Schnelle Verluste, verzweifelt gesucht!

19. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Nur wer Luxusgüter kauft achtet nicht auf das Verhältnis von den Kosten eines Produktes zu dessen Nutzen. Hauptsache die Marke stimmt. Am Finanzmarkt ist der Nutzen die Chance einer Anlage, die Kosten sind die eingegangenen Risiken. Der Luxus hat auf dem Parkett Einzug gehalten…

Wer kennt sich nicht Ausreden. Der eine kauft sich eine Hose für 300 Euro und anstatt zuzugeben, dass man unbedingt das Markenbeinkleid spazieren tragen möchte wird mit der vermeintlich längeren Haltbarkeit argumentiert. Freilich ist eine haltbare Hose auch wesentlich günstiger zu finden, und mit dem Beginn der nächsten Saison wandert das ach so haltbare Stück in den Kleiderschrank im Keller. Ist der Keller nicht allzu feucht, hält sie dort hängend gleich noch ein paar Jahre länger.

Auch den Finanzmärkten greift der Hang zum Luxus um sich. Damit sind nicht die prächtig gelaufenen Aktien der Hersteller von Luxusgütern gemeint. Vielmehr geht es um Käufer, die kleine Chancen mit großem Risiko erwerben. So erfreuen sich so genannten „Short Vola“ oder „Optionsprämien“-Produkte großer Beliebtheit. Einige Fondsgesellschaften werben derzeit sogar mit Sätzen wie „Die Vola ist die Lösung“, eine Aussage, die bemerkenswert an bodennahes Geschwafel à la „die Dividende ist der neue Zins“ erinnert.

Im Englischen spricht man von den Pfennigen, die man noch schnell von der Straße aufsammelt, während hinter einem bereits die Dampfwalze heranrollt (picking up pennies in front of a steamroller). Ein sehr treffendes Bild. Wer versucht auch noch die letzte Münze aufzulesen, der wird – ganz überraschend – eingeebnet. Das konnte dann wie üblich angeblich niemand kommen sehen, was nicht ganz richtig ist. Nicht kommen sieht diese Dampfwalze nur derjenige nicht, der gebückt auf der Straße nach immer kleineren Münzen ausschauhält und der Walze den Hintern zuwendet und sich wundert, was das für ein großer Schatten sein mag der die Suche so schwierig macht. Es läuft wie es immer schon gelaufen ist.

Heute ist man nicht nur schlau sondern natürlich besonders schlau. Da die Erträge auf Grund der sinkenden Prämien immer geringer werden setzt man auf zusehends größere Kredithebel und das Risiko misst man mit angeblich wissenschaftlichen Methoden wie etwa dem Value at Risk. Dummerweise ist dieser (wie die meisten anderen derartigen Kennzahlen) natürlich für die Anaylse von gehebelten Portfolios mit Short-Positionen in konvexen Produkten in etwa so geeignet wie ein Hammer für die Knie-OP. Aber wen schert es, solange man Geld einsammelt und alles ruhig bleibt lächelt man schlau vor sich hin. Ärgerlich wird es erst hinterher. Viele werden wieder versuchen, sich nach der Abwicklung des eigenen Fonds in eine angebliche Gemeinschaft mit allen anderen hereinzureden. Die hätten ja alle ebenfalls nichts geahnt. Dieses Verhalten ist leider ebenso beliebt wie unwürdig. Leider sind die medialen Auftritte der langen Leidensminen bereits heute wieder abzusehen.

Auch viele – wenn auch nicht alle – der so genannten „Risikoprämien-Fonds“ (risk premia) sind nichts anderes als Produkte, die auf eine anhaltend niedrige oder zumindest auf eine nicht sprunghaft ansteigende Schwankungsbreite an den Märkten setzen. Generell ist die Vereinnahmung von Risikoprämien weder neu noch besonders kompliziert. Sobald sie eine Anlage tätigen vereinnahmen Sie Risikoprämien. Die Anlage kann aus einer Aktie, einer Anleihe oder was auch immer bestehen. Dahinter steht die durchaus vernünftige Annahme, im Normalfalle gebe zumindest in einer Marktwirtschaft niemand sein Geld für eine Investition her, wenn dieser nicht im Mittel mindestens eine dem Risiko entsprechende Entlohnung gegenüber stünde. Das gilt für einen Risikoaufschlag einer Unternehmensanleihe (Prämie für die Übernahme von Ausfallrisiken) genauso wie für den Kauf von Aktien (Prämie für das tragen des Risikos einer Eigenkapitalbeteiligung an einem Unternehmen). Je nach Risikoeinschätzung verändern sich diese Risikoprämien über die Zeit mehr oder weniger stark.

Somit basiert jedes Anlagevehikel auf der Vereinnahmung von Risikoprämien. Viele so genannten Riskoprämeinfonds setzten allerdings auf immer die gleiche Prämie. Vereinfacht gesagt verkaufen Sie anderen eine Versicherung gegen große Schwankungen an den Finanzmärkten. Die Versicherungsprämie vereinnahmt der Fondsanleger (abzüglich der Kosten versteht sich). Diese Idee an sich ist weder gut noch schlecht, allerdings ist sie nur dann sinnvoll, wenn die Risikoprämien hoch genug sind. Aktuell sind die erwarteten Schwankungen an den Aktien- und Anleihemärkten allerdings so gering, dass der Anleger nur noch die sprichwörtlichen Pfennige einnimmt, dafür aber immer größere Risiken trägt. Es ist in etwa so als verkaufen eine Menge Leute Lebensversicherungen an immer ältere Kunden zu immer niedrigen Prämien bei stabiler Auszahlung im Todesfall. Das ist weder eine intelligente noch eine nachhaltige Idee.

Enorme Risiken bei Short Volatilität Produkten

So heiß wie ein Vulkan…und manchmal auch so gefährlich.

An den Aktien- und Optionsmärkten geschieht aber genau das. Es ist lange nichts passiert, die Versicherungsverkäufer haben entspannte Zeiten hinter sich und viele sind noch so jung, dass sie weder einen Bärenmarkt bei den Aktien und schon gar keine langfristig steigenden Zinsen erlebt haben. Es ist wie mit der Grippe. Wer sie hat kann sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt gesund zu sein. Wer sie nie hatte, kann sich nicht vorstellen, wie einen diese Krankheit umhauen kann. Sicher ist nur, jeder hat im Verlaufe seines Lebens eine gute Chance, sich die Grippe ein Mal oder auch mehrmals einzufangen.

Viele der risk premia Produkte erhöhen über die breite Aufstellung sogar das Risiko eines massiven Wertverlustes. Während in normalen Fonds die Diversifikation das Risiko mindert kann diese bei schlecht und zu aggressiv gesteuerten Fonds das Risiko sogar erhöhen. Wenn Sie einen unbekannten Pilz essen, können Sie sterben, sie haben aber eine gute Chance glücklich davonzukommen. Mit jeder weiteren unbekannten Pilzart erhöhen Sie jedoch die Chance etwas richtig Fieses in der Pfanne zu haben. Einen unbekannten Pilz zu essen ist schon eine reichlich dumme Idee. Viele unbekannte Pilze zu essen macht es nicht besser.

Das liegt bei den Pilzen daran, dass schon kleine Portionen gefährlich sein können. Bei Versicherungen gegen hohe Marktschwankungen ist dies ähnlich. Eine kleine Position kann für überproportional große Verluste sorgen. Diese sorgen dann schlimmstenfalls für die Zwangsliquidierung weiterer Positionen, so dass ein Fonds nicht mehr aktiv gesteuert wird sondern der Manager nur noch von den Entwicklungen vor sich her getrieben wird. Eine Situation, in die er sich in diesem Falle freilich selbst manövriert hat.

Offenbar kann sich jedoch zur Zeit niemand mehr so recht vorstellen, wo Probleme herkommen sollten. Ein Analyst hält den Beginn eines Bärenmarktes derzeit sogar für so unwahrscheinlich, dass  er gleich einmal die unbefleckte Empfängnis heranzieht.

(Marketwatch Published: Oct 16, 2017)

It would take an ‘immaculate conception’ to create bear market in stocks right now: analyst

Ein beginnender Markt käme also der unbefleckten Empfängnis gleich, ein ziemlich grotesker Vergleich, denn bekanntlich fängt jeder Bärenmarkt oben an und nicht unten. Den rein technischen Bullenmarkt erkennt freilich jeder, denn wenn ein Kurs sich von links unten nach rechts oben bewegt, gibt es daran nichts zu deuteln. Das ist freilich so neu wie die Wettervorhersage für gestern. Falls sie gestern noch wandern gehen wollten, hätten Sie keine Regenjacke gebraucht, sollten sie rückwirkend heute noch wegen des gestrigen Wetters nass werden, wären sie zwar nass aber immerhin Zeuge eines Wunders geworden.

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2 Kommentare auf "Schnelle Verluste, verzweifelt gesucht!"

  1. RealTerm sagt:

    In der Tat ist die derzeitige Entwicklung schon phänomenal:

    Volatilitäten so tief, wie noch nie, Zinsen so tief wie noch nie, Aktien so hoch, wie noch nie und die Stimmung ist unbesorgt sehr gut, Euphorie würde ich es noch nicht nennen.

    Ist diesmal(!) alles anders und haben die Sorglosen recht? Die bessere Frage ist wohl eher: Wie lange haben die Sorglosen noch recht? Ich für meinen Teil liege jetzt schon einige Jahre mit meinen „Sorgen“ auf der Gegenseite und warte geduldig …

    Spannende Zeiten.

  2. frankeha sagt:

    the trend is your friend until trend end
    Es sind nicht nur historisch niedrige Zinsen sondern auch diverse Monetarisierungen – irrtümlich „Käufe“ genannt- durch Zentralbanken angefangen hats mit Bear Stearns…man kann sich kaum noch an TARP….usw erinnern nur mit QE da weiss man noch irgendwas…ja die Bank of japan „kauft den Nikkei“ die EZB „kauft“ Staats-und Unternehmensanleihen etc. Eigentlich müssten da keine lender of last resort ran wenn jemand „privat“ solche Anleihen kaufen würde. Aber lender of last resort da fällt last resort auf. Dahinter gibt es nichts mehr. Schulden werden mit“echtem Geld“ bezahlt nicht mit fiat money. Also Inflation eher harmlos aber Deflation unausweichlich und vernichtender als ein globaler Krieg mit Nuklearbomben. Da geht nichts mehr

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