Softe Pleite? Harter Unsinn!

auf Kurs 23. Mai 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos
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Bei der Verdrängung von Problemen hat es die versammelte Mannschaft gewählter und nicht gewählter „Entscheider“ zu einer formidablen Meisterschaft gebracht. Der Blick auf den Verlauf der jährlichen Neuverschuldung Griechenlands lässt doch einige Aussagen der Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen. Der eine oder andere Schummelprozentpunkt genügt als Ausrede für die an den Tag gelegte Ignoranz nicht aus.

Warum, wird vielerorts gefragt, ob denn ein Schuldenschnitt eigentlich noch ein Problem sei. Der Markt funktioniert doch bestens, griechische Anleihen notieren auf einem Niveau, dass den Ausfall und einen Restwert einpreist. Das ist im Kern richtig, die Preisfindung am Markt findet statt, die Preise mögen schlussendlich ein bisschen zu hoch oder ein bisschen zu tief sein, aber ein „alles in Ordnung“ gibt es hier nicht. Der Haken an der Sache findet sich, wie sooft in den letzten Jahren, in schauderhaften Bilanzierungsregeln und noch schauderhafteren Auslegungen derselben. In vielen Bankbüchern, das sind in der Regel die großen Bestandsportfolios der Banken, können Investments unterschiedlich verbucht werden. Wir wollen einmal vereinfacht darlegen, warum dies im Falle eines Schuldenschnittes problematisch werden kann.

Eine beliebte Kategorie ist die Klasse hold-to-maturity (htm). Diese htm-Bestände werden in der Regel mit dem Kaufkurs bewertet, dieser Kurs bleibt dann über die Haltedauer statisch. Hat jemand also vor drei Jahren eine Griechenlandanleihe erworben, sagen wir zu einem Kurs von 98%, dann steht diese heute noch dort, und zwar mit exakt diesem Kurs. Bei kritischen Anlagen findet eine turnusmäßige Überprüfung statt, die ergeben soll, ob von einem so genannten Impairment auszugehen ist, einer mehr als temporären Wertminderung. Dies zu beurteilen liegt weitestgehend im Ermessen des Investors selbst. So lange nicht eine Ratingagentur einen Ausfall feststellt – das ist in der Regel dann kein politisches Rating sondern ein schlichtes Anerkennen eines Kreditausfalls – oder Zinszahlungen nicht bedient wurden, bleiben in vielen Banken diese Papiere in der Kategorie „reiner Beobachtungsfall“. Im Falle Griechenlands könnte die Stützungsorgie der EZB, des IWF und der EU den Haltern dieser Papiere eine zwar tumbe, aber wunderschöne Ausrede an die Hand geben. Warum sollte jemand eine Wertminderung vornehmen, wenn doch alles in Ordnung ist? Einfach dumm stellen, dann klappt es auch mit der Bewertung. Mit einer alten Volksweisheit gesprochen: „Die unfähigsten Banken haben die dicksten Bewertungskurse“.

Spitzt sich die Lage weiter zu, so wie das beim Thema Griechenland der Fall ist, wird eine mögliche Neubewertung immer schmerzhafter, da sich der echte Kurs der Anleihe immer weiter vom Bewertungskurs in den Portfolios entfernt. Bei griechischen Anleihen sprechen wir hier je nach Laufzeit von Verlusten in Höhe von gerne einmal 50%. Diese Verluste will niemand realisieren, also wird munter abgewartet statt abgewertet. Bei einem Verkauf der Papiere wäre die Realisierung dieses Verlustes zwingend. In beiden Fällen schlüge diese Anpassung direkt auf das Eigenkapital durch. Da relativ zum Gesamtbestand nur wenige Prozentpünktchen Eigenkapital vorhanden sind – die unsinnige Risikogewichtung lässt schön grüßen, danke nach Basel für diesen und anderen Unfug – kämen einige Institute rasch in turbulentes Fahrwasser. (—> Seite 3)

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14 Kommentare auf "Softe Pleite? Harter Unsinn!"

  1. Merkel in der Nachkauf-Falle…

    Kennen Sie die Nachkauf-Falle? Sie möchten sich Aktien kaufen, sagen wir 100 Stück für 50 Euro, dass wären 5000 Euro für Ihr Investment. Der Kurs entwickelt sich aber nicht so wie gewünscht und fällt. Sie entscheiden …

  2. Aussteiger sagt:

    “Im Falle eines Haircuts um 50% kann also ein Bestand von lediglich €5 Mrd. griechischer Staatsanleihen das EK um ein Viertel schrumpfen lassen. Der Hebel der Bank würde damit in einem Schritt um 30% zulegen. Damit würde es nicht für das Halten der anderen Assets ausreichen, so dass entweder Assets abgestoßen werden müssten…”

    Dieses Szenario könnte dann einen sog. deflationären Schock auslösen, oder? In diesem Fall würden alle Assets, auch EM kurzfristig extrem im Preis fallen. Cash wäre dann King.

    Was ich nicht verstehe: welche Auswirkung hätte dieser Schuldenschnitt oder Haircut auf die Währung, konkret auf das Bankguthaben eines Sparers? Es heist immer, dass Schulden spiegelbildlich die Vermögen abbilden. Bei einem griechischen Schuldenerlass sind doch erstmal nur die Halter griechischer Bonds betroffen, oder? Müsste dann die Strategie nicht sein, neben EM (sollte man sowieso haben) Rest im cash um im deflationären Schock einkaufen zu können?
    Viele Fragen, aber vielleicht hat jemand ne Antwort?

    • Marcus sagt:

      Die Frage mit dem “deflationären Schock” stelle ich mir auch die ganze Zeit. Aber ich denke, dafür ist schon zuviel Information darüber bekannt und sicherlich rechnet die Mehrheit sowieso mit einem Haircut – früher oder später. Insgesamt sind die Summen im Falle Griechenland ja noch überschaubar, obwohl es natürlich die Premiere wäre und somit wie bei Lehmann einen Schock auslösen könnte, aber so einfach wiederholt sich die Geschicht nicht. Es wird was passieren, womit keiner rechnet, vielleicht “gar nichts”.

      • Johannes sagt:

        Salve Marcus,

        von einem deflationären Schock redet doch niemand mehr. Alle reden nur noch von Inflation und Hyperinflation. Deflation ist quasi schon gestorben, weil jedes Anzeichen in diese Richtung sofort mit neuem Geld “bekämpft” wird.

        Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein GR- Haircut ähnliche, wenn nicht sogar schlimmere Auswirkungen als Lehmann zur Folge hätte.

        Ich könnte mir schon mal vorstellen, dass z.B. französische Banken, die ja die meisten GR- Anleihen halten sollen, an starkem Vertrauensschwund leiden könnten und somit wieder mal vom Interbankenmarkt ausgeschlossen werden könnten.

        Same procedure as every…. :)

        Was aber noch schwerer wiegen würde, wäre der Vertrauensverlust generell in Staatsanleihen. Ich möchte in einem solchen Fall nicht die Verantwortung in Spanien, Irland oder sonstigem PIIGS haben.

        Ein Massenausverkauf von Staatsanleihen wäre meiner Meinung nach die natürliche Folge.

  3. wolfswurt sagt:

    Der Überblick geht dann verloren, wenn der Mensch von seiner vorzüglichen geistigen Gesundheit überzeugt ist im Gegensatz zum Gesunden, den ständig Zweifel ob der Richtigkeit seiner Entscheidungen plagen.

    Meine Anlageentscheidungen treffe ich auf Grundlage der Gesundheit von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft.

    Von den heutigen Entscheidungsträgern Handlungen auf der Basis gesunder Physis und Psyche zu erwarten, gleicht der Hoffnung von einer 12 jährigen und von BSE befallenen Kuh eine hohe Milchleistung zu erhalten.

  4. Johannes sagt:

    Dazu hat auch einer unserer obersten österreichischen Bänkster seine Meinung geäußert, insbesondere in Hinblick auf die unterschiedlichen Eigenkapitalanforderungen bei Kreditvergaben an Firmen und Euro- Länder.

    Zitat:

    “Ein Beispiel: Eine Firma, die ich seit 100 Jahren kenne, die noch nie einen Verlust gemacht hat und 50 Prozent Eigenkapital hat, möchte jetzt einen Kredit von mir haben. Dann brauche ich als Bank heute zehn Mal so viel Eigenkapital, wie wenn ich eine Anleihe an Griechenland vergebe, wo ich jetzt schon weiß, dass die wenn dann nur über die Steuerzahler zurückgezahlt werden kann”, so Treichl.”

    So wie ich das verstanden habe, prangert er nicht die zu niedrigen Eigenkapitalanforderungen für Staatsanleihen an, sondern die zu hohen für Firmenkredite.

    Ach ja, die Aussage von ihm, dass “Unsere Politiker zu blöd und zu feig sind” hat er mittlerweile wieder abgeschwächt. :)

    Interessant fand ich auch folgende Aussagen von ihm:

    “Eine Deutsche Bank hat eine Bilanzsumme von 2.000 Milliarden und spekuliert mit 1.500.” Na bumm

    und

    “Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird”

    Bei Interesse der ganze Artikel:

    http://derstandard.at/1304551930329/Treichl-Unsere-Politiker-sind-zu-bloed-und-zu-feig

  5. vegaman sagt:

    Hallo,

    also zu aller erst einmal möchte ich betonen, dass ein solcher Artikel in einer solchen Zeit nicht hilfreich ist…

    Grüße

    Am Erkel ;-))

    Aber nun Spaß bei Seite. Beim Lesen des Artikels ist mit ebenfalls das Szenario eines deflationären Schocks durch den Kopf geschossen. Allerdings bin ich mir hier nicht so sicher, ob es wirklich klug ist, Cash im üblichen Sinne zu halten. In einem Deflationsszenario steht am Ende weiterhin der (Geld-)Systemerhalt, somit ist Geld vorhanden, um Waren günstig zu kaufen. In diesem Fall jedoch ist dies zumindest nicht sicher. Ich denke, wir stehen im Sinne der Chaostheorie an einem Punkt, bei dem jeder Wimpernschlag (im wörtlichen Sinne, z.B. bei einer EZB-Pressekonferenz!) zu einem völlig anderen Ergebnis führen kann, mithin wissen wir einfach nicht und können auch nicht wissen, was geschehen wird. Derzeit erscheint mir die beste Beschreibung: “Wir befinden uns in einem (extrem) dynamischen Gleichgewicht”. Die Dynamiken sind – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Schuldenkrise USA, Euro-Krise, Immobilienblase China, Rohstoffhausse/blase, Liquiditätsschwemme, Demokratiebewegung im arabischen Raum, Lybienkrieg. Die möglichen (großen) Szenarien sind Hyperinflation, deflationärer Schock, Systemzusammenbruch in der westlichen Welt, Krieg (in Europa!) , sowie weiterhin mehrere schöne Sommer ohne Sorgen (ja! Bonus!! Party !!!!).
    Die Party haben wir ja derzeit. Der Scheideweg zwischen Hyperinflation und deflationärem Schock wird am Anfang der Schußabfahrt kommen. Aber ob es ein deflationärer Schock bleibt oder ein Systemzusammenbruch wird, das werden wir geneigte Partygänger zwischen Samstag morgen 08.00 und Sonntag 22.00 Uhr erfahren – nur das Wochenende steht noch nicht fest…und dann ist das schöne Geld, das man noch “trocken” gehalten hat, um sich die Straßenzüge in der Nachbarschaft zu kaufen, leider weg – und man muss von vorne anfangen… es sein den man ist … …. Am Erkel!!

    Wie auch immer es kommen mag – man wird am Ende wahrscheinlich einfach nur glücklich sein, mit dem Leben davon gekommen zu sein (kein Krieg!) und einen Teil seines Vermögens gerettet zu haben, so dass man nicht vollständig bei Null anfangen muss…

    Nun mag der eine oder andere schon die rosa Pillen rausgenommen haben und meine Adresse suchen, auf dass es mir bald wieder besser gehe… aber wenn man es so angeht ist jeder bessere Ausgang ein Grund für Glücksgefühle… expectation management ats its best!

    Grüße

    vegaman

  6. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo zusammen,

    @Aussteiger

    Ja, die Bondholder wären die ersten Betroffenen. Bei den Einlagen greift die entsprechende Einlagensicherung, die, wenn sie staatlich organisiert ist, ebenfalls pleite wäre. Ob sich in der EU noch viele Freiwillige finden würden, die diese Einlagen dann auch noch garantieren? Sehr fraglich.

    Ob der Ausfall Griechenlands gleich einen deflationären Schock auslöst, schwer zu sagen. Es ist ohnehin nicht unser Ansatz, die Abläufe in Ereignisse zu trennen. Medial ist dies leider sehr oft der Fall. Lybien, Revolution hier, Revolution dar, Staatspleite hüben und drüben. Mit Bildern untermalt wirken all diese Dinge wie Ereignisse. Wir betrachten all dies aber als Prozess. Das Warten auf Ereignisse ist ein bisschen, als würde man auf das Überkochen des Milchtopfs warten, während um einen herum die Wohnung abbrennt.

    Nach dem alten Muster erwarten wir einen weiteren Versuch, die Folgen zu kaschieren und die Löcher zu verdecken. Dieser Weg bedeutet eine weitere Grund legende Destabilisierung des Finanzgefüges. Dies resultiert in weiterer aktiv betriebener Senkung der Kaufkraft der eigenen Währung. Wohlstand lässt sich nicht mit Schulden oder gedrucktem Geld schaffen.

    @Johannes

    “Ein Beispiel: Eine Firma, die ich seit 100 Jahren kenne, die noch nie einen Verlust gemacht hat und 50 Prozent Eigenkapital hat, möchte jetzt einen Kredit von mir haben. Dann brauche ich als Bank heute zehn Mal so viel Eigenkapital, wie wenn ich eine Anleihe an Griechenland vergebe, wo ich jetzt schon weiß, dass die wenn dann nur über die Steuerzahler zurückgezahlt werden kann”, so Treichl.”

    Im Prinzip eine treffende Kritik, allerdings denken wir in der Tat, der Hebel muss insgesamt herunter. Mit einer Senkung der Eigenkapitalbelastung in einem Segment werden keine Probleme gelöst. Schon seltsam, wie sehr man sich an den massiven, dauerhaft nicht tragbaren Hebel von Finanzinstituten in der Branche schon gewöhnt hat.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    • Johannes sagt:

      Salve Bankhaus,

      volle Zustimmung meinerseits, was dem Blogwart jetzt wahrscheinlich überraschen wird. *fg*

      Komischerweise ist kein Politiker in seiner Empörung auch nur ansatzweise auf die Hebelproblematik eingegangen.

      Ob dies an der von dem Bankster angesprochenen Blödheit der Politiker gelegen ist, oder einfach an der Tatsache liegt, dass Politiker sich ihre Geldbeschaffung nicht unnötig erschweren wollen, sei mal dahingestellt. ;)

      Gruss und Dank für die immer interessanten Beiträge

      Johannes

    • Aussteiger sagt:

      @Bankhaus Rott:

      “Nach dem alten Muster erwarten wir einen weiteren Versuch, die Folgen zu kaschieren und die Löcher zu verdecken.”

      Einverstanden! Ein Ausfall der griechischen Bonds kann vielleicht getragen werden. Das bedeutet fresh money und damit weiter Kaufkraftverlust. Erstmal schlecht fürs eigene cash. Aber wie gehts nach Griechenland weiter? Weitere mögliche Ausfälle anderer Staaten müssen irgendwann bei den Banken, Versicherungen etc. abgeschrieben werden. Dann sollte Druck auf die Aktienmärkte kommen, weil Banken ihr EK aufstocken wollen. Oder jemand kauft den Bondschrott auf. However, wie lange kann unser Geldsystem mit seiner exponentiell wachsenden Geldmenge bestehen? Nicht ewig, aber ein Gläubigerverzicht führt wiederum zur Senkung der vorhandenen Geldmenge, bedeutet Vermögensverlust für Sparer in LVn oder Anleihenhalter. So kann es weitergehen, kontrollierter Schuldenabbau. Nicht zu vergessen die vielen schwarzen Schwäne, die heute noch keiner auf der Agenda hat. Ich war immer ein Gegner von der unendlichen Diversifizierungstheorie im Anlagemanagement, bin eher der Meinung, sich auf wenige Anlageklassen zu konzentrieren. Ich bin einfach gestrickt und halte neben Grund und Boden nur EM und cash in verschiedenen Währungen. der Rest ist mir zu kompliziert. Kracht die Währung, rettet mich hoffentlich das EM, wissen tue ich das natürlich nicht.
      Bleibt abschließend nur das Gefühl, in Zeiten massiver Veränderungen zu leben. Ob die alle gut sind, werden wir sehen.

  7. Bankhaus Rott sagt:

    @vegaman

    Ohhjeh – Das stimmt! Zum Glück war der Artikel alternativlos ;)
    Mit dem Pamphlet ist es schon schlimm, aber wie wäre es nur gewesen, wenn wir nicht zu diesem letzten aller Mittel gegriffen hätten!

    :)

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  8. Softe Pleite? Harter Unsinn! sagt:

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