Schuldenmonetisierung soll Euro-Crash abwenden

20. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Mit dem Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab Ende 2007 begannen die Aktien der Euro-Banken einzuknicken – und der Goldpreis (in Euro gerechnet) begann seinen Höhenflug. Das Vertrauen in die Euro-Banken schwand.

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Die Finanzierungskosten der Geldhäuser verteuerten sich. Verluste auf Kredit- und Derivativgeschäfte drohten, das ohnehin schon knappe Eigenkapital der Geldhäuser aufzuzehren.

Eine Besserung ist nicht in Sicht. Die mittlerweile stark ausgeweitete Regulierung schnürt die Ertragsmöglichkeiten der Banken ab. Erschwerend kommt die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hinzu. Zeichnet sich eine neuerliche Bankenkrise ab? Eine Krise, die vielleicht noch größere Ausmaße annehmen kann als die, die in den letzten Jahren durchlaufen wurde?

Um diese Fragen zu beantworten, ist es wichtig, sich über die Rolle und vor allem auch die Macht der Zentralbanken bewusst zu sein. Denn sie haben noch „Asse im Ärmel“, und das sollten Sparer und Investoren nicht übersehen.

„Weiter so“

Die großen Zentralbanken rund um die Welt handeln nach dem Motto: „Weiter so”. Sie wollen die Finanzmärkte vor dem Zusammenbruch bewahren und die Wirtschaft in Gang halten. Was immer dazu erforderlich ist, wird getan.

Die Zentralbankräte wissen dabei ganz genau, wo sie ansetzen müssen: In den Kreditmärkten. Sie müssen dafür sorgen, dass die Kreditausfallsorgen aus den Finanzmärkten vertrieben werden. Denn das Wohl und Wehe der internationalen Geld- und Kreditarchitektur hängt am reibungslosen Kreditfluss. Um systemgefährdende Kreditausfälle abzuwehren, haben die Geldbehörden die Zinsen auf Rekordtiefstände gedrückt. Sie haben zudem die elektronische Notenpresse angeworfen, um strauchelnde Staaten und Banken zahlungsfähig zu halten. Die Zentralbanken stellen Staaten und Banken die benötigten Zahlungsmittel zur Verfügung.

Die Zentralbanken leihen sich auch untereinander ihre heimische Währung – dies sind die sogenannten „Liquidität-Swap-Abkommen“. Unter diesen Bedingungen wird es so etwas wie 2008/2009 – eine politisch ungewollte „Mega-Pleite“, ein „Credit Event“ eines systemrelevanten Spielers im Weltfinanzsystem – nicht mehr geben.

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Als Monopolisten der Geldproduktion haben die Zentralbanken die Macht, die Kredit- und Geldmengen immer weiter auszuweiten: Sie können unbegrenzt neue Kredite vergeben und neues Geld in Umlauf bringen.

Sie können ebenfalls Anleihen am Markt aufkaufen – ob nun Staats-, Banken- oder Unternehmensanleihen – und die Käufe mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Der dadurch geschaffene Liquiditätszufluss hat Folgen, insbesondere auch für die Aktienkurse. In der kurzen Frist mag der Verbund zwischen Geldmengenausweitung und Aktienkurssteigerungen zwar recht „lose“ erscheinen.

In der langen Frist offenbart sich jedoch ein positiver Zusammenhang: Das Ausweiten der Kredit- und der dadurch geschaffenen Geldmenge befördert alle Preise, einschließlich der Aktienkurse, in die Höhe. Wie lange kann das unablässige Kredit- und Geldmengenvermehren noch weitergehen?

Es hängt von den Geldnachfragern ab. Bislang hält die Nachfrage nach neu geschaffenem Geld Schritt mit seinem Angebot. Vor allem gibt es nach wie vor keine Anzeichen für steigende Inflationserwartungen – obwohl die Politiken der Zentralbanken weltweit extrem expansiv sind.

Das Vertrauen der Menschen scheint also nach wie vor sehr groß zu sein, dass die Zentralbanken „das Richtige“ tun und keine Inflationspolitik betreiben werden, um die hohen Schuldenlasten zu entwerten. Sollten jedoch einmal die Inflationssorgen aus ihrem Schlummer erwachen, ändert sich das Bild. Dann wird es brenzlig.

Wenn nämlich erwartet wird, dass das Geld seine Kaufkraft einbüßt, knickt die Geldnachfrage ein. Die Menschen beginnen, ihr Geld verstärkt gegen andere Güter einzutauschen. Die Folge sind steigende Güterpreise. Bei einer breit angelegten „Flucht aus dem Geld“ könnte das weltweite ungedeckte Papiergeldsystem sogar ein jähes Ende finden.

Doch bislang ist von all dem nichts zu sehen. Die Geldhaltungs- und Ersparnisgewohnheiten der Menschen – die sich in der Regel nur sehr langsam wandeln – haben sich selbst nach den Erschütterungen der Jahre 2008/2009 nicht auffällig verändert. Vor allem die Geldhaltung ist vielerorts so hoch wie nie. Solange das so bleibt, wird ein Crash, der die Aktienkurse ins Bodenlose fallen lässt, auf sich warten lassen.

Aktienkursrückschläge – wie 2000/2001 und 2008/2009 – werden zeitlich begrenzt bleiben. Diese Einschätzung mag helfen, eine Börsenweisheit beherzt und erfolgreich in die Tat umzusetzen: „Sei furchtsam, wenn andere gierig sind, sei gierig, wenn andere furchtsam sind.“

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Monetisierung der Euro-Schulden

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, welche Wege und vor allem auch welche Dimension die Maßnahmen der EZB zur „Rettung“ des Euro noch nehmen können in ihrem Bestreben, das Einheitswährungsprojekt vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Die Überlegungen werden anhand von vereinfachten Bilanzen des Euro-Bankensektors und der EZB illustriert, die nachstehend abgebildet sind.

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Zudem ist anzumerken, dass sich im ersten Quartal 2016 die gesamte Staatsverschuldung im Euroraum auf 91,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes belief. Sie betrug 9.605 Mrd. Euro. Davon waren 7.619 Mrd. Euro Wertpapiere und 1.698 Mrd. Euro Bankkredite.

Im Juni 2016 hielten die Euro-Banken Staatsschulden in Höhe von 2.922 Mrd. Euro. Folglich befanden sich Staatsschulden in Höhe von 6.683 Mrd. Euro in den Händen von Nichtbanken (Versicherungen, Pensionsfonds etc.) im Euroraum und/oder Banken oder Nichtbanken im Ausland.

Im folgenden werden vier Szenarien betrachtet:
(1) Die EZB kauft den Euro-Banken Euro-Staatsschulden ab;
(2) die EZB kauft Staatsanleihen von Nichtbanken (wie Privaten und Versicherungen);
(3) die EZB übernimmt die Kapitalmarktfinanzierung der Banken; und
(4) die EZB kauft etwa 50 Prozent aller Staatsschulden und etwa 30 Prozent aller risikotragenden Aktiva der Euro-Banken.

Zu (1): Die EZB kauft den Euro-Banken Euro-Staatsschulden ab
Die Euro-Banken halten Staatsschulden in Höhe von 2.900 Mrd. Euro (1.100 in Form von Bankkrediten, 1.800 Mrd. in Form von Anleihen). Kauft die EZB den Banken diese Schulden ab, dann gibt es einen Aktivtausch in der Bilanz des Euro-Bankensektors: Die Kredite und Wertpapierbestände der Euro- Banken fallen um 2.900 Mrd. Euro, und die Kassenbestände der Euro-Banken steigen in gleicher Höhe.

Die Bilanz der EZB verlängert sich: Die Summe aus Krediten und Wertpapieren steigt um 2.900 auf 5.000 Euro, und die Guthaben der Banken bei der EZB steigen um 2.900 auf 3.900 Euro. Die Bilanzsumme der EZB steigt von 3.200 auf 6.100 Euro. Die Banken haben nunmehr erhöhte Überschussreserven, die sie für eine zusätzliche Kredit- und Geldmengenvermehrung einsetzen können.

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Zu (2): Die EZB kauft Staatsanleihen von Nichtbanken

Man nehme an, die EZB kauft Staatsanleihen in Höhe von 5.000 Euro, die sich in den Händen von Nichtbanken (Versicherungen, private Sparer, Pensionskassen etc.) befinden. In diesem Falle passiert folgendes: Die EZB bezahlt mit neu geschaffenen Euro, die auf die Konten der Wertpapierverkäufer überwiesen werden. Da diese Konten im Euro-Geschäftsbankensektor gehalten werden, steigen die Sichteinlagen um 5.000 auf 10.800 Euro. Gleichzeitig erhalten die Banken durch die Überweisung neues Zentralbankgeld in Höhe von 5.000 Euro, so dass die Kasse der Euro-Banken auf 6.000 Euro ansteigt.

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Die Bilanzsumme der EZB steigt um 5.000 auf 8.200 Euro: Auf der Aktivseite der Bilanz steigen die Wertpapiere um 5.000 auf.

Gleichzeitig erhalten die Euro-Banken durch die Überweisung des Kaufpreises ein zusätzliches Guthaben in Höhe von 5.000 Euro, so dass die gesamte Zentralbankgeldmenge auf 6.000 Euro ansteigt…. (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Schuldenmonetisierung soll Euro-Crash abwenden"

  1. Argonautiker sagt:

    Im Grunde haben Sie schon recht, dieses System des Ungedeckten elektronischen Gelderzeugens könnte man unendlich weiter vollziehen, jedenfalls rein rechnerisch gesehen. Nimmt man jedoch den Menschen in die Gleichung mit hinzu, dann eben nicht mehr, denn all das Kreditgeld bekommt seine Wertigkeit ja eigentlich erst dann, wenn es als Kredit genommen wurde und dann auch was damit gemacht wurde, also neue Werte erschaffen wurden.

    Natürlich können sie mit dem ungedecktem System, Kredite mit Krediten abzahlen um das System so am expandieren und künstlich am Laufen zu halten, aber was für einen Sinn macht das, denn die Gelddrucker wissen es doch am Besten, daß das, was sie auf diese Weise ernten, eben eigentlich wertlos ist?

    Wann kommt also der Zeitpunkt, an dem auch die Gelderzeuger sagen, was soll daß, da kommt doch nichts mehr bei rum? Wenn sich das Leben verweigert diese Kreditmaschinerie mit Werten zu füllen, indem sie sie erschaffen, dann geht einfach nichts mehr.

    Deswegen wird Krieg geschürt. Werden Bedrohungen erschaffen, wird ins Zerstören investiert, damit so viel zerstört wird, daß die Menschen wieder neu erschaffen MÜSSEN, weil alles kaputt ist.

    Dadurch wird auch klar, warum Putins Rußland sich auf keinen Krieg einlassen will, denn deren System ist ja gerade in der Perestroika zusammengebrochen und neu gestartet worden, also sprudelt es da alles noch frisch. Putins System ist jedoch um keinen Deut besser, nur jünger, und deswegen scheint es besser.

    Der Dollar ist am Ende und braucht die Zerstörung, damit ein neues System gestartet werden kann, oder es muß sich Rußland als Verjüngungspille einverleiben, weil es sonst irgendwann hieße, der Alte König ist tot, es lebe der Neue.

    Der Euro wäre auch nicht am Ende, wenn er sich nicht zu sehr an das durch die FED angeführte Zentralbanksystem angehängt hätte, sondern eigenständig entwickelt hätte, und mit dem jungen Rußland in Verbindung getreten wäre.

    Es ist aber nicht so, und das hat wohl auch einen Grund, der wahrscheinlich wirklich darin zu finden ist, daß man seitens des sterbenden Dollarsystems vor hat, über die durch einen totalen Krieg stattfindende Verschmelzung, ein neues Weltsystem zu starten.

    Aber das sind eben alles nur Wirtschaftliche Sichtweisen, die vom Sinn des Lebens eben meilenweit entfernt sind. Da glaubt jemand, eine paradiesische Welt erschaffen zu wollen, ohne dabei zu verstehen, daß das Dasein auf Erden eben genau diesen Sinn nicht hat.

    Aus dem Materielosen Paradies sind wir gefallen, und werden dies auch nur dann wieder erreichen, wenn wir die entsprechenden Schwierigkeiten auf Erden erleben und durch das Erleben lösen. Und Erleben meint eben auch erleben und nicht alle Schwierigkeiten versuchen weg zu sozialisieren, oder auf Andere umzuleiten.

    Der Mensch braucht die Krise, sonst kann er sich nicht erlösen. Ein wegsozialisieren von Ungemach bringt nur eine Verdrängung zu Stande, die sich zu einer immens großen Schuld des Unbereinigten auftürmt. Bereinigt wird das aber nur durch das Erleben und nicht durch das soziale ausgleichen oder das soziale delegieren.

    Und genau da sind wir jetzt, man hat unter Anderem eine irdische Lehrstunde des auch mal Knapp seins, mittels Kreditvergabe aus dem Zeitlichen verdrängt, aber eben nur Verdrängt, und nicht durch das Erleben gelöst. Was nun auf uns hereinbricht, sind all die Verdrängten Erlebnisse des Knapp seins, die wir mittels einer sozialen Haltung verdrängt haben. Denn im Knapp sein, entsteht ja auch was, wenn es so eng wird, daß nichts anderes übrig bleibt, als was neues zu gebären, was uns jetzt fehlt.

    Das da natürlich jetzt wieder Einige meinen ganz besonders clever zu sein und das durchbrechende Leid auf Andere zu sozialisieren trachten, und für sich nur das Positive an sich binden wollen, indem sie die Regeln verändern, ist für genau die natürlich besonders tragisch, da ihnen eben das Erlebnis der Krise fehlt und sich als Mensch eben nicht entwickeln, sondern in ihren materiellen Burgen versteinern. Unerlöst.

    Zum Leben gehört eben nicht nur Freude, sondern auch Leiden. Die, die das Leiden auf Andere abwälzen gewohnt sind, dürften innerlich in der größten Not sein. Ich wünsche niemandem großes Leid, aber diejenigen, die schon mal großes Leid erfahren durften, und es überwinden konnten, indem sie selbst durch ihr persönliches Golgatha hindurch gegangen sind, wissen, daß es kaum eine größere Bereicherung gibt.

    Die derzeitig materiell Reichen dieser Welt sind nichts anderes, als die Feiglinge vor der Inangriffnahme einer selbst erlebten Krise, und mit denen möchte ich um nichts in der Welt tauschen.

    Das was man da gerade sieht, ist doch nichts anderes als ein „Schwarzer Peter“ spielen. Niemand versucht da doch wirklich die Krise im Erlebnis zu lösen, sondern es ist ein hin und her Geschiebe geworden, und mit jedem weiteren hin und herschieben, findet eine Vergrößerung der Schuld am Erlebnis der Krise statt, und jeder hofft, daß die Krise dann ausbricht, wenn er möglichst all seine Schwarzen Peter gerade abgegeben hat. Und das soll man Regieren oder Wirtschaftspolitik nennen?

    Dieses sich selbst rein waschen wollen, indem man die Schuld abwälzt, anstatt sie zu lösen, ist doch pathologisch in dieser Kaste geworden.

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