Setzt die EZB den ersten Sargnagel?

7. April 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Börsianer sind Menschen. Und wer sich schon eine Zeit lang auf diesem Planeten herum treibt, weiß, dass die meisten Menschen in der angeblich „zivilisierten Welt“ eigentlich auf die „Couch“ gehören. Kann es dann verwundern, dass die Börsen manchmal absolut dumme Dinge tun … wo sie doch von Menschen „gemacht“ werden?

Mir jedenfalls verschlug es gestern die Sprache, als die Schlagzeile über die Nachrichtenticker lief, dass Portugal doch auf einmal Geld von der EU brauche und um entsprechende Hilfe gebeten habe. Es war zwar noch nicht klar, ob es sich um Bürgschaften oder den unauffälligen Hüpfer unter den Rettungsschirm handeln werde. Aber egal was, man kann wirklich nur in die Knie gehen. Erstens, weil Portugal immerhin monatelang beharrlich verlautbart hatte, dass man die Lage absolut im Griff und daher keinerlei Geld von der EU nötig habe. Zweitens, weil die anderen EU-Mitglieder Portugal zumindest verbal Glauben geschenkt hatten. Entweder, weil sie keine Ahnung von der wirklichen Lage in dem Land hatten, oder aber, weil sie den schönen Schein wahren wollten. Beides wäre eine mittlere Katastrophe. Und natürlich ein weiteres Signal dafür, dass die EU ihre Zerreißprobe eigentlich längst hinter sich hat. Denn sie ist bereits zerrissen, man will es nur nicht zugeben.

Was mich aber verleitet hatte, auf den Knien die nächste Deckung aufzusuchen, ist die Tatsache, dass die Reaktionen beim nachbörslichen DAX, beim Euro, bei den Anleihen oder egal wohin man blickte, präzise Null war! Entweder kann man durch rosa Brillen keine roten Schlagzeilen lesen – oder die meisten Marktteilnehmer haben nicht verstanden, dass es sich hierbei nicht um eine positive Nachricht handelte. Oder, dritte Möglichkeit und in meinen Augen die wahrscheinlichere:

Diese Nachricht war nicht imstande, das „große Ereignis“ am heutigen Donnerstag zu überstrahlen: die heiß ersehnte EZB-Sitzung mit der scheinbar ebenso heiß ersehnten Leitzinserhöhung! Und da wären wir wieder beim Thema „dumm“.

Zinserhöhungen sind nicht schlecht für Aktien …

Natürlich ist die Faustregel, mit der Amateur-Börsianer gerne hausieren gehen, völliger Blödsinn: „Zinserhöhungen sind schlecht für Aktien“. Das ist einfach (grundsätzlich) falsch. Leitzinsen werden erhöht, wenn die Konjunktur zu stark läuft. Das bedeutet zwar grundsätzlich, dass die Preise steigen. Auf der anderen Seite aber, dass die Unternehmensgewinne ebenso kräftig anziehen. Und das ist gut für Aktien. Steigende Zinsen konterkarieren das nicht, solange eine Serie von Zinserhöhungen nicht zu Ende ist. Dann erst, am Hoch der Zinsen, sind Anleihen aufgrund ihrer hohen Rendite selbstverständlich eine scharfe Konkurrenz zu Aktien. Und wenn eine Serie von Zinserhöhungen endet, dann meist deswegen, weil das Wachstum der Konjunktur und damit auch das Wachstum der Unternehmensgewinne stagnieren beginnt. Was nicht gut für Aktien ist. Solange die Zinsen aber noch im Begriff sind, weiter zu steigen, stehen den Anlegern ja in der Zukunft noch höhere Renditen in Aussicht. Und wer zu Beginn einer Serie von Zinserhöhungen kauft, kassiert erst einmal bei seinen Anleihen Kursverluste, da diese sich wegen der gleich bleibenden Zinscoupons durch sinkende Kurse an die steigenden Kapitalmarktzinsen anpassen müssen. Soweit das grundsätzliche Szenario. Aber!

… es sei denn, sie sind nicht angemessen!

In der aktuellen Situation gilt diese grundsätzlich richtige Überlegung in meinen Augen absolut nicht. Diesmal sind Zinserhöhungen wirklich schlecht für die Aktien. Begründung:

Wir haben zwar steigende Preise, denen man gemeinhin mit steigenden Zinsen Herr werden will. Aber diese Inflation rührt diesmal nicht von einem ausreichend starken Wirtschaftswachstum her. Die EZB ist nicht die Deutsche Bundesbank. Sie muss das gesamte Bild innerhalb der EU berücksichtigen. Und gerade das Hilfe–Gejaule aus Portugal sollte ein weiteres Mal deutlich machen, dass viele Mitglieder des Euro-Raumes kein nennenswertes Wachstum haben … und einige schwache Staaten wie Portugal, Griechenland, Irland oder auch Spanien überhaupt keines haben respektive in einer Rezession stecken… (Seite 2)

Homepage von Ronald Gehrt

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2 3 4

Schlagworte: , , , , , ,

2 Kommentare auf "Setzt die EZB den ersten Sargnagel?"

  1. reinhard maringer sagt:

    sie haben mit ihrem bericht in das schwarze getroffen!!
    herzliche grüsse!!
    aus wien!

  2. Hans Meiser sagt:

    Gestern (07.04.11, 20:15 Uhr) hatte ich ein kleines wunderbares Deja-vu Erlebnis. Ich habe mir aus Versehen die Tagesschau angesehen. Und schwupps…. hatte ich es wieder, dieses schaurig wohlige Gefühl einer heilen Welt a la Aktueller Kamera. Mir wurde von leider nicht vermeidbaren Heldentaten des EZB Chefs Trichet berichtet, wie der aktuellen Zinserhöhung, und warum sich die sonst so sehr ängstlichen Deutschen aber auch absolut gar keine Sorgen machen müssen über die wirtschaftliche Zukunft ihres Heimatlandes der EU und schon gar nicht des Euro. Ich habe gelernt, dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit ausgestorben ist, die Löhne permanent steigen, die Arbeitgeber händeringend (wird immer wieder gern genommen) Fachkräfte suchen, die lächerlichen Staatsschulden Deutschlands und Resteuropas ruck zuck durch den zukünftigen Wirtschaftsboom zurück gezahlt werden, und sowieso alles superklasse in Deutschland ist, und noch viel besser wird. Da mir diese Tagesschau nun endgültig die Augen geöffnet hat über die feindlich negative und verlogene Informationspolitik des Internets und die realitätsfeindliche und dekadente Berichterstattung von rottmeyer, cashkurs und Co, werde ich mich in Zukunft nur noch über die unabhängigen Qualitätsmedien des ÖRR und ausgewählte Privatsender in Großkonzernhand informieren. Diese Tagesschau war mein Erweckungserlebnis zur Wahrhaftigkeit. Hallelujah

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.