Zwang & Plansinn als alternativloses Prinzip

8. Januar 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Haben Sie auch Lust auf neue Kredite? Das ist schlecht. Ganz schlecht, denn es behindert den Aufschwung. Der aber läuft doch offiziell ungebremst davon – und das trotz rückläufiger Kreditvergabe. Ein Wunder!

Seit nunmehr 19 Monaten werden in der Eurozone weniger Kredite vergeben. Dabei ist unser Schuld-Finanzsystem auf immer mehr neue Schulden angewiesen. Trotzdem geht es aber aufwärts. Da ja momentan auf den Pisten verunglückt wird, spielen ankündigende Unfälle im Kreditsystem eine eher untergeordnete Rolle. Und während die Experten ihre Keule der Besänftigung in Sachen Inflation und Deflation schwingen, weist die rückläufige Kreditvergabe genau auf Deflation hin. Das könnte Ärger bedeuten. Theoretisch.

Zwischenfrage: Ob das die heute Morgen in der Bahn dauertippsenden Smartphone-Junkies verstehen? Ich weiß nicht, vermute aber, es interessiert sie weniger als ein Beckenring-Bruch.

Die Kreditvergabe in der Eurozone an Unternehmen und Private rutschte im November 2013 um weitere 3,9 Prozent abwärts. Weniger neue Kredite gab es ausgerechnet dort, wo die wildesten grünen Sprossen gesichtet wurden. Mit einem Minus von 5,9 Prozent in Italien und minus 13,5 Prozent in Italien wundert man sich schon, dass ein Presse-Aufschwung mit weniger Krediten sich auch noch selbst überholen kann.

Das wirft die Frage auf, ob die sogenannten Wirtschaftssubjekte keine Kredite mehr wollen oder ob es für sie keine Kredite mehr gibt. Zudem dampfen die Banken ihre Bilanz ein.

Auch die Deutschen haben von Krediten inmitten ihres medialen Konsum-Märchens die Nase voll. Der Privatsektor hat sein Kreditvolumen im November 2013 um 123 Milliarden Euro auf 2,5 Billionen Euro reduziert.

Zugleich staunt man über Umfrageergebnisse, in denen zwar die aktuelle Lage in den Unternehmen zu wünschen übrig lässt, aber die komplex gebauten Sentiment-Indikatoren größtenteils von Erwartung und Hoffnungen getragen werden. Das überall verspritzte „Alles super!“ auf allen Kanälen zeigt offenbar seine sentimentale Wirkung. Es läuft plötzlich besser – sogar mit einer Kreditkontraktion. Das Prinzip Hoffnung ist als ansteckende Krankheit noch gar nicht anerkannt.

Weniger Schulden ist etwas Feines. Deshalb lasst uns feiern, denn inmitten aller Sparmaßnahmen ist die Schuldenlast der Staaten in Euroland im letzten Jahr weiter gestiegen. Neue Schulden machen die Staaten, nicht aber die Privaten. Es kommt aber noch besser…

Banken fein raus

Nachdem am Dienstag offizielle Inflationszahlen aus der Eurozone mit einem Plus von nur noch 0,8 Prozent gemeldet wurden, ist nun die Hoffnung größer geworden, die EZB könnte am Donnerstag den Zins auf null setzen wie schon die anderen Zentralbanken. Deshalb soll der DAX gestiegen sein. Unsinn. Das hätte dem Euro eins verpassen müssen, tat es aber (noch) nicht. Also machten die Kurse mal wieder die Nachrichten, während der Champagner aus der DAX-Tafel tropfte.

Vielmehr flogen plötzlich die Aktien der Banken davon, nachdem Pläne in Brüssel bekannt wurden, wonach ihre angebliche schärfere Regulierung zu einer Art von Light-Version zurecht-lobbyiert wurde – mit so vielen nutzbaren Umwegen für die Branche, dass der Begriff „Bankenregulierung“ auf jedermann zutreffen könnte, aber nicht mehr auf Banken.

Ich wurde gefragt, ob die Politik eingeknickt sei. Meine Gegenfrage: Wer finanziert die Schulden eines Staates? Und so freuten sich die Börsen über einen weiteren Bruch eines weiteren Versprechens aus der Politik, die Banken zu „zügeln“. Was habe ich damals gelacht, als dieses Vorhaben bekannt wurde. Meine Schenkel sind heute immer noch blau. Heute kommt der Schmerz hinzu.

Vermeintliche Retter

Ich kann das „Retter“ nicht mehr hören. Wer Mario Draghi, die EZB, die Leute aus dem ESM und aus den anderen Pumpstationen zur Umverteilung von Guthaben als Retter bezeichnet, sollte sich dringend einweisen lassen. Die Therapiestunden sehen die Fragestellung vor, wer da eigentlich wen rettet – und wer mit der Laute der Lauterkeit für wen den Weg frei macht. Es sind keine Retter – es sind Prolongierer, aber doch keine „Retter“. Es sind die Helden der Zeitachse. Und jetzt alles mit weniger Krediten?

Da Notenbanken den Preis des Geldes festlegen und dieses über die Kreditvergabe in die Welt kommt, stellt sich doch die Frage, warum weniger Kredite vergeben werden. Will niemand mehr aufschulden oder kann man das nicht mehr? Warum wollen Private und Unternehmen keine Kredite mehr? Oder lässt man sie am langen Arm verdursten, weil die Basel-3-Regelung jetzt weit strengere Bedingungen vorschreibt. Wir wissen es nicht, kennen nur die Zahlen. Das Kreditvolumen im Euroland sinkt auf 10,7 Billionen Euro, obwohl es besser steigen sollte, wenn es keinen Ärger geben soll.

Was aber, wenn die Unternehmen wegen mangelnder Solvenz keine Kredite mehr bekommen? Wäre es nicht schwachsinnig, Benzin in eine brennende Bude zu kippen? Im Normalfall schon. Aber was ist normal? Deshalb sollte Schwachsinn das Prinzip werden, um zu retten, was eigentlich nicht zu retten ist.

Scheitern ist keine Option. Erst später

Und schon kommt in Erinnerung, dass Gelder aus der Notenbank für Banken mit Auflagen versehen werden könnten – dass sie wieder mehr statt weniger Kredite vergeben. Der Zwang zur Kreditvergabe steht in der Tür. Und bist Du nicht willig, dann brauch ich Gewalt. Bevor irgendetwas anbrennt, ist das ein gangbarer Weg auch, Kredite künftig mit Garantien auszustatten und damit das Risiko einer Bank zu nehmen und auf die EZB oder den Staat umzuverlagern. Vielleicht wird die EZB am Ende marode Staatsanleihen ankaufen. Das hätte was! Kein Allheilmittel, aber der Gewinn von Zeit. Dann leben alle Zombies noch mal richtig auf. Eine neue Ära…

Was wäre die Alternative? Pleite? Arbeitslosigkeit? Unruhen? Eine Bereinigung wäre normal, aber heute unerwünscht. Märkte mögen Bereinigung. Einatmen… Ausatmen… Einatmen… Ausatmen… Das wäre der normale Weg einer Wirtschaft. Zwischendurch erwischt es die Schwächsten. Sie schließen die Pforten und gut. Andere Unternehmen wachsen nach – bessere. Aber das war einmal. Mit etwas Gewalt, Pardon, Anreizen bei der Kreditvergabe, geht da schon was. Also bleiben Sie zuversichtlich. Aus Angst werden wir die systemrelevanten Zombies noch lieben lernen.


 

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6 Kommentare auf "Zwang & Plansinn als alternativloses Prinzip"

  1. wolfswurt sagt:

    Vorschlag zur Güte:

    Die Banken vergeben Kredit nach ihren eigenen Regeln.
    Das sieht dann so aus: Kreditnehmer bekommt die Summe die er sich wünscht. Egal für was. Ohne Sicherheiten. Bei ausbleibender Rückzahlung oder Insolvenz löst die Bank den Kredit ab und vergibt einen neuen in beliebiger Höhe.
    Und dann bei erneuter Schieflage wieder von vorne.

    Usw usf.

  2. humanearth sagt:

    Prima Artikel, Herr Meyer.
    Ich gewöhne es mir gerade ab in einer irrationalen Welt rational zu denken.
    Man muss seinen Geist schützen und vor dem Wahn bewahren.
    Wie schrieb doch Psychater Manfred Lütz in seinem Bestseller “ Irre “ ? Wir behandeln die Falschen , das Problem sind die Normalen.
    Aristoteles dachte noch , das Hirn sei nur ein Apparat um das Blut zu kühlen. Wie wir heute wissen , hat er bei vielen Menschen recht behalten. Hilfe !!!

  3. Michael sagt:

    Was kann man sich um Kredit schon kaufen … den DAX;). Da fällt mir glatt ein das Interview von Frank Meyer mit Stefan Riße. Der SR sagt ja zurecht, ich bin da anderer Meinung bezüglich des *zurecht*, Aktienkurse werden auch mit zu erwartenden Gewinnen bemessen, soweit stimme ich ihm zu, dass das die verbreitete Sicht ist. Jetzt stellt sich dann die Frage – wie der DAX zu sehen ist.

    Der wäre dann ja als Performance Index doppelt gemoppelt oder der DOW ist genauso zu sehen. Oder nimmt sich der DOW wirklich so bescheiden aus. Ist der DAX Kursindex das Pendant zum DOW – Irgendetwas ist da faul.

    Interessant dabei ist auch, dass viele Gewinne von den börsenorientierten Unternehmen aus Steuern der Bürger letztendlich stammen … Allein da es die Steuergelder anderer Menschen möglw. sogar in fernen Ländern sind, die noch nicht geboren sind macht die Sache nicht besser.

    Die Arme Pharma muss jetzt wieder herhalten … die ist am offensichtlichsten. Nehmen wir den Apotheker noch hinzu … der Fairness halber und Hoch und Tiefbau Unternehmern, Siemens sowieso usw… Thyssen wird wahrscheinlich auch unter die Kategorie fallen … Alles ‚Beamte‘ die dort arbeiten. Wie in Kuba am Schluss sind alle ‚Beamte‘ ohne Pflichten und ohne Rechte.

    Kein Wunder, dass das Geld kostet und schnell verbrennt.

    Ich stelle mir die Frage, warum soll ich mir ein Papier kaufen, in dessen Preis zukünftige Gewinne reflektiert sind (ohne mal jetzt die Spezialdiskussion zum Index zu verbreitern), die man erst dann wieder sieht, wenn der nächste Crash bereits war.

    Bleibt auch grad die Option nach einem Crash zu kaufen, allein damit der nächste Crash reflektiert bleibt … Zieht man jetzt die Spesen ab usw … dann kauft man sich ein Papier dessen Ausschüttungen man zuvor bereits berappt hat und subventioniert über Steuern sogar die eigene Auszahlung gegebenfalls. Bausparprämie mehr oder weniger in manchen fällen.

    Also ist der Aktienpreis letztendlich nichts anderes als das Ergebnis von Spekulation in der Hoffnung andere Dumme zu finden, die an das selbe Histoirchen glauben.

    Wenn in der DAX Zahl Ausschüttungen und Gewinne reflektiert sind, obwohl schon einmal gemoppelt eine Übervorteilung des Käufers ist, doppelt gemoppelt eine saftige Korrektur wert. Das ist schon der einzige Wert der verblieben ist.

    Bei Aktien könnte man sagen, ‚Stimmrechte haben einen beliebigen Preis‘.

    Bei einem Derivat auf einen Index bleibt einem noch nicht mal mehr die Illusion etwas mitzureden zu haben. Das ist zwar ehrlicher und durchaus ernüchternd. Ist bei Aktien auch nicht anders …

    Wenn Aktien nicht konstant im Jahr 8% Dividenenauszahlung bringen abzüglich Spesen ist mit Anlage nicht viel und der Kursgewinn respektive ist ja auch wieder eine Art Deppensteuer für alle die eher später in den Markt gehen.

    in Italien werden die Kredite auch nicht weniger faulig, faulig ist faulig – und das ist wohl eine Menge. Die einzigen Kredite die im Moment werden aufgenommen ist der Ersatz von alten. Wenn das Staaten machen werden harte Maßnahmen gefordert. War bei den ‚Faulen Griechen‘ vermutlich auch nicht die Bevölkerung gemeint – wahrscheinlich ist ein Grieche eine spezielle Staatsanleihe, die ganz gezielt vom Exportland wird aufgelegt den Konsum im Importland zu befeuern. Dass solche Schulden mal faul werden … und das Geld verbrannt wird. Das stinkt zum Himmel.

    • wolfswurt sagt:

      „Das stinkt zum Himmel“ oder anders ausgedrückt: Der Wunsch die naturgesetzliche Bereinigung von einer Fehlentwicklung außer Kraft zusetzen, gelingt eine gewisse Zeit.

      Und in dieser Zeit stinkt es dann.

      • Michael sagt:

        So eine Bereinigung hätte nicht geschadet.

        Kommt halt dann später. Ich war früher in den 80ern ein großer Freund von Aktien, vorher war das Interesse eher bescheiden da Österreich noch nicht auf Aktien unterwegs war.

        OTC war bei den Banken gängige Praxis, respektive wurden allein die Spitzen an der Börse gehandelt in Wien. Heute gibt es die Wiener Börse nicht mehr wirklich, vermutlich irgendwo ein USB Stick im Rechenzentrum in Frankfurt auf den hie und da ein Zombiethread hinschreibt. Meiner Ansicht nach repräsentiert der ATX eher das wirkliche Niveau …

        In Griechenland sind die jungen Leut zurückgezogen aufs Land … recht habens. Spanien war auch nicht wirklich der Heuler, wenn man sich zurückerinnert. Man braucht Volkswirtschaft ja nicht zu planen. Wenn zufällig ein paar Unternehmen irgendetwas produzieren und verkaufen ist Arbeitslosigkeit auch nicht höher als in Europa im Schnitt. Wenn mal Akademiker aka Ökonomen Zahlen liefern nach denen Kredit wird begrenzt, dann kann die Weltwirtschaft zusperren. Seit dem Wirtschaft und insbesondere Banken auf das Gesöcks hören wachst nichts mehr Real, außer alles das, das die Prognosen nicht verhindern konnten. Klar – es muss jemand zuhören auch.

  4. crunchy sagt:

    Man sollte mal einen Blog beginnen mit:

    Deflation ist, wenn…..:
    Beispiel:…
    „ich für den Kauf meiner Morgenmilch meine Übermorgenmilch geschenkt bekomme.“

    Dann könnten Leser merken, daß sie ihren MSM einfach nicht trauen und sich auf ihren
    gesunden Menschenverstand, hilfsweise Rottmeyer, verlassen können.

    Hmmm, würde mir schmecken!

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