Schweizer Sargnagel…

16. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Die neue Freiheit des Schweizer Frankens hat Konsequenzen, die weit über den heutigen Tag hinausreichen. Der 15. Januar 2015 wird aus mehreren Gründen in die Geschichtsbücher eingehen…

Dabei hat die Entscheidung der Schweizer Nationalbank (SNB), den Franken nicht mehr länger an den Euro zu koppeln, mindestens drei nachdenkenswerte Aspekte… Zunächst ist da die rein ökonomische Seite…

Ich weiß gar nicht, warum sich jetzt alle so aufregen. Wenn die Schweizer den Irrsinn nicht mehr länger mitmachen wollen, ihren traditionell starken Franken an eine offensichtliche Weichwährung wie den Euro zu binden, dann kann man ihnen zu dieser weitblickenden Entscheidung nur gratulieren.

Oder soll die Schweizer Nationalbank etwa tatenlos zusehen, wie das Land der Eidgenossen mit dieser währungspolitischen Missgeburt in die Tiefe gerissen wird? So wie Griechenland und Portugal, wie Spanien und Italien und demnächst vielleicht auch Frankreich? Oder gar Deutschland?! Dann doch lieber ein Ende mit Schrecken.

Völlig klar ist nämlich eines: Sobald die Europäische Zentralbank damit beginnt, Staatsanleihen der Euroländer aufzukaufen, wird der Euro noch sehr viel stärker abwerten. Ein kleines Land wie die Schweiz würde sich völlig verheben, wenn es da nicht rechtzeitig die Reißleine zieht.

Hinzu kommt: Nach der Schrecksekunde vom Donnerstag werden die Schweizer vermutlich schon bald feststellen, dass eine starke Währung, wie der jetzt wieder in die Freiheit entlassene Franken, für eine Volkswirtschaft überhaupt kein Hindernis ist. Weder für den Aktienmarkt, noch für die Konjunktur.

Die alte Bundesrepublik hat das zu D-Mark Zeiten ebenso eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie das heutige China. Bundeswirtschaftminister Karl Schiller sprach seinerzeit von einer „Sozialdividende“, von der die Deutschen wegen der starken D-Mark profitieren.

Der unvergessene Professor Dr. Wilhelm Hankel hatte diesen wichtigen Punkt vor längerer Zeit einmal in einem sehr lesenswerten Interview konkretisiert. Auf die Frage, warum die SNB Unmengen an Euros kaufe, um eine Aufwertung des Franken zu verhindern, sagte Hankel:

„Ich liebe die Schweiz, aber ich verstehe die panische Furcht der Schweizer Behörden vor der Aufwertung des Frankens nicht. Sie ist völlig unberechtigt. Die D-Mark hat in ihren letzten 25 Lebensjahren ständig aufgewertet.

Deutschland wurde in dieser Zeit nicht ärmer, sondern immer reicher. Das würde auch in der Schweiz passieren. Wer exportiert, muss auch importieren. Die Importe werden bei einer starken Währung ständig billiger, auch für Wirtschaft und Industrie. Sie gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit.

Mein früherer Chef, Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller von der SPD, sagte damals: Jede DM-Aufwertung ist eine Ausschüttung von «Sozialdividende an das deutsche Volk». Man kann sich mehr im Supermarkt kaufen und reist günstiger ins Ausland. Das gilt auch für die Schweiz.

Die Schweizerische Nationalbank verschwendet Volksvermögen, wenn sie Geld in einer Währung anlegt, die es wahrscheinlich schon bald nicht mehr gibt. Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Der Schweizer Sinn fürs Reale?“

Wilhelm Hankel, Eurokritiker der ersten Stunde, starb übrigens auf den Tag genau ein Jahr vor der wuchtigen SNB-Entscheidung, nämlich am 15. Januar 2014…

Hankelz

Natürlich wird auch der 15. Januar 2015 in die Geschichtsbücher eingehen. Nämlich als der Tag, an dem das Vertrauen in das Papiergeldsystem aktueller Prägung einen ersten wirklich schwerwiegenden Riss bekommen hat. Das ist der zweite wichtige Aspekt in diesen Tagen, über den es sich nachzudenken lohnt.

Mein Kollege Daniel Kühn forderte im Nachgang der SNB-Entscheidung unverblümt den Rücktritt von SNB-Chef Thomas Jordan. Vor dem Hintergrund der Turbulenzen an den Kapitalmärkten wegen der plötzlichen Franken-Freiheit ist der Ruf nach Rücktritt verständlich – doch was würde er bringen? Unser Finanzsystem krankt an sich selbst und an seinen Strukturen, da hilft es niemandem weiter, wenn Personen ausgewechselt werden, anschließend aber so weitergemacht wird wie bisher.

Auf einem ganz anderen Blatt steht der Vertrauensverlust, den sich die SNB mit ihrem Paukenschlag eingehandelt hat. „Vertrauen ist der Anfang von allem“. Mit diesem griffigen Werbeslogan warb die Deutsche Bank einst um neue Kunden. Dem Marketingspruch könnte man heute entgegenhalten: „Vertrauensverlust ist der Anfang vom Ende“, oder auch, noch etwas steiler: „Misstrauen ist das Ende von allem“.



Denn Vertrauen ist zweifelsohne das wichtigste „Kapital“ unseres Finanzsystems. Das Schuldgeldsystem aktueller Prägung ist durch nichts gedeckt als nur durch dieses Vertrauen. Vor diesem Hintergrund wird die ganze Dramatik der SNB-Entscheidung deutlich: Wenn die Menschen den Zusagen von Zentralbanken nicht mehr vertrauen können, dann reißt dies einen Graben auf, der durch nichts mehr zu kitten ist, und in dem das gesamte Finanzsystem untergehen könnte.

Wegen der Unzulänglichkeiten, die diesem System innewohnen, steht dieses Ereignis jedoch ohnehin irgendwann an. Deshalb war der SNB-Entscheid vom Donnerstag auch „nur“ der erste bedeutende Sargnagel auf dem Weg dorthin.

Das führ uns unmittelbar zum dritten und letzten Punkt unserer Überlegungen: Die Entscheidung der SNB, die Bindung des Franken an den Euro aufzugeben, hat eines deutlich gemacht:

Marktkräfte lassen sich nicht beliebig manipulieren und außer Kraft setzen. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem sich diese Marktkräfte wieder durchsetzen. Deshalb sollten Politiker, „Euroretter“ und sonstige Entscheidungsträger jetzt ganz genau hinsehen. Denn der Donnerschlag vom 15. Januar 2015 war zwar der erste seiner Art im Verlauf der aktuellen Finanzkrise. Aber er war mit Sicherheit nicht der letzte…

Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief



 

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4 Kommentare auf "Schweizer Sargnagel…"

  1. Phil sagt:

    Sehr gut gesagt … +
    R.I.P. Prof. Hankel …. ein großer Verlust.

  2. Brecht sagt:

    Außerordentlich treffender Artikel – R.I.P. gute alte DM und vor allem auch gute alte Bundesbank.

    Weder bei der Aufgabe der Einen noch bei der Demontage der Werter der Anderen wurden wir gefragt … wie war das doch damals noch (nur zur Erinnerung):

    „In einer Demokratie sind die BürgerInnen der Souverän“ … was genau stand da über selbstherrlich regierende Politikerinnnen in diesem Zusammenhang?

    Oh – nichts! Seltsam alles.

  3. Berufsinkontinent sagt:

    Man kann nur spekulieren, mit was man Kohl, Waigel und Konsorten einst erpreßt hat, um den Euro „herbeizuzwingen“. In einer basisdemokratischen Entscheidung, sprich einem Referendum oder einer Volksabstimmung über die Einführung des Euro, wäre man mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Warum sollte ein Volk eine vergleichsweise gut funktionierende Währung, die permament aufwertet, die „Sozialdividende“ der größeren Produktivität im Vergleich zum europäischen Ausland „einfährt“, in einer Währungsreform in „die Tonne treten“ zugunsten einer unbekannten neuen und absehbaren Weichwährung namens Euro ?

    Das machen nur volkswirtschaftliche Idioten freiwillig mit und solche Leute, die man politisch erpressen kann.

    • bluestar sagt:

      @Berufsinkontinent
      „Das machen nur volkswirtschaftliche Idioten freiwillig mit und solche Leute, die man politisch erpressen kann.“
      Und Leute, die die Interessen der vom Euro profitierenden Exportindustrie und der Finanzoligarchie vertreten.
      Egal was der Grund war, Verrat an den Interessen des deutschen Volkes bleibt Verrat.

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