Sofort aufhören!

11. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) EZB-Milliarden kontra zerstörerische Erbsenzählerei, darum geht es in diesen Tagen. Mein Gott, ich bin so wütend! Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass das in den Medien so genüsslich breitgetretene, angebliche Ende der Welt gegen Ende dieses Jahres tatsächlich stattfindet…

…aber nicht durch Naturkatastrophen, sondern durch eine Eskalation menschlicher Dummheit ausgelöst wird. Dieser Irrsinn muss jetzt schnell enden!

An den Börsen ringen die ab Ende Februar kräftig verstärkten Milliarden der EZB, in beliebiger Verfügung europäischer Banken, gegen die langsam doch (endlich!) um sich greifende Erkenntnis, dass die Erbsenzähler in den Chefpositionen der EU dieses mit so viel Optimismus, Engagement (und Blauäugigkeit) begonnene Projekt durch ihre Engstirnigkeit, Profilierungssucht und durch den permanenten Seitenblick auf die meist unqualifizierte Meinung des Wahlvolks in Windeseile vernichten … und den Rest der Weltwirtschaft gleich mit in den Abgrund reißen.

Ich hatte schon im Frühjahr 2010, als der ganze Mist losging, gefordert: Entweder, ihr lasst die Griechen sofort aus der Zwangsjacke der EU heraus oder ihr zahlt gefälligst alle zusammen, was zu zahlen ist! So wäre es gegangen. Jetzt geht gar nichts mehr.

Noch am Donnerstagmittag verkündete EZB-Präsident Draghi, dass sich die griechischen Parteien auf die Annahme der Sparvorgaben der Troika aus EU, IWF und EZB geeinigt hätten. Keine 24 Stunden später verkündete der Chef der rechtsgerichteten LAOS-Partei in Griechenland, dass er dieses Sparpaket doch nicht mittragen werde. Und ich bin versucht auszurufen: Bravo! Denn irgendwo ist mal Schluss. Überlegen Sie doch mal: Davon abgesehen, dass die Griechen jetzt die schwärzeste Seite einer Solidargemeinschaft zu spüren bekommen, nämlich dass diese „Solidarität“ im Falle einer Krise zu einem Diktat in Bereichen ureigenster, nationaler Souveränität führt, zerstören diese Vorgaben jede Chance auf eine Stabilisierung der im freien Fall befindlichen griechischen Wirtschaft.

Wenngleich jetzt – wenn auch viel zu spät – immer mehr Stimmen zu hören sind, die fordern, dass die irrwitzigen, kontraproduktiven Sparvorgaben sofort von konkreten Maßnahmen zur Stimulierung des Wachstums der griechischen Wirtschaft abzulösen sind, so wird doch niemand ernsthaft reagieren. Denn das würde noch mehr Geld kosten (völlig logisch) und erst in mehreren Jahren Erfolge zeitigen, während man sich jetzt mit der lächerlichen, kurzfristigen Erfolgsperspektive eines reduzierten Haushaltsdefizits brüsten kann. Der kurzfristige Erfolg steht meilenweit über Gesundung eines EU-Mitgliedslandes.

Und wenn dieser eine Parteiführer nun hingeht und mitteilt, dass die Grenze überschritten ist … wenn die griechische Polizeigewerkschaft darauf hinweist, dass sie aufgrund des Handelns der Troika diese jederzeit verhaften könnte … dann ist das in meinen Augen nichts anderes als Notwehr. Es geht hier um die Freigabe eines zweiten Hilfspaketes von 130 Milliarden Euro. Und dies wird momentan verweigert, weil man sich bei einem Paket von 3,1 Milliarden Euro an Einsparungen im griechischen Haushalt bei einem Teilaspekt in der Größenordnung von ca. zehn Prozent nicht einigen konnte. Wegen 325 Millionen (also ein Witz), die bei den griechischen Rentnern gekürzt werden sollen, will man 130 Milliarden zurückbehalten? Offensichtlich sind hier einige nicht ganz dicht.

Und wenn ich mir überlege, dass man mit aller Gewalt verhindern will, dass Griechenland aus der Eurozone ausscheidet, weil man „Domino-Effekte“ befürchtet, haut es mich förmlich vom Hocker. Glaubt denn irgendjemand, dass das die Haushaltslage in Italien, Spanien oder Portugal noch mehr verschärfen könnte als es momentan der Fall ist? Dass irgendjemand bei einem Ausscheiden Griechenlands das „Vertrauen in die Eurozone“ verliert? Ist denn noch irgendjemand auf dieser weiten Welt, der nicht erst gestern vom Rübenlaster gefallen ist, tatsächlich imstande, angesichts dieser lächerlichen Aktivitäten der letzten zwei Jahre der EU zu vertrauen? Was tun diese Menschen da?

Das Treffen der Euro-Finanzminister am Donnerstagabend ging dadurch ohne Ergebnis zu Ende. Man verschiebt die Freigabe des nächsten Hilfspaketes erneut. Als ob es dazu eine Alternative gäbe! Wie kann man aber so verquer denken, dass man Forderungen stellt, die in der Relation zur Gesamtproblematik winzig sind, aber so viel Unheil in der griechischen Bevölkerung anrichten? Es gibt schon lange keinen sozialen Frieden mehr dort. Und die Menschen, die dort auf die Straße gehen, haben alles Recht auf ihrer Seite. Letzten Endes wurde die Misswirtschaft doch über Jahre von der EU selbst geduldet, indem sie beide Augen absichtlich zudrückte. Und jetzt sollen die einfachen Menschen dafür büßen, was die Politik in Griechenland und der Europäischen Union über Jahre verbockt hat?


Eine Arbeitslosenrate von fast 21 % im November in Griechenland, von fast 50 % bei den jugendlichen Arbeitnehmern zwischen 15 und 24, kleine Selbstständige und Rentner unter dem Existenzminimum, eine Flucht ausländischer Investoren aus Griechenland, eine Abwanderung des Kapitals der Reichen, einer rapide Schrumpfung der Wirtschaftsleistung, ja das haben diese Maßnahmen hinbekommen. Chapeau!

Und von wegen Domino-Effekt: Ein zweites Hilfspaket für Portugal scheint unausweichlich. Da die internationale Spekulation sich massiv auf dieses nächste Opfer einschießt, ohnehin. Italien und Spanien waren ebenfalls Kandidaten für die Intensivstation und wurden kurzfristig durch gezielte positive Propaganda und massive Anleihestützungen durch die Europäische Zentralbank vom Tropf genommen. Aber dennoch sind sie die nächsten, denn die strukturellen Probleme in diesen Ländern sind dieselben wie in Griechenland. Was also sollen diese albernen Maßnahmen? Was soll diese Erbsenzählerei? Geh doch endlich hin, gebt diesen Ländern ihrer Währungen zurück, nachdem ihnen das Überleben durch einen massiven Schuldenschnitt im Vorfeld ermöglicht wurde und hört auf, diesen Staaten durch kontraproduktive Sparmaßnahmen jede Chance auf eine Stabilisierung zu nehmen!

Aber da ist ja noch der Wille des Volkes. Gerade an diesem Freitag wurde das Ergebnis einer Umfrage des ZDF-Politbarometers veröffentlicht. Demnach zweifeln 66 % der Bundesbürger am Sparwillen der Griechen. Das muss man sich mal vorstellen! Wie würden Sie eigentlich reagieren, wenn man Ihnen ihre Pension oder Rente kürzt, wenn man Ihnen das Gehalt zusammenstreicht, wenn man die Mindestlöhne um 20 % kürzt, wenn man Sie als Staatsbediensteter nach Jahrzehnten der Arbeit entlässt, wenn man die Sozialausgaben und Infrastruktur-Investitionen gegen Null fährt und die Preise gleichzeitig steigen? Wie viel mehr sollen diese Menschen denn noch sparen?

Aber hier sitzt man auf einem hohen Ross, hier kann man aus der Gemütlichkeit eines beheizten Wohnzimmers heraus den Daumen über ein Land senken, das letzten Endes nur so vor sich hin gewurstelt hat, wie es das die Jahrzehnte zuvor auch getan hat. Das den Fehler gemacht hat, den Verlockungen der Eurozone zu erliegen. Doch wer hat denn dieses Land aus Großmannssucht, ebenso wie andere, eigentlich für dieses Projekt nicht geeignete Staaten, aufgenommen? Das waren wir, die Deutschen, wie Franzosen, die anderen Länder der „Euro-Kernzone“, die in meinen Augen, wie schon 2010 orakelt, am Ende kommen wird, weil sie kommen muss. Und jetzt kommen zwei von drei befragten Bundesbürgern daher und Zweifeln am Sparwillen der Griechen? Gut, wenn man die Frage wörtlich nimmt, würde ich das auch bejahen. Natürlich wollen sie nicht sparen, denn das beschneidet ihre eigene wirtschaftliche Situation massiv. Würden Sie das denn „wollen“?

Aber sie tun es, sie setzen es mit aller Gewalt durch … trotz der Gewalt auf den Straßen, trotz der Generalstreiks, trotz der Verelendung breiter Bevölkerungsschichten dort. Ich sage, dass das ein Fehler ist! Sofort aufhören mit diesem Wahnsinn, sonst werden diejenigen, die die Bevölkerung wirklich noch vertreten (aber vor allem die, die es nur vorgeben, die „falschen Propheten“), nicht nur in Griechenland, sondern auch in anderen Ländern Wege finden, dieses Treiben zu stoppen. Und das kann in niemandes Interesse sein!


Aber an der Börse, da ist’s lustig, an der Börse, da ist’s schön. Denn wenngleich es am Freitag zu relativ deutlichen Verkäufen kam, als klar wurde, dass die angebliche Einigung auf das Sparpaket wackelt, der Schuldenschnitt (natürlich) immer noch nicht über die Bühne ist und die Euro-Finanzminister sich selbst vertagten, so haben wir doch einen Kursniveau, das dieser Problematik in keiner Weise entspricht.

Ja, der Witz ist doch, dass es ausgerechnet in Europa, wo jetzt die Heide brennt, deutlich stärker bergauf ging als in den USA oder in Asien! Warum? Weil die europäische Zentralbank im Dezember eine halbe Billion Euro unter die Banken gestreut hat und dies bis Ende Februar noch einmal tun wird.

Und als man das Gerücht hörte, dass es sich bei dieser nächsten Taschengeld-Verteilung nicht um eine halbe Billion, sondern womöglich um das zwei- oder dreifache handeln könnte, gingen die Kurse durch die Decke. Weil die Medien vielleicht, im strikten Gehorsam, nicht thematisieren, wohin dieses zur freien Verfügung ausgegebene, billige Geld wandert. Aber jeder einigermaßen erfahrener Anleger sieht, dass es nicht nur in die Anleihemärkte, sondern auch in Aktien und Rohstoffe hineingeht.

Die Börsen klettern eine Leiter empor, die schon seit mindestens fünf Stufen keine Sprossen mehr hat. Die Schere zwischen der Realität der europäischen Wirtschaft einerseits und dem Bewertungsniveau der Aktienmärkte in Europa andererseits weitet sich so sehr, dass es am Ende mit einer Korrektur nicht mehr getan sein wird.

Ich weiß nicht, was der Auslöser sein wird, um die natürliche Schwerkraft wieder in Kraft zu setzen. Aber dass es so kommen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unausweichlich. Ich habe in den vergangenen Marktkommentaren ja angeführt, dass diese Versorgung mit Gratisgeld die Börsen wirklich lange oben halten und noch höher treiben kann. Aber nur, wenn hinsichtlich der EU-Krise ein schöner Schein gewahrt werden kann. Und genau dieser scheint mir gerade in diesen Tagen von der EU  abzufallen wie Lack von einem rostigen Tanker. Und eines darf man nicht vergessen:

Wenn die Banken Teile dieses Geldes in die Börsen pumpen, während sie auf der anderen Seite die Ausleihungen untereinander immer noch nicht wieder auf das normale Niveau zurückführen und die Bedingungen für die Kreditvergabe verschärfen, dann tun sie es ja nur, weil sie die Risiken für überschaubar halten. Sollte sich das ändern – und ich habe den Eindruck, dass dieser Prozess langsam beginnt -, werden sie dieses Geld blitzschnell aus Aktien und Rohstoffen wieder abziehen. Und dann werden diejenigen, die hier bedingungslos auf Hausse gesetzt haben, ihr blaues Wunder erleben! Gute Nacht, Europa!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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