Seitwärts immer, vorwärts nimmer

27. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer sich die schlafmützige Haltung gegenüber neuen Ideen in der Republik anschaut, dem schwant nichts Gutes für die Zukunft. Das Beharren auf alten Vorgehensweisen von denen man bisher prima leben konnte und das Festhalten an vermeintlicher Sicherheit führt zu sinkender Robustheit gegenüber raschen Veränderungen. Zum Kippen braucht es oft nicht einmal einen schwarzen Schwan…

Viele Gremien mögen manchem ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, langfristig senken sie die Überlebensfähigkeit. Manche gehen davon aus, dass sich technologische Prozesse linear und damit vorhersehbar und steuerbar entwickeln. Das mag in manchem Sektor zu einer bestimmten Zeit der Fall sein. Langfristig gibt es aber in allen Branchen Erfindungen oder Ereignisse, die Geschäftsmodelle in kurzer Zeit von der Titelseite des Handelsblatts in die Mülltonne befördern.

RasPi-basiertes, selbstgebasteltes Smartphone

Technologien und deren Einsatzmöglichkeiten beschränken sich nicht nur auf neue Sektoren. Was wird aus den Paketdiensten, wenn man bedenkt, dass es schon heute Drohnen gibt, die locker auch größere Pakete schleppen können. Wie wäre es mit einem Schacht am Haus, an dem die Lieferdrohne nachts andockt? Eine Art Paketdienst-Drohnenträger hält dann zentral an und sendet die fleißigen Bienchen aus. Absurd? Vielleicht. Unmöglich? Sicher nicht. Wer weiß, vielleicht kommen die Klamotten ja auch bald maßgenau aus dem Textil-3D-Drucker. Wer mag befüllt ihn mit biologisch abbaubaren hanfbasierten Partikeln. Wer das nicht mag, kauft halt das mineralölbasierte Pülverchen. Statt zehn Paketen von zehn Anbietern gibt es dann einen Sack mit Druckerfutter.

Es gibt viele schöne Beispiele für verschlafene technologische Entwicklungen. In der Regel hört man das Schnarchen nicht unbedingt aus der Forschung sondern eher aus der für die Umsetzung verantwortlichen Stellen und vom Gesetzgeber. Möglicherweise kann man sich durch die wahnhafte und religiös anmutende Schwerpunktsetzung auf „das Klima“, Solarplatten und chronischer Abarbeitung von Einspeisevergütung und Co auf nichts anderes mehr konzentrieren. Schade.

Die Strafe folgt oft schneller als mancher glaubt. Einige Unternehmen hat es in wenigen Jahren komplett zerlegt, andere hatten Glück und wurden durch andere Trends temporär gerettet. Wer erinnert sich nicht noch an die Kleinbildfilme und den neben Fuji Film wichtigsten Hersteller Kodak. Das Unternehmen produzierte derartige Filme in herausragender Qualität ging aber leider davon aus, digitale Fotografie werde auf „absehbare Zeit“ die analoge Variante nicht ablösen. Ein Trugschluss und ein gutes Beispiel für lineares Denken. Technologische Entwicklungen wie die sinkenden Kosten für Bildsensoren sowie die Leistungssteigerung dieser Chips verlaufen allerdings nicht linear sondern oft exponentiell. Was einige erst in zehn Jahren erwarten klopft so oft bereits in drei Jahren an die Tür. Dann hat man in der Regel keine Chance mehr zu reagieren sondern kann die Kuh nur noch melken bis sie umfällt, was dann meistens flott passiert. Mal sehen, wie die Kursverläufe der deutschen Autobauer in zehn Jahren aussehen.

Wie heißt es schön, dem Tüchtigen hilft das Glück. Man kann natürlich auch Glück haben, wenn man nicht tüchtig ist. So erging es manchem Brieftransporteur, der angesichts der E-Mail versuchte die Briefpost auf die digitale Schiene zu setzen. Eine debile Idee, die grandios gescheitert ist. Das Briefgeschäft hält sich dennoch wacker, denn Umsätze lassen sich bekanntlich in nahezu monopolistischen Strukturen auch über Preiserhöhungen stabilisieren. Mit dem Wachstum wäre es aber wohl nichts geworden, doch den Unternehmen kamen dann die Paketsparten zu Hilfe. Der Online-Handel hat bekanntlich einen wahren Versand- und Rücksendeboom auslöste. Aber die nächste Welle wird auch an diese Küste kommen und dieses Geschäftsmodell unter Druck setzen. Durch autonome Drohnen und die entsprechende Software auf Kundenseite kann sogar ein Auktionssystem verwirklicht werden. Wer ein Paket verschicken hat und keine Eile hat, bietet zwei Euro, wer es eilig hat bietet fünf und wird eher bedient. Wer das für futuristisch hält sollte sich in den entsprechenden Technologien einlesen, die Entwicklungen sind enorm. Einige Unternehmen werden damit umgehen können, weil sie sich bereits jetzt vorbereiten, andere werden in gewohnter Manier die Politik anbetteln, nicht mehr funktionierende Geschäftsmodelle am Leben zu halten und Managementfehler der Aussitzer mit Steuermitteln auszubügeln. Im Westen nichts Neues.

Auch die Finanzbranche denkt, man käme mit ein paar äußerst widerwillig beschlossenen Gebührensenkungen über die Runden während der Einsatz von smart contracts und blockchains Geschäfte ohne Zwischenhändler schon jetzt möglich macht. Wie die Masse so ist aber auch der Geist oft träge und manche Entwicklung, die mancher sich oft aus gutem Grund nicht wünscht, wird rasch mit dem Etikett „unwahrscheinlich“ versehen und aus dem dem Denken verbannt. Was nicht sein kann, darf halt nicht sein. Stehen bleiben wird die Entwicklung deshalb freilich nicht. Aber wer nur noch ein paar Jahre als Vorstand vor der Nase hat, der möchte sich die anstrengende Unruhe eines Umbruchs vielleicht nicht mehr antun. Allein die ganzen Gespräche, furchtbar.

Während viel von der Schaffung von Mehrwert gesprochen wird, gerät oft durcheinander, was Mehrwert schafft und was sich lediglich ein Scheibchen vom Mehrwert, den andere geschaffen haben, abschneidet. Eine wichtige Rolle nehmen nicht nur in der Finanzbranche die Intermediäre oder Zwischenhändler ein. Sie bestellen bei Amazon ein Buch eines anderen Verlages, das ein bestimmter Autor geschrieben hat und die Post liefert ihnen das Buch. Das Geld überweisen Sie von  Ihrem Bankkonto auf ein Konto von Amazon, das die Zahlung abwickelt. Ein Teil des Geldes geht an Amazon, ein Teil an die Post, ein Teil an die Banken, ein Teil an den Verlag und ein Teil an den Autor. Das alles geht weitgehend reibungslos über die Bühne und wirkt daher simpel, ist aber ein komplexer Prozess mit vielen Beteiligten. Einfacher wäre es, man bestellt sein Buch beim Autor, druckt es daheim aus und zahlt digital ohne Intermediäre. Zunkunftsmusik? Ja, derzeit noch, aber als Intermediär sollte man sich nicht viel sicherer fühlen als seinerzeit Kodak.

3D-Gebäudedrucker

Die Plattform von Amazon ist im Grunde nichts anderes als eine Produktsuchmaschine mit angeschlossener Datensammelstelle und Zahlungsabwicklung. Ein Großteil des Aufwands wird zur Vermeidung von Betrug betrieben. Wird digital bezahlt sind alle Zahlungen besichert. Auf diesem Weg lässt sich die Zahlungsabwicklung deutlich einfacher gestalten, womit ein wichtiger Grund für die hohe Bedeutung vertrauenswürdiger großer Anbieter wegfällt. Blockchains und digitale Währungen dienen im Kern der Schaffung eines Zahlungsverkehr, der ohne gegenseitiges Vertrauen funktioniert. Das ist einer der am wenigsten betonte aber einer der wichtigsten Punkte der laufenden Entwicklungen.

Wird das Vertrauen im Zahlungsverkehr nicht mehr benötigt, weil alle Zahlungen automatisch besichert sind, zerbröseln auch die Geschäftsmodelle großer Intermediäre. Bezogen auf den Online-Handel genügt dann eine reine Produktsuchmaschine, über die dann die Orders automatisch den günstigsten Anbieter gehen. Zwischenhändler und Abwickler sind überflüssig, digitale Währungen benötigen keinen Abwickler. Aber natürlich wird das noch 20 Jahre dauern, oder sind es doch nur drei Jahre?

Projekte zur Abschaffung der Intermediäre laufen derzeit in vielen Bereichen. So gibt es bereits Projekte für blockchain-basierte Online Casinos, die ohne Edge, also ohne Vorteil für den Anbieter, funktionieren.

Das bedeutet, man kann online Roulette oder Automatenspiele spielen, zahlt lediglich marginale Transaktionskosten und füttert auf diese Weise keinen Casinobetreiber mehr. Sie können sich so eine Dienstleistung vorstellen, wie ein non-profit Casino, quasi ein institutionalisierter fairer Münzwurf. Wer Spaß am Spielen hat kann spielen ohne sich zu ruinieren. Da müsste doch unser ach so um die armen Seelen der Spieler besorgter Staat sofort aufspringen, oder? Warum jemand so etwas entwickeln sollte? Nun, warum arbeiten Menschen an großartiger Open Source Software? Weil sie es können. Das alles ist aber schlecht für die Casinos oder Banken! Stimmt. Na und?

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