spektakuläre Dinge aus einer anderen Welt

18. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Die Arbeitslosenzahl in Deutschland ist erstmals seit 16 Jahren unter 3 Millionen gefallen. Jabba Dabba Doo….! Ich schaue aus dem Fenster und lausche, ob feiernde Menschen auf den Erfolg der letzten Arbeitsmarktreformen oder die Bundesagentur für Arbeit anstoßen. Doch es ist still heute Abend. Makler auf der DKM in Dortmund ließen sich bei der Bitte um eine Interpretation der Zahlen zu einer Geste hinreißen, der ihren Zeigefinger geradewegs an ihre Stirn tippen ließ.

Die DKM, Deutschland größte Finanzmesse, spiegelte die Unsicherheit der Marktteilnehmer wider. Hinter jedem Makler wandelte eine Art Schatten, der auf den Name „Hoffnung“ hörte. Hoffentlich geht diese Krise bald vorbei, hieß es hier und dort. Festgeld verkaufe sich wie geschnittenes Brot, die gute alte Kapitallebensversicherung findet zu neuem Glanz zurück, sagten die Makler. Zwar sank der garantierte Zins in den letzten Jahren auf leckere 2,25%, doch die Frage, wie das in diesem Jahr geschafft werden soll, das konnte keiner wirklich verraten. Doch die Leute sammeln gerne bunte bedruckte Papierscheine. Die meisten mussten dafür hart arbeiten und wissen diese Scheinchen diesen Zeiten gerne in ihrer Nähe. Ob unter dem Kopfkissen oder in Eisschränken versteckt – Hauptsache flüssig sein oder liquide, wie es der Fachmann nennt. Jeder ist heute Fachmann in Sachen Finanzkrise. Oder wäre es gerne.

Die Versicherer sind doch bislang eigentlich ganz gut weggekommen. Doch auch sie drehten doch große Räder. Sogar die Rentenversicherung war mit Lehman-Papieren unterwegs, ebenso die Krankenkassen und vermutlich auch weitere Versicherer, die es noch nicht zugeben wollen. Hier werden die nächsten Einschläge vermutet. Nach und nach erfährt es der Bürger, wo der von den USA so freizügig zum Kauf angebotene Giftmüll hängengeblieben ist – schlückchenweise – dass man sich an die Skandale gewöhnt. Wenn der Müll noch nicht abgeschrieben wurde, hängt er wohl in den Verträgen der Anleger. Und keiner weiß es, sagten einige Makler. Und wen würde es wundern?

Doch auch die Staatsanleihen werden jetzt Opfer der sogenannten Kreditkrise. Sorgen gibt es bei Papieren der südlichen Staaten. Der Spread auf italienische Anleihen hat sich binnen weniger Stunden auf 125 Basispunkte über den Bunds ausgeweitet. Anliehen aus Griechenland geht es noch schlechter. Der europäische Anleihemarkt zeigt einen immer tiefer werdenden Riss zwischen Nord und Süd. Wer hat diese Anleihen und wie schnell rosten sie weiter vor sich hin? Erlebt man am Anleihemarkt demnächst ein nicht minder großes Spektakel wie im Aktienmarkt? Mehr Fragen als Antworten. Doch die „Versicherungen“ auf die Staatsanleihen haben sich um den Faktor 40 erhöht, meldet Bloomberg. Vor 18 Monaten noch musste man 1000 USD bezahlen, um US-Staatsanleihen in Höhe von 10 Mio. USD gegen Verluste abzusichern. Heute sind es 40.000 USD. Für britische Anleihen bezahlt man heute 64.000 Dollar, statt der 3000 USD wie im 1. Halbjahr 2007. Und die Versicherungen für deutsche Staatsanleihen haben sich von 2000 USD auf 36.000 USD erhöht. Oh weh!

Die Edelmetallhändler haben inzwischen auch ihre Zelte auf der DKM aufgeschlagen. Vor Jahren war das noch undenkbar. Schließlich gilt doch Gold als eine Art Ramschware, die immer zu teuer ist und die man nicht essen kann. Es wirft keine Rendite ab und überhaupt und sowieso, es ist spekulativ, lässt uns ein netter Herr, der Finanzen testet ständig im Fernsehen wissen. Komischerweise kaufen große Adressen gerade große Mengen von diesem vermeintlichen Müll auf. Händler berichten, dass sich die Reihen bald lichten werden, wenn es nicht bald wieder Ware geben wird. Ja, Gold und Silber sind Krisenmetalle. Und was haben wir gerade? Na sehen Sie!

Jetzt wurden reihenweise die ach so sicheren Immobilienfonds geschlossen. Die großen Anleger haben nämlich zuviele Einlagen von dort abgeholt. Der Kleinsparer darf jetzt warten, bis er an seine Anteile herankommt. Als „sicher wie Festgeld!“ wurden sie einst beworben. Sicher wie ein Banksafe. Nicht mal ein böser Bube kann des Geldes zur Zeit habhaft werden.

Ja, es ist eine schwere See, in der die Konjunktur gerade unterwegs ist. Doch es scheint Hoffnung zu geben. Die amerikanische Wirtschaft ist im dritten Quartal um „nur“ 0,3% geschrumpft, bzw. negativ gewachsen. Ich weiß nicht, von welchem Land die Rede hier sein soll, doch es scheinen Zahlen aus einem anderen Universum zu sein, bzw. einem Paralleluniversum.

An Parallelitäten muss man sich wohl weiter gewöhnen. Muss man? In der Zwischenzeit habe ich erneut aus dem Fenster geschaut. Im dunklen Köln ist es still. Keiner feiert, dass es jetzt weniger als drei Millionen Arbeitslose gibt. In der DDR gab es einen geflügelten Satz, der für viele Dinge damals stand und wohl auch heute für Bilanzen, Zahlen und Versprechen gelten könnte… Man sagte: Marx die Theorie und Murx die Praxis.

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