Sir, mehr Eigenkapital, Sir!

14. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Die Zusammenhänge zwischen Bankensektor und der Lage der Privathaushalte wird derzeit selten thematisiert. Eher ist von Pleitestaaten die Rede, Geld drucken wird salonfähig und martialisch wird über Währungskriege schwadroniert. Nun macht es der gefühlte, leider nur geliehene Wohlstand der letzten Dekaden schwer, sich das Leben auf einem tieferen Lebensstandard vorzustellen…

Die Einschätzung der Lage ist vergleichbar mit einem passionierten Freizeitläufer, der sich Sekunden vor dem schmerzhaften Ermüdungsbruch im Mittelfuß nicht vorstellen kann, am folgenden Tag nicht durch den Park joggen zu können.

Ein Thema das erstaunlich selten in den Fokus rückt,  ist das Ausmaß des Eigenkapitalmangels der Banken. Selbst der Blick auf wenige Datenreihen fördert Erstaunliches zu Tage. Die Verschuldung der Privathaushalte ist in der selbsternannten „modernen Konsumwirtschaft“ ein wichtiger Faktor. Nehmen die privaten Konsumenten Kredite auf und kaufen damit  Immobilien, Autos oder Socken bei Wal-Mart so konsumieren sie heute um später zu bezahlen. Der Effekt ist nicht mehr Konsum sondern eine andere zeitliche Verteilung des Konsums. Nebenbei bemerkt führt dies zu Kapitalfehlallokation in anderen Sektoren. Die Kapazitäten, die für die Produktion geschaffen werden, haben ein Ausmaß, dass deutlich über jedem nachhaltigen Niveau liegt. Daher kommt die immer noch schwache Kapazitätsauslastung in vielen Ländern vor dem Hintergrund rückläufiger Kreditaufnahme des privaten Sektors wenig überraschend. In einem Szenario des Deleveraging davon auszugehen, die Auslastung bestehender Produktionskapazitäten hochfahren zu können, ist naiv. Diese Hoffnung ist vergleichbar mit der Annahme, einige Länder könnten ihre Exporte senken, ohne dass die Exporteure dies spüren.

Das Enthebeln, der Abbau von Krediten, hat auch im privaten Sektor Fahrt aufgenommen. Die anhaltend schwache wirtschaftliche Entwicklung in den USA und anderen großen Wirtschaftsräumen deutet auf eine dauerhafte Tendenz zum Nettoabbau der ausstehenden Kredite des Privatsektors hin. Dies geschieht leider nur zum Teil über Rückzahlungen. Auch Kreditausfälle sorgen für eine Schrumpfung des aggregierten Nominals. Der aktuelle Report der New York Fed weist den Anteil der Kredite säumiger Kreditnehmer mit beachtlichen 10% des Gesamtvolumens aus. Knapp vier Prozent sind bereits ernsthaft von einem Ausfall bedroht, beim Rest steht die Zinszahlung seit 30, 90 oder ganzen einhundertzwanzig Tagen aus.

„Na und?“, mag der eine oder andere denken. Wie so oft macht die Dosis das Gift und die beeindruckende Gesamtsumme der Schulden der Privathaushalte fordert ihren Tribut. Die folgende Grafik zeigt die ausstehenden Schulden der Privathaushalte, ihre Zusammensetzung und Entwicklung.

Die kleine Zahl oben auf dem letzten Balken wirkt unscheinbar und sagt bescheiden „11,4“. Das bedeutet, allein die Privathaushalte in den Staaten stehen mit $11.400 Mrd. in der Kreide. Mehr als 70% sind immer noch Hypotheken – angesichts des Hauspreiskollapses kein gutes Zeichen – aber auch Autokredite sind mit $684 Mrd. nicht von Pappe. Die Verschuldung der Privaten ist trotz begonnener Schrumpfung noch mehr als doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. (Seite 2)

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6 Kommentare auf "Sir, mehr Eigenkapital, Sir!"

  1. crunchy sagt:

    Moin, klare Worte.
    Mich würde mal interessieren, wie hoch der
    Prozentsatz der durchschnittlichen
    Pauschalwertberichtigung ist.
    Diese sollte nach obigen Zahlen nicht unter
    4% liegen.
    Wette, er liegt bei der Hälfte!

  2. MH sagt:

    Wieder mal ein hervorragend recherchierter und informativer Bericht. Sehr aufschlussreich!

    Der Bericht zeigt einmal mehr sehr deutlich, welche Versäumnisse sich die US-Politik in den letzten drei Jahren geleistet hat. Keine strukturellen Änderungen weit und breit, nirgendwo. Fazit: Geld weg, Zeit weg – nur die Schulden sind noch da.

    Der einzige Erfolg, den Obama im Moment noch für sich verbuchen kann, ist die Gesundheitsreform. Sollte diese nach den nächsten Wahlen wieder gekippt werden, steht er völlig mit leeren Händen da. Als einziger Erfolgsposten bliebe dann nur noch Michelles Gemüsegarten – Projekt.

  3. Karl Napp sagt:

    Die Tatsache, dass ein Kredit ausfällt heißt ja noch lange nicht, dass die Bank ihr Geld vollständig verliert. Nach Verwertung der Sicherheiten reduziert sich das aufgezeigte Szenario. Weiterhin ist ein gewisser Ausfall natürlich eingepreist, wobei ich die amerikanischen Verhältnisse nicht kenne. Aber auch dort wird sich die Kalkulation an dem vorhandenen Datenmaterial ausrichten und vieles bereits eingepreist sein. Also alles nicht so dramatisch?

  4. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo zusammen,

    @Karl Napp

    Klar, da haben sie Recht. Dieser Restwert ist die sogenannte recovery, die auch im Artikel Erwähung findet:

    >
    Natürlich ist der Restwert eines ausgefallenen Kredites nicht null, es bleibt meistens ein Rest, eine recovery. In Zeiten massiver Überschuldung fällt dieser verwertbare Rest naturgemäß geringer aus, als man dies aus Zeiten verantwortlicher Kreditvergabe und Kreditaufnahme gewohnt sein mag.
    >

    Wie der letzte Satz schon sagt, normalerweise wird von recoveries im Bereich von 30% oder mehr ausgegangen. Durch die schludrige Kreditvergabe – höflich ausgedrückt – liegen die Werte oft unter 10%. Das ist mal wieder tiefer als die Risikoberechner sich das ausgemalt haben. Von 25% oder 30% wagen viele Kreditgeber nicht mal mehr zu träumen.
    Dazu gesellt sich noch die Unart, den Zeitraum, ab dem ein Kredit als „in Verzug“ gilt, immer weiter aufzuschieben. Einige Banken sind schon bei 270 Tagen angekommen. Bei 269 Tagen ohne gezahlte Rate ist also auf dem Papier dieser Kredit „ok“. Entwarnung daher Fehlanzeige.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

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