Signale fürs Anlegervolk

31. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Selbst in der geistigen Mangelwirtschaft sind die Ausreden der Finanzauguren im Überschuss vorhanden. Denn sicher ist nur eines: Auf die größte anzunehmende Sicherheit folgt stets die größte anzunehmende Überraschung. Zum Glück wissen hinterher meistens alle wieder bescheid…

 

Seit geraumer Zeit schleppen sich die Aktienmärkte diesseits und jenseits des Atlantik in einer breiten Seitwärtsphase dahin. Wie auf einem Segelschiff, dass seit Monaten von einer Flaute gepeinigt dahindümpelt breitet sich auch an Deck der MS Börsania langsam aber sicher ein fauliger Geruch aus. Die ersten faulen Eier, sprich die absehbaren „Überraschungen“ wie der Einbruch der Rohstoffaktien (siehe u.a. „Elender Schweinezyklus„) und die Probleme am High Yield Markt (siehe „High Yield – Nachdenken nicht vergessen“), sind bereits gefunden worden. Und schon erwachen unschöne Erinnerungen an die Jahre 2006 und 2007 zu neuem Leben.

Seinerzeit irrten weite Teile der Finanzwelt durch den Supermarkt der überteuerten Kreditderivate, akzeptierten munter niedrigste Risikoprämien bei Unternehmensanleihen und hielten den Aktienmarkt für eine Art Voyager-Sonde auf ihrem Jahrhunderte andauernden Weg in ein neues Sonnensystem der ewig sprudelnden Erträge. Das war, wie bereits einige Jahre zuvor der Hype um wertlose Internet-Aktiengesellschaften (von Unternehmen mögen wir bei vielen der teils leeren Hüllen nicht sprechen), ein teurer Irrtum.

Das eine Mal war es der US-Immobilienmarkt, der nie mehr fallen konnte und damit niedrigste Risikoprämien zu rechtfertigen schien. Zur Jahrtausendwende war es Nonsens.com . Viele Anleger preisten bizarre Einnahmepotentiale bei allen möglichen Internet-Aktiengesellschaften ein. Nachdem in der alten Welt nur jeder Chinese eine neue Bratpfanne kaufen sollte, sollten die Asiaten dies nun online gleich bei jedem der neuen Unternehmen tun. Eine gewagte und wie sich rasch herausstellte falsche Annahme.

Das breitgetretene Thema der derzeitigen Hausse, die Ausrede warum man nur kaufen darf, ist das Experiment der Zentralbanken. Die Zinsen seien tief, deshalb gäbe es keine Alternative zu Aktien. Die Akzeptanz der ökonomischen Nutzlosigkeit des Unterfangens sowie die systematische Zerlegung des Banken- und Versicherungssektors mit allen Folgen für die existierenden Kapitalanlagen spielt in diesen naiven Überlegungen offenbar keine Rolle.

Nun haben wir keine generellen Einwände gegen eine Anlage in Aktien. Die Begründung, dass man diese Papiere kaufen müsse, weil andere sehr niedrig rentierten, ist jedoch von beängstigender Schlichtheit und zudem von einer bemerkenswerten Vergesslichkeit geprägt. Die Zentralbanken und deren Eingriffe sind bekanntlich nicht erst infolge des Debakels 2008 und 2009 erfunden worden. Auch der Greenspan-Put und der Bernanke-Put verbreiteten einst viel Hoffnung auf das Ausbleiben eines Kursrückgangs. Diese Puts waren allerdings weit aus dem Geld, so dass es zweimal eine Halbierung oder Deftigeres zu verdauen gab. Hoffnung ist ein schlechter Ratgeber und 2,3% Dividende sind nicht mehr als eine unauffällige Bewegung einer Aktie.

Hier ein paar Charts, die natürlich nicht von der Festtagsstimmung an der handvoll noch positiver Aktienindizes ablenken sollen. Einfach schnell löschen nach dem Lesen. Die Auswahl haben wir zielsicher und zufallsbestimmt aus dem Indexordner gezogen.

LatAm

latam

Middle East & Africa

me africa

Kuwait

kuwait

Italien

mibtel

Spanien

ibex

Natürlich hält auch diese Aktie zu jeder Zeit irgendein Glückspilz. Aber was solls, langfristig läuft die Maschine. Wie hieißt es schön. Buy and hold funktioniert prima wenn man ewig lebt!

Die Warnzeichen nehmen weiter zu. Neben den bekannten hohen mittleren Bewertung vieler Aktienmärkte kommen folgende wachsende Hürden hinzu: 

Anziehende Zinsen in den USA. Damit ist nicht das schaumschlägerische Mikro-Management am kurzen Laufzeitende gemeint sondern der Anstieg der Zinsen am langen Ende. So markierten die Zinsen für 10-jährige US-Treasuries bereits 2012 ihren Tiefpunkt.

Ausweitung der Risikoprämien und sinkende Liquidität bei Unternehmensanleihen. Seit mehr als einem Jahr steigen die Risikoprämien in den USA und den Schwellenländern. Zum einen wirkt sich die langsam ans Debile grenzende Fusionswelle und die sich oft deutlich verschlechternden Kapitalstrukturen auf das Interesse der Anleihekäufer aus. Zum anderen ist wohl bald auch dem trägsten Beobachter der Märkte klar, woher das Geld der meisten Firmen für Aktienrückkäufe stammt: Aus neuen Schulden. Das kann gut sein, wenn man ein funktionierendes Geschäftsmodell, eine niedrige Bewertung und stabile Cash Flows aufweist. Das ist allerdings nur bei einem geringen Anteil der Aktienrückkäufer der Fall. Die Gegenbewegung, das Platzieren neuer Aktien und damit der nächste Verwässerungszyklus, dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Wer wissen möchte, wie so etwas aussieht muss nur auf die Banken in den Jahren nach 2009 (das sogenannte Loch Bless-Syndrom) oder auf die aktuelle Entwicklung der Rohstofftitel zu schauen. Viel Spaß bei der Suche nach frischem Eigenkapital.

Weitere Schwierigkeiten ergeben sich aus der enorm hohen Bewertung der US-Aktien, die mal wieder auf Hoffnung und nicht auf Daten beruht. Das kann eine Weile gut gehen, ewig funktioniert es natürlich nicht. Wenn eine historisch sehr hohe Bewertung mit deutlich überhöhten Margen zusammenkommt, ergeben sich interessante Korrekturziele, die dem einen oder anderen die Schuhe ausziehen dürften. Natürlich kann sich die Überbewertung auch in einer zehnjährigen Seitwärtsphase normalisieren, die Frage ist, wie wahrscheinlich so ein Szenario ist.

An Ausreden und Begründungen warum man eigentlich immer das Gleiche tun sollte herrscht wie eingangs erwähnt jedoch kein Mangel. Der Mensch ist kreativ wenn es ums Recht haben geht. Besonders putzig ist immer wieder eines der albernsten Argumente. Es kommt unter dem Deckmantel der „Rotation“ (Rotations-Irrsinn) oder dem „Cash an der Seitenlinie“ daher. Das faszinierende an diesem dürren Strohhalm, an dem sich auch institutionelle Anleger gerne festhalten, ist, wie leicht es als Unfug zu enttarnen ist und wie wenig dies die Freunde dieses Arguments beeindruckt.

Jede Wertpapier wird zu jeder Zeit von einem Anleger gehalten. Das gilt für Anleihen, Aktien, Gold und alles was man so ins Depot oder in den Tresor legen kann. Verkauft der eine Anleger seine Aktie erhält er Geld. Der andere zahlt und erhält die Aktie. Käufer können aggressiver bieten und höhere Preise bezahlen. Sie können auch zurückhaltend bieten und niedrige Preise bieten. Auf das sogenannte „Cash an der Seitenlinie“ ist das irrelevant. Zahlen sie 101 Euro für die Zabadak-Aktie erhält der Verkäufer 101. Zahlen Sie 99, erhält er 99. Das Cash wechselt lediglich die Seitenlinie.

Nun ist dies derart simpel, dass es natürlich jeder weiß. Daher wird im Nachgang auf Fragen, wie denn das mit der Rotation gemeint sein könnte, sogleich relativiert, man habe das doch anders gemeint. Wie man es gemeint haben könnte, bleibt allerdings ungeklärt. Sicher aus Zeitmangel.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung einiger Aktienindizes. Die letzte Spalte haben wir eingefügt, sie zeigt das Verhältnis der Kursbewegung des letzten Monats im Verhältnis zur gesamten Veränderung des letzten Jahres. Oft ist die Bewegung des Monats größer als die des gesamten Jahres. Das darf man ruhig als Gegenmittel gegen die 365 Tage andauernde mediale Interpretation jeglicher Kurszuckung und der entsprechenden Auswertung der kosmischen Begleitumstände verwenden. Warum gibt es eigentlich keine Windeln für den Fernseher? Mal bei der GEZ nachfragen.

1

Auf der Liste der akuten Probleme für die Anlagemärkte stehen derzeit neben den anziehenden Zinsen in den Staaten, steigenden Risikoprämien bei Unternehmenspapieren, eine deutlich nachlassende Marktbreite am US-Aktienmarkt und das Stolpern so mancher Favoriten. Dazu gesellen sich dahinsiechende Finanzierungskanäle an den High-Yield-Märkten sowie die langsam ans Licht tretenden Auswirkungen der Probleme der Zulieferer der Bergbaufirmen. Danach sind die Banken und Anleihegläubiger an der Reihe, die die Folgen der irrsinnigen Expansion zahlreicher Firmen in Form einer zunehmenden Anzahl notleidender Kredite in den Büchern haben.

Derzeit setzt sich ungeachtet davon, welcher Index sich noch ans positive Ufer gerettet hat und welcher es auf den letzten Metern des Jahres nicht geschafft hat, der Weg der finanziellen Seuche durch die Sektoren fort. Das Verschließen der Augen hilft in diesem Fall nicht weiter. Das Verschließen der Geldbörse und die Vermeidung allzu leichtfertiger Investments hingegen ist oft eine schlaue Idee. Außer nervenden Schwankungen am Rande des Niemandslandes hat ein sparsam investierter Anleger an vielen breiten Aktienmärkten nicht viel verpasst. Die großen Chancen kommen erst noch. Sonderangebote gibt es nicht zu Weihnachten.

 

Schlagworte: , , , , , ,

6 Kommentare auf "Signale fürs Anlegervolk"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Alle Achtung!!!
    Wie kann man nur mit so wenig Worten, soviel Wahrheit schreiben???

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  2. bluestar sagt:

    Klasse Artikel !!!
    Diese Qualität der präzisen Analyse, der Sachkenntnisse und Erläuterungen von Zusammenhängen ist einfach immer wieder umwerfend.
    Herzlichen Dank an das Bankhaus, ich wünsche einen guten Jahreswechsel und für 2016 Gesundheit, Glück und Zufriedenheit.

    LG aus Sachsen

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo H.J. Weber und bluestar,

    vielen Dank!

    Ihnen und der gesamten Leserschaft wünschen wir ein gutes Jahr 2016!

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  4. Incamas SrL sagt:

    Die Frage ist doch, ob man in diesen Zeiten des Umbruchs von Staat, Währung, Gesellschaft nicht ganz vom Kapitalmarkt der Eurozone wegbleiben sollte. Im Lauf der Geschichte gab es häufiger Staatsbankrotte, Währungsreformen und Sonderbelastungen. Auch wenn es niemand hören möchte, es wäre mal wieder an der Zeit !!

  5. Avantgarde sagt:

    Ich will dem Artikel keineswegs widersprechen – das Problem ist schon existent.
    Nur stellt sich halt auch immer die Frage nach den Alternativen.
    Mir würde es gruseln wenn es Euro zerreißt: dann verdampft das Kreditgeld entweder zum Teil oder wird in Lira, Peseten, Drachmen…. zurückbezahlt. Auch Euro-Bargeld könnte wertlos werden.
    Und von der sog. Realwirtschaft mal noch gar nicht zu reden…..

    Was bleibt?
    US-Dollar als Bargeld, US-Anleihen, Edelmetalle(ob hier der Fall vielleicht nicht noch weiter geht)?
    Franken, Yuan, Yen als Bargeld oder Anleihen?
    oder nicht doch ein paar Aktien?
    Tja….

  6. Fritz Iv sagt:

    Interessant und giftig geschrieben.
    Dass die Cashbestände lediglich die Konten wechseln, erscheint mir allerdings nicht ganz richtig. Die Investitionsneigung kann a) durchaus sinken – dann hat der Verkäufer zwar statt Aktien plötzlich Geld im Vermögensbestand, das ist aber eben nicht für Aktienkäufe mehr vorgesehen. b) kann das Geld für etwas anderes verausgabt werden, z.B. für Konsumzwecke.
    Interessant ist aber selten, was Kleinanleger tun, sondern was die Instis tun. Die haben gelegentlich strategisch vorgegebene Quoten, unter die ein Aktienanteil im Vermögen nicht fallen darf. Und sie stehen oft unter massivem Renditedruck, z.B. Pensionsfonds. Die brauchen unter Umständen schon ca. 1 % Rendite für den Betrieb ihrer Büros. Und müssen die Inflation schlagen.
    Wie auch immer, es gibt neben den Investitionsneigungen auch Investitionszwänge, und die großen Verlierer wären, im Fall des Fallens, die gezwungenen Investoren. Sieht man schön an den Long-Only-Aktienfonds, die es ja in Crashphasen immer doppelt erwischt – zu den Kursverlusten kommen die Rückverkäufe der Anteile hinzu. Bei ETF’s geht das ja dann im Sekundentakt wie bei Aktien.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.