Schwelbrand und Schlammschlacht

3. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Selbst für den Mainstream wird das Rennen um die US-Präsidentschaft noch einmal richtig spannend. Nachdem die alte E-Mail-Affäre der Hillary Clinton von den Leitmedien sichtbar bemüht bagatellisiert wurde, sind nun offenbar neue E-Mails aufgetaucht, die FBI-Chef James Comey veranlasst haben, über ein erneutes Ermittlungsverfahren zu informieren…

Das traf die Clinton-Kampagne erkennbar auf dem falschen Fuß, denn deren Reaktion war weitgehend substanzlos. Im Wesentlichen wurde Comey beschuldigt, Trump Wahlkampfhilfe zu leisten. Richtig ist, dass Comey zwar Republikaner ist, aber richtig ist auch, dass er nach Clintons erster E-Mail-Affäre kein Verfahren empfohlen hatte, obwohl er deren Verhalten mit deutlichen Worten rügte.

Richtig ist aber auch, dass Comey vom Demokraten Obama ernannt wurde und dieser den FBI-Chef jetzt ausdrücklich gegen die Anwürfe aus der Clinton-Kampagne in Schutz nahm. Falls sich Comey verbogen hatte, dann wohl zu dem Zeitpunkt, als er trotz deutlicher Missbilligung Clinton schonte. Dass das FBI nun ermittelt, deutet darauf hin, dass offenbar so viel im Argen liegt, dass sich die Wogen nicht mehr glätten lassen – zumindest nicht von einem anerkannt integren Mann wie dem FBI-Chef.

Bei der Affäre geht es nicht nur darum, dass Dienstmails auf privaten Servern leichter ausgespäht werden können. Es ist auch die Art und Weise wie hier Dienstgeschäfte privatisiert wurden und damit vor allem auch der demokratischen Kontrolle entzogen wurden – Clinton vernichtete bekanntermaßen einen Großteil der Mails als die Sache ruchbar wurde. Alleine dieses Verhalten spricht ganz generell gegen eine Eignung Clintons für ein öffentliches Amt.

Zudem tauchen immer wieder Verbindungen zwischen ihrer Amtsführung als US-Außenministerin und der Clinton Foundation auf. Es gibt auch außerhalb der Trump-Kampagne Beobachter, die für Clinton weniger das Weiße Haus als ein Bundesgefängnis für die angemessene künftige Behausung halten. Das neuerliche Aufflackern der E-Mail-Affäre kostete die Kandidatin Zustimmung. Verständlich also, dass die Nerven blank liegen. Denn Clinton – als haushohe Favoritin des Medienmainstreams gestartet – konnte sich schon innerhalb der eigenen Partei nur mit äußerst fragwürdigen Mitteln gegen ihren Widersacher Bernie Sanders durchsetzen. Wenige Tage vor der Wahl tut sie sich sogar schwer gegen den Außenseiterkandidaten schlechthin – Donald Trump.

Baumstamm mit Etikett

Wie Bettina Röhl gestern auf Tichy’s Einblick so treffend formulierte, würden viele Clinton-Wähler dennoch „auch einen Baumstamm wählen, solange Clinton drauf steht“. Unter umgekehrten Vorzeichen profitiert davon allerdings auch Donald Trump. Denn immer mehr Amerikaner halten Clinton für so unaufrichtig und verschlagen, dass sie inzwischen auch einen Baumstamm wählen würden, solange NICHT Clinton drauf steht. Das ist die große Chance des Immobilienmilliardärs, der vor allem von der extremen Unbeliebtheit der Demokratin profitiert – für die meisten bleibt es dennoch die Wahl des kleineren Übels.

Wenig Belastbares

Und tatsächlich scheint es gegen Trump bislang nicht wirklich viel Munition zu geben. Seine politisch unkorrekten Sprüche werden von den Wählern durchaus goutiert – ja sie sind zu seinem Markenzeichen geworden. Ein mehr als ein Jahrzehnt zurückliegender, ohne Wissen Trumps aufgezeichneter „Lockerroom-Talk“ hatte zwar das Zeug zum Skandal und wurde geradezu frohlockend als „sexistisch“ ausgeschlachtet, verpuffte aber wenig später. Offenbar unterscheiden die Wähler zwischen bloßen Geschmacksfragen und einer unkorrekten Amtsführung. Bloomberg brachte zuletzt dann noch die „sensationelle“ Nachricht, dass der Großvater von Trump in einer Goldgräberstadt unter anderem ein Bordell betrieben habe, was der Grundstein des Trumpschen Vermögens sein soll.

Außerhalb des Bible Belts dürfte aber auch dieser Versuch einer konstruierten Sippenhaft allenfalls mit einem „So what?“ beantwortet werden. Zudem wird eine einigermaßen diffuse Wählerbeleidigung betrieben: Trump sei der Kandidat der abgehängten alten weißen Männer. Eine Einschätzung, die selbstverständlich nicht sozialdarwinistisch, altersdiskriminierend, rassistisch und sexistisch ist – zumindest nach Lesart des Mainstreams. Diese Männer würden es einfach nicht ertragen, dass nach einem Schwarzen eine Frau das Land regiert. Ein durchsichtiger Versuch die konkreten Probleme von Clinton in Geschlechterstereotypen umzudeuten. Dass Frauen nicht generell die besseren Regierungschefs sind, davon können inzwischen vor allem die Deutschen ein Lied singen.

Der einzige Vorwurf gegen Trump, der aus unserer Sicht wirklich zieht, ist sein übergroßes Ego. Dieses in Verbindung mit einer Position, die noch immer die weltweit größte Machtfülle bedeutet, könnte ein gefährlicher Cocktail sein. Allerdings dürfte ein inflationiertes Ego unter Spitzenpolitikern ohnehin eher die Regel als die Ausnahme sein.

Steigende Zinsen? Heute mit Sicherheit nicht, denn eine Woche vor der Wahl wird die US-Notenbank keine eindeutige Entscheidung treffen. Und deren Ausgang ist bekanntlich nach wie vor offen. Erst im Weekly letzte Woche hatten wir unter anderem über die Kritik von Donald Trump an der US-Notenbank und die durch die Niedrigzinsen kreierte „Schein-Ökonomie“ berichtet. Richtig spannend würde es daher spätestens mit der Notenbanksitzung im Dezember, vor allem für den Fall, dass Trump ins Weiße Haus einzieht. Während der heutige Abend daher vermutlich ein Non-Event ist, besitzt der Dienstag nächste Woche durchaus Sprengkraft.

„Heimlich, still und leise“

Als wir vom Widerstand einiger belgischer Regionen gegen das sogenannte „Freihandelsabkommen“ CETA berichteten (vgl. Loch in der Matrix „Nein heißt Nein“ vom vergangenen Freitag) war bereits klar, dass es sich hier nur um ein Pfund handelte, mit dem diese Regionen wucherten. Am Ende konnte EU-Kommissionschef Juncker verkünden: „Ende gut, alles gut!“ Tatsächlich gemeint war „heimlich, still und leise“, denn so liefen die Verhandlungen von Anfang an und wären auch so weitergelaufen, wenn nicht zwischenzeitlich ruchbar geworden wäre, was da alles ausgeheckt wird. Wenn das weitere Verfahren nun zum „Hürdenlauf“ stilisiert wird, dann geht auch dies an der Sache vorbei. Die Abstimmung im EU-„Parlament“ ist reine Formsache. Möglicherweise aber wird eines der 28 nationalen und 14 regionalen Parlamente noch einmal aufmucken – Bundestag und Bundesrat aber gehören sicher nicht dazu. Spätestens seit dem klaglosen Durchwinken der Errichtung des ESM ist aus Berlin – von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen – insgesamt keine ernsthafte parlamentarische Arbeit mehr zu erwarten.

Zu den Märkten

Spätestens seit dem erneuten Aufflackern von Clintons E-Mail-Affäre und dem deutlichen Zustimmungsverlust der Favoritin sind die Märkte verunsichert. Es ist vielleicht gar nicht einmal so, dass Börsianer eine Präsidentin Clinton so viel besser finden, aber sie ist berechenbarer. Und wenn Börsen mit einer Sache nur sehr schlecht zurechtkommen, dann ist es Unsicherheit. Besser gesagt, Unsicherheit wird durch Abschläge eingepreist. Zwar tastete sich der DAX kurzfristig über den wichtigen Widerstandsbereich von 10.800 Punkten nach oben (vgl. Abb., gelbe Markierung), fiel aber unmittelbar danach wieder zurück in den Konsolidierungsbereich (vgl. Abb., graues Rechteck).

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Der Fehlausbrauch wurde in den letzten beiden Sitzungen mit deutlicheren Kursabschlägen verarbeitet. Positiv ist, dass der Kurs bislang nicht wieder unter die rote Abwärtslinie zurückgefallen ist. Die Konsolidierung unter Schwankungen setzt sich also weiter fort.

Wie der Markt auf einen tatsächlichen Wahlsieg Trumps reagieren könnte, das hat man dieses Jahr bereits am Brexit-Votum gesehen. Auch diese Entscheidung wurde von den Leitmedien im Vorfeld zu einem Weltuntergang stilisiert. Die Börse wurde zwar kurzfristig volatiler, ging aber schon bald danach zur Tagesordnung über.

Fazit

In einer Woche werden wir bereits wissen, wer ins Weiße Haus einzieht. Angesichts neuerer Umfragen sollten wir uns bis dahin auf eine Schlammschlacht noch nie dagewesenen Ausmaßes einstellen. Wer sich bis dahin auf dem Laufenden halten will, dem sei die Seite RealClearPolitics empfohlen auf der sich die aggregierten Umfrageergebnisse abrufen lassen.

Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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