Spekulanten oder Wassermangel? (2)

2. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Auch in China wachsen die Sorgen um die Versorgung der Bevölkerung. Die voranschreitende Versiegelung von Flächen und eine brachiale Industrialisierung mit allen ökologischen Nebenwirkungen führte zu wachsenden Abhängigkeiten…

Erze kann man über Jahre nach China schiffen und auf Halde liegen lassen, bis man sie benötigt. Mit Mais geht das nicht, so dass auch die Verträge mit ausländischen Farmern zwar von der Grundidee clever sind, im Notfall aber nichts bringen werden. Wenn weltweit das Getreide knapp wird, wird das Vertragsrecht sicher von der einen oder anderen Partei etwas lockerer gesehen.

Bei den Sojabohnen ist die Entwicklung von Erträgen und Verbrauch ebenso faszinierend wie erschreckend.

In nur 15 Jahren wurde aus einem Selbstversorger mit Sojabohnen ein Land, das rund 75% der benötigten Hülsenfrüchte aus dem Ausland einführen muss. Auch bei anderen Getreidearten ist China schon Nettoimporteur geworden oder ist auf dem besten Wege dahin. Wie weit lässt sich dieser Bogen spannen?

Derweil sind die Weizenlager weltweit nicht mehr so üppig gefüllt wie das noch vor einigen Jahren der Fall war. Die Annahme, die Preise stiegen einfach nur so aus Spaß, greift deutlich zu kurz. So schön an den nachwachsenden Rohstoffen die schlichte Tatsache ist, dass sie eben Jahr für Jahr nachwachsen, so schwierig ist eine dauerhafte Lagerung nennenswerter Mengen. Erze können – genügend Platz vorausgesetzt – quasi unbegrenzte Zeit vorgehalten werden ohne Qualitätseinbussen oder gar einen Totalverlust befürchten zu müssen. Bei Mais, Weizen, Reis und Co sieht das schon anders aus. Die aktuellen Lagerbestände umfassen in der globalen Betrachtung derzeit einen Vorrat von 60 Tagesrationen. Wie die Qualität dieser Reserven ist, und ob diese Zahl zu optimistisch ist, lässt sich schwer beurteilen. Sollte allerdings ein ernster Zugriff auf die Reserven erfolgen, so werden sich die Preise am Weltmarkt nicht auf Grund irgendwelcher Spekulanten bewegen, sondern schlicht weil es zu einem Kampf um knappe Ressourcen kommt.

Beim Anblick auf den oben dargestellten Chart möchten wir uns eine Dürre in den Hauptanbaugebieten in den USA oder auch eine gefährliche Pflanzenkrankheit nicht vorstellen. Schon ein einziges Jahr mit einer deutlich reduzierten Ernte würde für üble Verwerfungen sorgen – sowohl preislich als auch politisch.

Die wachsende weltweite Konkurrenz ist bei Agrargütern untrennbar mit den Anbauflächen verbunden. Das Endprodukt ist transportabel, der Acker ist es nicht. Als Argument, warum die künftige Versorgung der Weltbevölkerung unproblematisch sein sollte, ist die stetig steigende Rendite, also der Ertrag pro Hektar. Wir halten es für fraglich, ob sich eine historische Steigerung der Erträge einfach in die Zukunft übertragen lässt. Die Erträge beim Weizen sind laut UN Ernährungsbehörde zwischen 1992 und 2002 weltweit um jährlich 1,1% angestiegen. Positive Beiträge resultieren aus verbesserten Anbautechniken, Einsatz von Maschinen und einer Optimierung des Düngereinsatzes. Negative Faktoren sind unter anderem eine Verschlechterung der Bodenqualität.

Der Anstieg der Erträge pro Flächeneinheit zeigt laut UN FAO ein schwaches aber stetiges Wachstum. Auf den ersten Blick klingt dies positiv, die Sache hat aber einen Haken. Die Flächen, auf denen überhaupt Ernten eingefahren werden können, schrumpfen weltweit. Viele dieser Flächen werden auf absehbare Zeit nicht mehr für den Anbau zur Verfügung stehen. Ein bisschen erinnern die Statistiken zu den pro Flächeneinheit erwirtschafteten Feldfrüchten an die Daten zum US Einzelhandel. Die Geschäfte, die nicht pleite sind, wachsen. Die Läden, die verschwinden und somit einen Umsatz von Null haben, kommen in der Statistik nicht mehr vor. So ensteht der Eindruck von Wachstum, das in der Realität nicht existiert. Das soll keine Kritik an den Daten der UN FAO sein, es soll nur sensibiliert werden, bestimmte Daten nicht isoliert zu betrachten. Auf diesen wichtigen Punkt weist die Behörde in ihren Veröffentlichung übrigens deutlich hin. —–>

 

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5 Kommentare auf "Spekulanten oder Wassermangel? (2)"

  1. Holla sagt:

    So Irre sind die alle, ich habe meinen Kinder beigebracht das unser Brot auf den Feldern wächst. Ich könnte mich nur noch aufregen wenn ich dann so was lese. Leute Hut ab vor den Lybiern, Tunesiern, Ägybtern und die noch alle folgen werden. Wir Deutschen werden wahrscheinlich nicht darunter sein.

    Engpass an Tankstellen: Der Mineralölwirtschaftsverband bittet die Verbraucher auf Bio-Super E10 umzusteigen und damit massive Engpässe bei alternativen Sorten wie Super Plus mit 98 Oktan zu vermeiden.

  2. Zaubrberg sagt:

    Sehr interessanter Artikel, als Landwirt kann ich die getroffenen Aussagen als schlüssig unterschreiben… eine oder mehrere Superernten sind natürlich auch in der Lage die knappe Situation zu entspannen und die Preise stark zu drücken.

    Zum Stichwort „climbing up the food chain“ kann ich beitragen das für 1kg Schweinefleisch etwa 3-4kg Futter, bestehend aus 80% Getreide und 20% Eiweißträger wie etwa Sojaschrot, benötigt wird. Bei Rindfleisch ist das Verhältnis noch einmal deutlich schlechter. Das ist schon eine gewaltige Energieverschwendung, ein Kilo Getreide hat etwa den Brennwert eines Kilogramms mageren Fleisches.

    Übrigens haben 2,3kg Weizen den Brennwert eines Liter Heizöls – Tagespreis 2.3.2011 bei Abnahme 5000Liter 69Cent ohne MwSt.

    Brennwert Weizen demnach 30Cent/kg
    Erzeugerpreis Deutschland/West Backweizen 24Cent/kg
    Restmüll ohne Grundgebühr hier in der Gemeinde, Gewichtsgebühr 26 Cent/kg.

    Pervers wenn die Entsorgung von Müll teurer als Backweizen ist!

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo!

      @zauberberg

      Vielen Dank für die Einschätzungen aus dem Sektor. Es immer interessant, direkte Aussagen von Menschen zu hören, die die Situation von der täglichen Arbeit oder aus der Erfahrung heraus kennen.

      Vor allem die doch nur scheinheilig zu nennende „Bio“-Sprit Story ist schwer zu ertragen!

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  3. Kleine Presseschau vom 3. März 2011 | Die Börsenblogger sagt:

    […] Rott & Meyer: Spekulanten oder Wassermangel? (2) […]

  4. khaproperty sagt:

    In der Tat sind Transparenz und die Gewähr der Freiheit für Alle – nicht nur die professionellen Großinvestoren – nötig, um Auswüchse bei der Spekulation um Rohstoffe, Aktien (sowie Anleihen) nebst Derivaten einzugrenzen. Algohandel und High-Frequenzy-Trading müssen eingeschränkt werden, etwa wie vorgeschlagen durch Gebührenpflicht für jeden, auch den stornierten, Auftrag (bekanntermaßen werden über 99% der in Sekundenbruchteilen erteilten Aufträge in kürzester Zeit kostenfrei storniert). Gleichzeitig sind diese technischen Möglichkeiten jedem, auch dem kleinsten Teilnehmer, zu subventionierten billigsten Preisen zur Verfügung zu stellen. Alle Margins sind schon zum Start auf 50% zu erhöhen. Alle Konditionen für „Große“ müssen jedem Dritten, egal wie groß, mit gleichen Rechten und Zugangsfristen zur Verfügung gestellt werden. Jede Zusammenarbeit mit Personen aus politischen Institutionen im weitesten Sinne bei Investments muß unter Strafe gestellt werden – ausnahmslos und unter Umkehrung der Beweislast. Nicht zuletzt, sogar aus aktuellem Anlaß vordringlichst, muß die persönliche strafrechtliche Verfolgung von Händlern, Erfüllungsgehilfen und sämtliche deren Vorgesetzten durch Beweis des ersten Anscheins und prinzipielle unwiderrufbare Verpfändungsangebote aller eigenen Vermögenswerte und die der Institution, für welche gehandelt wird, erleichtert und nachhaltig praktiziert werden. So läßt sich Freiheit herstellen und zwar nachhaltig.

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