Schweres Los in kleinen Städten – Mein Besuch in Plauen

16. Februar 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Welch herrliches Wetter. Die Welt scheint noch in Ordnung zu sein, wenn im Februar Schnee liegt und die Minusgrade die Nasen rot werden lassen. Und so geht man zunächst fröstelnd aber erst mal fröhlich durch seine alte Heimatstadt und betrachtet die Dinge im Abstand von ein paar Jahren. Plauen. Meine Heimat. Wie hast Du Dich verändert…

Plauen im Vogtland (Sachsen) hat eine lange Geschichte. Die Stadt ist mehr als 800 Jahre alt. Wie viele Leute kamen und gingen oder mussten gehen. Die Leute waren immer fleißig und sie wären es auch jetzt, wenn der Boom der Billigjobs nur vorübergehend gewesen wäre. In Plauen leben sehr viele Menschen von steuerfreien „Einnahmemöglichkeiten“, seit die alte Industrie nicht mehr gebraucht wurde oder nach Asien verzogen worden ist. Und jetzt beginnt sich das Stadtbild zu ändern.

In der Hoffnung, die Menschen glücklicher zu machen, wurden viele Dinge verändert, um dem Grau der DDR-Zeit mit Geldern aus dem Aufbau Ost mit Licht, Bunt und Hoffnung auf blühende Landschaften nach Honecker den Garaus zu machen. Plauen ist bunt, doch nicht wenn die Natur noch schläft. Um 18 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt. Rentner haben Angst vor den Jugendlichen nahe der Stadtgalerie. Viele sehen ganz komisch bunt aus und haben komische Frisuren, sagen die alten Leute.

So schnell, wie Arbeitsplätze überflüssig wurden, stieg die Zahl der Einkaufsmöglichkeiten, um dem gewaltigen Nachholbedarf zu stillen. Und es gab viel nachzuholen: Feuerfeste Pfannen aus dem Westen, Einrichtungsgegenstände aus dem Katalog, schicke Autos aus aller Welt und neuen Gardinen mit einer Goldkante, obwohl in Plauen Gardinen produziert wurden. Doch die Götter wollten es anders. Die Stadt entwickelte sich äußerlich so, wie Städte im Westen aussahen. Viele Plauener gingen dorthin, um zu arbeiten. Dabei ist Plauen infrastrukturell moderner als die Gegenden im Westen. In Plauen telefoniert man überall digital und beim Anblick der Straßen steigen bei den Leuten aus dem Westen Begehrlichkeiten auf. Dem Aufbau Ost müsste jetzt eigentlich ein Aufbau West folgen. Das sagen die Leute in Frankfurt. Und nicht nur dort.

Doch irgendwann haben die Fachleute der Stadt einen Fehler gemacht, der weitere nach sich zog und sie haben Dinge übersehen oder gar den Kontakt zur Bevölkerung verloren.

Im Zentrum wurde eine „Stadtgalerie“ gebaut, mit modernen Geschäften und modernen Parkmöglichkeiten. So wie es sein sollte. Große Läden hofften auf große Geschäfte. Und dabei sterben abseits der Stadtgallerie die Bahnhofstraße und die anderen kleinen Geschäfte den Heldentod. Die frühere Einkaufsmeile der Stadt hat sich gewandelt. Wo früher Einzelhändler ihren Geschäften nachgingen und Cafés einluden, verkaufen jetzt Vietnamesen in vielen Geschenk – und Bekleidungsläden ihren Plunder, der irre nach Chemiebude riecht. Nur die Banken haben auf der Bahnhofstraße überlebt – und die Gesundheitskassen – in modernen Gebäuden. Versicherungen bieten ihre Dienste an. Diese Dienstleistungen gibt es immer und überall. Das ist in Gotha nicht anders als in Dresden oder Frankfurt.

Man beobachtet die Leute, und spürt einen einen Hauch von Armut in einer Stadt, in der die Arbeitslosenquote offiziell 17,7% beträgt. Viele unter 67 Jahren haben längst ihren Rentenbescheid bekommen oder bewegen Schneeberge als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme von A nach B. Strahlende Menschen habe ich kaum gesehen.

Jeder Sechste hat keine Arbeit. Das durchschnittliche „Arbeitnehmerentgelt“ liegt bei 2.322 Euro im Monat und somit 403 Euro unter den 2725 Euro des bundesweiten Durchschnitts, berichtet die gnadenlos ehrliche Statistik. Auf einen Arzt kommen in Plauen etwa 600 Einwohner. In Plauen sind derzeit rund 11.400 Betten in Hotels Ferienwohnungen und weiteren „Fremdenverkehrsbetrieben“ verfügbar. Doch wer soll in den 11.400 Betten schlafen?

Man hofft auf Touristen und ein paar komische Leute, vielleicht sogar aus Frankfurt, die ihre Heimat besuchen und innerlich dabei weinen – in einer Stadt, die auf den zweiten Blick ihre Pracht verloren hat. Die Mitarbeiter aus dem Rathauses wissen das noch nicht, selbst wenn es die Einheimischen längst spüren.

Die Plauener – sie rücken gerade enger zusammen, gerade auch im Umland – so wie in den letzten 800 Jahren und hoffen, dass es besser wird. Und Plauen…. Plauen ist überall…

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