Schweizer Franken bleibt attraktiv

9. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Schweizer Nationalbank setzt ihre Eurokäufe fort, um den Franken zu schwächen. Doch die eidgenössische Währung bleibt attraktiv: Sie hat Aufwertungspotenzial…

Seit etwa acht Jahren versucht die Schweizer Nationalbank (SNB), den Außenwert des Franken gegenüber dem Euro zu schwächen. Dazu kauft sie Fremdwährungen gegen Ausgabe neuer Franken. Die Bilanzsumme der SNB ist dadurch von 127 auf nunmehr 725 Mrd. CHF oder 107 Prozent des Schweizer Bruttoinlandsproduktes (BIP) angeschwollen. Die Devisenanlagen der SNB belaufen sich auf 674,5 Mrd. CHF, verglichen mit nur 50,6 Mrd. CHF Ende 2007. Davon werden derzeit 44 Prozent in Euro und 33 Prozent in US-Dollar gehalten, der Rest in japanischen Yen, britischen Pfund und kanadischen Dollar und einigen kleineren Währungen.

Durch die Euro-Käufe hat die SNB die Geldmenge im Bankensystem seither von etwa 9 Mrd. CHF auf knapp 500 Mrd. CHF erhöht. Einhergehend mit den Niedrigzinsen hat das natürlich dazu beigetragen, dass der Schweizer Bankensektor wieder stark angewachsen ist. Ende 2016 betrug seine Bilanzsumme knapp 500 Prozent des Schweizer Bruttoinlandsproduktes. Vom Abbau der übermäßig großen Schweizer Bankenbilanz – sie hatte einen Rekordwert von 631 Prozent im zweiten Quartal 2007 erreicht, bevor die Schrumpfung durch die Finanz- und Wirtschaftskrise auf 435 Prozent im zweiten Quartal 2011 – ist also nichts mehr zu sehen.

Mit den Fremdwährungskäufen bläht die SNB zwar „nur“ die Liquidität im Schweizer Bankensektor auf. Man könnte daher geneigt sein zu glauben, dass davon keine Gefahr ausgeht, zumal die Liquidität ja auch wieder abgesaugt werden kann. Doch so einfach ist es nicht. Die hohe Liquidität im Bankensektor, verbunden mit den extremen Niedrigzinsen, verleitet die Banken dazu, schlechte Kreditrisiken aufzubauen: Kredite, die die Schuldner bei einem Ansteigen der Zinsen dann nicht mehr vollständig bedienen können. Abschreibungsverluste sind die Folge, möglicherweise verbunden mit weiteren Schäden im Wirtschaftsablauf.

Ein „Absaugen“ der zuvor verabreichten Liquidität setzt voraus, dass der Franken gegenüber dem Euro beginnt, unter Abwertungsdruck zu geraten. Dann wäre es der SNB möglich, die zuvor gekauften Euro gegen Franken „geräuschlos“ zu verkaufen. Die Währungsreserve würde abgebaut werden, gleichzeitig die Liquidität im Bankensektor geschrumpft. Doch wie wahrscheinlich ist das? Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage, in der viele Euroländer stecken, verbunden mit den politischen Zentrifugalkräften im Euroraum, erscheint eine systematische Aufwertung des Euro gegenüber dem Franken in den kommenden Jahren doch eher unrealistisch zu sein.

Mit den Euro-Positionen, die die SNB in ihrer Bilanz angesammelt hat, sind daher vor allem zwei Risiken verbunden. Das eine ist, dass die Kaufkraft des Euros durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) herabgesetzt wird: Dass im-mer mehr Euros ausgegeben werden, damit strauchelnde Euro-Staaten und -Banken zahlungsfähig gehalten werden. Das andere Risiko ist, dass der Euroraum auseinanderbricht und Wertpapiere und Bankguthaben in nationale Währungen umgestellt werden. In beiden Fällen drohen Eurohaltern mitunter hohe Verluste. Angesichts dieser Szenarien bietet es sich für die Schweizer an, folgende Schritte zu überdenken, um Schäden von sich fernzuhalten.

Erstens: Die SNB baut die Euro-Guthaben ab und erwirbt stattdessen reales Vermögen in Form von Aktien und Immobilien im Ausland. Zweitens: Die SNB hört auf, den Außenwert des Franken durch Fremdwährungskäufe beeinflussen zu wollen, stellt also ihre Devisenkäufe ein. Drittens: Die SNB entzieht dem Bankensektor die Liquidität, indem sie eigene Schuldpapiere ausgibt. Dadurch baut sie das inflationäre Potenzial ab. Vor allem aber, viertens, beendet die SNB die Politik des Negativzinses. Denn dadurch fügt sie der Schweizer Volkswirtschaft besonders großen Schaden zu, vor allem in Form von Kapitalfehllenkung.

Ein geordneter Rückzug der SNB ist machbar und auch notwendig: Den Außenwert des Franken an die Geschicke des Euro zu binden, raubt der Schweiz nicht nur ihre Währungssouveränität. Es läuft auch Gefahr, den Franken und damit die Schweizer Volkswirtschaft nachhaltig zu schädigen – denn die Zeichen stehen schlecht, dass der Euro eine dauerhaft verlässliche Währung sein wird. Vor dieser Einschätzung sollten die Schweizer, die ihren Wohlstand vor allem auch ihren bisher immer noch recht geordneten Währungsverhältnissen verdanken, die Augen nicht verschließen.

Aus Euro-Anlegersicht gibt es vor allem zwei Gründe, die den Schweizer Franken attraktiv(er) gegenüber dem Euro machen. Erstens: Die Schweizer Realzinsen – also die Nominalzinsen abzüglich der Inflation – sind seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise im Durchschnitt höher gewesen als die im Euroraum. Das reflektiert die Bereitschaft der EZB, die Schuldenproblematik mit einer höheren Geldentwertung zu „bekämpfen“, die größer ist als die der SNB. Angesichts der Historie des Schweizer Franken besteht die begründete Vermutung, dass die SNB auch künftig die Kaufkraft des Schweizer Franken nicht übermäßig ruinieren wird.

Zweitens: Der Schweizer Franken unterliegt nicht in dem Maße dem Risiko, dass die einzelnen Teilnehmerregionen (Kantone) aus dem Franken ausscheiden, wie es beim Euro der Fall ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Einheitswährung auseinanderfällt, dass also Teilnehmerländer zu einer nationalen Währung zurückkehren, ist durchaus gegeben. In solch einem Fall bestünde die Gefahr für Halter von Euro-Guthaben und -Schuldpapieren, Verluste zu erleiden (beispielsweise dadurch, dass in Euro denominierte Zahlungsversprechen in nationale Währung umgewandelt werden, und diese „neue Währungen“ abwerten).

Aus Sicht des Euro-Anlegers der Schweizer Franken ist durchaus eine Alternative, wenn es gilt, seine liquiden Mittel zu diversifizieren beziehungsweise vor Verlusten, die im bei Euroanlagen drohen, zu schützen. Angesichts der fortgesetzten Devisenmarkt-Interventionen der SNB besteht zudem die gute Chance, dass der Franken-Außenwert noch Aufwertungspotenzial gegenüber dem Euro hat.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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