Schock aus Schottland

13. September 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Das Unabhängigkeitsstreben Schottlands gewinnt an Fahrt. Einer Umfrage von YouGov/Sunday Times am vergangenen Sonntag zufolge stimmten 51 Prozent der Befragten für ein Herauslösen Schottlands aus Großbritannien. Bei einer Umfrage vom 11. September sprachen sich nur noch 48 Prozent für die Unabhängigkeit aus…

Die Aussicht auf die mögliche Abspaltung Schottlands – die Abstimmung findet am 18. September statt – schürt Verunsicherung in den Finanzmärkten und in der Politik aus zwei Gründen.

Erstens: Wenn es zur Abspaltung kommt, stellt sich die Frage, was mit dem britischen Pfund passiert. Nach erfolgter Unabhängigkeit könnte das britische Pfund weiterhin offizielles Zahlungsmittel in Schottland bleiben (auch wenn sich derzeit britische Politiker dagegen aussprechen). Oder Schottland führt nachfolgend eine eigene Währung ein. Letzteres wäre technisch möglich und möglicherweise früher oder später auch ein Kernbestreben eines unabhängigen Schottlands. Eine solche Umstellung könnte allerdings mit Turbulenzen verbunden sein. Es wäre beispielsweise zu entscheiden, mit welchem Wechselkurs die Ersparnisse, Löhne, Transferzahlungen und Schulden der Schotten, die bislang in britischen Pfund ausgewiesen sind, in die neue Währung umgerechnet werden. Es müsste zudem auch festgelegt werden, wie die Staatsverschuldung auf die beiden Regionen aufzuteilen wäre. Im Vorfeld solcher Entscheidungen könnte es „Kapitalflucht“ geben: Ausländische Investoren schichten ihre britischen Pfund in andere Währungen um. Das könnte die britische Bankenwelt und die Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten bringen.

Zweitens: Eine erfolgreiche schottische Sezession könnte zu einem Paradigma werden, die die Abspaltungsbestrebungen in anderen Regionen befördert – wie zum Beispiel in Katalonien, Flandern, Südtirol etc. Einem erfolgreich absolvierten Gang Schottlands in die Unabhängigkeit könnte Vorbildcharakter zukommen. Es könnte den heutzutage allseits akzeptierten Glaubenssatz „Je größer die politische Union ist, desto besser ist sie“ vor aller Augen entzaubern. Verwunderlich wäre das nicht: In der ökonomischen Theorie ist der „Charme der kleinen Einheiten“ längst erkannt worden (und ist in dem bekannten Ausspruch „Small is beautiful“ gemündet). Regionale Vielfalt sorgt für einen produktiven Wettbewerb, einen Wettbewerb um beste Standortbedingungen, beste öffentliche Leistungen und tiefe Steuern. Dieser Wettbewerb begrenzt zudem die Missbrauchsmöglichkeiten mit der politischen Macht – und ist damit auch eine Verteidigungslinie für die Freiheit des Einzelnen vor dem Übergriff durch das Kollektiv. Die regionale Vielfalt sorgt nicht zuletzt auch für eine sichtbare Verantwortlichkeit der Ergebnisse, für die die politisch Handelnden sorgen – und die in einem großen politischen Gebilde wegen Unübersichtlichkeit üblicherweise verloren geht. Einem vergleichsweise kleinen Gemeinwesen fällt es leichter, Fehlentwicklungen zu erkennen und abzustellen.

Das Abstimmungsergebnis der Schotten am kommenden Donnerstag ist folglich mit Spannung zu erwarten. Denn ein mehrheitliches „Yes“– also der Wunsch der Schotten nach politischer Unabhängigkeit von Großbritannien – könnte Folgen haben, beziehungsweise eine Dynamik in Gang setzen, die weit über Großbritannien hinaus spürbar wäre. Es könnte sogar die Rückabwicklung der Europäischen Union in ihrer derzeitigen Form und Ausrichtung einläuten. Die Schotten haben das Zeug, ihren Nachbarn einen heilsamen Schock zu bereiten…

QE XXL

Die Europäische Zentralbank schreitet zur großangelegten Geldmengenvermehrung, weil der Euroraum sich nicht zusammenhalten lässt, ohne dass der Euro nach innen und außen entwertet wird…

Die Europäische Zentralbank (EZB) steigt im großen Stil in das „Quantitative Easing“ (QE) ein: Der Aufkauf von Schulden in Form von „Asset Backed Securities“ (ABS) und Pfandbriefen, bezahlt mit neu geschaffenem Geld.

EZB-Präsident Mario Draghi deutete bereits ein Volumen von 700 Mrd. Euro an. Doch das wird nicht das Ende der Fahnenstange, sondern nur der Anfang einer großangelegten Geldmengenausweitung sein, eines „QE XXL“. Wie groß es werden kann, eröffnet der Blick auf das QE der amerikanischen Zentralbank (Fed). Sie hat die Überschussreserven der Banken soweit erhöht, dass sie nun die täglich fälligen Auszahlungsverpflichtungen übersteigen.

Letztere betragen 1.642 Mrd. US-Dollar, die Überschussreserven 2.704 Mrd. US-Dollar (siehe Abb. 1 (a)). Durch das QE wurde dafür gesorgt, dass die US- Banken bei einem „Bank Run“ nicht mehr zahlungsunfähig werden können.

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Würde die EZB lediglich die täglich fälligen Auszahlungsverpflichtungen der Euro-Banken mit Basisgeld decken, so müsste sie die Bankreserven um knapp 4.500 Mrd. Euro ausweiten (siehe Abb. 1 (b)). Ein gewaltiger QE- Betrag! Er entspräche etwa der Hälfte aller im Euroraum ausstehenden Staatsschulden, beziehungsweise 28 Prozent aller Kredite, die Euro-Banken an Staaten und Nichtbanken vergeben haben.

Würde die EZB die Basisgeldmenge so stark ausweiten, wie es die Fed im Verhältnis zum US-Bankkreditangebot getan hat, müsste das Ankaufsvolumen mehr als 4.000 Mrd. Euro betragen.

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Diese Überlegungen könnten darauf hindeuten, dass der Euroraum in der Tat vor einer gewaltigen Ausweitung der (Basis-)Geldmenge stehen könnte. Solch ein „QE XXL“ der EZB hätte eine Reihe von Konsequenzen. Der Außenwert des Euro würde vermutlich (weiter) nachgeben – möglicherweise in ähnlicher Weise, wie der Yen jüngst abgewertet hat.

Nachdem die Bank von Japan gegen Ende 2012 durchklingen ließ, sie werde – wie die Fed auch – eine QE-Politik verfolgen, begann der Yen- Außenwert stark nachzugeben. Zudem dürften die Kreditaufkäufe der EZB einen starken Abwärtssog auf die Marktzinsen ausüben. Sie würden dem Euroraum anhaltend „japanische Zinsverhältnisse“ bescheren.

Das klassische Sparen findet damit sein Ende. Es kommt zudem zu schweren volkswirtschaftlichen Schäden (wie zum Beispiel Kapitalverzehr), die die Wachstumsaussichten der Volkswirtschaften verdüstern…


Inflationswirkung

 

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