Spanien wartet auf das Downgrade

19. Juli 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott  Die Lage in Italien und Spanien hat sich in den vergangenen Quartalen nicht verbessert. Zwar näherte sich Italiens Rating mit dem letzten Downgrade der Einstufung Spaniens an, die nächste Herabstufung der iberischen Staatspapiere ist aber lediglich eine Frage der Zeit. Neben dem Bankensektor träfe eine Herabstufung Spaniens in den Junk-Sektor auch die meisten spanischen Unternehmen.

Nicht nur Unternehmensdaten werden von vielen Anlegern derzeit oft ignoriert. Auch die Verstärkung der strukturellen Schieflage europäischer Staaten interessiert offenbar nur noch wenige. Die Ursache findet sich vermutlich in der Vernebelung der Gedanken durch verbal formulierte Wunschvorstellungen von Zentralbankbeamten. Die geringe Erfolgsquote eines „follow the Central Bank“-Ansatzes, die wohl unter der eines Münzwurf-Ansatzes liegt, kann daran ebenso wenig ändern wie die nicht allzu weit zurückliegenden Erfahrungen mit griechischen Anleihen und zypriotischen Einlagen. Die Show muss weitergehen …

Die Argumente sind oft die gleichen. Bei Griechenland, ja, da habe man sich geirrt, aber das sei nicht schlimm, den Griechenland sei klein. Irland wird fälschlicherweise auf dem Pfad der Gesundung vermutet, während im Bankensektor des Landes die Krater immer größer werden, und über Portugal muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Das Land ist insolvent, wird einen weiteren Kredit benötigen und ist selbständig finanziell nicht lebensfähig. So sieht er aus, der Erfolgsweg der selbst ernannten Sparweltmeister und Karlspreisträger.

  esgdp

Auch die Lage Spaniens findet derzeit wenig Beachtung, woran auch die kurzfristige Irritation einiger Marktteilnehmer im Zuge der Herabstufung Italiens wenig änderte. Dabei ist der Blick auf die Details durchaus aufschlussreich. Nach der Herabstufung des Staates erfolgte in Italien und Spanien regelmäßig eine Herabstufung vieler Banken und Firmen. Das liegt daran, dass für Unternehmen eine implizite Stützung durch den Staat angenommen wird und als positiver Beitrag in das Rating der Unternehmen einfließt. Fällt das Rating des Staates, fallen die Ratings der Firmen ebenfalls.

So lange die Ratings halbwegs ordentlich sind, ist das kaum ein Problem. Die aktuelle Nähe zum Junk-Bereich macht die Situation jedoch prekär. Nach einer Herabstufung Spaniens auf Junk fänden sich fast alle spanischen Großkonzerne ebenfalls auf diesem wieder. Da die meisten Investoren nicht in diesem Bereich investieren wollen oder dürfen, sind die Auswirkungen auf die Liquidität der Anleihen und die Risikoprämien dieser Unternehmen entsprechend. Das alles ist in einer Rezession, in der viele Firmen ohnehin mit negativen Cash Flows zu kämpfen haben, durchaus von Bedeutung.

Noch ist es nicht soweit, wie man etwa den Statements von S&P entnehmen kann.

(S&P) Our ‚BBB-‚ long-term sovereign credit rating on Spain is supported by our view of its diversified and prosperous economy, and the government’s ongoing implementation of a comprehensive financial, fiscal, and structural reform agenda.

Besonders putzig finden wir den regelmäßig wiederkehrenden Verweis auf die gestiegene Produktivität der spanischen Unternehmen. Neben eher kleineren Verbesserung im Geschäftsalltag dürfte die von Volkswirten betrachtete Steigerung vor allem auf die hohe Zahl der Insolvenzen zurückzuführen sein. Üblicherweise erwischt es zunächst diejenigen Unternehmen, die eben nicht effizient sind. Aus der Rekordzahl der Pleiten noch Honig saugen zu wollen ist vergleichbar mit den unseligen „Berechnungen“, die erfolglos zu zeigen versuchten, warum der Euro für alle so eine wundervolle Sache ist.

bank

Gründe für ein mögliches Downgrade muss S&P jedoch nicht lange suchen. Die Basis für den negativen Ausblick spricht für sich.

(S&P) The negative outlook reflects our opinion that we could lower the ratings on Spain during the next 12-16 months if, all else being equal, we observe that:

  • Political support for the current reform agenda is waning (…)
  • Eurozone support is failing to engender sufficient investor confidence to keep government borrowing costs at sustainable levels and to stem potential capital outflows (…)
  • Net general government debt looks likely to exceed 100% of GDP due to deviations from the government’s fiscal targets, weakening growth, one-off debt-increasing items (for example from additional contingent liabilities), or if interest payments rise above 10% of general government revenues (…)

Das alles klingt eher nach Realität als nach Pessimismus. Die stupide Gesundbeterei einiger Abgeordneter, die davon schwadronieren, wie viel doch bereits getan worden sei, macht es nicht besser. Wer in die falsche Richtung unterwegs ist, dem hilft es nicht, wenn er zu laufen beginnt.

Weiter heißt es:

(S&P) The rating is constrained by our view of the high external leverage in Spain’s economy, as well as its relatively low medium-term economic growth prospects and residual inflexibilities such as its still-highly-segmented labor market.

“Still-highly-segmented“ ist eine außergewöhnlich nachsichtige Beurteilung des spanischen Arbeitsmarktes. In einem Land, in dem zu schlimmsten Boomzeiten mehr als 17% der Beschäftigen ihre Zeit mit dem Bau von Häusern verbrachten, die keiner brauchte, darf man sich fragen, in welchen Segmenten diese Menschen denn zukünftig arbeiten sollen.

Auto-, Zement-, Bau- und Stahlsektor fallen wohl vorerst aus… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , , , ,

3 Kommentare auf "Spanien wartet auf das Downgrade"

  1. gilga sagt:

    Vielen Dank für das Update. Es ist tatsächlich erstaunlich wie wenig man über die reale Lage in Spanien, Portugal und auch Italien zu hören bekommt. Wenn es Artikel gibt dann nur kurz und Oberflächlich bzw. mit geringer Detailtiefe und menschelnden Charakters oder nur auf die nächsten politischen Entscheidungen fixiert… alles schlimm dort (beliebiges Beispiel von Person x einsetzen), ja ja => weiter im Programm.

    Ich selbst bin jedenfalls erstaunt wie lange diese Gesellschaften nun schon unter diesen Bedingungen „zusammenhalten“. Ich hätte deutlich mehr Proteste (auch gewaltsamer Art) erwartet. Auch welche Art bestreitet die Masse der Familien dort momentan ihren Lebensunterhalt?Welche Firmen gibt es noch, welche Probleme haben diese und wie lange kann das im Einzelnen noch gut gehen? Welche mittel- bis langfristigen Konsequenzen (abseits von „verlorener Jugend/Jahrzehnt“; mehr ist dazu in der Presse nie zu lesen) wird dies Gesellschaftlich haben? Wie sollen diese Länder nach der momentan betriebenen Zerstörung der wenigen vorhandenen Unternehmen/Industrie wieder auf die Beine kommen?

    Hier geht KnowHow und Struktur in der Breite verloren die nur innerhalb von Jahrzehnten wieder erschaffen werden kann. Ich sehe hier für Portugal, Spanien und mit Einschränkungen auch für Italien (die könnten mit viel Schmerz noch raus wenn Sie wöllten) nach den wenigen tiefer schürfenden Zahlen/Berichten die man bekommt nichts, aber auch gar nichts positives für die Zukunft. Ob man nun fröhlich weiter druckt oder nicht spielt dabei eigentlich keine Rolle (bzw. wirklich zu drucken beginnt; bisher sah man ja primär Verbalintervention).

    Der Weg eines Austritts aus der Eurozone inkl. Schuldenschnitt und Abwertung wird von Tag zu Tag weniger wahrscheinlich bzw. nützlich. Es gibt immer weniger Strukturen die davon profitieren würden und zumindest langfristig eine Sanierung (mit Hilfe von außen) ermöglichen könnten(!). Bleibt man drinn, bleibt abzuwarten wie lange es dauert bis der gesellschaftliche Zusammenbruch erfolgt (durch Abwanderung beschleunigte Überalterung der Länder => Zusammenbruch der sozialen Systeme, politischer Umbruch, …) oder den „stützenden“ Ländern das Geld ausgeht bzw. der (externe) „Glaube“ an ihre Leistungsfähigkeit abhanden kommt (meiner Ansicht nach spätestens bei der nächsten breiteren, weltweiten Rezession, die zyklisch ja etwas ganz normales wäre). Und dann sehen wir, unabh. von der Entwicklung in den anderen Ländern Europas und Regionen der Welt, einer katastrophalen Entwicklung in diesen Ländern entgegen, welche ich mir gar nicht ausmalen will…

    Innerhalb der aktuellen Struktur setzen wir jedenfalls praktisch nur das Japan Szenario fort…

    Welches ist die Erwartung des Bankhauses Rott? Kommt in naher Zukunft Bewegung in die Bude oder schleppen wir uns lethargisch weiter dem ungewissen Ende entgegen?

  2. Johannes sagt:

    Vielen Dank ans Bankhaus, immer wieder ein Genuss, diese nüchternen Betrachtungen zu lesen.

  3. Michael sagt:

    Etwas off topic: Habe gehört, dass in Spanien die gesamte Reedereibranche über der Jordan geschickt werden soll – Euronews.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.