Silber: 10-Jahres-Rekordwert bei den COT-Daten

1. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Peter Boehringer) Silberbugs mussten 2011 unterm Strich eine geringfügige Negativ-Rendite hinnehmen, was zwar eine Outperformance des Dax (-15%) bedeutet – jedoch die Silberbullen nicht zufriedenstellen wird (Gold + 13% in 2011). Aber zum Jahresende soll hier einmal auf einen sehr wichtigen Aspekt der relativen Underperformance von Silber seit dem kurzfristigen Übertreibungshoch im April (> 45 $/oz) hingewiesen werden…

Die COT-Daten zeigen regelmäßig die Positionierungen wichtiger Marktteilnehmer-Gruppen am Comex-Future Handel mit Papiersilber auf. Papiersilber ist zwar langfristig nicht entscheidend für die absoluten Preise von Silber. Wegen der quantitativ gewaltigen Dominanz von Papier-Silber (Handelsvolumen etwa 50-100 zu 1 ggü. physisch gehandeltem Silber!) ist die Comex jedoch leider kurz- und mittelfristig ein wichtiger Preisbestimmungsfaktor.

Bitte an dieser Stelle keine Zuschriften à la „Die Comex ist doch kein Papiersilbermarkt – schließlich kann das Silber hinter den Kontrakten jederzeit ausgeliefert werden.“
=> Geschenkt: das ist theoretisch richtig – in der Auslieferungspraxis ist die Comex aber zu 99% eine Papiersilberbörse, dh es wird nur höchst selten Metall geliefert, sondern stattdessen Kontrakte fast immer weitergerollt oder ein Settlement gegen Geld durchgeführt.

Wie auch immer: Die Comex und die dortigen COT-Daten werden erfahrungsgemäß immer dann für Analysten interessant, wenn die dort ausgewiesenen Positionierungszahlen Extremwerte erreichen. Und pünktlich zum Jahresende 2011 haben die sogenannten „Commercials“ mit nur noch minus 14.132 Kontrakten einen seit mehr als 10 Jahren nicht mehr gesehenen Niedrigstand erreicht. :!: Seit genau Dezember 2001 war diese Gruppe der professionellen Hedger nie mehr derart gering short in Silber positioniert wie aktuell. Und dabei sollte man noch hinzufügen, dass die COT-Daten der Woche per Dienstagabend erhoben wurden (27.12.; Silberpreis stand da bei ca. 28,7 $/oz) – vermutlich ist der Wert der COT-Position der „Commercials“ beim letzten Abverkauf von Silber auf knapp über 26 $/oz am 28. und 29. Dezember dann nochmals weiter in Richtung minus 10.000 Kontrakte abgefallen. Die Commercials haben also aktuell ein klares 10-Jahres-Minimum bei ihren Short-Positionen erreicht. Im Dezember 2001 stand der Silberpreis übrigens bei ca. 4,30 $/oz; er wurde seitdem nie wieder unterschritten – wir sprechen somit aktuell von einer COT-Positionierung der Commercials, die im gesamten 10-jährigen Silber-Bullenmarkt nicht wieder gesehen wurde, weil sie seitdem immer per Trendumkehr bei gleichzeitigem Preisanstieg von Silber verhindert wurde.

Nun ist die Interpretation der COT-Daten eine Wissenschaft für sich und kann auch die Makroanalyse („Deflatorische Finanzkrise in 1H2012 oder doch eher QE3 und umfassende Monetisierungen durch die Zentralbanken?“) sowie die klassische Fundamentalanalyse des physischen Silbermarktes keinesfalls ersetzen. Aber solche Rekord-Werte der COT-Daten sind schon einen Blick wert. Zitieren wir daher zunächst „Mr. COT“ Alexander Hirsekorn vom Wellenreiter, auf dessen kommenden beiden Montagsanalysen zu den COT-Jahresenddaten 2011 bzw. den Jahresanfangsdaten 2012 ich selbst gespannt bin (hier erhältlich):

Schon vor Jahren sagte Hirsekorn einmal, dass „bei den Rohstoffen die Commercials in Bullmärkten fast immer short, in Bärmärkten fast immer long“ seien. Er hat das damals 2005 für seine Abonnenten anhand von Gold auch belegt. Diese Grafik *) sieht bei Silber seit mindestens 1997 sehr ähnlich aus – dies nicht nur bis 2005, sondern bis heute, Ende 2011.

Wer aber sind die „Commercials“, dass man ihnen als COT-Analyst Bedeutung beimessen müsste? Auf den ersten Blick sieht es ja nicht gerade nach „Weisheit“ aus, wenn eine Gruppierung in Bärenmarkt-Phasen tendenziell meist long in einem Rohstoff ist – und in einem Bullenmarkt meist short:?: Nun – das liegt zunächst daran, dass die Commercials an der Comex meist die reaktive Partei sind – also die Gruppierung, die bei Positionseröffnungs-Wünschen der Spekulantengruppen die Gegenseite einnimmt. Ohne diese Gegenseite gäbe es oftmals keinen Future-Handel – und ohne Handel keine Comex. Trotzdem haben die Commercials natürlich auch ein eigenes Handels-Interesse. Vielfach sind es produzierende Minen, die zB ihre künftige Produktion absichern wollen; zum Teil sind es auch anderweitig Gold oder Silber haltende Parteien, die ihre Bestände gegen Preisverfall absichern wollen. Vor diesem Hintergrund war es eben entgegen dem ersten Anschein nicht „dumm“, dass die Commercials von 2001 bis heute über 10 Jahre lang immer short in einem steigenden Markt waren.

Was aber war in den Neunzigern und noch bis 2001? Wie konnte eine Marktgruppe mit zT durchaus vorhandenem Insiderwissen aus dem Minenbetrieb heraus über Jahre long in einem Markt sein, der ständig gefallen ist? Nun – ein genauer Blick auf den Silberpreis deutet die Antwort an: Dieser ist schon ab 1995 kaum noch gefallen – faktisch pendelte er seit 1995 und noch bis 2003 meist zwischen 4 und 6 $/oz. Dies in einem Umfeld, in dem viele Silber- und Goldminen praktisch pleite, eingemottet oder schwer im Überlebenskampf waren. Wir ersparen uns an dieser Stelle längere Ausführungen zur Manipulation. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass seit etwa 1993/95 und ganz sicher noch bis 2001/03 [zT bis heute] die Metallpreise auf völlig unnatürliche Niveaus bis zu den Tiefs von 2001 bei 250 $(oz (Gold) bzw. 4 $/oz (Silber) gedrückt worden waren!

Man kann den im Futuremarkt dabei chronisch long positionierten Minenbetreibern daher keine „Dummheit“ unterstellen, wenn sie über volle 6 Jahre (1995 bis 2001) verzweifelt auf ein Ende der unnatürlich heruntergeprügelten Edelmetallkurse spekuliert haben: sie wussten einfach um die Kosten-Zustände an ihrer Minenfront – und warteten seit etwa 1995 verzweifelt auf höhere Metallpreise, die ihre Betriebe operativ endlich wieder profitabel machen sollten. Dank der unerbittlichen Manipulation, die offenbar von den Minen-CEOs jahrelang nicht erkannt wurde und zT von ihnen bis heute aus Karrieregründen nicht öffentlich zugegeben werden darf, setzten sich die fundamentalen Kostendaten erst ab 2001/3 in Form überfälliger höherer Preise durch. (weiter zur aktuellen Lage)

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4 Kommentare auf "Silber: 10-Jahres-Rekordwert bei den COT-Daten"

  1. mfabian sagt:

    … „bei den Rohstoffen die Commercials in Bullmärkten fast immer short, in Bärmärkten fast immer long“

    Auf den ersten Blick ist es wirklich unlogisch, dass die Commercials immer „falsch“ liegen. Aber aus Sicht der Commercials macht das durchaus Sinn.
    Am besten vielleicht an einem einfachen Beispiel zu erklären, wenn wir als Asset=Kartoffeln nehmen und als Commercials=Bauern:

    Der Bauer produziert und verkauft Kartoffeln. Er ist als per Definition „Short in Kartoffeln“.
    Und wann ist der Bauer bereit, mehr Kartoffeln zu verkaufen? Richtig: Wenn die Kartoffelpreise hoch sind.

    Je höher also die Kartoffelpreise steigen, um so eher ist der Bauer bereit, Kartoffeln zu verkaufen. Notfalls sogar die Ernte des nächsten Jahren, wenn der Kartoffel-Preis seiner Meinung nach *zu* hoch ist!
    Und wir sollten dabei immer berücksichtigen: Keiner kann die zukünftige Entwicklung des Kartoffelpreises so gut abschätzen wie ein Bauer!

    Im Gegenzug: Was könnte einen Bauern dazu veranlassen, Kartoffeln zu horten? Also nicht nur seine Ernte nicht zu verkaufen sondern sogar Kartoffeln auf dem freien Markt hinzuzukaufen?
    Richtig: Kartoffelpreise, die *zu* niedrig sind. So niedrig also, dass sie fast nicht anders können als steigen.

    Deshalb bin ich auch mit dieser Aussage nicht einverstanden:

    und wer zugleich gerne Kurven stupide extrapoliert und so die aktuelle Tendenz der COT-Positionierungen in den LONG-Bereich fortschreibt, der muss konsequenterweise zum Schluss kommen, dass der 10-jährige Bullenmarkt in Silber nun beendet ist – und dass die Commercials nunmehr –analog zu 1995ff– wieder dauerhaft long im Markt sein werden und wir einen langen Bärenmarkt erleben werden.

    Im Gegenteil! Wenn die Bauern(Comms) Kartoffeln(Silber) kaufen, obschon sie selbst mehr von dem Zeugs produzieren als sie selbst verbrauchen können, ist das ein untrügliches Zeichen für einen zu niedrigen Preis!
    Was dann genau darauf hinaus läuft:

    „Wenn die Commercials also demnächst doch einmal temporär netto-long in Silber gehen, dann wäre das m.E. durchaus kalkuliertes und durchdachtes Negativ-Hedging.“

    Also: „Negativ-Hedging“ (warum nur fallen mir nie so eloquente Worte ein?) bedeutet: Die Produzenten kaufen ihre eigenen Produkte und nehmen sie vom Markt, weil sie wissen, dass der Preis zu niedrig ist und steigen wird.

    • Frank Meyer sagt:

      Was passiert aber, wenn die Bauern ihr Angebot ausweiten, weil sich Kartoffeln lohnen? Und die Flächen mit Kartoffeln bestellt werden?

      • samy sagt:

        Hi,
        und hier sollte man sich dem guten alten Schweinezyklus zuwenden:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Schweinezyklus. Auch der Cobweb hilft weiter http://de.wikipedia.org/wiki/Cobweb.
        Ich bezweifel aber stark,dass sich die Erkenntnisse aus der Landwirtschaft (nachwachsender Rohstoff und relativ schnell ausweitbares Angebot) mit Silber vergleichen lassen (endliches und nur mühsam ausweitbares Angebot).
        Lebensmittel können langfristig nur knapp werden bei einer Überbevölkerung oder irgendeiner Naturkatastrophe, also wenn Boden knapp würde. Aber endliche Rohstoffe werden immer knapper und steigen im Preis, bis Technologien erfunden werden, die diese ersetzen.

        Sehen wir uns doch einmal das Rohöl an. Es gibt Berichte, wonach die Ölschaichs dazu neigen ihr Öl im Boden zu lassen, gerade weil es knapp und teuer ist! Und nun? Wie passt das zu eurem Beispiel? Da hätte MFabian eher recht. Am Ende könnten EM-Minen sogar verstaatlicht und die Metalle gehortet werden, gerade weil die Preise steigen. Auch dann kann das Angebot nicht beliebig erweitert werden.

        VG

  2. Silber: 10-Jahres-Rekordwert bei den COT-Daten | Goldfestung – Blog sagt:

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