Silber: unberechenbares Weißblech

30. November 2010 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Silber macht was es will. Kaum etwas an den Finanzmärkten hält sich so wenig an Charts und springt so wild durch die Gegend wie das „Gold des kleinen Mannes“. Neulich hat es sich trotz aller charttechnischen Unkenrufe bis auf 31 USD/oz hoch geschaukelt. Das war zuviel, sagen etliche Analysten. Ich wäre mir da nicht so sicher…

Haben Sie schon mal mit technischen Analysten über fundamentale Daten diskutiert? Es bringt oft nicht viel, denn man kommt kaum auf keinen Nenner. Sie kennen den Markt fundamental meist nicht, sondern nur den Chart. Wer beides kennt, hatte in den letzten Jahren einen größeren Vorteil. Technisch hat Silber oft das Zeug dazu, Widerstandslinien zu überrennen, Unterstützungen eindrucksvoll zu brechen und Charttechniker zum Staunen zu bringen. Das ist eindrucksvoll, wenn sie die Erklärungen dafür nachreichen. Die meisten Analysten wissen auch nichts davon, dass bei komischen Bewegungen vorwiegend nachmittags etwas „nachgeholfen“ wird. Die Behauptung stammt inzwischen nicht mehr aus der Küche der Verschwörungstheorie, sondern kann als bekannt vorausgesetzt werden.

Noch unterhaltsamer wird es aber, wenn die Experten mit Prognosen daher kommen, die von technischer Analyse mindestens so wenig Ahnung haben wie vom Markt, es aber ihre Aufgabe ist, Produkte auf die Metalle zu verkaufen. Quintessenz: Geht es rauf, braucht man dieses, geht es runter, braucht man jenes. Aber sie wissen nicht, wohin es geht. Die Experten haben aber für jeden Fall das richtige Instrument in der Tasche, wie der Schamane das Gift und das Gegengift. Wie tröstlich.

Taugen im Silbermarkt die Charts für Prognosen? Jein. Einerseits geben die reinen Linien oft falsche Signale, andererseits lässt sich mit Indikatoren recht gut abschätzen, wie die Preise einzuschätzen sind. Oft auch stellen die dicken Jungs mit dickem Geld böse Fallen. Vielleicht sind genau deshalb die charttechnischen Prognosen wenig zielführend, weil es sich nicht nur um einen durch wenig Geld leicht zu beeinflussenden Mini-Markt handelt, sondern dieser auch noch politischem Interesse ausgesetzt ist. Wer sich an reinen Charts orientiert und das Ganze mit Optionsscheinen und anderem finanziellen Spielzeug handelt, ist seinen Einsatz schnell los. Besser ist es, man bedient sich aller zur Verfügung stehenden Quellen und würzt alles mit gesundem Menschenverstand nach, sofern überhaupt vorhanden.

Weitere Blasen-Beweise…

In seinem Silberbrief schrieb Thorsten Schulte am Wochenende dass die im Metallhandel stark tätige Bayrische Landesbank davon ausgeht, dass der deutsche Markt in diesem Jahr rund 600 Tonnen Anlagesilber kauft – und 160 Tonnen Gold. Den Marktanteil der privaten Händler schätzt die Bank auf 35 Prozent.

600 Tonnen Silber sehen auf den ersten Blick ungeheuer viel aus. Ein Kilogramm Silber kostet im Schnitt 800 Euro. Demzufolge kommt man auf eine Summe von investierten rund 480 Millionen Euro. Pro Bundesbürger entsprechen 600 Tonnen ganzen 7,5 Gramm. In Gold legen die Deutschen rund 5,1 Milliarden Euro an, so die Schätzung der Bayrischen Landesbank. Pro Bundesbürger sind das 64 Euro, was humoristisch veranlagte Menschen als eindeutigen Beweis für eine Blase ausmachen könnten.

Verteilt man diese 600 Tonnen Silber oder auch 600.000 Silberbarren nur auf die 40 Millionen „Beschäftigten“ hierzulande, würde jeder von ihnen eine halbe Unze Silber im Gegenwert von rund 12 Euro kaufen. Beweis Nummer zwei: Eine Blase. Schließlich sind 1,83 Euro pro Monat als Beweis für eine Hysterie hinreichend. Meinen Sie nicht auch?

Da man davon ausgehen kann, dass nur ein Teil der Deutschen Geld für Edelmetalle trotz aller Schlagzeilen über eine Eurokrise übrig haben, bzw. „Bauer Sucht Frau“ interessanter findet, als sich ums eigene Geld zu kümmern, Millionen Haushalte verschuldet bzw. überschuldet sind, ist es vielleicht nur ein Teil von einer Million Leute, denen der Begriff „Unze“ überhaupt etwas sagt.

Zuviel Geld…

Aus den Berichten der Bundesbank geht hervor, dass die Deutschen ein Vermögen von 4,8 Billionen Euro angesammelt haben. Dass dieses Geld nicht gleichmäßig verteilt ist, versteht sich von selbst. Doch Moment! Am Jahresende wird es wieder Artikel mit der Behauptung geben, dass jeder Deutsche im Schnitt 58.500 Euro auf der hohen Kante hat. Kein Wunder, dass man dann gleich daneben von „Anlagenotstand“ liest. Also ich kenne niemanden, der unter einem derartigen Notstand leidet. Übrigens entsprechen 4,8 Billionen Euro in etwa dem, was die Menschheit an Gold jemals aus der Erde geholt hat. (165.000 Tonnen)

Billige Dinge ziehen weit weniger Interesse auf sich als teure Sachen. Was billig ist, ist nicht wertvoll. Verständlich. Mit steigenden Preisen aber beginnen die Leute, die Sache anders zu sehen. Ob Tulpenzwiebeln, Internet – Eisenbahn oder Telefon-Aktien: Je teurer etwas wird, desto mehr steigt das Interesse. Der Rest ist bekannt. Zu vermuten wäre, dass dies auch auf Silber zutreffen könnte. Aber noch nicht jetzt. So wurde vor wenigen Jahren noch Silber preislich wie Dreck gehandelt. Seit sich aber der Unzenpreis von acht Euro im Jahr 2004 auf jetzt 24 Euro verdreifacht hat, steht der bleiche Bruder des Goldes öfters in der Zeitung. Zudem spricht es sich herum, dass man das weiße Zeug aus industriellen Anwendungen nicht mehr wegdenken kann. Auf einmal findet man Silber auch als Investment viel interessanter. Und jeder hat es ja bekanntlich gesagt…

Die als „Eurokrise“ getarnte Überschuldungskrise zieht durch Europa wie eine ansteckende Krankheit durchs Mittelalter. Dabei fände diese Seuche auch in den USA und Japan genügend Opfer, wenn sie wollte. Die Suche nach Sicherheit in unsicheren Zeiten trug ein Übriges dazu bei, Papier in etwas zu tauschen, was nahezu unvergänglich ist und liftete die Preise für die Metalle in die Höhe. Was als „europäische Krankheit“ derzeit in den Zeitungen steht, wird sich, wenn es erkannt ist, auf die USA und auch Japan ausdehnen. Wenn auch dort eine Flucht in Sachwerte einsetzt, denn die Schuldberge lassen sich beim besten Willen und trotz teurer Bekundungen nicht mehr abtragen, wird es interessant.

Viele Dinge brauchen etwas Zeit. So taugt inzwischen das Argument, dass Edelmetalle keine Zinsen bringen, heute als Lacher. Auch das Argument, Gold und Silber nicht essen zu können, hat irgendwie ausgedient angesichts der Überlegungen, dass Papiergeld und Klimpergeld nur als schwer bekömmlich einzuschätzen wären. Dennoch… Die wenigsten besitzen echtes Silber. Es gibt einen Grund, es nicht physisch zu besitzen: Es macht etwas Mühe… Der schnelle Handel mit Silberbarren und -münzen ist zudem wenig lukrativ. Durch ein paar Klicks beim Onlinebroker ist man auch mit dabei und muss nicht mal einen Händler ausfindig machen, ihn aufsuchen und dann Aufgelder auf den reinen Silberpreis zu entrichten neben dieser blöden Mehrwertsteuer, die Münzen und vor allem Barren erheblich verteuert. Und brechen dann irgendwelche Charts, bekommt man das Silber auch so schnell nicht wieder los.

Mit Köpfchen und Hintern

Genau das war in den letzten Jahren das Gute, dass man im wahrsten Sinne des Wortes darauf sitzen geblieben ist. Vielleicht kennen Sie den alten Börsenspruch, dass man an der Börse große Gewinne immer mit dem Hintern macht, nicht mit dem Klicken.

Mit Silberpreisen zu spielen, ist aber eine nette Angelegenheit, wenn man ein paar Münzen oder Barren in der Hinterhand hat. Bei eng gesetzten Knockout-Scheinen gibt es sogar einige hundert Prozent, wenn in die richtige Richtung geht und es die Scheine (Wertpapiere) nicht blitzartig an den Barrieren zerschmettert. Ist ja nur Spielgeld, sagen Profis. Ich weiß nicht… Ist es nicht dumm, mit Geld zu spielen? Meistens hat man dafür hart arbeiten müssen und auf Konsum verzichtet. Doch es scheint viele Dummköpfe zu geben, die sich unbedingt von ihrem Geld trennen wollen.

Wer in den letzten Jahren bei Kurseinbrüchen immer etwas, ein paar Münzen hier, ein paar Kleinigkeiten dort oder einen Sparplan mit ein paar Euronen konsequent umgesetzt hat, sitzt nun auf einem kleinen weißen Berg, der in den letzten Monaten erst so richtig wertvoll geworden ist. Und eine Versicherung hat man auch noch – ganz ohne Prämienzahlungen bei Versicherungsunternehmen.

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