Fauler Zauber

13. Januar 2011 | Kategorie: Aufgelesen

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ So formulierte einst Hermann Hesse. Dies freilich bezieht sich nur auf einen echten Neuanfang. Der routiniert herbei geböllerte Jahreswechsel kann sich da eher nicht qualifizieren. Wenn der Rausch der Silvesternacht in den Kater des Neujahrsmorgens mündet, bekommen wir doch ein recht gutes Gefühl für Kontinuität und für Kausalitäten, die an der Jahresgrenze eben nicht Halt machen. Der erhoffte Zauber des Neuanfangs erweist sich spätestens dann als fauler Zauber, wenn all die guten Vorsätze schon in der ersten Januarwoche purzeln wie die Dominosteine.

Dabei ist gerade die Börse eine Veranstaltung, die den Zauber des Neuanfangs wie kaum eine zweite für sich in Anspruch nehmen kann. Die dahinter stehenden Gründe sind allerdings ziemlich profan. „Window Dressing“ etwa, also jenes Aufhübschen der Portfolios zum Jahresultimo, ist eine der Ursachen, warum an der Jahresgrenze kräftige Trends mitunter ziemlich abrupt enden. Der passionierte Window Dresser möchte der verehrten Kundschaft in seiner Fondsbilanz natürlich gerne die Gewinner des Jahres zeigen, während die Verlierer ebendort besser nicht mehr herumliegen sollen. Folglich werden die Erstgenannten gehalten bzw. zugekauft, während man die Kellerkinder abstößt. Nach dem Stichtag fallen die Motive für derlei Kosmetik schlagartig weg und die entsprechenden Aktionen bleiben aus. Manch einer entdeckt in den weit gelaufenen Kursen dann eine gute antizyklische Kauf- oder Verkaufschance und handelt entsprechend. Natürlich wird aber auch ein solches Phänomen antizipiert, denn nicht jeder hat Kunden, für die er sich herausputzen muss. Da aber ansonsten der Jahreswechsel eben kein echter Neuanfang ist, können wir uns auch nicht auf Hesses Konsequenz verlassen:

„…der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Das beherrschende Thema des Jahres 2010, die Schuldenkrise, wird uns also auch 2011 fest im Griff haben: Das Jahr 2010 hat gezeigt, dass Gesetze, Beschränkungen und selbst die Verfassung in die zweite Reihe treten müssen, wenn Politik „gestalten“ will. Die schiere Größe der Maßnahmen, die rasche Abfolge und das ständige Aufflackern neuer Brandherde zeigen aber vor allem eines: Hilflosigkeit. Wo das Wissen um ökonomische Zusammenhänge fehlt oder mutwillig außer Acht gelassen wird, lassen auch außergewöhnliche Maßnahmen keinen Erfolg erwarten. Die Politik ist offenbar unheilbar an der fixen Idee erkrankt, den Markt überlisten zu können. Die Vorgänge um den Euro dürfen als augenfälligste Symptome dieser Krankheit gelten. Seit über zehn Jahren hören wir von offizieller Seite gebetsmühlenartig, wie gut dieses Konstrukt Deutschland doch tue und wie sehr wir davon profitierten. Da könnte man schon ketzerisch fragen, ob die Menschen das nach so vielen Jahren nicht auch selbst, also ohne unablässig herab rieselnde Propaganda merken könnten?! In ihrer Neujahrsansprache versuchte etwa die Kanzlerin uns den Euro als „Grundlage unseres Wohlstandes“ schmackhaft zu machen, so als ob Deutschland bis zu dessen Einführung ein Entwicklungsland gewesen sei. Als Börsianer wissen Sie natürlich um den Informationsgehalt von Regierungspropaganda und Festtagsreden – er entspricht ihrem Unterhaltungswert, nämlich Null. Aufhorchen sollte man dagegen, wenn sich ein Insider, wie der langjährige EU-Kommissar Günter Verheugen einmal in Rage redet und das Folgende aus ihm heraussprudelt:

„Wir sollten bitte nicht vergessen, dieses ganze Projekt europäische Einheit, ist wegen Deutschland notwendig geworden. Es geht immer dabei [darum] Deutschland einzubinden, damit es nicht zur Gefahr wird für andere.“

Hoppla. Danke, für die deutlichen Worte. Nicht Währung, Wirtschaft oder Wohlstand sind also die Themen, sondern allein Politik. Für Sie, liebe Leser, ist dieses kleine Schlaglicht vielleicht ein weiterer Ansporn, die Entwicklungen, Verlautbarungen und Meldungen auch des neuen Jahres stets zu hinterfragen. Ihnen helfen und Sie beschützen – und damit schließt sich der Kreis zu Hermann Hesse – werden weder Regierung noch Opposition, das können nur Sie selbst. Wir hoffen Ihnen dabei auch im neuen Jahr 2011 wiederum brauchbare Anregungen und Denkanstöße zu liefern, wie etwa in unserem „Kapitalmarktausblick 2011“, den sie in der aktuellen Printausgabe des Smart Investor (1/2011) finden. Dort zeigen wir nochmals die von uns erwarteten zukünftigen Entwicklungen auf und stellen sie in den Kontext der von uns vertretenen Crack-up-Boom-Theorie.

Wir lassen unsere Leser also nicht im Ungewissen, sondern „betreuen“ sie weiter und gehen ständig auf unsere Grundthese ein und klopfen sie auf Stichhaltigkeit ab. Und so viel lässt sich an dieser Stelle schon sagen: Es gibt nichts an der CuB-These zu revidieren, ganz im Gegenteil: Mit jeder neu verstrichenen Woche wird es immer offensichtlicher (auch für die bisherigen Zweifler), dass wir damit richtig liegen.

via Smart Investor Smart Investor Weekly.

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2 Kommentare auf "Fauler Zauber"

  1. rolandus sagt:

    Diese Magazin ist ja mittlerweile so gut wie die ganze (Hell-)Meyerei ,-) Auf diesem Wege dem Smart Investor ebenso ein Frohes neues Jahr. Immerhin haben ja auch manche Briefträger (oder Nachbarn???) an den Super Titelseiten erkannt, dass es kein gewöhnliches Magazin ist 😉
    Schön Gruß ins Ried und nach München … rolandus

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