Spanien: Billiger Strom auf Pump

15. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott)

Über den Bailout spanischer Banken wird oft geschrieben. Über staatlich subventionierte Strompreise auf der iberischen Halbinsel hört der Solidar-Europäer oft nichts. Dabei erreichen die Zahlungen an die Stromkonzerne ungeahnte Höhen…

Der spanische Energiemarkt ist in etwa so transparent wie spanische Pfandbriefe. Ein Teil des Marktes ist mehr oder weniger „liberalisiert“, ein anderer Teil ist fest unter staatlicher Preisaufsicht. In diesem Marktsegment sind die Verkaufspreise für Strom gedeckelt.

Da Politiker Verkaufspreise gerne unabhängig von den Erzeugungskosten festlegen, türmt sich seit Jahren ein gewaltiges Defizit bei den Versorgern auf. Auf Grund der Festlegung der Tarife springt für die Deckung dieses Defizits wiederum der Staat ein.

Man darf sich das durchaus auf der Zunge zergehen lassen. Den Bürgern sollen hohe Strompreise erspart werden, daher dürfen die Unternehmen nur einen bestimmten Satz verlangen. Die derart gedeckelten Einnahmen sind nicht kostendeckend, so dass jährlich ein Defizit entsteht. Für dieses Defizit garantieren wiederum die Steuerzahler.

Da der spanische Staat ebenfalls finanziell nicht lebensfähig ist, fallen die Kosten für verbilligten Strom in Spanien bei den solidarischen Nachbarn an. Der Michel kann ja die anfallenden Mehrausgaben über einen Zeitraum von 30 Jahren durch eine halbmeterdicke Dämmschicht am eigenen Haus im Rahmen der Stromeinsparverordnung wieder herausholen. Schon toll dieses Europa.

 

Da die Defizite regelmäßig die zu optimistischen Prognosen weit übertroffen haben, ist der spanische Staat 2010 dazu übergegangen, Verbriefungen zu emittieren. Diese werden vom Staat explizit garantiert. Vereinfacht gesagt, erhalten die Versorger einen Ausgleich für anfallende Defizite und der Staat begibt neue Anleihen um die entsprechenden Gelder aufzutreiben.

Damit diese Schulden nicht im Haushalt des spanischen Staates auftauchen, wurde eigens die Agentur FADE gegründet, die als Emittent auftritt. So kann man Geld ausgeben, das man nicht hat, ohne mehr Schulden zu haben.

Die Käufer der Verbriefungen sind vor allem Banken, Versicherungen und Pensionskassen.

 

Die  entscheidende Frage ist, was sind die verbrieften „deficit receivables“ eigentlich wert? Da dieser Wert von der Möglichkeit abhängt, die entstandenen Verluste zukünftig über den Markt wieder auszugleichen, darf man die Zahl Null als realistische Schätzung ansehen. Es sei denn, man glaubt daran, dass in Spanien im regulierten Segment des Strommarktes eine deutliche Tariferhöhung durchgesetzt wird, die die Verluste der Vergangenheit ausgleicht. Das darf man als höchst unwahrscheinlich einstufen… 


Ein Blick auf die Entwicklung der Defizite solte zur Ernüchterung beitragen und darlegen, dass die Investoren schlichtweg staatsgarantierte Papiere kaufen und sich für die Verbriefung an sich nicht interessieren.

Die Dimension des Problems ist beachtenswert.

Das Defizit aus dem regulierten Teilmarkt entspricht mehr als zwei Drittel der gesamten Gewinne der Energiekonzerne aus allen Segmenten. Wird die Regulierung nicht geändert, so führt die Subvention im Jahr 2015 zu einem Gesamtdefizit von 50 Milliarden Euro.

Die kürzlich von der spanischen Regierung von den Europäern abgerufenen Mittel zur Bankenstützung beliefen sich auf 39 Milliarden Euro. Man darf sich fragen, warum man Unternehmen erst privatisiert, dann Teile des Marktes reguliert um dann die daraus resultierenden Verluste der Firmen durch den Steuerzahler – oder andere EU-Bürger – ausgleichen zu lassen.

Eine der Begründungen für die Festlegung zu niedriger Energiepreise ist übrigens der Wunsch nach einer „Mehrung des Wohlstands der spanischen Ökonomie“. Wer das ernst meint, sollte lieber bei der Augsburger Puppenkiste arbeiten als in einem Parlament. Leider käme diese wünschenswerte Einsicht für das strukturell vollkommen desolate Land wohl etwas zu spät.


 

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6 Kommentare auf "Spanien: Billiger Strom auf Pump"

  1. Lickneeson sagt:

    Wertes Bankhaus Rott

    Vielen Dank dafür, das Sie immer wieder Stoff ausgraben, der einem den Tag versüsst.Kaum zu glauben das man immer noch „überrascht“ werden kann von dem Irrsinn, der in Politik, Finanzwelt oder Wirtschaft aus dem Nebel gezerrt wird.

    Wer sich diese „Stromrechnung“ ausgedacht hat verdient den Innovationspreis.Und im Zuge der Energiewende hierzulande, welcher einhergeht mit drastischen Preiserhöhungen bei den privaten Haushalten und „Rabatten für teils fragwürdige Industriezweige“ rollen sich mir die Fussnägel hoch.

    Man muss sich ernsthaft die Frage stellen, ob die Privatisierung von Versorgern und einigen anderen Branchen tatsächlich eine so grossartige Idee war.Deregulierung?Wettbewerb?Oder eher Preisabsprachen und Profitmaximierung?

    Wieder mal ein Artikel, der mich vom Wählen abhält.Danke.

    Es wird Zeit, das der „normale Bürger“ einen roten Punkt auf der Stirn trägt, als Nachweis der Zugehörigkeit zur verarschten Kaste.

    MfG

    • Skyjumper sagt:

      Diese „Stromrechnung“ ist auch nicht innovativer als die Ausplünderung der spanischen Rentenkasse, oder die diversen „Sondervermögen“ in Deutschland.

      Allerdings sollten Sie sich dadurch nicht vom Wählen abhalten lassen. Bekanntlich wählt der Nichtwähler im Wahnwitz unseres Wahlrechtes die Gewinner. Gucken Sie lieber etwas weiter unten auf der Liste, also hinter den Blockpfeifenparteien von CDU/CSU/FDP/SPD/Grüne, und machen Sie da irgendwo ihr Kreuz. Selbst die Pogo-Partei wäre besser als nicht zu wählen.

      • Lickneeson sagt:

        @skyjumper

        Der Innovationspreis für Absurditäten wird ja wöchentlich verliehen.
        Da darf jeder mal.

        Ohne Überzeugung irgendeinen Selbstdarstellerverein mittels Stimmen auch noch Geld zukommen zu lassen überlasse ich gerne anderen.Pogo,Andere und Piraten….da ist jede Schülerzeitung besser strukturiert.

        Ron Paul würde ich wählen.

        • braindead sagt:

          Also ich finde die alle „ganz toll“

          deswegen kreuze ich immer alle an

          per Briefwahl natürlich

          somit bin ich Maximalwähler (-;

          leider fehlen mir auch jegliche Alternativen

          Außer konsequent Konsumverweigerung fällt mir wenig ein …

          Essen und Energie brauch ich leider doch

  2. EuroTanic sagt:

    In Spanien wird ja gerne „alternative Energie“ erzeugt. Ein lukratives Geschäft, wegen der Subventionen. Doch in Spanien gab’s noch Steigerungsraten. Einge „clevere“ Spanier fanden heraus, dass man mit Dieselgeneratoren Strom erzeugen konnte, den man teuer als „Solarstrom“ ins Netz speisen konnte. Abnahmepreis garantiert. Doch der Schwindel fiel dann doch auch dem dümmsten EUROkraten auf, weil Sonnenkollektoren üblicherweise nicht in der Nacht Strom liefern. Dumm gelaufen.

  3. tomderwug sagt:

    Sehr interessanter Artikel!!!
    Das ist wie bis 1989 in der DDR, da wurde auch alles und jedes Produkt mit staatlich festgelegten Preisen versehen.
    Egal ob es dafür kostendeckend herzustellen war.
    Beispiele gefällig:
    1 Brötchen 0,05 Mark
    1 Brot (2kg) 0,96 Mark
    1 Straßenbahn Fahrkarte 0,10 oder 0,20 Mark je nach Alter des Fahrgastes
    50 kg Briketts mit Bezugsschein ca. 1,80 Mark, ohne Bezugsschein ca. 3,80 Mark
    Miete für eine ca. 100m² Wohnung, ca. 35,00 bis 45,00 Mark
    Den Strompreis weis ich nicht mehr genau, aber der lag bei ca. 0,08 Mark/ kWh

    Und dann gab es Preise da würden die Masseen heute das Rathaus stürmen:
    z.B.
    125 g Kaffe für 8,75 Mark
    1 Dose Ananas 850 ml für 12,00 Mark
    250 ml Schlagsahne 3,75 Mark

    Ich denke wir haben wieder Sozialismus, nur dass dieses mal nicht der „gute Onkel aus dem Westen“ kommt und den Menschen das Blaue vom Himmel verspricht. na ja, ein paar von den Versprechen sind ja auch eingetreten, aber zu welchem Preis???

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