„Schwarzer Peter“: Beide Seiten derselben Karte

2. April 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Nur „Querulanten“ halten das Parteiprogramm hoch… Beim Kartenspiel Schwarzer Peter – sofern das überhaupt noch gespielt werden darf – hat derjenige verloren, der die namensgebende Karte zieht. Bei der CSU ist das anders…

Sie konnte sich glücklich schätzen, einen wie Peter Gauweiler, den „Schwarzen Peter“ in ihren Reihen zu haben. Jetzt war für Gauweiler das Maß voll.

Nachdem er öffentlich von Parteichef Seehofer gerüffelt wurde, setzte er mit seinem Rücktritt von allen politischen Ämtern ein letztes großes Zeichen für seine Überzeugungen. In den „Nachrufen“ der Presse wird er als Urgestein, Ur-Bayer und ähnliches einsortiert. Das ist durchaus anerkennend gemeint, klingt aber auch irgendwie antiquiert. Dabei sind Gauweilers herausragende Eigenschaften ganz andere – sein Intellekt, sein Rückgrat und sein innerer Kompass – alles Eigenschaften, die in den heutigen Karrieristen- und Abnick-Fraktionen aller Parteien tatsächlich Seltenheitswert haben und wohl auch haben sollen.

Gauweiler hat sich – und das beileibe nicht nur in der Euro-Frage – einen Namen für seine unerschrockene Prinzipientreue und seinen Kampfgeist gemacht. Es ist bezeichnend für den Zustand der Politik, dass sich diejenigen, die sich an Recht, Vertrag und das eigene Parteiprogramm halten, heute als „Querulanten“ ausgegrenzt und weggebissen werden. Dabei profitierte gerade die CSU von Gauweilers Fähigkeit jene Stammwähler anzusprechen, die die Euro-sozialistische CSU-Realpolitik längst verloren hat. Inwieweit Gauweiler dabei bewusst als „verbales Feigenblatt“ instrumentalisiert wurde, darüber kann trefflich spekuliert werden. Klar ist aber, dass Bayern und die Bundesrepublik Deutschland heute anders aussähen, wenn es mehr aufrechte Abgeordnete oder gar Spitzenpolitiker wie Peter Gauweiler gäbe, die die Einheit von Denken, Reden und Handeln praktizieren.

Jeder Basispunkt zählt

Einen „schwarzen Peter“ völlig anderer Art schiebt die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank derzeit den Unternehmen zu: Durch Pensionszusagen lastet auf den Bilanzen vieler Unternehmen eine ganz erhebliche Verbindlichkeit. Anders als klassisches Fremdkapital, das tendenziell mit dem sinkenden Zinsniveau sogar günstiger geworden ist, wird dieser Posten jedoch mit jedem weiteren Basispunkt, um den es nach unten geht, teurer.

Sind die Pensionszusagen durch entsprechende Vermögenswerte gedeckt, werfen diese immer geringere Erträge ab. Sind sie nicht oder nur teilweise gedeckt, wird die Lücke immer größer. Denn durch die Abzinsung der zukünftigen Pensionszahlungen mit einem Zinssatz nahe Null erhöhen sich schon heute die in der Bilanz anzusetzenden Verpflichtungen. Auf den Bilanzpressekonferenzen der vergangenen Wochen wurde dieses Thema immer wieder von den Vorständen angesprochen.

So wurde bei der BayWa laut CEO Klaus Josef Lutz zum 31.12.2014 eine Anpassung der Pensionsrückstellungen um rund 94 Mio. EUR fällig. Wohlgemerkt bei einem Unternehmen, dass im selben Jahr lediglich 91 Mio. EUR Jahresüberschuss erzielte. Bei Linde wird nach Angaben von Finanzvorstand Georg Denoke internen Berechnungen zufolge für jede weitere Reduktion des Zinses um 50 Basispunkte eine Anpassung der Pensionslasten um 628 Mio. EUR fällig. Derzeit berechnet der Industriegase-Produzent die deutschen Pensionsanwartschaften mit einem Zinssatz von 2,2%. Alleine um auf dem heutigen Stand bleiben zu können, müssten daher auf mittlere Sicht eine Zinswende stattfinden. Doch diese ist alles andere als in greifbarer Nähe.

In Summe dürften sich im Jahr 2014 daher die Rückstellungen der 30 DAX-Konzerne nach Berechnungen des Beratungsunternehmen Mercer um 52 Mrd. EUR auf in Summe 353 Mrd. EUR erhöht haben. Das Thema hat also alleine betragsmäßig eine nicht zu unterschätzende volkswirtschaftliche Bedeutung.

Des einen Freud, des anderen Leid

Aktionäre auf der anderen Seite sind die notorischen Gewinner von „Abzinsungsgewinnen“. Denn während zukünftige Pensionszahlungen durch die Zinsen immer kostspieliger sind, werden zukünftige Gewinne der Unternehmen bei deren Bewertung durch den Abzinsungseffekt immer wertvoller.

Eindrucksvoll ist dies bei genau den Unternehmen, deren Gewinne am weitesten in der Zukunft liegen, also z.B. bei Biotech oder Social Media. Denn wenn die Zukunft besonders wertvoll wird, ist der größte Profiteur derjenige, der erst später die großen Gewinne einfährt.

Um sich diesen Effekt klar zu machen, müssen Anleger lediglich in die typischen Research-Berichte von Banken und die darin enthaltenen Discounted Cash Flow-Modellen (DCF) schauen. In einem Gespräch erklärte uns erst jüngst der Leiter eines unabhängigen Research-Hauses, dass in allen Modellen des Unternehmens zukünftig mit einem risikofreien Zins von nur noch 1,25% statt zuvor 2,00% gerechnet wird. Die Aktien der bewerteten Unternehmen hätten alleine aufgrund dieses Zinseffektes ein weiteres Kurspotential von 15-20%.

Natürlich ist die DCF-Methode neben einer Substanzwertbetrachtung oder der Einordnung eines Unternehmens in eine Peer-Group lediglich eines von mehreren Verfahren zur Bestimmung des Wertes einer Aktie. Generell besitzt das DCF jedoch eine enorme Akzeptanz unter Investoren, es ist also durchaus davon auszugehen, dass sich der Abzinsungseffekt auch in Zukunft noch weiter auf die Bewertungsniveaus der Börsen auswirken wird.



Zu den Märkten

Beim DAX ging es in der vergangenen Woche etwas holpriger zu. Genauer gesagt durchleben wir gerade die größte Korrektur des laufenden steilen 2015er Kursaufschwungs (vgl. Abb.). Das klingt gewichtiger als es ist, denn bislang waren die Konsolidierungen (blaue Linien) praktisch nicht der Rede wert und wurden stets nach wenigen Tagen mit neuen Allzeithochs ausgebügelt.

2015-04-01_DAX

Aktuell liegt das letzte Allzeithoch bereits quälend lange zwei Wochen zurück. Zumindest kann es Anlegern, die sich an das Stakkato neuer Rekordmarken gewöhnt haben, leicht so vorkommen. Immerhin wurde die blaue Abwärtslinie der laufenden Konsolidierung bereits schon wieder nach oben durchschnitten.

Weniger überzeugend ist bislang jedoch noch das Umsatzverhalten, wobei für die aktuelle Sitzung zum Redaktionsschluss noch keine abschließenden Zahlen vorliegen. Die beiden umsatzstärksten Tage der jüngsten Vergangenheit waren jeweils abwärts gerichtet (vgl. Abb., unterer Bereich, gelbe Kreise).

Es sieht so aus, als bräuchten die Marktteilnehmer also noch etwas Zeit, um sich an die luftigen Höhen im Bereich von 12.000 DAX-Punkten zu gewöhnen, bevor sie Anlauf auf das Allzeithoch bei 12.219,05 Punkten nehmen. In jedem Fall sollte ein Ausbruch über diese Marke dann aber von deutlich anziehenden Umsätzen begleitet sein, um als Wiederaufnahme des Aufwärtstrends bewertet werden zu können.

Interview mit unserem Chefredakteur Ralf Flierl auf n-tv

Erst letzte Woche war unser Chefredakteur Ralf Flierl bei Friedhelm Tilgen auf n-tv zu Gast und sprach dort über Investmentmöglichkeiten innerhalb eines Crack-up-Booms. Sie finden das Interview über folgenden Link:

Fazit

Die Politik, die der „schwarze Peter“ der CSU zu verhindern versuchte, steckt so manchem Marktteilnehmer den selbigen zu. Denn die Niedrigzinsen bringen Unternehmen mit besonders hohen Pensionsverpflichtungen in zunehmende Bedrängnis. Aktionäre dagegen ziehen einen Joker nach dem anderen, schließlich sorgt der Zins für hohe Bewertungen und steigende Kurse.

Falls Sie am Mittwoch auf unserer Homepage verwundert den Artikel über das neueste „Ankaufprogramm“ der EZB gelesen haben – es war der 1. April! Von der geldpolitischen Realität sind wir damit jedoch nicht mehr weit entfernt, denn diese wird in letzter Zeit geradezu zu einer Tragik-Komödie.

© Ralf Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor


 

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3 Kommentare auf "„Schwarzer Peter“: Beide Seiten derselben Karte"

  1. Insasse sagt:

    Sehr geehrter Herr Flierl, besten Dank für Ihren Artikel und eine Verständnisfrage zu diesem Abschnitt:

    „Um sich diesen Effekt klar zu machen, müssen Anleger lediglich in die typischen Research-Berichte von Banken und die darin enthaltenen Discounted Cash Flow-Modellen (DCF) schauen. In einem Gespräch erklärte uns erst jüngst der Leiter eines unabhängigen Research-Hauses, dass in allen Modellen des Unternehmens zukünftig mit einem risikofreien Zins von nur noch 1,25% statt zuvor 2,00% gerechnet wird. Die Aktien der bewerteten Unternehmen hätten alleine aufgrund dieses Zinseffektes ein weiteres Kurspotential von 15-20%.“

    Welcher risikofreie Zins ist hier gemeint? Der, zu dem sich das Unternehmen Geld leihen kann? Wenn ja, von wem? Wieso risikofrei?

    Irgendwie erschließt sich mir als ökonomischen Laien die Argumentation sinkender (risikofreier) Zins, steigendes Kurspotenzial mit Blick auf angebliche spätere hohe Gewinne noch nicht wirklich.

    Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge? Besten Dank im Voraus!

    Mit freundlichen Grüßen aus der Anstalt
    Ein Insasse

  2. bluestar sagt:

    In bester SED-Tradition wurde Peter Gauweiler aus den eigenen Reihen als Abweichler bekämpft.
    Klar: Die Diktatur BRD kann keine Politiker mit Hirn, Herz, eigener Meinung und Rückgrat gebrauchen.
    Jetzt gibt es bei den GROKOten fast nur noch Sozis, rückgradlose Karrieristen, US-Vasallen, Mutti-Schleimer, Volksverräter und nutzlose Ja-Sager. Widerliche Truppe.
    Großen Dank an Peter Gauweiler für seinen unermüdlichen Kampf um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Interessen des deutschen Volkes sowie Respekt für diese Konsequenz.

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