Spekulation ist erste Anlegerpflicht

14. November 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Haben Sie sich in letzter Zeit nicht immer wieder gefragt: Warum steigen die Aktienkurse? Diese Frage ist in Anbetracht der Kurshöhe zweifellos berechtigt. Leider gibt es auf sie gleich eine ganze Reihe von Antworten. Hier ist eine Auswahl…

Weil die Unternehmensgewinne steigen.

Weil Eigenkapital-, Umsatz- und sonstige Renditekennzahlen sich positiv entwickeln.

Weil Unternehmen ihre eigenen Aktien zurückkaufen.

Weil Übernahmen durch andere Unternehmen für weitere Kursphantasie sorgen.

Weil die Konjunktur brummt.

Weil die Zinsen niedrig sind und bleiben.

Weil alternative Anlagen, zum Beispiel Anleihen oder Immobilien, keine oder nur geringe Erträge abwerfen.

Weil Fondsmanager geradezu gezwungen sind, weiter in Aktien zu investieren, um zum Jahresende ein möglichst hohes Ergebnis vorweisen zu können.

Weil Großanleger wie BlackRock, Allianz Global Investors oder DWS auf Aktien schwören.

Und weil Charts bei den Aktienkursen immer noch keine Ermüdungserscheinungen erkennen lassen.

Dumm nur, dass zu jeder von diesen Antworten Gegenthesen möglich sind. Und nebenbei bemerkt: An der Börse wird in erster Linie die Zukunft gehandelt, also Meinungen und Erwartungen. Nur ein paar Beispiele, was möglich ist:

Unternehmensgewinne könnten sich abflachen, sinken oder sogar ins Minus rutschen; dementsprechend würden dann die Renditen fallen. Dass die Konjunktur immer weiter brummt, ist nicht unbedingt sicher. Fondsmanager könnten nervös werden und mit dem Verkauf großer Aktienbestände beginnen, Großanleger den Rückzug aus Aktien einläuten und Charts wie vom Blitz getroffen abwärts drehen lassen.

Alle hier aufgezählten Beispiele stehen nicht für sich allein, sondern sind interdependent. Das heißt, wenn zum Beispiel die Konjunkturindikatoren von ifo stärker als erwartet einknicken würden, dürfte das auf die Stimmung der Börsianer und damit auf die Aktienkurse drücken. Oder wenn BlackRock den Rückzug aus deutschen Aktien vorhätte, würden Aktiencharts nach unten drehen und den Börsianern die Stimmung zusätzlich vermiesen.

Anleger müssen sich darüber im Klaren sein, dass das ganze Aktiengeschäft mit viel Wenn und Aber verbunden ist. Da fließen also Milliarden Euro beispielsweise in VW-, Bayer- oder Siemens-Aktien rein und irgendwann wieder aus ihnen raus, während deren Kurse ständig schwanken. Das können Anleger, die sich noch nicht allzu lange mit Aktien beschäftigen, nie verstehen. Unruhige Kurse als Geschäftsmodell von Fonds und anderen Großanlegern, wie ist so etwas möglich? Nehmen wir einfach zur Kenntnis: Es ist möglich – und Anleger ohne Verantwortung für Milliarden Euro, sondern nur für ihr bescheidenes kleines Portfolio können mit Geschick und Glück sogar davon profitieren, allein schon deshalb, weil sie viel flexibler sind als Großanleger.

Das ganze Aktiengeschäft basiert zum Großteil auf der Spekulation: Die Großen in diesem Geschäft setzen überwiegend auf Trends, die sie erwarten (aber nie exakt vorherbestimmen können), die Kleinen eher auf das Timing, weshalb sie ständig Charts zu interpretieren versuchen. Haben die Großen einen Wissensvorsprung vor den Kleinen? Ja, wenn es darum geht, etwa den theoretisch denkbaren Gewinn oder den Netto-Cashflow (Finanzüberschuss) eines Unternehmens auszurechnen. Aber nein, wenn es gilt, eigenes Wissen schnell in Aktien umzusetzen. Ein Teil der Anleger muss ständig damit rechnen, dass ein anderer Teil sie auf dem Höhepunkt eines Börsenzyklus mit Geld zuschüttet oder auf dem Tiefpunkt eines Börsenzyklus Geld abzieht.

Private Anleger sind gut beraten, solche Gesetzmäßigkeiten zu beachten, weil sie damit die Schwächen der Großen zur Erzielung eigener Kursgewinne ausnutzen können. Wobei es noch niemandem geschadet hat, außer Charts auch Geschäftsberichte und andere Veröffentlichungen von Unternehmen zu interpretieren. Leider neigen gerade private Anleger dazu, stattdessen blindlings die Meinungen irgendwelcher selbst ernannter Aktiengurus zu übernehmen. Dabei ist das Internet voll von originären Nachrichten; man denke nur an Seiten wie dgap.de oder finanzen.net.

Zum Schluss noch eine Warnung vor der viel zu häufigen – und oft irreführenden – Verwendung von Indizes. Sie spiegeln Trends wider, mehr nicht. Wenn sie in der ARD-Sendung „Börse vor acht“ oder im Spartensender n-tv erwähnt werden, so what. Doch wenn Börsianer sich an Dax-Interpretationen heranwagen, kann nur Unsinn herauskommen – einfach schon deshalb, weil der Dax aus 30 Aktien besteht, deren Charts jeweils für sich genommen zwar mehr oder weniger interpretierbar sind, aber nicht als Durchschnitt von wild hin und her springenden Aktienkursen. Dann lieber mehr Zeit für eigene Aktienstudien verwenden – und spekulieren, denn nur so kommen nachhaltige Kursgewinne zustande.

© Manfred Gburek – Homepage

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.