Schonen Sie Ihre Nerven und schauen Sie weg

26. Juli 2010 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Nein, heute rege ich mal ausnahmsweise nicht über die Notenbanker, Henry Paulson, den DAX und das Wetter auf. Ich bin mir sicher, sie tun nichts anderes als seit ein paar Wochen, Monaten und Jahren.

Immer wieder erlebe ich, dass die Finanzmarktinteressierten rund um die Uhr die Kurse verfolgen und zwischendurch ihre Erfolge nach außen tragen oder ihrem Frust in den Internetforen freien Lauf lassen. Alles kostet Zeit, ein Ding, das nur begrenzt vorhanden ist. Bei manchen zählen Nerven auch nicht zur Substanz. Doch das muss jeder selbst wissen. Dank der Börsenzeiten kann heute man rund um die Uhr auch die Kurse der Edelmetalle verfolgen, für viele eine Tagesbeschäftigung und besonderer Quell für Freud und Leid. Fußball hat dagegen den Vorteil, dass das Ergebnis wenigsten schon nach 90 Minuten feststeht. Ein Silberspiel dauert aber länger als 90 Minuten. Mal geht es ein paar Cents hoch, mal paar runter, dann wieder springt die Stimmung von Jubel auf Moll und umgekehrt.

In der Summe hat sich beim weißen Metall in den letzten Wochen nichts getan. Doch viele haben die letzten acht Wochen regelrecht verplempert. Der kleine Bruder des Goldes schwankte zwischen 16 und 18 Dollar – müßig, dem zuzuschauen. Im Herbst könnte sich vielleicht mehr tun, vielleicht auch früher. Bis dahin aber sind die Tage lang, das Wetter meist schön und es gibt bestimmt Spannenderes. Wer Papiersilber gekauft hat, also diese ganzen netten Derivate ohne eine Unze Silber dahinter, mit oder ohne eine KnockOut-Schwelle, den kann man ja verstehen. Doch wer langfristig denkt und vor allem physische Bestände hat, der schläft wohl etwas ruhiger. Wer vor allem seine Hausausgaben in Sachen Markt gemacht hat, dürfte die Nächte gut durchschlafen.

Wer den Silbermarkt nach Angebot und Nachfrage durchforstet hat, nach Interessen und Größen, weiß eigentlich Bescheid. Der Markt ist mit freundlich gerechneten 17 Milliarden USD ein Zwerg im Gegensatz zum 5000 Milliarden schweren Goldmarkt. Von der weltweiten 690 000 Milliarden hohen Derivatepyramide muss man gar nichts mehr schreiben. Das erledigt die Zeit und der liebe Gott. Die Silbernachfrage steigt, das Angebot hält unterdessen nur mühsam mit, die Anwendungsgebiete werden wegen der physikalischen Eigenschaften des Silbers größer. Zudem hat Silber eine Geldfunktion, ist sozusagen ein Geldspeicher. Keine Inflation konnte dem Metall etwas anhaben. Investoren scheinen davon Lunte gerochen zu haben. Edelmetallhändler berichten zur Zeit, dass die Anzahl der Orders im Sommer geringer geworden ist, jedoch die Höhe der Investition erreicht oft sechsstellige Beträge. Mehr muss man eigentlich nicht wissen.

Jetzt machen Sie das Internet aus, graben Sie sich ein oder schauen Fußball-EM. Manche warten auf ein Erdbeben, doch denken Sie mal an Andre Kostolany. Er hat hier und dort viel Unsinn erzählt, jedoch die Geduldsfrage hat er wie kaum ein anderer beantwortet. Investoren brauchen Geduld, doch wer hat die heute schon? Geduld ist wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit eine Tugend, die mit dem Schlechtwerden des Geldes wie die Moral und der Anstand immer schneller unter die Räder kommt. Und es scheint auch so, dass immer weniger Leute Geld haben, das sie zur Absicherung ihrer finanziellen Verhältnisse zur Seite legen können. Die meisten haben ihre Ersparnisse sowieso in ganz anderen Anlagen, wo oft nur die Bank gewinnt.

In den letzten Wochen ist beim Silberpreis nicht viel passiert. In den Medien wird das Thema Inflation jetzt gespielt. Nicht nur bei den Daten erfährt man unendlich viel Unsinn, auch die Lösungswege, der Inflation etwas entgegenzusetzen erinnern eher an Mumpitz als an Information.

Wir lernen heute, dass Aktien Sachwerte sind (selten so gelacht) und dass man mit inflationsgesicherten Anleihen der Teuerung ein Schnippchen schlägt. (ich kringle mich immer noch). Gold und Silber sind längst vom Massenradar verschwunden. Die Matrix scheint zu wirken, doch nicht bei allen. Man hört auch wieder von Teuerungsraten von dreikommenochwas Prozent. Wer es glaubt, bitte schön. Ohne Schnickschnack und einen austauschbaren Warenkorb gerechnet, zieht man vom Zuwachs der Geldmenge (+ca. 11%) das BIP ab (+ freundlich geschätzte 2% in Deutschland). Der Taschenrechner spuckt nun neun Prozent Teuerung aus. Man fühlt das auch, aber es ist ein Irrtum, weil es ein Irrtum sein muss. Neun Prozent Rendite muss man am Finanzmarkt erst einmal einfahren. Ach ja, Immobilien werden jetzt auch als Sachwert dargestellt. Im weiteren Sinne sind Immobilien Verbrauchsgegenstände, denn fünf Prozent des Wertes muss man jährlich zur Seite legen, um den Unterhalt zu bezahlen. Tut man nichts an der Immobilie, vernichtet sie die Zeit. Rechnen sollte man schon können. Immobilien, der Name sagt es, sind alles anders als mobil. Schön ist es, ein Haus zu finanzieren, doof bloß, wenn man keine Mieter hat, weil die sich den Mietzins nicht leisten können.

Schaut man sich die ganzen Ratgeber mal an, denke ich an einen Spruch einer guten Freundin: „Ratschläge sind auch Schläge“. Vielleicht kommt mancher auf die dumme Idee, mal selbst über die Länge von zwei Halbzeiten über das Thema Geld und Ziele Gedanken zu machen. Es ist auch eine Art von Luxus, der nicht mal was kostet. Zumindest ist man aber gegenüber dem allwissenden Finanzberater etwas mehr auf Augenhöhe. Und die Gedanken sind bislang von der EU – Kommission noch nicht untersagt. Manche brauchen aber auch diese Schläge. Und manche haben diese auch verdient.

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