Schon gemerkt? „Ja, aber“ war gestern!

20. Januar 2014 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Je höher die Kurse steigen, desto weniger gut ist man angeschrieben, wenn man es wagt, diese Rallye des DAX oder gar den Bestand der „erst“ fünf Jahre währenden Hausse in Frage zu stellen…

Das gilt umso mehr, je zahlreicher diejenigen Akteure werden, die realisieren, dass ihnen gerade das dünne Eis, auf dem sie jahrelang tanzten, abhanden kommt.

Denn nichts ist unbeliebter als eine sorgsam ignorierte, von anderen indes wieder in Erinnerung gerufene Wahrheit, die einem nicht ins Konzept passt.

Dass ich mit dergleichen dauernd daherkomme, sollte nicht mit einer grundsätzlich bearishen Einstellung verwechselt werden. Wenn man kurzfristige Bewegungen nutzt, ist es einem schlicht egal, ob der DAX steigt oder fällt. Ich habe kein persönliches Interesse daran, den DAX fallen zu sehen. Aber mir ist es zuwider, mich der tumben Masse der Kommentare, die umso mehr ewige Hausse versprechen, je höher die Kurse steigen, anzuschließen, indem ich aus irgendwelchen absurden Ecken mit Argumenten daherkomme, warum der DAX auch das sechste Jahr in Folge steigen muss. Er muss nämlich nicht. Und in meinen Augen haben nur Kolumnen Sinn, die quer denken. Mitläufer gibt es schon genug.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass man über Jahre hinweg so ziemlich alles ignorieren konnte, was gegen steigende Aktienmärkte sprach, jetzt aber die Basis der Ignoranz, das Dauer-Argument des „ja, aber“, langsam entschwindet. Konkret die künstlich niedrig gehaltenen Kapitalmarktzinsen.

Die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt dienten über Jahre als eine Art Wellenbrecher für die Aktienmärkte. Egal, welche Argumente gegen die Hausse sprachen, man konnte sie immer mit dem Argument vom Tisch wischen: ‚Ja, aber niemand will Anleihen haben … und daher bleibt zum Aktienmarkt keine Alternative“. Das war so auch wahr … nur könnte man in Kürze feststellen, dass Alternativlosigkeit erstens nicht ewig währt und zweitens nicht davor feit, auf die Nase zu fallen. Kurz: Man sollte jetzt als mittel- und langfristiger Anleger langsam anfangen, auszusteigen. Denn nur Gewinne, die als Bares auf dem Konto ruhen, sind Gewinne, die nicht plötzlich binnen Tagen dahin sein können.

Dieser „Wellenbrecher“ Zinsschwund funktioniert wie folgt: Die Notenbanken sorgen durch Anleihekäufe am Kapitalmarkt dafür, dass die Zinsen künstlich niedrig bleiben. Deren unmittelbare Käufe können das zwar nicht sicherstellen, dazu ist das Volumen trotz des Umfangs, der die Bilanzen der Notenbanken auf groteske Größe aufbläht, zu klein. Aber es ist ein psychologischer Effekt, der erzielt wird. Doch das funktionierte in den vergangenen Monaten nicht mehr allzu gut. Obwohl die US-Notenbank den Umfang ihrer Anleihe-Stützungskäufe auf zuletzt 85 Milliarden Dollar pro Monaten aufblähte, stiegen die Renditen für zehnjährige US-Anleihen in 2013 von 1,6 Prozent im April auf 3,0 Prozent im September, drehten dann kurz wieder nach unten und zogen zuletzt erneut auf 3,0 Prozent an. (Chartquelle www.investing.com).

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Was ist daran so schlimm? Was sind schon drei Prozent? Drei Prozent sind ein extremer Kostenfaktor, wenn Sie sich vorher zu zwei Prozent und weniger refinanzieren konnten. Ein Anstieg um 1,5 Prozent im Zins ist extrem, wenn es um eine Hypothek oder einen Ratenkredit geht. Und gerade in den USA ist die Zinsbindung selten so lange terminiert wie bei uns. Das heißt, ein solcher Zinsanstieg schlägt zügig durch. Bei den Staatsschulen, bei der Unternehmensrefinanzierung und über den Umweg steigender Kosten in den Privathaushalten auch beim Konsum. Und dass die Zinsen trotz mit voller Kraft gefahrenen Stützungskäufen am Bondmarkt stiegen, ist ein Hinweis darauf, dass die psychologische Wirkung der Notenbank-Maßnahmen verblasst. Und das gilt sogar für Japan, wo die Regierung vor einem Jahr wahrlich die Brechstange ausgepackt hatte.

Der Witz ist, dass sich die Notenbanken und Regierungen sehnlichst Inflation wünschen. Denn die wäre überaus hilfreich, um den Schuldenberg zu tilgen. Aber dazu bräuchte es steigende Preise, die nur durchsetzbar sind, wenn der Konsum boomt. Was er aber nirgendwo tut, vor allem nicht, wenn man die reale Inflationsrate von den Umsätzen abzieht. Wir sind in den reichen Ländern auf einem Niveau angekommen, das nicht einfach so weiter zu steigern wäre. Und die steigenden Zinsen am Kapitalmarkt stellen mittelfristig eine Bremse dar, die an diesem Stand auch nicht viel ändern wird.

Dass nun immer deutlicher wird, dass die US-Notenbank glaubt, das dortige, immer statistisch gepflegte Wachstum auf dem Papier sei groß genug, um die Krücke in Form der Anleihekäufe nun konsequent wegzuziehen, ist eine gefährliche Entwicklung. Erstens, weil das reale Wachstum – oder besser das Wohlstandsniveau der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit – damit nicht korrespondiert. Zweitens, weil dadurch der psychologische Effekt der künstlichen, überwachten „Friede, Freude, Eierkuchen“-Phase entschwindet. Warum beeinflusst das den Aktienmarkt? (Seite 2)

 

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