Schöne Grüße aus der Vergangenheit

29. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) In der europäischen Politik sind zahlreiche Abgeordnete und Kommissare offensichtlich verwundert, wie wenig sich die Realität für Beschlüsse irgendwelcher Räte und Kommissionen interessiert. Während so mancher immer noch glaubt, ein verringertes Defizit sei eine Ersparnis und mit ein paar hundert Milliarden mehr könne man die Welt wieder in den Tiefschlaf versetzen, schreiten die Fakten weiter voran.

Die Festlegung der Wechselkurse zur neuen Einheitswährung ist schon eine Weile her. Offenbar sind ein paar Jahre schon ausreichend dafür, dass manche Eurokraten sich gar nicht mehr daran erinnern können, dass die Kurse nicht schon immer fix waren. Es lohnt sich den Blick auf die historischen Daten zu lenken, denn die Parallelen zur aktuellen Entwicklung am Anleihenmarkt sind unverkennbar.

Die Währungen zeichneten sich vor der Währungsunion durch beachtliche Schwankungen und Trends aus. So hat etwa der französische Franc gegenüber dem US-Dollar jährlich um 0,37% abgewertet während die D-Mark pro Jahr rund 2,5% zulegte. Die Währungen Spaniens und Italien legten unterdessen dauerhaft den Rückwärtsgang ein, sie fielen im Vergleich zum Dollar pro Jahr sogar um 3,1% respektive 4,1%. Die folgende Grafik zeigt die langfristigen Verläufe vom Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems bis zur Festschreibung der Wechselkurse der nationalen Währungen zum Euro. Unschwer zu erkennen ist die deutliche Divergenz zwischen den heutigen Sorgenkindern und der D-Mark.

Nicht ohne Grund erinnern die Datenreihen an die aktuelle Entwicklung der Anleiherenditen dieser Länder. Nun haben die Technokraten in ihrem unermesslichen Ratschluss das Ventil, das Wechselkurse nun einmal darstellen, verschweißt. Der gesamte Druck, der sich auch aus dauerhaften ökonomischen Abweichungen und massiven Kapitalfehlallokationen ergibt, sucht sich nun mit den Bondmärkten einen neuen Ausweg.

Dies lässt sich an den Renditen der Staatspapiere sehr gut ablesen. Die Anleihekurse fallen übrigens nicht wegen vermeintlicher Short-Spekulanten, so einfach ist das am Bondmarkt nicht. Vielmehr passen sich die Kurse der schwachen Nachfrage an. Kauft niemand die Anleihe, fällt der Kurs und die Rendite steigt.

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die Entwicklungen gleichen. Die fundamentalen Daten geben eine derartige Entwicklung durchaus her, wenn auch die Bundrenditen stark von der intraeuropäischen Kapitalflucht profitiert haben dürften. Die vergleichsweise niedrigen französischen Renditen wirken vor dem Hintergrund der verfahrenen Situation in Frankreich sehr ambitioniert. Wenn jedoch Monsieur Hollande nur die Hälfte seiner Fantasialand-Theorien in die Praxis umsetzt, kann man sich bald mit dem italienischen Schatzamt auf Augenhöhe unterhalten.

Werfen wir noch kurz einen Blick auf die per 31.12.1998 festgelegten Wechselkurse der nationalen Wechselkurse zum Euro.

Ab dem 1. Januar 1999 war dann Schluss mit der Bewegungsfreiheit. Schaut man noch einmal auf die erste Grafik, so fragt man sich, wie jemand auf die Idee kommen konnte, dies könne dauerhaft funktionieren. Aber an Ideologien ist die aktuelle Debatte ja ebenfalls nicht arm. Wer gegen den Euro ist, der sei gegen Europa, so heißt es. Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, aber wir kommen trotz Schwedenkrone mit den Skandinaviern ebenso gut klar wie mit griechischen Staatsbürgern, wobei uns bei der Einschätzung eines Menschen der Pass und seine heimische Währung ohnehin nicht interessieren…

Schön dämlich war auch die offenbar hastig zusammengeschriebene Bemerkung der Kanzlerin, Länder innerhalb einer Währungsunion hätten noch nie Krieg gegeneinander geführt.

Zunächst einmal ist diese Argumentation vom Kaliber der Storch-Geburten-Kausalität. Letztes Jahr gab es mehr Störche und mehr Kinder, also bringt der Storch die Kinder. Auch Länder mit unterschiedlichen Währungen befinden sich nicht zwangsläufig in einer militärischen Dauerfehde. Zudem gibt es ja auch noch Bürgerkriege – in Europa nicht unbekannt – und sonstige Unannehmlichkeiten wie Unterdrückung und staatliche Repressionen.

Vielleicht aber hat die Bundesregierung nun das allumfassende Friedensmittel gefunden und es ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, wann der Euro in Afghanistan Einzug hält.

Hätten sich die Währungen relativ zueinander ab dem Jahr 1999 mit der gleichen Rate so weiterentwickelt, wie seit den 70er Jahren, dann hätte sich in den Jahren der Existenz der Eurozone, natürlich vereinfacht dargestellt, folgendes Bild ergeben.

Wirft man einen Blick auf die Kurse langlaufender Staatspapiere dieser Länder, so ist man von derartigen Werten gar nicht so weit entfernt. Anscheinend sucht sich nicht nur Wasser seinen Weg. Wie ungewöhnlich die kurze Phase der Annäherung der Renditen in der Eurozone war, zeigt der langfristige Chart. Befeuert wurde diese auch durch den quasi EU-besicherten Konvergenztrade. Anleihen von Eurobeitrittsländern wurden in Fremdwährung gekauft. Nach der Fixierung der Wechselkurse und der Konvergenz der Renditen verkündeten viele Fonds eine hübsche Entwicklung und hatten nur noch in Euro-Papiere in den Büchern. Rein ökonomisch ist es nicht nachvollziehbar, warum jemand in den Jahren danach bei gleicher Rendite eine Anleihe Zyperns gegenüber einer Bundesanleihe bevorzugen sollte.

 Gestört hat dies offensichtlich wenige. Aber selbst nach den Erfahrungen der letzten Jahre gab es einige Branchenangehörige mit hohem Sendungsbewusstsein, die mit Sätzchen „bis 2013 sind die griechischen Bonds safe“ durch die Lande tingelten. Ein teurer Spaß.

Angesichts der politischen Hilflosigkeit und der tiefen Sackgasse, in die man sich auch durch absurde Lobby-Abhängigkeit manövriert hat, werden Investoren aus anderen Teilen der Erde weiterhin wenige Anreize verspüren, Ihr Geld in der Eurozone investieren. Verdenken kann man es ihnen nicht.


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