Selig sind die Unwissenden: Geldfressende Sparscheine

29. Dezember 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Nat Vein

Da Zentralbanken und Regierungen monetär im Surrealismus schwelgen, müssen Anleger und Sparer überall auf der Welt nun lernen, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, in der die Grundprinzipien der Ökonomie bewusst umgekehrt wurden – also jene vernünftigen Prinzipien, die wir noch unseren Kindern beigebracht hatten, als wir ihnen ihr Sparschwein übergaben.

Wahrscheinlich ist das unter den gegebenen Umständen sogar das Beste, denn die Negativzinsen werden wohl so schnell nicht wieder verschwinden. Es scheint, als müssten wir uns für die absehbare Zukunft mit einer neuen Realität anfreunden: Sparschweine, die Geld fressen. Wenn Sie die schlachten, erhalten Sie weniger zurück, als Sie ursprünglich hineingesteckt haben – auch Sparschweine müssen schließlich von etwas leben.

Wettlauf nach unten

Nachdem die EZB den Startschuss für diesen Wettlauf nach unten gegeben hatte, wurde schnell klar, dass die Banken das Meiste zu verlieren haben. Die Aussicht, für ihre Einlagen bestraft zu werden – also eine Gebühr für den Luxus bezahlen zu müssen, ihre Reserven bei der Zentralbank parken zu dürfen –, hat die Bankvorstände nicht gerade erfreut. Und sie schlugen zurück: Es war die Deutsche Bank, die die Klagen gegen die Politik anführte und davor warnte, dass die Zusatzkosten durch Herrn Draghis Idee zwangsläufig an die Kunden weitergegeben würden. Und genau das tat sie. Auch die RBS hat inzwischen begonnen, Firmenkunden für ihre Einlagen zu belasten, die Swiss PostFinance folgte kürzlich.

Damit erreichte der institutionalisierte Wahnsinn neue Höhen und genau jenen Punkt, auf den er die ganze Zeit hindurch unweigerlich zugesteuert ist: Die Negativzinspolitik und das gesamte QE-Durcheinander – ursprünglich dazu bestimmt, den Zugang zu Krediten zu erleichtern und die Kreditkosten zu senken, damit das Geld den Konsum stimulieren kann – schlugen auf eine beschämend vorhersagbare Weise zurück. Anfang August brachte es Marcus Schenck, CFO der Deutschen Bank, in einem Bloomberg-Interview auf den Punkt: „Die bizarre Konsequenz der Negativzinsen ist, dass Bankkunden mehr für Kredite zahlen müssen. Aber es ist die logische Konsequenz in einer Welt, in der man Negativzinsen auf der Einlagenseite nicht wirklich weitergeben kann.“ Damit schloss sich der Kreis. Die Schlange frisst ihren eigenen Schwanz.
Veinoglu

Nat Vein hat Ökonomie mit einem speziellen Fokus auf Medien und Kommunikationswissenschaften studiert. In den letzten sieben Jahren beschäftigte sie sich weltweit (Monaco, Athen, Paris, Brüssel, SChweiz, Panama City und Kiew) mit Privatwirtschaftsdiplomatie sowie mit Kampagnen für Wirtschaftsunternehmen als auch mit Kommunikation für politische und Wohltätigkeitsorganisationen. Heute konzentriert sie sich zusammen mit Roth & Partners auf Kommunikationsstrategie für Vermögensverwaltungen.

Glaubensbasierte Volkswirtschaft

Regierungen sind ziemlich gut darin, eine sich selbst zerstörende Politik zu erschaffen und dann auch noch genau jene Arzneien zu verschreiben, die den Patienten zuverlässig töten. Sie können oder wollen nicht verstehen, dass die Wirtschaft ein lebendiger, komplexer Organismus ist und nicht nur die Summe mechanischer Einzelteile. Aus ihren wenig brillanten Köpfen stammen ausnahmslos jene Anreize, die zu unbeabsichtigten Konsequenzen führen und damit auf geradezu tollpatschige Art genau die Probleme verschlimmern, die zu beheben sie einst voller Zuversicht angetreten waren. Aber der schicksalsträchtigste Fehler betrifft das verantwortungslose Spiel mit der Grundlage unseres Wirtschaftslebens: dem Geld selbst.

Unserem Geldsystem wurde im Jahr 1971 das Herz herausgerissen. Damals entschied Nixon, dass niemand mehr eine knappe Ressource wie Gold zur Deckung eines ansonsten wertlosen Stücks Papier benötige, weil alleine der Glaube die Weltwirtschaft aufrechterhalten könne. Wie sich herausstellte, hatte er recht: Die Leute kauften Häuser, Autos und ironischerweise sogar Gold – im Austausch für verarbeitete Baumleichen mit einem Regierungsstempel darauf.

Das Leben ging weiter und der Kollaps unserer Gesellschaften unter dem Gewicht dieser Absurdität blieb aus. Dann, langsam aber sicher, gingen unsere Finanztransaktionen und die Zahlungsströme der Wirtschaft noch einen Schritt weiter; sie landeten auf elektronischen Bankplattformen. Im Ergebnis sind heute sogar die kleinen Papierstücke bedeutungslos, die uns zunächst zur physischen Unterstützung unseres Glaubens dienten. Wir haben nur noch Einsen, Nullen und unsere Vorstellungskraft.

Wie können wir mit diesem Vorwissen ernsthaft erstaunt darüber sein, wenn unsere „lieben Anführer“ – vor allem die Ungewählten – sich erneut dafür entscheiden, ein paar Gesetze der Ökonomie zu verbiegen und den gesunden Menschenverstand mit Füßen zu treten? Natürlich können wir Negativzinsen, Quantitative Easing und Rettungspakete haben, und natürlich können wir nach Belieben neues Geld herstellen und in die Wirtschaft injizieren. Was sollte uns davon abhalten, hier und da ein paar Nullen hinzuzufügen und so auf magische Weise alle unsere Probleme zu lösen?!

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„Das System funktioniert“?

Als Nixon den US-Dollar vom Gold löste, mangelte es nicht an düsteren Warnungen: „Die Wirtschaft wird zusammenbrechen“, wurde behauptet. „Wenn das Geld wertlos ist, wird das Volk revoltieren“, „Es wird zu Unruhen kommen“, so und so ähnlich wurde voller Pathos orakelt. Nichts davon ist passiert. Hätte man vor zehn Jahren über Negativzinsen gesprochen, hätte jeder gedacht, dass der Himmel über uns einstürzen müsse und es Frösche und Heuschrecken regnen werde. Auch das geschah nicht.

Ja, die Wirtschaft ist verkrüppelt, und ja, sie ist auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen, aber das längst überfällige Ende der Welt ist nicht gekommen. Das Kartenhaus steht noch immer, und viele möchten, dass wir deshalb glauben, dass „das System funktioniert“ – zwar schlecht, asthmatisch und mit unkalkulierbaren Kollateralschäden, aber es funktioniert. Warum es noch nicht zusammengebrochen ist, ist die eigentlich interessante Frage, und für die gibt es eine alternative Erklärung.

Finanzielle Inkompetenz

Auf eine mögliche Erklärung stieß ich vor ein paar Jahren beim abendlichen Smalltalk mit einer Gruppe von oberflächlich betrachtet recht unterschiedlichen Fachleuten, allesamt typische Angehörige dessen, was wir einst als Mittelschicht bezeichnet hatten: ein Arzt für Allgemeinmedizin, ein Immobilienmakler, ein Grundschullehrer. Das Thema drehte sich um Politik und Wirtschaft, und irgendwann hatte ich gegenüber meinen Gesprächspartnern das Fractional-Reserve-Bankingsystem erwähnt.

Ihre Überraschung, dass so etwas überhaupt wahr sein könnte, wurde nur von meiner eigenen in den Schatten gestellt, als ich über deren ungläubiges Staunen selbst noch viel mehr staunte. Dieser Schock veranlasste mich, einige Statistiken und Fakten über die finanzielle Kompetenz und die Rechenfähigkeit in der breiten Bevölkerung nachzuschlagen. Wenn die Leute noch immer denken, dass Bankkredite vollständig aus Bankeinlagen gewährt werden, von welchen anderen Dingen haben sie dann auch noch nie etwas gehört?

Ein globales Wissensdefizit

Wie sich herausstellte, gab es eine ganze Menge von Dingen, von denen sie noch nichts gehört hatten; allesamt übrigens entscheidend für die Existenz der Volkswirtschaft als Ganzes. Ein einschlägiges Beispiel aus den USA: Eine Reuters/Ipsos-Umfrage ergab, dass nur 27% der Erwachsenen des Landes die richtige Definition von Quantitative Easing aus fünf vorgegebenen Antwortmöglichkeiten auswählen konnten.

Na gut, das sind Amerikaner, also jene Menschen, von denen nach einer Erhebung von Pew Research aus dem Jahre 2015 nur 34% wissen, dass sich der Siedepunkt des Wassers mit der Höhenlage ändert. Sicher, wenn es nach dem Klischee geht, sind wir in Europa ja so viel gebildeter, richtig? Falsch.

Eine kürzlich von PWC in zehn EU-Ländern durchgeführte Umfrage führte zu dem erschütternden Ergebnis, dass zwei von drei Befragten „nicht das Gefühl haben, dass sie den Zustand der öffentlichen Finanzen verstehen“ und diesbezügliche Informationen nur „schwer einschätzen“ können. Es scheint also, dass die meisten Europäer die Staatshaushalte ihrer Länder nicht entschlüsseln oder die Finanzpolitik ihrer Regierungen zutreffend bewerten können. Und wie sieht es mit dem Verständnis der persönlichen Finanzen aus? Nach einer weltweiten Studie von Standard & Poor’s zur finanziellen Kompetenz haben 48% der Europäer keinerlei Verständnis für grundlegende finanzielle Konzepte.

Tatsächlich zeigte die gleiche Umfrage, die mehr als 150.000 Personen aus mehr als 140 Ländern umfasste, dass die Lage überall ziemlich düster ist: Weltweit sind zwei Drittel der Erwachsenen finanzielle Analphabeten. Hier ist eine kleine Kostprobe der Art von Fragen, die die Mehrheit der Menschheit nicht richtig beantworten konnte: „Angenommen, Sie haben etwas Geld. Ist es sicherer, Ihr Geld in ein Unternehmen bzw. Investment zu stecken, oder in mehrere Unternehmen bzw. Investments?“ Oder: „Angenommen, Sie müssen 100 USD leihen. Welches ist der niedrigere Rückzahlungsbetrag: 105 USD oder 100 USD plus drei Prozent?“

Was du nicht weißt, kann dir wehtun

Dieses Problem hat ernste und weitreichende Auswirkungen. Erstens schwächt es die finanziellen Analphabeten selbst, da sie nicht in der Lage sind, ihre Zukunft zu planen, oder mit ihrem Geld, ihrer Zeit und ihren Anstrengungen tatsächlich fundierte Entscheidungen zu treffen oder Investitionen vorzunehmen. In der Regel sind Verschuldung, gescheiterte Unternehmen und verschwendetes Talent bzw. Potenzial die Folge. Das Unwissen hält den Teufelskreis aus Ungleichheit und Armut endlos aufrecht.

Allerdings schadet es auch den anderen. In unseren demokratischen Gesellschaften ist die wohl wichtigste Frage, die Wähler zu entscheiden haben, wie die künftige Wirtschaftspolitik ihres Landes aussehen soll. Wahlkampfreden strotzen meist vor irreführenden und übermäßig vereinfachenden Antworten auf die komplexen wirtschaftlichen Probleme.

Sie zielen auf den Massengeschmack und versprechen allgemeinen Wohlstand. Dabei bräuchte es eigentlich nur Grundkenntnisse in Buchführung und im Rechnen, um zu erkennen, dass solche Vorschläge nicht nachhaltig sind und dass es eben keinen Free Lunch gibt. Was aber, wenn dem Durchschnittswähler diese Fähigkeiten fehlen? Nun, dann finden wir plötzlich 64% der Europäer, die das Bedingungslose Grundeinkommen unterstützen und 66% der sogenannten US-Millennials, die für den Sozialismus sind – allerdings können nur 16% von ihnen definieren, was Sozialismus überhaupt sein soll, wie jüngste Umfragen offenbarten.

Fazit

Unter diesen Vorzeichen werden Regierungen und Zentralbanken auch weiterhin eine aggressive Wirtschafts- und Geldpolitik propagieren – egal wie absurd diese ist. Zumindest solange, bis die Menschen die Fähigkeiten und (!) die Bereitschaft haben werden, sie infrage zu stellen. Sogar Hubschraubergeld könnte demnächst buchstäblich aus dem Himmel fallen, solange niemand weiß oder sich dafür interessiert, woher es kommt. Dieses System, gestützt auf unrealistische Versprechungen und angetrieben von Rücksichts- sowie Verantwortungslosigkeit, wird also auch weiterhin unser „Neues Normal“ sein – bis wir damit Schluss machen oder bis es implodiert, Dann macht es mit uns Schluss.
© Nat Vein – Homepage vom Smart Investor

 

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