Sparern droht der „Bail-in“

28. April 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit – Die EU-Kommission verkündete am 12. April 2013 noch einmal, was sie bereits am 6. Juni 2012 unter der Überschrift „Neue Krisenmanagement-Maßnahmen zur Vermeidung künftiger Bankenrettungen“ (IP/12/570) veröffentlicht hatte: Schieflagen von Euro-Banken sollen gelöst werden, indem die Eigenkapitalgeber und Gläubiger der Banken die Verluste zu tragen haben...

Die Politik, Eigenkapitalgeber, Gläubiger und Einleger in zur Deckung von Bankverlusten heranzuziehen, wird als „Bail-in“ bezeichnet.

Die Haftungsrangfolge soll dabei wie folgt sein: Entstehen bei Banken Verluste, so müssen diese zunächst von den Eigentümern der Banken getragen werden. Reicht also das Eigenkapital nicht aus, die Verluste zu decken (kommt es also zu einer Überschuldung), so müssen nachrangige Verbindlichkeiten der Banken („Subordinated Debt“) herabgesetzt werden. Reicht das immer noch nicht aus, um die Verluste zu decken, kommen erstrangige Verbindlichkeiten („Senior Debt“) an die Reihe. Und reicht das immer noch nicht, sollen auch die Halter von Bankeinlagen, die mehr als 100.000 Euro betragen, zur Ader gelassen werden.

Es trifft die Kleinsparer

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, die EU-Kommission will die „Reichen“ zur Deckung von Bankverlusten in die Pflicht nehmen und den „Kleinsparer“, beziehungsweise den Steuerzahler, verschonen. Doch bei genauerer Betrachtung erweist sich das als Fehleinschätzung.

Wenn Bankschuldverschreibungen gestrichen werden, beschert das den Haltern dieser Papiere Verluste. Diese Papiere werden jedoch vor allem von Versicherungen und Pensionsfonds und –kassen sowie Versorgungswerken gehalten, also Instituten, die vor allem die Lebensersparnisse kleiner und mittlerer Einkommensverdiener in Bankschuldverschreibungen angelegt haben.
Ein Herabsetzen der Bankschulden träfe folglich vor allem die kleinen und mittleren Einkommensverdiener (also die, die Bankeinlagen von weniger als 100.000 Euro halten). Um es anschaulich zu formulieren: Dem Halter einer Riester-Rente werden Verluste aufgebürdet noch bevor derjenige, der eine Bankeinlage von mehr als 100.000 Euro hält, zur Kasse gebeten wird.

Wann ist eine Bank überschuldet?

In einem freien Markt ist unzweifelhaft feststellbar, wann ein Unternehmen überschuldet ist. Anders ist das bei Geschäftsbanken, weil sie nicht in einem freien Markt operieren: Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) übt einen dominierenden Einfluss auf die Zins- und Preisgestaltung in den wichtigen Geschäftsfeldern der Banken aus.

So sorgt er dafür, dass Geschäftsbanken ihre fälligen Verbindlichkeiten problemlos refinanzieren können. Der EZB-Rat stellt den Banken nämlich in unbegrenztem Umfang Kredite zu Tiefstzinsen bereit. Die Zinsen auf dem Bankenrefinanzierungsmarkt spiegeln folglich nicht die wahre Bonität der Banken wider, sondern vielmehr die von der EZB gesetzten (Vorzugs-) Konditionen.

Unter diesen Bedingungen ist es Banken möglich, zum Beispiel Problemkredite, die sie in ihren Bilanzen ausweisen, „umzustrukturieren“. Auf diese Weise können sie einen Verlustausweis vermeiden. Bei Zahlungsproblemen des Kreditnehmers wird nun ein Problemkredit zum Beispiel verlängert, refinanziert mit Krediten, die die EZB zu Tiefstzinsen bereitstellt.

Durch die Tiefzinspolitik sorgt die EZB zudem auch für steigende Wertpapierkurse und hält auch auf diesem Wege Verluste für die Banken im Zaum. Sollte die Zentralbank gar dazu übergehen, die Kreditportfolios der Geschäftsbanken abzukaufen, kann sie auch die (Markt-)Preise dieser Kredite maßgeblich bestimmen und damit die Verluste für die Banken reduzieren beziehungsweise ganz vermeiden…(Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Sparern droht der „Bail-in“"

  1. FDominicus sagt:

    Zentralbanken sind nun einmal D A S Problem und nicht Teil der Lösung. Solange es aber noch „irgendwie“ weiter geht, wird es keine Auswirkungen haben… Daher staut sich immer mehr an und im Endeffekt wird es ohne „Bremse“ in eine zerütteten Währung enden. Das es nicht darum geht die Kreditexpanson zu bremsen sondern fortzuschreiben, ist es schon klar, wie klettern immer höher und hoffen den folgenden Absturz trotzdem „überleben“ zu können….

  2. pat sagt:

    Sehr schöner Artikel. Er trifft den Nagel auf den Kopf. Leider wird es den Meisten erst auffallen, wenn es zu spät ist.

    Im Grunde ist unsere Währung ein Schneeballsystem bei dem auf dem Papier mehr versprochen wird, als in der Realwirtschaft existiert. Die Diskrepanz wächst ständig auch wenn momentan versucht wird das ganze durch niedrige Zinsen einzubremsen. Schlussendlich wird unser Schneeballsystem Fiatgeld wie alle Schneeballsysteme enden: Mit dem Vertrauensverlust. Wenn eine kritische Masse nicht mehr an die Werthaltigkeit des Papiers glaubt, dann bricht es zusammen. Jeder bekommt dann für sein Papier nur noch viel weniger reale Güter, als er dachte, weil auf einmal alles Geld in diese Güter umgetauscht wird. Dabei ist es egal, ob es nun in einer Hyperinflation geschieht oder in einer Deflation durch Insolvenz der Schuldner. Im einen Fall wird das Geld wertlos, im anderen ist es einfach weg. In beiden Fällen geht die Kaufkraft verloren und Sachwerte sind Trumpf.

    Die Assetpreisinflation ist für mich ein Hinweis auf die wachsende „kritische Masse“, die diesen Umstand erkennt.

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