Selbstbestimmt statt fremdgesteuert

24. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Frank Meyer) Unter „Burn Out“ bezeichnet Wikipedia eine chronische Erschöpfung, das gezielte Duchdrehenlassen der Reifen eines Fahrzeugs oder den Brennschluss einer Raketenstufe. Man sollte hinzufügen, dass Burn Out ein Spiegelbild einer verrückt gewordenen Arbeitswelt geworden ist – die Folge einer menschenfeindlichen Zombieökonomie, aus der man schlecht aussteigen kann…

Ich schreibe diesen Artikel für Andreas, einen Freund, der in einem festen Angestelltenverhältnis seine Brötchen verdient. Als Führungskraft geht es Andreas gut. Am Ende des Monats bleibt etwas übrig, während das private Zeitkonto längst schon im Minus steht. 70 Stunden Wochenarbeit, E-Mails am Feierabend, Reports in der Nacht, ewig klingelnde Telefone, 80.000 Kilometer jährlich auf der Autobahn und Übernachtungen in oft herunter gekommenen Hotels mit verdreckten Betten, da die Übernachtungskosten gedeckelt wurden. Seinem Chef würden Psychologen Sicherheitsverwahrung empfehlen.

„Ich erwarte Lösungslaune“, einer der Lieblingssätze seines Vorgesetzten. „Raus aus der Komfortzone – rein in die Handlungsebene!“ ist seine Tageslosung, die sich wie eine springende Schallplatte durch den Telefonhörer presst. Damit meint er wie viele in seiner Position effektiveres und längeres Arbeiten bei geringsten Kosten und privaten Entbehrungen seiner Mitarbeiter. Hätte er eine Peitsche, er würde sie wohl benutzen.

Nun, was soll man tun als abhängiger Beschäftigter? Sich verweigern? Vielleicht etwas im Kollegenkreis lästern. Mehr nicht. Andreas würde gerne etwas anderes machen. Ihm fehlen eine Idee und wohl auch der Mut zum Aussteigen oder Umsteigen. Er rätselt oft, wie er dieser Tretmühle entfliehen kann, dem verrückt gewordenen Chef und auch den vielen Gollums, seinen ihm untergejubelten Mitarbeitern. Keine Chance?

Der Druck auf dem Arbeitsmarkt treibt giftige Blüten. Burn Out ist nicht nur Modewort sondern längst Realität als Folge eines bedingungslosen Ausbrennens im Alltag. Und immer schön freundlich sein. Nicht dass man will, man muss. Statistisch gesehen trifft Burn Out oder die rapide steigenden psychischen Erkrankungen diejenigen, die gewissenhaft arbeiten und vor allem Leute in Führungspositionen. Schnell mal ausgetauscht, denn für die mittleren Etagen gibt es kostengünstigen Ersatz auf dem Arbeitsmarkt. Jüngere Leute kosten oft nur die Hälfte. Das sind oft diejenigen, die in den Werbeanzeigen der Unternehmen weit motivierter wirken als Andreas noch zeigen kann. Zwei Motivierte, zum Brennen bereite junge Leute ersetzen einen alten Hasen. Mangels Erfahrung gehen sie recht unbedarft an die Sache, bis es auch sie erwischt und sie wiederum, ausgebrannt, durch andere Brennwillige ersetzt werden.

Burn Out und die anderen psychischen Erkrankungen sind Spiegelbilder moderner Sklaverei mit unbezahlten Überstunden, Überlastung, schlechter Bezahlung und Tritten aus der Chefetage – aber auch hochbezahlter Dummheit von unten – als Folge des Scheiterns eines modernen Bildungssystems. (Quelle der Graphik: Statista)

Einfach gehen? Tschüss? Die vermeintliche Sicherheit wäre dahin und auch die monatlichen Beträge auf dem Konto blieben aus. Wovon dann seine Kosten bestreiten? Und die Schulden? Sparsam leben? Aber wie, wenn das Gehalt der nächsten Jahre schon ausgegeben wurde?

Verdrehte Begriffe

Andreas nennt seine Situation selbst „Komfortzone“, in der er sich bewegt. Oder ist es nicht eher eine Angstzone? Sollte er eines Tages diesen Job verlieren, wird er mit Blick von draußen wahrscheinlich auf ein widerliches Gefängnis blicken. Später ist man bekanntlich schlauer. Ausbrechen? Geht nicht! Abhängig. Haus zu bezahlen. Schulden. Überzogenes Konto. Konsum. Gesellschaftszwang.

Natürlich streben die meisten Leute nach Sicherheit und meinen, nur in einem festangestellten Verhältnis bekommen sie diesen „Komfort“. Dann ist es sogar möglich, für das Alter vorzusorgen, indem sie beginnen ihr Geld dafür aus dem Fenster zu werfen und der Hoffnung anheim fallen, später würde alles mal besser – mit 67 – oder im Himmel…

Abhängig beschäftigt bedeutet Abhängigkeit, auch wenn man sich nur um das zu kümmern hat, was auf dem Schreibtisch landet. Jeder Blödsinn muss abgearbeitet und dokumentiert werden. Berge an Verwaltung. Dazu kommen die Launen der Vorsetzten, die selbst unter Druck stehen, weil sie wiederum ihren Chefs rechenschaftspflichtig sind. Dazu freundlich lächeln, selbst bei völlig verpeilten Kunden, vor allem im Dienstleistungsbereich. Der Kunde ist König. Und der Boss der Kaiser.

Zwischen einem „auf den Tisch hauen“ und den Sachen packen, steht die Angst als Ratgeber, wobei die Angststimme nie eine kluge Stimme ist. Zusätzlich muss man Kollegen aushalten, deren grelles Lachen, ihren Körperschweiß und etliche andere Abartigkeiten. Wie schön wäre es doch, diese Leute nie mehr wieder sehen zu müssen. Geht nicht! Abhängig. In der Not kaufen viele Ratgeberbücher, um sich noch besser organisieren und effektiver arbeiten zu können. Heiß geliebt sind auch vom Unternehmen anberaumte Motivationsseminare, wo Unrat und Abfall als Chance umdeklariert werden.

Ach wie schön, wenn regelmäßig das Schmerzensgeld aufs Konto überwiesen wird. Oft ist es so, dass die Ansprüche im Verlauf des Arbeitslebens steigen, wenn das Gehalt steigt und der Druck in der Kasse durch immer höhere Abgaben und Preise größer geworden ist. Arbeitgeber sind auch dazu übergegangen, die Abhängigkeit ihrer Mitarbeiter zu stärken, indem sie gewisse Rituale „empfehlen“ – wie die Finanzierung einer oft zu großen Immobilie. Das bindet die Schäfchen ans Unternehmen. Forderungen stellen sie dann selten. Im Umfeld von Andreas hat das fast jede Führungskraft getan, auch im Irrglauben, ihr Job wäre für die nächsten 20 Jahre sicher. Statistisch gesehen, ist das aber nahezu ausgeschlossen. Erstaunlich, wie freiwillig und ohne Nachdenken heute langlaufende Verpflichtungen im privaten Umfeld eingegangen werden. Ein Massensyndrom…

Aus einer anderen Welt

Es gab immer schon verrückte Chefs und welche, die davon nie etwas mitbekommen haben. Mehr Arbeit, kostenlose Überstunden und diese dämlichen Motivationssprüche auf Denglisch. Das muss man erstmal aushalten. Doch was soll man tun? Andreas schickte mir ein paar der sinnfreien und motivierenden Sprüche, die im Unternehmen umher laufen wie verirrte Buchstaben im Hand Out...

Raus aus der Kuschelhöhle!
Gib Knallgas! (Die Steigerung von „Gas geben“)
Sei der Wind – nicht das Fähnchen!
Schrei den Erfolg herbei!
Nie aufgeben! Aufgeben ist nur was für Raucher!
Raus aus der destruktiven Komfortzone!
Rauf auf die Gewinnerebene!
Lebe konsequentes Erfolgs- und Leistungsmanagement!
Raus aus der Schleife der Ausreden!
Erfolg! Jetzt!

In den Chefetagen wachsen seltsame Kräuter, die man nicht rauchen oder als Tee zu sich nehmen sollte. Drehen wir die Positionen um. Wie sähe es aus, wenn man diesen Irrsinn auf sich persönlich als Lösungsweg unter dem Aspekt größerer persönlicher Freiheit anwenden würde? Mal sehen…

Raus aus der Kuschelhöhle! (Ich bin dann mal weg!)
Gib Knallgas! (Noch schneller weg!)
Sei der Wind – nicht das Fähnchen! (Macht Euern Sturm allein.)
Schrei den Erfolg herbei! (Schrei die Freiheit herbei!)
Nie aufgeben – Aufgeben ist nur was für Raucher. (Euch aufzugeben ist mein Gewinn)
Raus aus der destruktiven Komfortzone! (Deshalb gehe ich. Komfort ist etwas anderes)
Rauf auf die Gewinnerebene! (Ihr dürft Euch dort oben gerne ohne mich drängeln)
Lebe konsequentes Erfolgs- und Leistungsmanagement (Künftig für mich)
Raus aus der Schleife der Ausreden (Das werdet ihr nicht vertragen)
Erfolg! Jetzt! (Deshalb bin ich jetzt weg!)

Und Tschüss!

Einfach aufhören? Würde man verhungern? Erfrieren? Verdursten? Wahrscheinlich nicht. Man würde nur anders leben müssen. Ja. Viel sparsamer. Aber da fehlen Erfahrungen.

Wie kommt man aus der Fessel des Arbeitslebens und seiner eigenen Ängste vor der Zukunft heraus? Indem man Stück für Stück Abhängigkeit begrenzt und auf die Seite der Unabhängigkeit wechselt. In Angestelltenverhältnissen ist Freiheit meist nicht lebbar. Die meisten Selbstständigen oder Freiberufler wollen nie wieder zurück in diese vermeintlich sicheren Angestelltenverhältnisse. Sicherlich ist es einfacher, wenn man im Laufe seines Lebens etwas zurückgelegt hat, und irgendwann einfach geht – nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken kann der Startschuss für ein kleineres, beschaulicheres und wahrscheinlich auch lebenswerteres Leben sein.

Kosten runter… Schulden begleichen… Ballast abwerfen… Sparen… Job wechseln… sich umsehen… Berufliche Standbeine suchen… In sich hinein hören…

Wer wenig zum Leben braucht, hat größere Chancen auf mehr Selbstbestimmung und vor allem persönliche Freiheit. Ein Versuch ist es wert. Und wer sein Hobby zum Beruf macht, arbeitet keine einzige Stunde am Tag.


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar