Schöne neue Überwachungswelt! Exklusiv und rund um die Uhr

9. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Sie wollen einen Kredit? Sie planen Anschaffungen? Etwas vorgezogenen Konsum? Gehen Sie jetzt klug vor: Löschen Sie zunächst ein paar klamme Freunde auf Facebook und optimieren Sie dann ihr Profil mit neuen Fotos. Schleimen Sie sich bei Personen des öffentlichen Lebens ein. (Nicht bei mir!) Nicht nur die SCHUFA ist höchst interessiert…

Mitten im Sommerloch (Sommer?) überrascht uns fast schon ein großer Skandal. Eine kollektive Erregung durchzieht das Land. Ist das nicht herrlich? Jeder kann mitreden. Und mal ehrlich: Andere Themen sind längst abgenutzt wie das Euro-Debakel oder Schulden in Griechenland. SCHUFA ist in! Das Wort ist womöglich mit dem „Schuft“ verwandt…

Da kommt das Blut in Wallung. Das dürfen die doch gar nicht, habe ich im Radio gehört. Ach ja? Hat denn niemand die Geschäftsbedingungen von Facebook gelesen?

Wer kennt sie nicht, die SCHUFA. Während sie an großen Plänen gearbeitet  hat, die dann leider noch an die Öffentlichkeit gedrungen sind, setzt die Finanzindustrie dieses Prinzip Datenkrake auf Facebook schon längst um. Die SCHUFA hat sich nur erwischen lassen.

Jeder will heute an Daten. Unternehmen, Staaten, Gauner. Es ist einfacher geworden. Wie die Inflation bricht man täglich in Wohnungen ein, ohne Spuren zu hinterlassen. Mit einem Zugang zu Facebook übergibt man die Wohnungsschlüssel. Warum kam die GEZ noch nicht auf diese Idee und schickt so schlecht gekleidete Kontrolleure?

Interessant ist, dass sich die Mehrheit über die SCHUFA aufregt. Es liegt daran, dass so viele Leute mit ihr Bekanntschaft gemacht haben. Kredite sind alltäglich und nichts Ungewöhnliches. Autos, Häuser, ein paar bunte Sachen bei überzogenen Konten? Für andere ohne Minuszeichen auf dem Konto gibt es andere Interessenten, die ihre passende Werbung los werden wollen oder andere Gaunereien vorbereiten.

Lebe zynisch – habe Spaß?

Ich hatte mich gewundert, dass in den letzten Tagen so viele Angebote für Kredite ankamen. Jetzt stellte sich heraus, es sind Bekannte auf Facebook, die damit ihre Punktezahl bei der SCHUFA oder wo anders erhöhen möchten. Da mache ich doch mit. Deshalb bin ich in Eile. In der Nachbarschaft muss ich teure Häuser und Autos fotografieren und dann bei Facebook veröffentlichen. Außerdem gibt es in der Nähe ein paar Pferdekoppeln. Im Hafen von Gernsheim (Standort erkannt!) liegen ein paar hübsche Schiffe. Mit den Fotos auf Facebook dürfte dann mein „Score“ bei wem auch immer explodieren. Was für ein zynischer Spaß im Netz. Aber…

…der eigentliche Punkt ist ein anderer. Schnüffeln nach Daten gehört zum Alltag. Gläserne Konten, Überwachungskameras, gespeicherte Verbindungsdaten per Telefon und Internet… Und jetzt die arme SCHUFA… Aber das Sommerloch ist nah, welches bislang wahlweise mit Braunbären, Sonnenfinsternissen, entflohenen Krokodilen und Seitensprüngen Prominenter gefüllt wurde. Die SCHUFA hätte es fast zum Sommerhit gebracht.

Auf Facebook stellt man seine Daten freiwillig zur Verfügung. Vielleicht ist das der eigentliche Nutzen von Facebook und anderer vermeintlich sozialer Netzwerke – als Durchlauferhitzer im Sammelbecken eines Datensumpfes. Wenn das der alte Erich erleben könnte – ob Honecker oder Mielke. Früher war es beschwerlich, Spione zu rekrutieren. Heute machen die Leute freiwillig mit, oft nur, um einen einzigen Cent bei irgendeinem Einkauf zu sparen. Einmal am Tag gewinnen… Was für ein Glück!

Ganz unbemerkt

Historisches passierte am 6. Juni. Die Venus schob sich als böses Omen zwischen Sonne und Erde. Am gleichen Tag fand ganz unbemerkt im Internet eine Revolution statt. Soweit ich erfahren habe, gibt es im Internet nur 4,3 Milliarden IP-Adressen. Viele werden mehrfach verwendet, doch das ändert sich. Internetfähige Geräte brauchen so eine IP-Adresse wie jeder Surfer. Mit dem neuen Internetstandard IPv6 wird die Zahl der IP-Adressen auf 340 Sextillionen (zehn hoch 36) erweitert.

Ginge es nach Google, bekäme nicht nur jedes Gerät, sondern jeder Mensch eine höchst persönliche IP-Adresse. Damit lässt sich dann auch vieles herausfinden: Auf welchen Seiten man surft, Vorlieben und Abneigungen, Intimes und anderweitige Abgründe – einfach auslesbar für alle, die damit etwas anzufangen wissen, möchten und können. Was ist schon die SCHUFA? Überwachung hat längst Einzug gehalten – Stück für Stück.

Mein Handy weiß, wo ich gerade bin. Der Computer kennt meine IP-Adresse. Wer ein Profil von mir erstellen will, findet diese Seite. Profiler haben vermutlich ein einfaches Spiel und auch einen krisensicheren Job. Mein Telefon weiß, mit wem ich spreche und wer mir Nachrichten schickt. Gesprochene Worte lassen sich heute speichern – auch als Text und Beweismittel. Ein paar unpassende Bemerkungen, und schon gehört man zum Kreis von Verdächtigen und bekommt bestenfalls keinen Kredit mehr. Auch das Denken ist künftig auslesbar. Jeder wird klassifizierbar. Freund, Feind, Gesinnung, Religion, Stärken, Schwächen… finanziell gestellt, maßgeschneidert bewerb- und verführbar nützlich, wert und unwert…

Und wenn ich mal nicht am Computer sitze, geht die Überwachung weiter. In Frankfurt gibt es schätzungsweise eine Million Kameras, die mich auf Schritt und Tritt verfolgen. Was esse ich? Esse ich zu fettig? Esse ich zuviel? Mit wem unterhalte ich mich? Die Augen-Iris und andere biometrische Daten werden Beweise liefern können. Jeder wird identifizierbar. Was kaufe ich? Wohin gehe ich? Und wann gehe ich wohin? Das Handy als Freund und Helfer ist immer dabei. Für wen? In Zeiten des Terrors ist jeder verdächtig und der Begriff des Terror gegen was auch immer beliebig erweiterbar. Schöne neue Welt. Orwell rotiert im Grab – schneller als eine alte Maxi-Single.


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Ein Kommentar auf "Schöne neue Überwachungswelt! Exklusiv und rund um die Uhr"

  1. Austrian sagt:

    :-)) keine Angst, Herr Mayer, der Sommerhit wird der Euro und die europäischen Banken…

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