Schöne Grüße von Toni!

9. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer hat nicht ein oder mehrere Male den Klassiker „Der Pate“ mit Marlon Brando gesehen. Eine der bekanntesten Formulierungen aus diesem Werk ist das Angebot, das man nicht ablehnen kann. Damals gab es immerhin noch Angebote, heute gibt es nur noch Klagen…

Früher war doch alles besser, pflegte die Oma zu sagen. Das Brötchen kostete nur ein paar Pfennige (und war noch ein Brötchen, Anm. der Redaktion) und ein Angebot war noch ein Angebot. Bei einem wertvollen Grundstück, das man eigentlich nicht verkaufen wollte, hatte man im Rahmen des Angebots die Auswahl zwischen frühzeitigem Ableben und einer unangemessen niedrigen Kaufsumme. Dessen Annahme hatte den Vorteil, dass man das Geld noch ausgeben konnte, da man noch lebte.

Heutzutage macht man sich seltener die Hände schmutzig und das gute alte Angebot wird zunehmend von der wenig poetischen Klage verdrängt. Das Angebot sieht nun wie folgt aus: Entweder man tut etwas und zahlt oder man unterlässt es und muss nichts zahlen. Ob die Forderung, etwas zu unterlassen gerechtfertigt ist, spielt oft angesichts zäher und Zeit schluckender Anwalts- oder Gerichtstermine und nutzloser Diskussionen um Spitzfindigkeiten eine untergeordnete Rolle. Der Unterschied zum Angebot, das man nicht ablehnen kann, ist bemerkenswert, denn bestenfalls steht man mit leeren Händen da. Es ist ein bisschen wie mit den Zinsen. Nichts ist schon relativ viel.

Unterdessen decken sich einige Konzerne mit derzeit teils sehr günstig zu bekommenden Juristen ein und lassen die entsprechenden Gefechte zwischen den entsprechenden Abteilungen ausfechten. Froh ist, wer delegieren kann. Für Privatpersonen ist das Spektakel trotz vorhandener Rechtsschutzversicherung weniger erfreulich. Für die Zukunft darf man gespannt sein, wie sich die zusätzlichen Mühlsteine des TTIP-Abkommens auf das Rechtsleben in Europa auswirken.

Bemerkenswert sind die Auswüchse des Systems der Rechtsstreitigkeiten. Fühlt sich eine Firma etwa zu schlecht dargestellt, kann sie die Darstellung ja einfach korrigieren, sollte diese falsch sein. Mit patziger Klagerei macht man sich eher verdächtig und wirkt auf den geneigten Betrachter wie ein Choleriker der in der Gegen herumbrüllt „ICH REGE MICH NICHT AUF!“. Souveränität sieht anders aus, aber Souveränität ist neben Respekt und guten Umgangsformen bei einigen eben die größte Short-Position.

Wer sich zu unrecht verdächtigt fühlt, tut gut daran, Vorwürfe sachlich zu entkräften. Je länger man das unterlässt, desto unwohler fühlt sich mancher Anleger. Ein klassischer Fall des Karies-Syndroms. Wer ein Loch im Zahn hat und nicht zum Zahnarzt geht, macht die Sache nicht besser. Karies hört nicht auf sich auszubreiten, weil man nicht darüber spricht.

Die Sensibilität der Anlegerschar ist natürlich in Teilen auch abhängig vom Land. So träumt man in Deutschland ganz gerne vor sich hin um dann nach dem Aufwachen mit einer Mischung aus Überraschung und Empörung auf sein Depot Marke Scherbenhaufen zu blicken. In den Staaten sind einige Anleger etwas sensibler, was möglicherweise etwas mit der hierzulande zunehmend weggezüchteten Eigenverantwortung zusammenhängt. Oh, da liegt ein Monster unter dem Bett? Ich bin zwar Mitte Vierzig, aber da soll doch lieber Papi nachschauen, es könnte ja stimmen. Bei den zyklisch wiederkehrenden Psychosen am Markt haben diese Unterschiede aber bekanntermaßen auch jenseits des Atlantiks nicht großartig weitergeholfen. Ansonsten erinnern firmenseitige Beschwichtigungen ortsunabhängig an den Fußballtrainer Christoph Daum, der seinerzeit von einem absolut reinen Gewissen sprach und einer Haarprobe zustimmte.

Apropos Short-Selling. Kaum zuckt der Markt mal wieder nach unten, rücken auch die vermeintlich bösen Short Seller wieder in den Fokus. Für viele Betrachter sind normale Verkäufe als Auslöser erhöhten Kursdrucks offenbar unvorstellbar geworden, auch wenn sie den Löwenanteil der Transaktionen am Markt ausmachen. Die zahlreichen vor sich hin siechenden Aktienindizes (siehe Rückspiegel gegen das Vergessen) sind aber nicht da wo sie sind, weil jemand ein paar Milliarden leerverkauft hat.

Bemerkenswerterweise kommen oft wenn auch nicht immer die besten Analysen von Hedge Funds, die sich sowohl mit der Long als auch mit der Short Seite beschäftigen. Das ist sogar logisch, denn für einen „Buy and Hold“ Ansatz, der sich stets mit der Formulierung absichert „wenn das Unternehmen Krumme Deals AG nichts Schlimmes getan hat“ benötigt wenig Research sondern beschäftigt sich allein mit der Finanzunterhaltung. Diese macht wohl mittlerweile rund 90% der Branche aus. Ein paar Daten aus Bloomberg ziehen, zwei drei Kurs-Gewinn-Verhältnisse vergleichen, und dann mit lächerlichen Discounted Cash Flow Modellen herumbasteln, dann passt’s schon irgendwie mit der Bewertung. Wie genau sind die Cash Flow Prognosen? Sehr ungenau. Wie genau sind die Prognosen der für die Diskontierung benötigten zukünftigen Zinskurve? Sehr ungenau. Wie hoch ist die Sensitivität der Modelle hinsichtlich dieser Parameter? Sehr hoch. Eine gesunde Mischung.

Alles in allem kommt also in der Regel großer Quatsch bei solchen Ansätzen heraus. Hat da eigentlich schon mal jemand geklagt?

 

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8 Kommentare auf "Schöne Grüße von Toni!"

  1. Anonymous sagt:

    Hallo. Danke führe die Ausführungen. Könnten Sie in zukünftigen Beiträgen mal schreiben, wie es besser geht? Weil nur beschreiben was schlecht ist, hat nur einen mäßigen Unterhaltungswert. Nix für ungut.

  2. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Anonymous,

    vielen Dank für Ihre Nachricht. Wie es besser geht? Wir wissen nicht genau, welches „es“ Sie meinen, aber falls Sie das Thema „Klagen“ meinen, ist der bessere Weg etwaige vermeintlich falsche Vorwürfe sachlich und rechltich bindend zu entkräften. Für Firmen bietet sich hierzu eine ad-hoc Mitteilung an.

    Sollten Sie die Wahl der Anlage meinen, ist Eigeninitiative das Stichwort. Versprechungen von ewig steigenden Aktienmärkten lassen sich mit zwei Suchanfragen bei Google & Co. auf den Boden der Realität herunterholen. Der dafür anzusetzende zeitliche Aufwand ist geringer als die Dauer eines Fußballspiels. Wer den Ansatz „besser ein falsches Modell als gar keins“ predigt, der kann auch giftige Pilze essen, weil gerade kein Brot im Haus ist.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    • Thomas S. sagt:

      der kann auch giftige Pilze essen, weil gerade kein Brot im Haus ist.

      Liebes Bankhaus,

      ich hoffe, dass sie ab und an bei einer zweiten Lesung ein wenig kichern können.

      Im übrigen ist mein Gasinvestment immer noch in der Verlustzone. Ich bräuchte Ihre postalische Anschrift zur Zustellung der Klageschrift und tränenbenetzter Taschentücher. Ich habe Ihnen vertraut. Wenn ich mich schon nicht auf mich Verlassen kann, dann doch wenigstens auf andere! Ich dachte immer die Börse ist dafür da, Menschen mit Geld aber ohne Ideen mit anderen zusammenzubringen, bei denen es umgedreht ist? Am Ende stehe ich immer noch ohne Ideen, aber ohne Geld da! Eine loose loose Situation.

      Stirnrunzelnde Grüße

      • Bankhaus Rott sagt:

        Hallo Thomas S.,

        danke für Ihre Nachricht. Vielleicht könnten wir Ihre Anschrift – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – an die Campingfreunde Wachtendonk weitergeben. Die kleinen blauen Flaschen sind im Preis nahezu unverändert. Angesichts der Terminkurve bieten sich leider weiterhin bestenfalls Spot-Geschäfte an. Spot, mit einem „t“. Am Terminmarkt kann der Kurs bekanntlich ewig fallen ohne bei Null anzukommen. Ein zwar teure aber fast schon philosophische Erfahrung.

        Ansonsten ist es ganz einfach, wie bei der Aktienkultur. Ein Trade der im Minus liegt, wird zum Investment. Zum Glück haben Futures Fälligkeiten …

        Beste Grüße
        Bankhaus Rott

  3. Denker sagt:

    Großartiger Stil, Danke für den angenehmen Abend.

  4. Peter sagt:

    Vielen Dank für Ihre Einschätzungen. Als Dividenden-orientierter Anleger muß ich mich selbstmurmelnd mit den geschmähten Discount Cash Flow Modellen herumschlagen. Ja, sie sind ungenau und sehr empfindlich für falsche Inputs. Betongold ist mir jedoch bei der derzeitigen politischen Wetterlage zu teuer, zu „klumpig“, und vor allem zu immobil. Edelmetalle physisch machen 20% aus und irgendwann ists auch mal gut mit dem Warten auf Black Swans & Godot.

    Discount Cash Flow Modelle, zusammen mit der Betrachtung des economic moat, haben mich BASF, Unilever, Procter, Coca, Palmolive, Emerson, GE, Cisco, IBM, AT&T, JNJ, Shell, Praxair, Hershey und 3M kaufen lassen.

    Diese Modelle haben verhindert, in Facebook, Apple, Netflix, Amazon, Alphabet, Tesla usw. zu investieren. Keine Banken, keine Autos, keine Pipeline-abhängigen Pharmas. Keine BHP. Kein Caterpillar, kein Deere. Keine Anleihen.

    Da „Alles in allem großer Quatsch bei solchen Ansätzen“ herauskommt und „Hat da schon mal jemand geklagt“ wenig hilfreich ist, möchte ich wissen wie zukünftig meine Investments in dieser Niedrigst-Zinsphase aussehen sollten.

    Immer nur kurzweiligen, lustigen Spott gegen Aktien zu lesen ist ein Ding; echte Alternativen aufzuzeigen jedoch nicht Thema dieses Blogs, gell?

  5. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Peter,

    danke für den Kommentar. Spott gegen Aktien werden Sie bei uns nicht finden. Kritik gegenüber geistloser Nutzung mancher Modelle sehr wohl.

    Bei Ihrer Aktienauswahl haben wohl eher andere Kriterien den Ausschlag gegeben, wie etwa die Qualität oder der „moat“, sprich die ökonomische Barriere gegen potenzielle Konkurrenten. Gegen einen Value Ansatz spricht überhaupt nichts, ganz im Gegenteil. Wie bei allen anderen Ansätzen muss man nur wissen was man tut und wissen, dass man auch mit einem solchen Ansatz 50% (zumindest temporär) verlieren kann. Wer glaubt unabhängig von der Art des Unternehmens, von der margin of safety (um bei ihrem Terrain zu bleiben) oder auch vom moat durch eine Abschätzung der Cash Flows in den kommenden 30 Jahren eine halbwegs genaue Prognose erstellen zu können, der irrt unserer Meinung nach. Das kann natürlich jeder anders sehen.

    Apple hat übrigens ganz beachtliche Cash Flows generiert. Cisco hatte auch schon Phasen in denen es trotz steigender Umsätze und Cash Flows 90% Kurswert verloren hatte. Über IBM kann man sich streiten.

    Generell sollte man nicht vergessen, dass die Aktien- und andere Finanzmärkte nicht dazu da sind, von den Anlegern benötigte Renditen zu liefern. Was ein Anleger benötigt ist vollkommen unerheblich für das, was der Markt an Erträgen abliefert. Das Marketing sieht das freilich anders.

    Irgendjemand hält übrigens auch alle Aktien, die Sie nicht halten.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  6. Lickneeson sagt:

    Wieder Einiges für das Jahrbuch an wirklich guten Börsenweisheiten.

    „Generell sollte man nicht vergessen, dass die Aktien- und andere Finanzmärkte nicht dazu da sind, von den Anlegern benötigte Renditen zu liefern“

    Lesen, entspannen und nochmal lesen.

    „Ein Trade der im Minus liegt, wird zum Investment.“

    Grossartig.

    Meiner Erfahrung nach ist Opportunismus, Timing und Gewinne mal einstreichen auch kein schlechter Ansatz…

    Sprachlich wieder eine Ohrenweide. Danke.

    MfG

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