Gold als verlässliche Währung in unsicheren Zeiten

2. September 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Auf die Finanz- und Wirtschaftskrise folgt der politische Umbruch – nicht nur in den USA, sondern auch in vielen europäischen Ländern. Die wachsende Unsicherheit hat jüngst den Außenwert des US-Dollar unter Druck gesetzt und das Interesse an der „Währung Gold“, dem „ultimativen Zahlungsmittel“, wiedererweckt. Unsere (vorsichtigen) Schätzungen legen nahe, dass der Goldpreis mittlerweile „recht billig“ geworden ist, und dass es für langfristig orientierte Anleger attraktiv ist, Gold zu halten – als Währung und als Portfolio-Versicherung.

Erst Finanzkrise, dann politischer Umbruch

Auf die Finanz- und Wirtschaftskrise folgt der politische Umbruch. Das ist der Eindruck, der sich beim Blick auf die weltweiten Geschehnisse aufdrängt. In den Vereinigten Staaten von Amerika scheint es US-Präsident Donald J. Trump nicht zu gelingen, seine Agenda „Make America Great Again“ wie versprochen in die Tat umzusetzen. Der Widerstand des „Establishment“, des „Deep State“ ist groß. Vor allem die Republikanische Partei verweigert ihrem Präsidenten die Gefolgschaft. Die Spannungen im Land wachsen. Auf der einen Seite steht die Trump-Wählerschaft, die nach Reformen, die nach einer Kurskorrektur ruft – und ungeduldiger wird. Auf der anderen Seite stehen die Verteidiger des bisherigen Obama-Clinton-Kurses in der amerikanischen Innen- und Außenpolitik.

Die innenpolitische Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten von Amerika aber lediglich als ein „für oder gegen Trump“ abzutun, würde zu kurz greifen. US-Präsident Trump steht für eine Anti-Washington-, eine Anti-Establishment-Agenda: die heimische Wirtschaft stärken, den Staatsapparat zurückdrängen, den „Globalisten-Kurs“ in Washington beenden. Mit Trump ist diese politische Bewegung nun im Weißen Haus, in Washington angekommen. Die Widerstände im Politik- und Bürokratieapparat gegen die von den US-Wählern in Auftrag gegebene Veränderungen sind immens – und vermutlich zu beharrlich, als dass sich ein rascher Erfolg der „Make America Great Again“-Agenda erwarten ließe. Der Geist der Revolution von unten ist jedoch aus der Flasche – und lässt sich vermutlich kaum mehr in die Flasche zurückdrängen.

In Europa ist die Protestwelle gegen das „Establishment“ angekommen, spätestens mit der Entscheidung der Briten im Juni 2016, aus der Europäischen Union (EU) auszusteigen („Brexit“). Der wohl entscheidende Faktor, der die ohnehin seit der Finanz- und Wirtschaftskrise labilen EU in besonders schwieriges Fahrwasser gebracht hat, liegt in der Migrationskrise – beziehungsweise in der Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel – einem außen- und innenpolitischen Alleingang –, die Grenze zu öffnen. Die Folge ist bis heute eine unkontrollierte Wanderungsbewegung, die die EU politisch und sozial überfordert. Eine überzeugende, abgestimmte Reaktion der Gemeinschaft auf diese Herausforderung lässt immer noch auf sich warten.

Damit hat die EU nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht versagt: Das Euro-Projekt hat in vielen Ländern nicht die erhoffte Wohlstandsmehrung gebracht. Im Gegenteil. Viele Länder haben ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. In einer ganzen Reihe von Ländern herrscht nach wie vor Massenarbeitslosigkeit. Und die Konjunkturen werden nur durch künstlich gesenkte Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) in Gang gehalten. Und nun zeigt sich auch noch vor aller Augen, dass die EU die Sicherheitsinteressen der Bürger in den Teilnehmerländern nicht wahrt, sondern dass die einzelnen Länder auf sich selbst angewiesen sind, um ihre Grenzen zu schützen.

Die wachsenden politischen Spannungen dies- und jenseits des Atlantiks, aber auch die nach wie vor ungelösten Probleme im Mittleren und Nahen Osten und großen Teilen Afrikas setzen nicht zuletzt auch die Risikotragfähigkeit des internationalen Finanz- und Wirtschaftssystems unter Druck – denn man sollte nicht meinen, die Probleme des ungedeckten Geldsystems seien in den letzten Jahren aus der Welt geschafft worden. Es ist folglich ein guter Zeitpunkt, um der Frage nachzugehen, ob der Goldpreis derzeit angemessen bewertet ist, beziehungsweise ob es für Anleger attraktiv ist zu kaufen.

Geldmenge und Goldpreis

Der Goldpreis hängt bekanntlich von einer Vielzahl von Faktoren ab. Hierzu zählen zum Beispiel die weltweite Einkommensentwicklung (die wiederum zum Beispiel die industrielle Goldnachfrage und auch Schmucknachfrage nach Gold wesentlich bestimmt), die Renditen auf den Finanzmärkten (Renten- wie Aktienmärkten), die Risikosorgen der Investoren und nicht zuletzt natürlich auch die Angebotssituation im Goldmarkt. (Siehe hierzu die nachstehende Übersicht.) Aber es ist nicht nur die Vielzahl der Faktoren, die den Goldpreis beeinflussen und damit eine Preisprognose für das gelbe Metall schwierig machen.

Eine weitere Schwierigkeit, den künftigen Goldpreis verlässlich einzuschätzen, rührt auch daher, dass der Einfluss der preisbestimmenden Faktoren sich im Zeitablauf verändern kann. Es gab beispielsweise Phasen, in denen ein steigendes Finanzmarktrisiko (gemessen anhand der Kursschwankungen an den Börsen) den Goldpreis in die Höhe trieb. Gleichwohl gab es auch Phasen, in denen steigende Risiken keine sichtbaren Effekte auf den Goldpreis ausübten. Kurzum: Es gibt keine „feste Formel“, die uns sagen könnte, ob und wie der Goldpreis auf bestimmte Faktoren in einer quasi mechanischen Weise reagiert.

Einflussfaktoren auf den Goldpreis

Der Goldpreis wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Zudem scheint es keine im Zeitablauf konstante Beziehung zwischen dem Goldpreis und seinen preisbestimmenden Faktoren zu geben. Dennoch lassen sich aus ökonomischer Sicht einige grundsätzliche (wenn auch nicht abschließende) Einflussgrößen identifizieren und ihre prinzipielle Wirkung abschätzen.

Diese Schwierigkeit gilt vor allem in der „kurzen Frist“. Langfristig betrachtet, liegt es hingegen nahe, dass der Goldpreis (insbesondere) mit der Ausweitung der Geldmenge positiv verbunden ist. Denn das Ansteigen der Geldmenge steht üblicherweise für zwei Entwicklungen: (1) Die Volkswirtschaften wachsen, und steigende Einkommen gehen mit einer Erhöhung der Geldmenge einher. (2) Die steigende Geldmenge reflektiert dabei nicht nur eine steigende Güterversorgung (die die Volkswirtschaften reicher macht), sondern auch die steigenden Preise, für die sie gesorgt hat (also einen inflationären Effekt). Es wäre zu erwarten, dass der Goldpreis auf beide Effekte positiv reagiert.

Abb. 1 zeigt den Goldpreis (USD/oz) in Prozent der US-Geldmenge M2. Die Zeitreihe hat, wie leicht zu erkennen ist, deutlich geschwankt: Ihren Hochpunkt von mehr als 42 verzeichnete sie im vierten Quartal 1980, ihren Tiefpunkt erreicht sie im zweiten Quartal 2001 bei 5. Der Durchschnitt von 1973 bis heute liegt bei 12,7. Klammert man den starken Anstieg zu Beginn der 1980er Jahre aus, liegt der Durchschnitt bei 11,7. Aktuell befindet sich das Gold-Geldmengen-Verhältnis bei 9. Würde man folglich die langfristigen Durchschnittswerte anlegen, spräche das für einen Goldpreis zwischen ungefähr 1.600 und 1.700 USD/oz.

Doch qualifiziert sich diese Betrachtung als (Zutat für) eine verlässliche Prognose? Das wäre vermutlich voreilig geurteilt. Die obige Zeitreihe weist in der Betrachtungsperiode einen leicht fallenden Trend auf: Das heißt, das Verhältnis zwischen Goldpreis und Geldmenge ist in den letzten Jahrzehnten – unter starken Schwankungen – auf ein immer niedrigeres Niveau gefallen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde das die „Aussichten“ auf einen weiteren Goldpreisanstieg bremsen. Sollte sich hingegen dieser Trend umkehren, weil zum Beispiel die Risiken im Geld- und Kreditsystem die Bewertung von Gold gegenüber dem US-Dollar in die Höhe treiben, würde das bisher beobachtbare Goldpreis-Geldmengen-Verhältnis den künftigen Goldpreisanstieg unterschätzen.

Abb. 2 zeigt neben dem tatsächlichen Goldpreis (USD/oz) auch den Trendverlauf des bisherigen Goldpreises (der mit einer polynominalen Trendfigur angenähert wurde). Nach dieser Darstellung müsste der aktuelle Goldpreis – würde er dem bisherige Trendverlauf folgen – ebenfalls merklich höher sein (bei etwa 1.700 USD/oz), als er derzeit ist. Aber auch diese Darstellung sollte nicht unkritisch für eine Abschätzung des künftigen Goldpreises verwendet werden. Denn beispielsweise könnte sich der bisher zu beobachtende Trendverlauf ändern – und Über- oder Unterschätzungen des künftigen Goldpreises wären die Folge.

Allerdings – und das sollte das Interessante an den vorangestellten Darstellungen sein – ist ganz offensichtlich, dass der Goldpreis langfristig einem (wie auch immer spezifizierten) Aufwärtstrend gefolgt ist; dass der Goldpreis um diesen Trend herum mitunter stark geschwankt hat; und dass der Goldpreis mitunter lange Zeit vom unterliegenden Trendpfad abgewichen ist, bevor er wieder auf den Trendpfad eingeschwenkt ist. Das heißt: Eine Abweichung des Goldpreises vom Trendpfad wurde nicht immer rasch „korrigiert“.

An dieser Stelle lässt sich festhalten: Der Goldpreis ist bislang einem langfristigen Aufwärtstrend gefolgt, der mit guten ökonomischen Gründen durch die Geldmengenentwicklung nachgezeichnet werden kann. Die Schwankungen um diesen Trend waren allerdings beträchtlich und zuweilen auch sehr andauernd. Deshalb soll im Folgenden ein Blick auf die Faktoren geworfen werden, die (in der jüngeren Vergangenheit) für die Schwankungen des Goldpreises um seinen Trendverlauf verantwortlich gewesen sein könnten.

In diesem Zusammenhang drängt sich natürlich als erstes das Zinsumfeld auf. Steigende (fallende) Zinsen erhöhen (senken) die Kosten der Goldhaltung: Wer Gold hält, dem entgehen Zinserträge, die er alternativ mit dem Halten von zum Beispiel zinstragenden Bankeinlagen und (kurzlaufenden) Schuldpapieren erzielen könnte. Abb. 3 zeigt, dass der kurzfristige inflationsbereinigte US-Zins im Grunde seit Anfang des 21. Jahrhunderts, spätestens aber seit etwa Ende 2007 sich mehr oder weniger unter der Nulllinie befunden hat. Diese Phase war von einem steigenden Goldpreis gekennzeichnet.

Marktrisiken und Goldpreis

Marktrisiken könnten ebenfalls Erklärungskraft für die kurzfristige Goldpreisentwicklung haben. Sie lassen sich in unterschiedlicher Weise messen. Beispielsweise in Form von Zinsunterschieden. Sind zum Beispiel die Zinsunterschiede zwischen Anleihen schlechter und guter Kreditnehmer hoch (niedrig), spricht das tendenziell für ein hohes (niedriges) Risikoempfinden der Marktakteure.

Oder fallen die Kursschwankungen an der Börse groß (klein) aus, verspüren die Investoren große (kleine) Risiken. Ebenfalls ein Anzeichen für eine angespannte Marktlage ist der Abstand zwischen An- und Verkaufspreisen. In angespannten Marktlagen zum Beispiel weiten sich die Geld- Briefspannen meist stark aus – ein Zeichen abnehmender Marktliquidität und steigender Preisrisiken… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Gold als verlässliche Währung in unsicheren Zeiten"

  1. Don_Juan_Matus sagt:

    Was mich sehr verwundert ist, dass auf zwei wichtige Dinge für den Goldpreis überhaupt nicht eingegangen wird:
    1.) Für deutsche Goldkäufer ist natürlich auch der USD/EUR-Wechselkurs mitentscheident.
    2.) Dass der Goldpreis (von Zentralbanken?) öfters massiv nach unten „geprügelt“ wurde.
    Mit Hilfe des „Papiergoldes“ wurden schon öfters kleine Flash-Crashes erzeugt, sobald der Goldpreis stärker anzog.

    In so einem komplexen Umfeld ist eine kurzfriste Prognose völlig unmöglich!
    Jedoch sehe ich es so, dass viele zuküftige Ereignisse / Krisen möglich sind, die den Goldpreis – zumindest prinzipiell – stark steigen lassen (müssten).
    Was ein kommender US-Regierungs-Shutdown bewirken wird?
    Andererseits wird spekuliert, dass durch die Hilfen für die Hurrikan-Schäden die Verschuldungsgrenze (eine Zeit lang) ausgehebelt werden könnte…

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