Schuldenschnitt in Zypern

1. April 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

In Zypern soll ein „Schuldenschnitt“ die (Über-)Verschuldungskrise des Landes lösen. Die Verluste sollen von institutionellen Investoren getragen werden. Kleinanleger bleiben verschont, so verkünden die Euro-Politiker…

Das ist grundsätzlich eine richtige Maßnahme: Die Verluste müssen von denen getragen werden, die bewusst Kreditrisiken eingegangen sind, also zuallererst Bankeigner und Halter von Bankschuldverschreibungen.

Angesichts eines Schuldenschnitts in Zypern drängt sich bei vielen Investoren und Sparern die Frage auf: Könnte der Schuldenschnitt in Zypern eine „Blaupause“ sein zur Lösung anderer Problemherde im Euroraum?

Um diese Frage näher zu beleuchten, bietet es sich an, die Bilanz aller Banken im Euroraum zu betrachten. Sie sieht, vereinfacht dargestellt, wie folgt aus (in Stand Ende Januar 2013):

Das bilanzierte Eigenkapital aller Banken beläuft sich derzeit auf etwa 2.300 Mrd. Euro. Das entspricht etwa sieben Prozent der Banken-Bilanzsumme. Die Banken haben folglich nur eine vergleichsweise dünne Eigenkapitaldecke, die als Puffer für Verluste dienen kann.

Würden zum Beispiel Verluste auftreten, die das Eigenkapital übersteigen, so müssten Banken versuchen, sich neues Eigenkapital zu besorgen. Wenn das aber nicht möglich ist (etwa weil die Eigentümer nicht in der Lage sind, neues Geld bereitzustellen), müssen Verbindlichkeiten der Banken „gekürzt“ werden.

Bei einem Herabsetzen der Verbindlichkeiten gibt es eine Rangfolge: Als erstes kämen „nachrangige Verbindlichkeiten“ (in der Fachsprache: subordinated Debt) an die Reihe, danach „erstrangige“ Verbindlichkeiten (Senior Debt) und erst danach Kundengelder in Form von Sicht-, Termin- und Spareinlagen, soweit diese nicht durch eine Einlagensicherung geschützt werden (können)…

Probleme der zypriotischen Banken

Der zypriotische Bankenapparat ist ganz erhebliche Kreditrisiken gegenüber Griechenland eingegangen. Die Abschreibung griechischer Staatsanleihen, aber auch ansteigende Kreditausfälle im privaten Sektor haben die Banken in Zypern in Schieflage gebracht beziehungsweise insolvent werden lassen. Aus diesen Gründen hatten bereits im Dezember 2011 die großen drei Rating-Agenturen die Kreditqualität von Zyperns Banken (die größten sind Bank of Cyprus, Marfin Laiki Bank, Hellenic Bank) abgesenkt.

Verluste durch Zahlungsausfälle und Zweifel an der Kreditqualität hat die Refinanzierung der zypriotischen Banken am freien Kapitalmarkt de facto unmöglich gemacht. Sie wurden zunächst durch staatliche Unterstützung, vor allem aber durch die Zentralbank von Zypern (und damit de facto dem Eurosystem) über Wasser gehalten. Mittlerweile sind nicht nur die Banken in schwerer Bedrängnis, sondern auch die gesamte zypriotische Volkswirtschaft: Seit der zweiten Hälfte 2011 steigt die Arbeitslosigkeit steil an, und auch die öffentliche Verschuldung steigt bedrohlich an – so dass die EU-Planzahl für die öffentliche Schuld in 2013 in Höhe von 89,7 Prozent des Volkseinkommens längst Makulatur ist. Durch Bankenschließungen und Einschränkungen der Verfügungsrechte der Geldbesitzer soll nun verhindert werden, dass es zu einem „Bank Run“ kommt und Kapital aus Zypern abgezogen wird.

Nimmt man einmal an, dass zehn Prozent der Kredite und Wertpapiere, die die Euro-Banken in ihren Bilanzen ausweisen, uneinbringbar sind und abgeschrieben werden müssen, dann beliefe sich der Verlust auf 2.280 Mrd. Euro – und das bilanzierte Eigenkapital der Banken wäre folglich aufgezehrt.

Die Verbindlichkeiten der Banken müssten nun herabgesetzt werden, und zwar um mindestens das Doppelte der aufgelaufenen Verluste! Der Grund: Zum einen muss das Eigenkapital die Verluste auffangen, zum anderen muss das Eigenkapital wieder mindestens auf das bisherige Niveau aufgefüllt werden.

In unserem Beispiel entstünde bei einem Verlust in Höhe von 2.280 Mrd. Euro ein Eigenkapitalbedarf in Höhe von (mindestens) 4.560 Mrd. Euro – und das entspräche einer Streichung von Bankverbindlichkeiten von 2.280 Mrd. Euro.

Dabei können zwei Wege beschritten werden. Der eine Weg ist, die Verbindlichkeiten ersatzlos zu streichen; die Gläubiger gehen leer aus. Der andere Weg ist, die Bankanleihen in Eigenkapital umzuwandeln; Gläubiger werden zu Eigentümern der Banken (in der Fachsprache: „Debt for Equity Swap“).

Ein solches Herabsetzen der Bankverbindlichkeiten träfe insbesondere die Sparer von zum Beispiel Lebensversicherungen und Rentenfonds. Denn Letztere investieren das Geld der Sparer vor allem auch in Bankschuldverschreibungen.

Unerwünschte Folgen

Ein Schuldenschnitt beziehungsweise eine Restrukturierung hätte absehbar weitreichende Folgen für den Kreditmarkt. Insbesondere würden Investoren Banken nur noch ihr Geld zu (deutlich) höheren Zinsen leihen.

Dies wiederum würde vermutlich so manche Bank in arge Bedrängnis bringen. Denn viele von ihnen haben sich auf Kreditgeschäfte eingelassen, bei denen sie nur einen recht geringen Zins verdienen.

Eine Verteuerung der Refinanzierungskosten würde die Bankgewinne schmälern oder ihnen gar neue Verluste bescheren. Um eine solche Situation abzuwehren, würde vermutlich der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) steigen, den Banken Direktkredite mit niedrigen Zinsen anzubieten.

Springt die EZB ein, so wird sie vor allem die Finanzierung der fällig werdenden Bankenschulden übernehmen müssen. Die Zentralbank würde „Großgläubiger“ der Geschäftsbanken, entsprechend „abhängig“ würde sie von der Gewinnsituation der Banken.

Zudem muss sie bei einer Bankenrefinanzierung die Basisgeldmenge überaus drastisch ausweiten. Die Folge wäre ein starkes Anschwellen des Bilanzvolumens der Zentralbank, möglicherweise verbunden mit einer steigenden Geldmenge in den Händen von Investoren und Sparern – beides schwört Inflationsgefahren herauf.

Die drängende Frage

Die Euro-Politiker bemühen sich, die Sorge von Investoren und Sparern zu zerstreuen, dass ein Schuldenschnitt wie in Zypern den Weg markiere, der auch in anderen Euroraum-Ländern beschritten werden wird.

Sie bemühen sich, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, ein Schuldenschnitt wie in Zypern sei keine „Blaupause“ für die Krisenbewältigung in anderen Euroraum-Ländern, es sei vielmehr ein „Einzelfall“…

So ökonomisch richtig ein Schuldenschnitt als ein Beitrag zur Lösung der (Über-) Verschuldungskrise auch sein mag, so verständlich ist auch, dass die Mehrheit der Euro-Politiker vor einem solchen Schritt zurückschreckt.

Denn würden Investoren davon ausgehen, dass weitere Schuldenschnitte folgen, könnte es zu einer „Flucht aus Schuldtiteln“ kommen, der Kreditmarkt und die Wirtschaft würden ins Trudeln geraten.

Es wäre gewissermaßen das Ende des „Kreditbooms“, also des künstlichen Aufschwungs, finanziert durch ein immer weiteres Anwachsen der Kredite. Es wäre vor allem auch das Ende der auf Kredit finanzierten Umverteilungsstaaten im Euroraum.
Das Problem des Papiergeldes

Mit Schuldenschnitt allein ist es übrigens nicht getan: Denn selbst wenn die Schulden erlassen werden, bleibt das Kernproblem der Misere bestehen: das ungedeckte Kredit- oder Papiergeldsystem.

Es mag eine unangenehme Wahrheit sein, aber die aktuelle Krise ist eine direkte Konsequenz eines Geldsystems, in der die Geldmenge fortgesetzt per Bankenkredit und damit quasi „aus dem Nichts“ vermehrt wird.

Ein solches Papiergeldsystem verursacht nicht nur „Boom-und-Bust“-Zyklen. Es sorgt auch für eine im Zeitablauf anwachsende Schuldenlast, vor allem bei Banken, Staaten, aber auch privaten Konsumenten.

Die sich auftürmende Schuldenlast führt letztlich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch: Schuldner sind nicht mehr in der Lage oder willens, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen.

Ein Schuldenschnitt ist folglich keine grundsätzliche Lösung der Probleme, für die das Papiergeldsystem sorgt. Denn wird das Papiergeldsystem fortgeführt, werden sich früher oder später wieder die gleichen Problematiken – Geldwertschwund, Überschuldung etc. – einstellen.

„Zwangsjacke“ Euro

Die sich abschwächenden Konjunkturen und die steigenden Arbeitslosenzahlen schaffen in vielen Euroraum-Ländern eine sehr prekäre Lage. Viele von ihnen werden sich nicht aus ihren Verschuldungslasten herausreformieren können. Der Euro wird für sie zur „Zwangsjacke“.

Wenn politisch davor zurückgeschreckt wird, Schulden, die die Kreditnehmer nicht mehr bedienen können und/oder wollen, zu erlassen beziehungsweise zu streichen, steigt unweigerlich der Druck auf die Zentralbank, die offenen Rechnungen mit neu gedrucktem Geld zu bezahlen, also eine Inflationspolitik zu befolgen.

„Bankensturm“ in Zypern

Die EZB hat Bargeld in Höhe von etwa fünf Mrd. Euro nach Zypern geschafft, um der erwarteten Bargeldnachfrage nachkommen zu können, wenn die Banken nach mehr als zehn Tagen die Pforten öffnen. Die zypriotische Regierung hat nun eine Reihe von drastischen Maßnahmen beschlossen. So kann pro Person und Konto maximal 300 Euro pro Tag abgehoben werden. Auslandsüberweisungen und Zahlungen mit Kreditkarten im Ausland werden pro Person und Bank auf 5.000 Euro beschränkt. Zyprioten sollen zudem pro Auslandsreise nur maximal 3.000 Euro Bargeld mit sich führen dürfen.

Festgeldanlagen dürfen nicht vorzeitig gekündigt werden. Diese Regeln sollen zunächst für vier Tage gelten, und sie sollen verhindern, dass Kapital in großem Umfang aus Zypern abgezogen wird. Der Katalog der Drangsalierungen geht weiter: So müssen zum Beispiel Exporteinnahmen den Behörden binnen zwei Wochen gemeldet werden. Dies gilt auch für Gewinne, die mit dem Verkauf von Immobilien erzielt werden. Die Ereignisse in Zypern sollte jedem zu denken geben: Euro-Bankguthaben sind nicht mehr sicher.
© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH

Hinweis aus eine Veranstaltung des Ludwig von Mises Instituts „Konferenz 2013“


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5 Kommentare auf "Schuldenschnitt in Zypern"

  1. Reiner Vogels sagt:

    „Grundsätzlich eine richtige Maßnahme“ wäre der Schuldenschnitt in Zypern nur dann, wenn er ordnungsgemäß und unter richterlicher Aufsicht durchgeführt würde.

    Herr Polleit hat ja selbst beschrieben, wie in einem solchen Fall zu verfahren wäre: „Bei einem Herabsetzen der Verbindlichkeiten gibt es eine Rangfolge: Als erstes kämen „nachrangige Verbindlichkeiten“ (in der Fachsprache: subordinated Debt) an die Reihe, danach „erstrangige“ Verbindlichkeiten (Senior Debt) und erst danach Kundengelder in Form von Sicht-, Termin- und Spareinlagen, soweit diese nicht durch eine Einlagensicherung geschützt werden (können)“

    Da dies nicht erfolgt ist, ist der Schuldenschnitt in Zypern nicht richtig, sondern Willkür. Willkür aber hat in einem Rechtsstaat nichts zu suchen.

    So reiht sich der Schuldenschnitt in Zypern ein in die Reihe der Rechts- und Vertragsbrüche, die die Euro-Politik bestimmen. Eine Währung kann auf diese Weise nicht gerettet werden, weil Willkür und Missachtung des Rechts durch die Verantwortlichen jedes Vertrauen im Keim ersticken.

  2. wolfswurt sagt:

    Hier offenbart sich wieder einmal mehr die Lügengeschichte von der Erpressung Deutschlands dem EURO beizutreten.

    Nicht die deutsche Regierung, Banken und Konzerne sind das Opfer des Euro sondern der Motor des Gleichheitswahns in Europa der, nachdem der Versuch mit Panzern gescheitert war, durch die wirtschaftliche Stärke und dem Euro-System mit Sitz in Franfurt nun durchgepeitscht wird.

    Zitat:
    „Bundesbanker: Zentrum des Euro Wahnsinns und Zentrum der Lüge

    Entscheidend aus Deutscher Sicht ist dabei, dass der Präsident der Bundesbank diesen Beschluss entgegen aller öffentlichen Darstellungen vorgeschlagen (!) und mitgetragen hat. Axel Weber, der Präsident der Bundesbank, wollte den Ankauf von Staatsanleihen von Euro-Pleiteländern durch die Bundesbank via EZB, er wollte die Haftungsunion und er hat danach konsequent die Öffentlichkeit über sein Verhalten belogen, indem er sich als harter Gegner dieser Ankäufe darstellte, bis hin zu seinem (inszenierten?) Rücktritt. Der Vorstand der Deutschen Bundesbank als Ganzes hatte weiterhin die Wahl, sich den EZB-Beschlüssen zu entziehen. Das hat er im Wissen des damit verbundenen Rechtsbruchs nicht getan.“

    aus: http://eurodemostuttgart.wordpress.com/2013/03/30/die-bundesbank-zentrum-des-euro-wahnsinns-und-zentrum-der-luge/

  3. mfabian sagt:

    Irgendwie witzig, obschon ich nicht sicher bin, ob ich das witzig finden soll:
    Da wird uns so um 2008/09 etwas einmaliges untergejubelt, nämlich, dass wir als Steuerzahler für die Fehlspekulationen der Banken haften müssen.
    Aus dem „einmalig“ wurde dann später ein zweimalig, dreimalig und mittlerweile ist es derart zum Standard geworden, dass sich niemand mehr zu fragen traut, ob nicht doch die Banken selbst für ihre Fehlspekulationen einstehen sollen!

    Dabei ist die Forderung von Banken nach Bailouts nichts neues:

    Als 1637 die Tulpenzwiebel-Blase in Holland platzte, sind die Spekulanten und Banker zum Staat gerannt und wollten einen Bailout.

    Begründung damals wie heute: Wenn wir das Geld nicht kriegen, wird es zum wirtschaftlichen Zusammenbruch Mitteleuropas (nicht nur Hollands!) kommen.

    Die Regierung hat zwei Tage über das Ansinnen nachgedacht und danach folgende Regierungserklärung verfasst:

    Die Tulpenzwiebel-Spekulationen sind in einer Art Fieber zustande gekommen, also im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit. Bei Spielsucht ist aber nicht der Staat zuständig, sondern der Arzt.

    Die Banker haben nichts bekommen und viele haben das einzig richtige getan: Sie haben sich vor die nächste Pferdekutsche gestürzt.

    Der Wirtschaft hat es überhaupt nicht geschadet. Es gab ja noch genügend seriöse Banker, die überlebt hatten und dass einige Banker ihr ganzes Vermögen verloren hatten, war für die Wirtschaft als Ganzes irrelevant.

    • samy sagt:

      „Die Tulpenzwiebel-Spekulationen sind in einer Art Fieber zustande gekommen, also im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit. Bei Spielsucht ist aber nicht der Staat zuständig, sondern der Arzt.“

      🙂

      Na Klasse, „Zu den riesigen Nebenwirkungen des Bankengeschäfts verblassen Ihre Banker. Befragen Sie dazu Ihren Arzt in Geldnöten oder den Aurumhändler gleich links neben dem Apotheker“

      VG

    • Skyjumper sagt:

      Danke für diese Info. Das es die Tulpenzwiebel-Blase gab war mir bekannt, die Lösung hatte mich aufgrund des zeitlichen Abstandes bisher jedoch nicht so interessiert.

      Wenn ich mir die Lösung so durch den Kopf gehen lasse, inbesondere den Teil mit den Pferdekutschen, dann sollten wir lieber dies zur Blaupause für die EU erheben. Statt Pferdekutschen könnte man sicher eine Alternative finden, denn bei den heutigen Tierschutzgesetzen sollte man diesen Schweinkram keinem Pferdegespann zumuten.

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