Sommer, Sonne, Rentenloch

27. September 2013 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Ach, Spanien! Paella, Sonne, Pensionskürzung. Während man in Brüssel gleichzeitig Spanien lobt und versucht, die Defizitzahlen zurechtzubiegen, köchelt man in Madrid schon das nächste Süppchen. Diesmal ist es eine sogenannte Pensionsreform, die außer der Hilflosigkeit der spanischen Regierung nicht viel ans Tageslicht bringt…

Die wichtigste Änderung am Pensionssystem ist die Abkopplung der Auszahlungsanpassungen von der Inflationsrate. Diese Methodik soll ab dem kommenden Jahr durch eine „komplexere Formel“ ersetzt werden, was vermutlich eine bessere Lösung ohne Einbußen suggerieren soll. Das ist natürlich Unfug, denn mehr Geld lässt sich nicht per Formeländerung aus dem Hut zaubern.

Die neue Berechnung soll auch die Einnahmen der Kasse zur Kenntnis nehmen. Ein geradezu revolutionärer Ansatz für eine staatliche Einrichtung. Gleichzeitig plant man die Einbeziehung von Wirtschaftszyklen und die Festlegung eines minimalen Anstiegs der Pensionen, für den man ein Viertelprozent pro Jahr festschreiben möchte. Dies wird mit dem Satz begründet, ein solcher Anstieg solle vor einem nominalen Rückgang schützen. Um einen solchen zu verhindern bedarf es freilich keiner Steigerung sondern lediglich des Ausschlusses einer Senkung. Vermutlich war man sich in Madrid diesbezüglich nicht ganz sicher und wird bald den Wert für die entsprechende Steigerungsrate von Null anhand einer weiteren noch in der Entwicklung befindlichen Formel ermitteln. Ohnehin ist das Festklammern an Nominalwerten natürlich nutzlos.

Als weitere Restriktion soll eine Obergrenze für den Anstieg der Auszahlungen gelten, so dass die Pensionen maximal um einen Viertelprozentpunkt stärker ansteigen können als die Inflation. Der Lösungsraum der komplexen Formel wirkt bei schneller Betrachtung doch arg eingeschränkt.

Vor die Wahl gestellt, weniger auszugeben oder mehr einzunehmen, entscheiden sich Politiker in der Regel für die zweite Variante. Das nötige Geld knöpft man entweder jemand anderem ab oder beschafft es sich über die Neuverschuldung. Hübsch ist auf Grund der doch recht offensichtlich in diesem Prozess nicht stattfindenden Vermögensmehrung immer wieder das Erstaunen, warum steuerfinanzierte Konjunkturprogramme nichts bringen. Wie jemand erwarten kann, man nehme A etwas weg und gebe diese Summe abzüglich Verwaltungskosten an B weiter, ist und bleibt eines der großen Rätsel. Aber bekanntlich geht es eher um den politischen Akt an sich, Hauptsache was gemacht. Ohnehin ist den meisten der Weg über die Neuverschuldung lieber, da ähneln sich Parlamentarier und Menschen, die denken, sie könnten sich ein Auto oder Haus leisten, nur weil es ihnen jemand finanziert.

Während sich Generationen von Entscheidern von einer Legislaturperiode zur nächsten schleppen, ändert sich an den strukturellen Problemen nichts. Allein ihre Größe nimmt zu, was aber auf Grund des langsamen Prozesses nur wenige stört. Wenn der Bauer tagein tagaus mit Futter in der Hand den Stall betritt wird die Gans sich wohl nichts dabei denken, wenn er eines Tages ein kleines Beil dabei hat.

Mit diesem kleinen Beil rückt man nun in der Europäischen Räterepublik den Pensionskassen auf den Leib. Während die Niederlande mit deutlichen Einschnitten von bis zu 8% der Pensionszahlungen vorgelegt haben, wurstelt man sich in Spanien wie bei den meisten anderen ökonomischen Fragen auch hier mehr schlecht als recht durch.

Wer sagt, die Einschnitte seien ungerecht oder zu hart, der mag Recht haben. Aus Ungerechtigkeit wird allerdings nicht dadurch Recht, dass man das Geld für eine Stützung der spanischen Pensionskassen den Menschen aus den europäischen Nachbarländern abnimmt. Wer das dann auch noch Solidarität nennt und eine absurde Drohkulisse europäischer Bürgerkriege errichtet, dem kann vielleicht ein Psychologe, vermutlich aber nur noch ein Exorzist helfen.

2

Um trotz anhaltend schwacher Entwicklung zumindest auf dem Papier eine nicht allzu schlechte Figur zu machen, will man mit der Formelsammlung „VWL für das erste Semester“ auch den Defizitzahlen des Landes auf den Pelz rücken. So soll eine neue Methodik dafür sorgen, dass die Spanier trotz hoher Defizite das Ziel niedriger Defizite erreichen.Dieses postsowjetische Erfolgsparadoxon hat seinen Ursprung natürlich in Brüssel… (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Sommer, Sonne, Rentenloch"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Ich wohne seit 13 Jahren in Südspanien.
    Ich kann nur jedem empfehlen, der Spanien kennen will, Menschen zu fragen, die hier ein Haus gebaut haben, eine Auto reparieren lassen haben, einen Kundendienstmonteur im Haus gehabt haben, bei einer Bank die einfachsten Devisen haben umrechnen lassen und mit Herzschmerzen 90 Minuten auf den Krankenwagen warten mussten.
    Spanien ist Afrika, schwärzestes Afrika, wo auch die Könige zur Elefantenjagt gehen, während das Volk hungert und die Regierenden sich mit Bestechungsgeldern vollstopfen lassen.
    Aber zahlt ruhig weiter, das Geld wird schon verbraten.
    Wir selber warten für unser selber gebautes Haus seit 2011 auf die Genehmigung des Erstbezuges.
    Wenn wir nach Monaten mal wieder nachfragen, sagt man uns, dass sich 2012 einige Gesetze geändert hätten und die kenne man noch nicht.
    Die Leute auf den Behörden kommen einfach nicht aus dem Quark.
    Beamtenmikado wird auf den Behörden in einer Endlosschleife gespielt; verloren hat, wer sich als Erster bewegt.
    Natürlich bewohnen wir unser Haus schon seit 2 Jahren und brauchen auch noch keinerlei Gebühren an die Gemeinde zahlen, die haben wohl zu viel Geld.
    Komödien könnte ich über die Zustände hier in Spanien auch in einer Endlosschleife schreiben, aber ich denke, es würde Niemand glauben. So etwas muss man ganz einfach mal mitgemacht haben.

    Viele Grüße
    aus Afrika
    H. J. Weber

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