Schuld und Schulden

26. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Robert Rethfeld

Schulden sind eine Art Plural von Schuld. Kriegsschuld, Kollektivschuld. Schuld und Sühne. Etwas schultern, an einer Last schwer tragen. Im deutschsprachigen Raum ist der Schuldenbegriff emotional negativ belegt. Im Englischen wird unterschieden zwischen Schuld als Schuldhaftigkeit „War Guilt“ (Kriegsschuld) und „Debt“ (finanz-technischer Schuldenbegriff). Ähnliches gilt für die romanischen Sprachen spanisch, italienisch, portugiesisch und französisch. Spanisch bedeutet „culpa“ Schuld und „deuda“ Schulden.

Finanzielle Schulden haben im Deutschen etwas mit Verantwortung zu tun. Wer verschuldet ist, hat dafür zu „sühnen“. Sieht man Geldschulden hingegen als finanztechnischen Begriff – wie die Angloamerikaner und die Südeuropäer – , so geht es nicht darum, eine Last zu tragen. Es geht um Passiva auf dem Konto.

Ausgehend von einer solchen Sichtweise kann man überlegen, wie man diese Passiva los wird, ohne etwas schultern zu müssen. Hier kommen die Zentralbanken ins Spiel. Der Deutsche sieht überwiegend keine Lösung darin, Schulden einfach in den Mülleimer der Zentralbanken zu kippen. Dieser Mülleimer würde platzen und die große Inflation auslösen. Dem kann man entgegenhalten: Bisher hat die Bank von England etwa 37 Prozent der britischen Staatsverschuldung geschluckt, ohne dass die Inflation ihr schreckliches Haupt erhoben hat. Im Gegenteil: Die britische Inflationsrate fiel in den vergangenen beiden Jahren deutlich.

Die Staatsverschuldung der Industrieländer kann nicht auf herkömmliche Weise abgebaut werden, selbst wenn Austeritätsprogramme lange Jahre laufen würden. Eine Wachstumsstrategie funktioniert aus demografischen Gründen nicht. Haircuts großer Länder wären zu teuer. Was bleibt, ist der Ankauf der Schulden durch die Zentralbanken. Wenn die amerikanische Zentralbank ihr gerade gestartetes QE3-Programm bis zum Jahr 2015 ausdehnen würde, würde sie 25 Prozent der US-Staatsverschuldung aufgesaugt haben.

Die rote Linie auf dem obigen Chart zeigt die Monetarisierungsbemühungen der Fed (QE), die blaue Linie die Entwicklung der US-Staatsverschuldung. Würde die rote Linie die blaue Linie erreichen, dann wären sämtliche Schulden der US-Regierung in den Müllschlucker gewandert.

Die Staatsschulden landen bei der Fed, aber wo fließt das dafür neu erzeugte Geld hin? Die US-Banken legen es zum Großteil bei der Fed als „Überschussreserve“ an (folgender Chart). Die Banken erhalten eine Zins von 0,25%.

So lange die Kreditnachfrage schwächelt, bleibt das neue Geld ebenfalls bei der Fed.

Die Frage, ob die Monetarisierung der Staatsverschuldung durch die Zentralbanken Inflation erzeugt, möchte man intuitiv mit „ja“ beantworten. Aber das ganze ist ein großes Experiment, von dem niemand weiß, wie es ausgeht. Der übergeordnete Deflationsdruck ist gewaltig. Ein Blick auf die Entwicklung des US-BIP-Wachstums seit den 1950er genügt, um die Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung zu erkennen.

Fazit: Allein aus sprachgeschichtlichen Gründen übt das Wort „Schulden“ eine andere Emotionalität bei uns Deutschen aus als in der angloamerikanischen oder romanischen Welt. Die Zentralbanken kaufen die Staatsverschuldung auf und machen sie zu Geld („Monetarisierung“). Es ist ein finanztechnisches Experiment, mit dem angloamerikanische und südeuropäischen Staaten keine „Schuld“ verbinden. Dieses Experiment kann so lange gut gehen, so lange die übergeordnete deflationäre Entwicklung anhält und kein kreditfinanzierter Boom entsteht. Unternehmen haben aktuell keinen Bedarf, sich zu verschulden. Sie schwimmen in Cash. Erst dann, wenn die Cash-Vorräte abgebaut sind und auch der US-Arbeitsmarkt Knappheiten anzeigt, dürfte das seitens der Fed bereit gestellte Kapital in Umlauf kommen und Inflation entstehen. Antizipieren Sie die Entwicklung der Finanzmärkte mit Hilfe unserer handelstäglichen Frühausgabe.

Robert Rethfeld
Wellenreiter-Invest

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