Sie haben uns alle in der Hand!

29. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Die Aktien sind momentan nicht nur günstig. Nein, sie sind „spottbillig“. Das bekamen wir gestern mal wieder von einem Analysten zu hören. Denn nicht nur das Kurs/Gewinn-Verhältnis sei momentan hervorragend, nein, auch die Alternativen am Anleihemarkt machen ob der extrem niedrigen Renditen keinen Stich gegen den Aktienmarkt. Frohlocket, ihr Anleger. Dax 10.000 und höher, wir kommen. Oder?

Ganz ehrlich … das ist zumindest nicht ausgeschlossen. Aber es kann auch ganz anders kommen! Aber so richtig anders. Denn es gibt ja durchaus einen triftigen Grund, weshalb die Aktien nicht ungehemmt nach oben laufen. Und das ist keineswegs der berechtigte Einwand, dass diese billigen KGVs auf Basis zukünftiger, hochgerechneter Gewinne kommender Jahre berechnet werden, die es ja erst einmal zu erwirtschaften gälte. Und es liegt auch nicht daran, dass die Weltwirtschaft insgesamt ins Stottern geraten ist, angeführt von Europa, das den Rest mit nach unten zieht und eine wirkliche Stabilisierung der Rezession in den schwachen EU-Staaten trotz aller Beteuerungen noch nicht in Sicht ist. Denn die meisten großen Unternehmen können auf Kosten der kleineren, die aber meist nicht börsennotiert sind (und wenn doch, kein nennenswertes Gewicht in den Indizes haben), weiter zulegen.

Ebenso wenig ist es die Angst vor dem zuletzt beschriebenen „Münchhausen-Phänomen“, bei dem durch das Optimismus-Dauerfeuer der Politiker und Analysten bei vielen Bürgern nun wirklich der Eindruck entstanden ist, dass die Krise nun im Griff sei. Natürlich könnten sich die Anleger der Fragilität und Kurzlebigkeit solcher Konsumschübe gewärtig werden und lieber die Finger von den Aktien lassen. Aber die meisten erkennen diese Gefahr genauso wenig wie den Umstand, dass das billige Geld, das angeblich die Rettung brachte, die Ursachen der Krise nur zudeckt … und diese Ursachen in keiner Weise angepackt werden, ebenso, wie man dies 2008/09 versäumte.

Denn viele haben, wie üblich, wenn die Lage kritisch wird, den – oft sogar unbewussten – Drang, jedwede negativen Aspekte einfach zu verdrängen, um sich im Stil des Biedermeier 2.0 nur um ihren eigenen Kram zu kümmern und darüber hinaus einfach zu hoffen bzw. zu fordern, dass alles gefälligst so bleibt, wie es war. Aber:

Es gibt auch noch die anderen. Einmal diejenigen, die in diesem Billionen-Wust an Krediten, Rettungsschirmen und Kommentar-Flutwellen nach den zahllosen Krisengipfeln einfach nicht mehr durchblicken, was „die da oben“ eigentlich so treiben. Die halten sich momentan natürlich lieber raus. Und es gibt eine wachsende Zahl an potentiellen Anlegern, die sich von Aktien und Rohstoffen zurückziehen, eben weil sie verstehen, dass hier etwas vorgeht, was nicht „ganz echt“ ist. Eine Scharade, um das „Zahlvolk“ ruhig zu stellen. Diese letztere Gruppe ist entweder trotzdem in Anleihen investiert, ganz außen vor … oder gar verbissen Short. Letzteres allerdings zu ihrem permanenten Schaden.

Es ist natürlich auch eine Frage der Psychologie. Es ist wichtig, dass die Versuche, die Probleme des in seinen Fundamenten längst nicht mehr sanierbaren Kartenhauses mit billigem Geld zu übertünchen, die Bürger beruhigen. Damit sie weiter konsumieren, damit sie vor allem weiter investieren. Aber selbst, wenn dies diesmal nicht allzu erfolgreich ist, so können die Börsen doch sukzessive weiter zulegen, solange die Großbanken weiterhin mit billigem Geld versorgt werden. Wenn die normalen Anleger nicht mehr recht mitziehen, der Zufluss neuen Geldes in Fonds, Lebensversicherungen, Hedge Funds etc. geringer wird, dann traden die Banken im Eigenhandel die Börsen eben fast alleine immer höher. Und die Skeptiker ärgern sich grün.

Das kann dann so weitergehen, wenn all diejenigen, die seit Monaten aufgrund der im Prinzip ja völlig richtigen Zweifel nicht dabei sind, die Nerven verlieren, auch noch einsteigen und die Kurse so zur Freude derer, die mit „Gratisgeld“ weit tiefer für die Etablierung dieses Aufwärtstrends am Aktienmarkt gesorgt haben, höher treiben. Allerdings würde dann auch die nötige Plattform entstehen, um diesen großen Adressen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Bestände an eben diese verzweifelten Anleger weiterzureichen. Die Aktien würden von den ruhigen in die „zittrigen“ Hände wandern … es würde also eine Distributionsphase entstehen und der Aufwärtstrend so ein natürliches Ende finden. Vorausgesetzt natürlich, dass die Weltwirtschaft nicht bis dahin wieder kräftig wachsen und so den Vorspurung der Aktienmärkte wieder heilen würde. Aber aus heutiger Sicht ist das fraglich. Denn woher sollte dieses Wachstum in einer verfahrenen Lage wie dieser kommen?

Aber das Ganze würde noch viel brenzliger werden, wenn die Anleger realisieren würden, was ich als die mit Abstand größte Bedrohung ansehe: Die Regierungen und Notenbanken haben, während schon das halbe Haus brennt, den Brandstiftern auch noch freien, kostengünstigen Zugang zu Brandbeschleunigern gegeben. Und ihnen mitgeteilt: „Macht damit, was ihr für richtig haltet“. Uff!

Diese Klientel sind einige Großbanken, die sich nach außen in nichts von denjenigen Banken unterscheiden, die nur zusehen, dass sie gut über die Runden kommen, ohne ihre Milliardenprofite einzubüßen. Unter den Großkapitalisten verbergen sich nicht klar identifizierbare Pyromanen … und die könnten jederzeit zuschlagen! Im Klartext:

Die Großbanken liehen sich zuletzt untereinander wieder mal kein Geld mehr. Das führte zu Liquiditätsproblemen, die, hätte man nicht mit billigem Geld um sich geworfen, leicht zu einer Situation wie im Sommer 2008 hätte führen können. „Lehman II“ wurde als Angst-Parole herumgereicht und machte die Notenbanken weich. Nun aber liegt drei Viertel des bei der EZB zu einem Prozent Zins gepumpten Geldes zu einer Verzinsung von 0,25% bei der EZB herum. Dieses Geld macht dadurch sukzessive Verluste … und dementsprechend wird es eingesetzt werden, sobald sich die Banken eine gute Chance ausrechnen, daraus „mehr“ zu machen. Schön, mag man denken, das würde die Kurse doch noch höher treiben. Aber Stopp … das muss nicht sein!

Vergessen wir nicht, dass dieses Geld nicht zweckgebunden ist. Und vergessen wir um Himmels Willen auch nicht, dass diese EU-Krise doch nur entstand, weil irgendwelche große Adressen damals den griechischen Anleihen einen ersten, ebenso massiven wie gezielten Tritt gegeben hatten. Wer auch immer das war, Banken hatten da entweder die Federführung oder zumindest ihre Finger drin. Natürlich war es damals, wie ich in 2010 in mehreren Kolumnen ausbreitete, wahrscheinlich, dass dieser Anstoß, der die Lawine lostrat, aus Asien oder, wahrscheinlicher, aus den USA kam. Denn so wurde ein Europa, das zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Wirtschaftsräume Asien und USA wurde, höchst effektiv zurückgeworfen.

Aber erstens sitzen auch US-Banken auf billigem Geld. Und zweitens sehe ich keinen Grund, warum nicht auch europäische Banken auf die Idee kommen könnten zu zündeln, indem sie gezielt und massiv z.B. in italienischen oder spanischen Anleihen Short gehen und damit eine erneute Panik auszulösen, wenn es so massive Gewinne verspricht und niemand unmittelbar mit dem Finger auf die Brandstifter zeigen kann! Wenn jetzt der nächste Schlag kommt, ist die Weltwirtschaft platt. Und er kann jederzeit kommen, ohne Vorwarnung, wie damals bei Griechenland auch. Fazit:

In ihrer Not haben Regierungen und Notenbanken genau denen, die imstande wären, die mühsame und ohnehin nicht dauerhaft tragfähige Stabilisierung der Krise blitzschnell zu pulverisieren, die dafür nötigen Werkzeuge in die Hand gegeben: Geld ohne Ende. Und das auch noch zur freien Verwendung. Niemand weiß, ob und wo in den Vorstandsetagen bereits ernsthaft darüber nachgedacht wird, diesmal zu den Gewinnern einer neuen Krise zu gehören, indem man als erster zuschlägt. Wir sitzen auf einem Pulverfass … und können nicht einmal sehen, wie weit die Zündschnur bereits abgebrannt ist! Diese Klientel, die in den vergangenen 15 Jahren immer mehr zu „Zündlern“ geworden ist, hat die Börsen, damit die Weltwirtschaft und in letzter Konsequenz uns alle in der Hand!

Wer das realisiert, weiß, dass angeblich niedrige Kurs/Gewinn-Verhältnisse ebenso wenig ein Kaufargument sein können wie niedrige Zinsen. Wer das versteht, erkennt genau, dass zwei Prozent Rendite bei Anleihen … und damit nicht einmal ein Inflationsausgleich … bisweilen besser sein können als ein permanentes Verlustrisiko von 20, 30 oder mehr Prozent bei Aktien. Wer sich dieser Situation bewusst ist, weiß auch, dass, wenn die Kettenreaktion erneut beginnt, auch kein billiges Geld die Börsen mehr halten könnte. Und das Problem ist:

Wäre das Bewusstsein über dieses Risiko weiter verbreitet, würde das „Münchhausen-Phänomen“ von ganz alleine in sich zusammenbrechen, weil Konsum und Investition sofort einem besorgten zusammenraffen von Bargeld oder einer Flucht in alternative Investments weichen würde. Noch steigen die Aktienmärkte weiter, wie sie es trotz dieses Risikos schon seit Monaten tun. Und das kann noch Monate, viele Monate, so weitergehen, wenn der Eigenhandel der Banken weiter aktiv Long bleibt und die heute noch nicht im Markt befindlichen (oder Short investierten) Anleger nachziehen. Aber niemand weiß, wann die Angst zurückkehrt oder eine große Adresse das von den Notenbanken gereichte Zündholz an instabile Anleihemärkte hält. Daher bleibt es bei meiner Warnung:

Momentan gibt es zu einem Mitlaufen mit den intakten Aufwärtstrends, trotz aller Warnsignale eines stagnierenden Rohstoffmarkts oder eines nicht mitziehenden Euro, keine Alternative. Aber man muss permanent auf der Hut sein, denn wenn es wieder losgeht, wird es schnell gehen!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(Homepage von Ronald Gehrt + Testabo auf www.system22.de)


 

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5 Kommentare auf "Sie haben uns alle in der Hand!"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Sehr geehrter Herr Gehrt, wieder einmal eine hervorragende Analyse aus Ihrer Feder! Danke.

    Ein Thema fehlt m.E. aber noch: Welche Möglichkeiten hätten denn Regierungen und Notenbanken, im Falle des Falles den ultimativen Crash zu verhindern? Werden sie nicht aus Verzweiflung die Flucht nach vorn ergreifen und ihr Heil in unbegrenztem Gelddrucken suchen? Werden sie nicht, um die Märkte zu stabilisieren, in großen Stil alle Sorten von Assets aufkaufen, von Aktien, Staatsanleihen bis hin zu Immobilien? Dass geltende Gesetze dem entgegenstehen, dürfte die Verantwortlichen nicht eine Sekunde zögern lassen. Das hat man ja beim Bruch des Lissabonvertrages gesehen.

    Ich frage daher Sie als Fachmann, welche Möglichkeiten im Detail eine skrupellose politische Führung hätte, und ob sie meinen, dass sie damit Erfolg haben könnte.

  2. Holla sagt:

    Was Napoleon schon wusste:

    „Wenn eine Regierung hinsichtlich des Geldes von den Banken abhängt, dann kontrollieren diese und nicht die Führer der Regierung die Situation, da die Hand, die gibt, immer über der Hand steht, die nimmt. Geld hat kein Mutterland; Finanziers verfügen weder über Patriotismus noch Anstand; ihr einziges Ziel ist der Gewinn.“

    (Napoleon Bonaparte)

    noch Fragen ? Ich nicht mehr !

  3. Wollen sagt:

    Das erste Argument gestern für das Kaufen von Aktien war das KGV..,klick Fernseher aus.

    Zitat:“Wenn die normalen Anleger nicht mehr recht mitziehen, der Zufluss neuen Geldes in Fonds, Lebensversicherungen, Hedge Funds etc. geringer wird, dann traden die Banken im Eigenhandel die Börsen eben fast alleine immer höher“.

    Auf die Aussage warte ich ja schon länger;)

  4. Avantgarde sagt:

    „Wer das realisiert, weiß, dass angeblich niedrige Kurs/Gewinn-Verhältnisse ebenso wenig ein Kaufargument sein können wie niedrige Zinsen. Wer das versteht, erkennt genau, dass zwei Prozent Rendite bei Anleihen … und damit nicht einmal ein Inflationsausgleich … bisweilen besser sein können als ein permanentes Verlustrisiko von 20, 30 oder mehr Prozent bei Aktien. Wer sich dieser Situation bewusst ist, weiß auch, dass, wenn die Kettenreaktion erneut beginnt, auch kein billiges Geld die Börsen mehr halten könnte.“

    Eben!
    Aber solche Worte werden wohl wie 2008 in der allgemeinen Inflationshysterie verhallen.
    Bis wir das Experiment mit gleichem Ausgang wiederholt haben.

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