester der tatsächlichen ist – ist mit sagenhaften 243,52% des BIP für das Jahr 2014 schon längst außer Sichtweite jedes ökonomischen Sachverstands.

Für das Jahr 2013 ergab sich nach der gleichen Quelle (de.statista.com) übrigens auch bereits ein Wert von 243,22% des BIP. Dort finden wir zudem den Hinweis auf das erwartete Haushaltsdefizit für 2014, das – ebenfalls in Relation zum BIP – 7,23% betragen soll. Wie dies zusammenpassen soll bleibt das Geheimnis der Statistiker. Vermutlich werden die Schulden in Japan mittlerweile in so vielen verschiedenen Töpfen versteckt, dass der Überblick etwas verlorengegangen ist.

Die Mehrwertsteuererhöhung sollte zwar zum Stopfen der Haushaltslöcher beitragen, ist für die Konjunktur aber natürlich kontraproduktiv. Japan befindet sich trotz offener Geldschleusen in der Rezession, was zumindest die schlaueren Keynesianer an ihrem (Irr-)Glauben zweifeln lassen könnte. Immerhin: Mit der gewollten Schwächung des Yen war man erfolgreich.

Seit Abes Amtsantritt büßte dieser gegen über dem Euro rund ein Drittel seines Wertes ein – gegenüber dem US-Dollar sogar noch mehr. Profiteure dieser Politik sollten vor allem die großen japanischen Exporteure sein, zumindest soweit diese überhaupt noch in Japan fertigen.

Bevor nun auch dem letzten Japaner offenbar wird, welches Stück da von „Abe & The Makro-Klempners“ gespielt wird, will sich der Regierungschef qua vorgezogener Neuwahlen noch einmal mit einem frischen Mandat ausstatten lassen. Zumindest als Machtpolitiker hat er einen klaren Blick.

Zinsen

Erst am 30. Oktober fand der Weltspartag statt, einst eine Institution, die dem Volk den volkswirtschaftlichen Sinn des Sparens näherbringen sollte. Mehr denn je kann sich der gewillte Sparer heute jedoch fragen, ob sein Ansinnen wirklich sinnvoll ist. Hatten sich Anleger an Zinsen nahe Null bereits weitestgehend gewöhnt, kommt im Euroraum vermutlich nun die nächste Eskalationsstufe auf uns zu: Zinsen im negativen Bereich. Guthaben wird in Zukunft durch Zinsen also nicht mehr gemehrt, sondern reduziert.

Der Sparer wird für seinen Konsumverzicht bestraft und nicht belohnt. Wie wunderbar passt es daher zu unserer Einleitung über das Pokern, dass die Deutsche Skatbank eG (www.skatbank.de) – die passenderweise bereits die Symbole der Spielkarten in ihrem Logo trägt – den Vorreiter dieser Entwicklung gibt: Guthaben über 2 Mio. EUR werden künftig mit -0,25% „verzinst“. Der EZB und ihren negativen Einlagezinsen sei Dank. Mit den Folgen dieser Entwicklung befassen wir uns ausführlich im neuen Smart Investor 12/2014, der diesen Samstag erscheint. Und damit zu den Märkten… 


Zu den Märkten

Der Absturz des Goldpreises fand breites mediales Echo. Insbesondere die Verkaufslawine nach dem Bruch der charttechnischen Unterstützungsmarke im Bereich von knapp über 1.180 USD/Feinunze, wurde im Mainstream voller Häme zelebriert.

Erstaunlich still blieb es dagegen, als diese Marke nun wieder zurückerobert wurde. Stattdessen wurde über den „Islamischen Staat“ fabuliert, der nun angeblich mit Gold und Silber zahlen wolle – frei nach dem Motto: „Barbarisches Geld für barbarische Menschen“. Zwar ist die Rückeroberung der wichtigen Chartmarke noch nicht nachhaltig, aber sie ist ein deutliches Indiz dafür, dass die „Schnäppchentage“ beim Gold erst einmal vorbei sein dürften.

2014-11-19_gold

Auch der DAX-Chart liegt im ungewissen Terrain: Sah letzte Woche noch alles nach einem Bruch des mittelfristigen Aufwärtstrends aus konnte der Index in den letzten Tagen deutlich an Raum gewinnen. Mit einer schnellen Bewegung schnellte der Leitindex bis auf über 9.467 Punkte. Unsere Arbeitshypothese aus der letzten Woche könnte sich damit zunächst einmal als falsch herausgestellt haben.

Nach der heftigen Bewegung letzte Woche (gelb markiert) waren wir von einer deutlichen Korrektur ausgegangen. Insbesondere aufgrund des neuen Zwischenhochs könnte der Markt nun erstmal nach oben drehen. Doch noch ist diese Bewegung alles andere als sicher, ähnlich wie beim Gold stehen beim DAX also Tage der Entscheidung an.

2014-11-19_dax1

Fazit

Die Märkte geben noch immer keine klare Richtung vor, DAX und Gold ringen mit entscheidenden Marken. Auch „Gottspieler“ Abe kämpft mit entscheidenden Hürden – im Unterschied zur Börse scheint hier der Ausgang jedoch relativ klar zu sein.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor




 

2 Kommentare auf "Spiele ohne Regeln: Über Gottspieler und ihre Flaschengeister"

  1. Michael sagt:

    Bin schon gespannt, wann die ersten sich die Frage stellen. Was wurde besser seit 2008.

  2. Michael sagt:

    Noch dazu ist in den U.S. Schnee gefallen. Wird das BIP wieder einbrechen 🙂

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