Spezial: Neue Wendung im „Orginario-Krieg“

19. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Die Temperatur fiel fast auf den Gefrierpunkt, als wir hier auf der Ranch in Argentinien ankamen. Die Sterne leuchteten hell; der Himmel war klar. Wenn es denn Wasser hier in der Gegend gäbe, wäre es in der Nacht wohl zu Eis geworden.

Gustavo, der Ranch-Manager und seine Frau Gabri kamen mit ihrem Sohn, Augustin, um uns zu begrüßen. Die Begrüßung fiel nur kurz aus; wegen der Kälte gingen sie schnell wieder schnell zurück in die Wärme ihres Hauses.

Unser Haus ist leider nicht mit einer Heizung ausgestattet. So begnügten wir uns mit einem kühlen Abendessen. Marta bereitete es für uns zu; sie kommt ja immer aus den Bergen herab, wenn wir die Ranch besuchen. Marta trug eine Skimütze und einen Wintermantel und servierte uns ein Stück Fleisch mit Ei. Dann gab sie uns – in telegraphischer Form – bekannt, was geschehen war, seit wir das letzte Mal hier waren.

„Ärger… großer Ärger. Die „originarios“ sind das Problem (also die lokalen indigenen Menschen, die behaupten einen Anspruch auf unsere Ranch zu haben.) Die Polizei kam mehrmals. Samuel war mehrmals in Kämpfen mit ihnen verstrickt. Nun weiß ich nicht so recht, was wirklich los ist.“

Nachdem wir Marta kurz gefragt hatten, wie es denn ihrer Familie ergehen würde, nahmen wir Abschied und verkrochen uns unter die Bettdecke. Wir konnten aber kaum schlafen und machten uns in der Nacht Gedanken über unsere Lage…

Noch keine tätliche Gewalt

„Es geht nicht gewalttätig zur Sache. Jedenfalls noch nicht.“

Unser Anwalt stattete uns einen Rapport ab, bevor wir den Flughafen verließen.

„Ganz oben im Norden können Immobilienbesitzer nicht einmal mehr auf ihre Höfe gehen; es ist so schlimm geworden. Es ist wie ein Krieg. „

Deshalb ist Ihr Redakteur ja hier … bei den Toten des Winters.

„Ich hatte ein Treffen mit den anderen Eigentümern in der Gegend“, so unser Vertreter.

„Wir versuchen, den besten Weg zu finden, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen. Die meisten von uns denken, dass es wohl am besten sei, relativ ruhig zu bleiben … und mit der Regierung und den originarios im Gespräch zu bleiben.“

„Wir versuchen dabei, im Rahmen der Umstände relativ „freundlich“ zu bleiben. Aber Ihr Nachbar, der etwa 45 Minuten entfernt wohnt, hat keine Lust mehr auf Dialog. Er wird jetzt kämpfen. Er verklagt die originarios … die „Diaguita-Gemeinschaft“ (so nennen sie sich ja offiziell) … und die Regierung noch gleich dazu.“

„Er sagt, wenn hier überhaupt jemand ein originario ist, dann ist es er. Er und seine Familie leben hier schon seit Hunderten von Jahren. Er ist ein direkter Nachkomme der Isasmend-Familie, die schon von den Spaniern das Land zugeteilt bekamen.“

„Ich denke, es ist schwer, freundlich mit Menschen zu bleiben, die einem etwas, was schon seit 300 Jahren im Besitz der Familie ist, wegnehmen wollen.“

Außerdem könnte er richtig liegen. Die Regierung wird uns nicht helfen. Den Verantwortlichen der Regierung geht es nur darum, eine Einigung mit den „originarios“ zustande zu bringen. Und dabei sollen die Regierungsvertreter am Ende für die Menschen vor Ort wie Helden aussehen.

„Und es wird ihnen nichts kosten. Sie werden Land verteilen, verlosen – mein Land. Sie werden sich nicht um mich scheren. Ich bin ein Ausländer. Ich bin nur eine Person. Und ich hab hier vor Ort nicht einmal Wahlrecht.“

Trauer über das erste Opfer im „Originario-Krieg“
von Bill Bonner

Gualfin, Argentinien –

„Die Regierung kann nicht mehr als zwei legitime Zwecke haben: nämlich dafür zu sorgen, dass Ungerechtigkeit gegenüber dem Einzelnen in der Gesellschaft unterbunden wird und dass die gemeinsame Verteidigung gegen äußere Invasion sichergestellt wird.“ – William Godwin

Unsere Köchin, Marta, kam jüngst zur Tür rein, als wir gerade dabei waren aufzubrechen. Marta wurde von Gabri, die etwa 40 Jahre alt ist und ein freundliches Gesicht hat, begleitet. Beide waren der Kälte entsprechend gekleidet und hatten mehrere Pullover und Strickmützen an. Beide hatten auch Beutel mit Stricknadeln und Wollknäuel in der Hand.

Das schwarze Tor

„Können Sie uns zum schwarzen Tor fahren?“, fragte Marta.

„Das Tor … Du meinst das Eingangstor? Warum willst du dorthin?“

„Wir wollen nicht dort hin. Wir wollen nur auf den Friedhof gehen.“

„Ja natürlich. Uh … warum wollt ihr auf den Friedhof? „

„Es ist jetzt neun Tage her. Vor neun Tagen waren wir zuletzt da, um für Francisco zu beten. „

„Oh, OK…“

Es war immer noch kalt draußen. Aber die beiden Frauen stiegen in unseren Pickup, und wir fuhren sie auf den windigen und einsamen Friedhof. Er ist abseits gelegen, weit weg von jedem Haus oder Gebäude und liegt auf einem von Felsen übersäten Hügel, von einer Steinmauer umgeben. Man geht durch ein Eisentor hinein. Drinnen entdeckt man die Gräber von Generationen von Alancay, Guantay, Fabian, Chocobar, Diaz, und Casimir.

Ihre Gräber sind mit kleinen bunten Kreuzen – in Steinhaufen gesteckt – im südamerikanischen Stil versehen. Und dort sitzen nun Gabri und Marta und beten strickend für die Seele von Francisco. Francisco, ein blinder Mann, war das erste Opfer des „Originario-Krieges.“ Francisco – niemand weiß es genau – wurde zwischen 80 und 90 Jahre alt. Er hatte uns unterstützt; seine Familie ist den anderen Weg gegangen. Er starb, so hieß es, aufgrund von Vernachlässigung.

Epische Schlacht

Hier in unserer kleinen Welt geht eine Miniatur-Version einer epischen Schlacht weiter. Auf der einen Seite versuchen die Menschen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sich um ihre Familien zu kümmern und halbwegs zurecht zu kommen. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die mit allen Winkelzügen die Techniken der Politik zur Anwendung bringen. Sie glauben, damit eine bessere Welt schaffen zu können – zumindest für sich selbst.

„Die Liebe des Fremden bedeutet Boshaftigkeit zu Hause“, schrieb Emerson.

Francisco war ein Opfer dieser Boshaftigkeit.

Nach unseren Quellen zitterte er in seinem Bett, als seine Familie lange, windige Debatten im anderen Zimmer abhielt. Dabei ging es darum, wie man eine „Diaguita-Gemeinschaft“ im Tal aufbauen könne. Ein Mann liebt sein Land, aber verachtet seine Nachbarn. Eine Frau kauft „fair trade“ Kaffee, aber behandelt ihren kolumbianischen Gärtner wie Müll.

Soziale Gerechtigkeit … ein garantiertes Einkommen … kostenloses Land für Menschen mit dem richtigen ethnischen Hintergrund – es gibt immer etwas, womit sich die Leute ablenken. Und so kam es dazu, dass die Familie Diaz die Sorge um den eigenen Patriarchen vernachlässigte, um sich mit irgendwelchen Wolkenkuckucksheimen zu beschäftigen.

So läuft es leider

Sinngemäß betonte der britische Journalist und politische Philosoph William Godwin schon Ende des 18. Jahrhunderts, dass die Regierung uns vor den originarios, die uns unser Land abnehmen wollen, schützen sollte.

„Bist du verrückt?“, sagte ein Nachbar.

„Die Regierung wird Dir nicht helfen. Sie wird auf der anderen Seite stehen. Sie stellen viel mehr Wählerstimmen als Du und ich.“

„Es ist eine Win-Win-Situation für die Politiker. Sie kommen und stellen sich als Helden vor die Agitatoren. So bekommen sie mehr Stimmen. Und sie nehmen uns unser Land weg.“

„Wenn Sie die Regierung auf Ihrer Seite bringen wollen, müssen Sie jemand dafür bestechen. Man könnte wahrscheinlich auch einige Anführer der „orginarios“ bestechen.“

„Geben Sie ihnen etwas Geld und bitten Sie sie, eine andere Ranch zu besetzen. So laufen die Dinge hier eben.

Wenn Sie versuchen, ehrlich und gesetzestreu zu agieren, verlieren Sie. (Seite 2, Abschied von der Ranch)

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