Wachstum lahmt, Risiken steigen

23. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Das Jahr 2016 hat für die Anleger mit Paukenschlägen begonnen: Die Rohstoffpreise sind stark rückläufig, und insbesondere die Rohölpreise fallen auf Niveaus, die zuletzt in 2002 zu beobachten waren. Die Regionen im Mittleren und Nahen Osten werden dadurch wirtschaftlich besonders schwer getroffen – und das dürfte die ohnehin instabilen Verhältnisse weiter dramatisieren.

Europa – noch arg geschwächt von der schwelenden Eurokrise – sieht sich jetzt mit einer nie dagewesenen Flüchtlingsflut konfrontiert und wird zudem auch noch heimgesucht von einer neuen Dimension des Terrors. Die Konjunkturverlangsamung in China – der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt – befördert nun die Sorge vor einer weltweiten Wirtschaftsabschwächung.

Es ist also kein einfaches Umfeld für Anleger, die sich ohnehin schon in einem schwierigen Umfeld zurechtfinden müssen, weil die Zentralbanken die Zinsen auf Rekordtiefstände gedrückt haben. Die Folgen sind weitreichend.

Traditionelle Sparformen wie Bankeinlagen und kurzlaufende Anleihen werfen de facto keine Rendite mehr ab – beziehungsweise sind nach Abzug der Teuerungsrate vielfach zum Verlustgeschäft geworden. Gleichzeitig verzerrt der künstlich niedrig gedrückte Zins, für den die Zentralbanken sorgen, im Grunde alle Preise in der Volkswirtschaft. Er bläht die Finanzmarktpreise auf. Und er sorgt für einen instabilen „Scheinaufschwung“, der Kapitalfehllenkungen bewirkt und früher oder später wieder eine „harte Landung“ bringen wird.

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Im Folgenden sollen einige Entwicklungen näher betrachtet und bewertet werden, die – wie wir meinen – für Anleger von besonderer Bedeutung sein werden. Es wird deutlich werden, dass es nicht nur „Schatten“, sondern auch „Licht“ in der Weltwirtschaft gibt.

Unsere Analyse zeigt, dass eine Wiederholung der Krise à la 2008/2009 – ein Rückfall der Weltwirtschaft in einen heftigen „Bust“ – nicht sehr wahrscheinlich ist. Zwar gibt es Zeichen der Konjunkturverlangsamung – nicht nur in China, sondern beispielsweise auch in den Vereinigten Staaten von Amerika -, aber die Niedrigzinspolitiken der Zentralbanken, verbunden mit dem Monetisieren der Schulden, wirken einem Einbruch von Produktion und Beschäftigung entgegen. Die Kehrseite dieses Szenarios ist, dass die Volkswirtschaften unter dieser Politik nicht etwa „gesunden“, wie vielfach zu hören ist, sondern dass durch sie notwendige Reformen und Bereinigungen im Wirtschafts- und Finanzsystem abgeschwächt, verschleppt oder sogar verschlimmert werden.

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Störfeuer aus China

Chinas Wirtschaft lahmt. Das ist zum einen nicht überraschend. Denn mit dem steigenden Entwicklungsgrad der Volkswirtschaften nimmt meist auch ihr (Trend-)Wachstum ab. Allerdings folgt die Konjunkturverlangsamung, die in China um sich greift, auf einen fulminanten „Kreditboom“, in der die Wirtschaft angeheizt wurde durch das starke Vermehren der Kredit- und Geldmengen. Das erhöht wiederum die Gefahr, dass China einer „harten Landung“ entgegenläuft. In jedem Falle ist die lahmende Konjunktur in China folgenreich für die Weltwirtschaft. Denn China ist mittlerweile zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft aufgestiegen, und zusehends eng in die internationale Arbeitsteilung und den Güterhandel integriert.

Zudem sind die Chinesen die bedeutendsten Nachfrager auf den internationalen Rohstoffmärkten. Die Konjunkturschwäche in China verdunkelt daher Aussichten für alle Regionen, die ihre Waren nach China exportieren. Dazu zählen beispielsweise Autobauer und Produzenten von Investitionsgütern in Deutschland beziehungsweise Europa. Vor allem aber leiden unter der chinesischen Konjunkturschwäche die Rohstoff exportierenden Regionen der Welt: ihnen brechen sprichwörtlich die Einnahmen weg. Bleiben die Rohstoffpreise niedrig, ist ihr „Geschäftsmodell“ in Frage gestellt. Doch der Verfall der Rohstoffpreise hat nicht nur negative, sondern auch positive Seiten.

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In den Ländern, die Rohstoffe importieren beziehungsweise die sie verbrauchen, sinken die Kosten: Für Unternehmen und Verbraucher wirken niedrige Rohstoffpreise quasi wie eine Steuersenkung, die die verfügbaren Einkommen steigen lässt. Langfristig gesehen ist der Rohstoffpreisverfall zweifelsohne positiv – der Wohlstand baut darauf auf, dass das Angebot von Gütern steigt und ihre Preise sinken. Kurzfristig ist der „Netto-Effekt“ des Rohstoffpreisverfalls jedoch weniger eindeutig. Er führt zu einer weltweiten Einkommens- und Vermögensumverteilung. In den Rohstoff produzierenden Regionen kann es zu wirtschaftlicher und politischer Instabilität führen. Zu denken wäre an dieser Stelle beispielsweise an die Länder im Nahen und Mittleren Osten, denen angesichts der fallenden Rohölpreise die Einkommen verloren gehen – und beispielsweise neue Wanderungsbewegungen nach Kerneuropa auslösen.

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Von besonderer Bedeutung für die Weltwirtschaft ist Chinas Wechselkurspolitik. Es ist aus unserer Sicht wahrscheinlich, dass der Außenwert des Renminbi weiter abwertet, um die heimische Wirtschaft zu stützen. Schon seit Mitte 2014 fallen die chinesischen Währungsreserven. Ein Indiz dafür, dass die chinesische Zentralbank die eigene Währung stützt, indem sie US-Dollar verkauft und Renminbi aufkauft. Der Grund: Der Renminbi ist unter Abwertungsdruck. Kapital wird aus China abgezogen, doch China stemmt sich noch gegen eine allzu rasche Abwertung. Die Erfahrung in vielen anderen Ländern hat jedoch gezeigt, dass politische Versuche, mittels Devisenmarkteingriffen die Abwertung der eigenen Währung zu verhindern, früher oder später scheitern. Es wäre verwunderlich, wenn China hier eine Ausnahme darstellen sollte.

Wertet sich die chinesische Währung weiter ab, verbessert sich natürlich schlagartig die preisliche Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Güter gegenüber den Angeboten aus zum Beispiel den Vereinigten Staaten von Amerika, Europa, Japan und Lateinamerika. Die Produzenten in den letztgenannten Regionen müssten, um ihre Marktstellung zu erhalten, Kosteneinsparungen vornehmen (beispielsweise die Beschäftigtenzahl verringern oder Löhne senken) und/oder die Produktivität erhöhen. Die Abwertung der chinesischen Währung würde folglich einen mitunter starken (weiteren) Preisabwärtsdruck in die Weltwirtschaft hineintragen.

In stark verschuldeten Volkswirtschaften – hierzu zählen die Vereinigten Staaten von Amerika, der Euroraum und Japan – wäre ein Rückgang der Preise auf breiter Front alles andere als willkommen. Denn dadurch verschlechtert sich die finanzielle Lage der Schuldner: Ihre nominalen Einkommen schrumpfen, während ihre nominalen Schulden unverändert bleiben. Ein Preisrückgang würde daher als „Gefahr“ angesehen und Rufe würden laut, die Zentralbanken sollen doch gegen den Preisverfall – gegen eine „zu niedrige Inflation“ – vorgehen. Die staatlichen Geldbehörden werden sich diesen Aufforderungen nicht verschließen und sich nicht von der Niedrigzinspolitik abkehren (können), beziehungsweise sie vermutlich noch weiter verschärfen.

Die (un-)heilvolle Rolle der Zentralbanken

Die US-Zentralbank (Fed) hat zwar im Dezember 2015 den Leitzins auf nunmehr 0,5 Prozent angehoben. Doch sind Zweifel anzumelden, ob damit tatsächlich die „Zinswende“ eingeleitet ist. Die nach wie vor niedrige Teuerungsrate nimmt den Befürwortern weiterer Zinserhöhungen den Wind aus den Segeln. Vor allem ist zu beachten, dass die US-Wirtschaft so ohne Weiteres keine höheren Zinsen aushalten kann, ohne dass dadurch Wachstum und Beschäftigung leiden. Das zeigt sich bereits an den steigenden Kreditprämien, die eine Verschlechterung der Kreditmarktkonditionen signalisieren. In solchen Phasen zieht die Fed die Zinszügel nicht an – wie die Vergangenheit deutlich gezeigt hat.

In Japan sind keinerlei Anzeichen zu erkennen, dass die japanische Zentralbank sich von ihrer Nullzinspolitik abkehren und von ihren Anleihekäufen ablassen könnte. Derzeit kauft die Bank von Japan Wertpapiere jährlich in Höhe von 80 Billionen Yen (das entspricht etwa 661 Mrd. US-Dollar). Schreitet sie auf dem eingeschlagenen Pfad weiter voran, wird sie bis Ende 2016 allein etwa 43 Prozent der japanischen Staatsanleihen aufgekauft haben. Auch die chinesische Zentralbank ist bereits auf Expansion eingeschwenkt: Seit Ende 2014 hat die Peoples‘ Bank of Japan bereits sechs Mal die Leitzinsen gesenkt. Dass eine weitere Abwertung des Renminbi-Außenwertes mit weiteren Zinssenkungen begleitet sein würde, ist wahrscheinlich. (—> SEITE 2)

 

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