Spanien – auf die Stierhörner genommen

28. April 2009 | Kategorie: Kommentare

Spanien hatte unter der Franco-Diktatur schwer zu tragen und danach entsprechenden Nachholbedarf. Als das Land 1986 zur Europäischen Gemeinschaft beitrat, war das ein Segen, denn auf einmal wuchs das Geld auf den Bäumen. Und die Spanier machten das Beste daraus. Mit dem Beitritt zum Euro begann ein Leben auf Pump. Andere bezahlten. Doch dann wurden erste schwarze Schwäne gesichtet…

Die niedrigen Zinsen aus der EZB wirkten wie Dünger auf einem spanischen Kartoffelacker. Schon die Jüngsten lernten schnell, dass genügend Geld im Hause war, wenn es noch Blätter im Scheckheft gab. Man gab mehr aus, als man einnahm. Und niemandem war es peinlich. Dass das auf Dauer nicht funktionieren konnte, hätte eigentlich klar sein müssen. Doch solange es funktioniert, kümmert sich keiner darum. Es ist wie auf Partys, wenn man von einer Flasche Rum nicht mehr loskommt. Heute gibt Spanien acht Prozent mehr aus, als in der Staatskasse vorhanden ist. Das nennt sich finanzdeutsch „Haushaltsdefizit“. Drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts wären okay, steht im EU-Stabilitätspakt. Doch wen kümmerte das schon und wen kümmert es jetzt in der Zeit der „Krise“. Es ist wie in den USA – vielleicht nur noch schlimmer.

Aus die Maus

Das erste Mal seit 1994 sinken in Spanien die Immobilienpreise – offiziell um 3,4% im Vergleich zum Vorjahr. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus, vergleicht man die Anzeigen in den Zeitungen von heute mit den Preisen im Sommer 2008. Offizielle spanische Statistiken wollen einem ein Minus von 2,4% weismachen. Sollte die Talsohle schon erreicht sein? Mitnichten. Selbst Finanzexperten erwarten in diesem Jahr einen weiteren Rückgang – und das nicht nur bei den Immobilienpreisen.

Die spanische Statistik reicht bis ins Jahr 1993 zurück. 1995 erlebte das Land eine Erholung nach einer Rezession, getragen von Bauaktivitäten und Investitionen des Auslandes. 18 Jahre später stemmte die Bauindustrie ein Fünftel der spanischen Wirtschaft. Durch die permanente Abwertung der Peseta verschaffte sich das Land früher immer wieder Standortvorteile. Mit dem Euro war das dann vorbei. Heute spekulieren die Märkte, wann Spanien den Euro aufgibt. Ein Aufweichen der Währung würde manche Probleme verkleinern. Doch die bislang aufgelaufenen Schulden stehen in Euro angeschrieben. Der Staatsbankrott wäre die unmittelbare Folge. Spanien wird den Euro nicht fallen lassen können. Und diejenigen, die austreten könnten, werden es politisch motiviert nicht tun.

In Spanien stiegen die Preise wegen des billigen Geldes weit stärker als im Kerneuropa. Am schnellsten ging es bei Häusern, Wohnungen und anderen Anlagen preislich aufwärts. Ende 2008 kostete ein Quadratmeter Wohnraum durchschnittlich 2018 EUR. Am teuersten waren dabei Wohnungen im spanischen Baskenland in Getxo (3861 Euro pro Quadratmeter), gefolgt von San Sebastian (3787 Euro). Am günstigen blieb Wohnraum in Hellin (895) und Villarobledo (956 EUR).

Tag der Abrechnung

Gut 15 Jahre dauerte der Boom. Preissteigerungen von 10% im Jahr waren selbstverständlich, sozusagen gottgegeben. Man wurde ohne zu schuften reich, musste nur etwas zu kaufen und es dann teurer verkaufen. Dieser Automatismus brachte selbst junge Leute an den Spieltisch. Heute kleben sie am Fliegenfänger. Ihre Immobilien kommen unter den Hammer. Fast jedes Schild mit dem Aufdruck „Se Vende“ kündet vom Ende einer Existenz. Die Banken finanzieren im Gegensatz zu früher nicht mehr diesen Unsinn auf Raten. Dabei erwischt es nicht nur die Spanier. Auch die Briten haben dank ihres damals noch starken Pfundes investiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Nun, da ihre Währung aber weich wie britischer Toast geworden ist, schlägt die Überschuldungskrise doppelt zu. Jetzt werden Anwesen auch in teuren Gegenden wie in Andratx versteigert.

Weitere Schwierigkeiten

Viele Spanier haben wie die Deutschen Geld in offenen Immobilienfonds angelegt. Die Banco Santander sah sich unlängst gezwungen, den Rückauf von Anteilen des größten Fonds Banif Inmobiliario für zwei Jahre auszusetzen. Seine Einlagen belaufen sich auf 3,3 Milliarden Euro und verteilen sich auf 43.000 Anleger. Allein in 4. Quartal 2008 rutsche der Fonds 15% tiefer. Und dann wollten viele ihr Geld zurück. 2,6 Mrd. Euro standen zur Auszahlung. Doch das wird zu einer Geduldsprobe….

„Wir zahlen die Kunden über die nächsten zwei Jahre aus“, sagt ein Santander-Sprecher, „dann können wir bessere Preise für die Immobilien erzielen“. Abwarten. Sollte es doch (völlig unerwartet) anders kommen, steht die Abwicklung des Fonds bevor. Und dann dauert es noch einmal weitere zwei Jahre, bis die Anleger die Reste ihrer Anlageträume begutachten können.

Mallorca als Hotspot

Nach Mallorca machen sich jedes Jahr vor allem Touristen aus Deutschland und Großbritannien auf. Aber auch die Einheimischen vom spanischen Festland zieht es zum Urlaub auf die Insel. Es gibt rund 1600 Hotelanlagen. Außer vom Tourismus lebt Mallorca noch von Landwirtschaft, Fischerei, etwas Industrie und Bergbau (Marmor). Und natürlich von der Spekulation. Doch ohne Tourismus wäre Mallorca eine ganz normale Insel. Allein über 18 Golfclubs verfügt die Insel. Weitere sollen jetzt gebaut werden, um der Krise etwas entgegen zu setzen. Die spanische Regierung hat in dieser Woche ihre wirtschaftliche Hilfe von 400 Mio. Euro auf eine Milliarde aufgestockt.

Insgesamt gibt es auf der Insel 43 Hafenanlagen mit rund 15.000 Liegeplätzen. Was geschieht weiter? Ich weiß es nicht. Doch zu vermuten wäre, dass die Dinge auch hier kleiner und beschaulicher werden. Kommen die Massen auch weiterhin hierher, wenn zu Hause der Antrag auf Arbeitslosengeld abgegeben, Kurzarbeit des Arbeitgebers angemeldet ist und die Banken Urlaubswünsche auf Kredit ablehnen?

Die spanische Zentralbank zeichnet ein düsteres Bild. Sie prognostiziert einen Schrumpfen des spanischen BIPs um 3% und um 1% im nächsten Jahr. So steht im letzten Konjunkturbericht. Doch Sie wissen ja, was von diesen Prognosen zu halten ist. Schnell werden diese wieder „nach unten angepasst“. Die Erholung soll erst Ende 2010 kommen. Bis dahin rechnet man damit, dass die Arbeitslosenquote auf 17,1 in diesem und auf 19,4% im kommenden Jahr steigen wird. Derzeit liegt sie bei 15,5%.

Rückblende

Es gibt richtige Fans, die kommen seit Jahren und aus Überzeugung von der Schönheit der Insel hierher. Die Älteren erzählen, dass sie dafür früher sparen mussten, um zwei oder drei Wochen hier zu verbringen. Inzwischen ist das ja aus der Mode gekommen. Die Masse der Touristen wird froh sein, wenn sie einmal im Jahr hierher fahren kann, wenn das Geld nicht für andere Dinge draufgeht. Und danach sieht es aus. Und so wird sich die ganze Tourismusindustrie auf ein Normalmaß gesundschrumpfen müssen. Das kann dauern. Und nebenbei erholt sich auf der Insel die Natur auch wieder.

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