Schlupp vom grünen Stern: Wie wahrt man ein Gesicht, das man längst verloren hat?

9. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Die Griechen haben es also durchgezogen. Nicht nur die für EU-Verhältnisse äußerst ungewöhnliche Befragung des Volkes, sondern auch das „Nein“ zu den Sanierungs-„Vorschlägen“ aus Brüssel. Danach herrschte erst einmal Katerstimmung. Soviel Chuzpe hatte die vereinigte Eurokratie dem kleinen Volk nicht zugetraut…

Vor allem sind die „guten Europäer“ – wie sich die Angehörigen der EU-Nomenklatura gerne selbst bezeichnen – natürlich weiter äußerst interessiert daran, die Kuh doch noch irgendwie vom Eis zu bekommen. Nicht nur die USA haben – aus wohlverstandenem geopolitischem Eigeninteresse – einen Zusammenhalt der Eurozone angemahnt. Auch das Brüsseler Politbüro aka EU-Kommission und die Regierungschefs der Euroländer sind aus „europäischer Verantwortung“ zum Erfolg verdammt – schon alleine um die eigenen Arbeitsplätze zu erhalten. Wichtigste Nebenbedingung bei den anstehenden Verhandlungen wird aber sein, in dem ganzen Gezerre doch noch irgendwie das Gesicht zu wahren, obwohl man es bereits – für jedermann sichtbar – letzte Woche verloren hat. Der Griechenland-Spuk wird also kein Ende nehmen, der Euro-Spuk schon gar nicht.

Ein bisschen pleite

Das wird schon an dem merkwürdigen Zustand sichtbar, in dem sich Griechenland aktuell bewegt. Die Zahlung der IWF-Rate wurde zwar versäumt, aber man ist nun allenfalls ein bisschen pleite. Das zumindest sieht der European Financial Stability Facility (EFSF) so. Dieses Ungetüm stellte zwar „offiziell“ fest, dass Griechenland zahlungsunfähig sei, verzichtete gleichzeitig aber auch darauf – wie sonst üblich – die Forderungen von rund 130 Mrd. Euro sofort fällig zu stellen. Man behalte sich das lediglich vor.

Damit streut der „Euro-Rettungszirkus“ dem Publikum erneut Sand in die Augen. Denn natürlich würde bei einer Rückforderung auch dem Letzten klar werden, dass dieses Geld schon lange verloren ist. Auch dem IWF fiel bislang keine ernsthafte öffentliche Reaktion auf die verpasste Ratenzahlung ein. Im Hintergrund wird wohl weiter verhandelt – besonders stark ist aber auch die Position des IWF nicht. Schmallippig nahm IWF-Chefin Lagarde das griechische Referendum „zur Kenntnis“ – von dem Selbstbewusstsein, mit dem sie sich einst ihrer Vertragsbrüche bei der Euro-„Rettung“ rühmte, ist wenig übrig.

Wie aus einer anderen Welt wirkten auch die gestrigen Äußerungen von Bundesfinanzminister Schäuble am Rande der Eurogruppentagung in Brüssel. Unser „Schlupp vom grünen Stern“ hat das „Bailout-Verbot“ entdeckt – also jene Vertragsklausel, die von den Euro-besoffenen Regierungen seit Jahren mit Füßen getreten wird. Sie soll nun plötzlich einem griechischen Schuldenschnitt entgegenstehen. Die Garantien im dreistelligen Milliardenbereich etwa nicht?!

Um eine derartige juristische Sophisterei nachzuvollziehen, muss man die Argumente vor allem vom Verstand fernhalten. Trotz „Pleite“ wird also weiterverhandelt, als hätte es kein Referendum gegeben. Da kommt es zu Passe, dass der umstrittene Yanis Varoufakis mit seinem Rücktritt als Finanzminister etwas Dampf aus der Konfrontation genommen hat. Nach dem „Rockstar“ unter den Finanzministern sieht sein Nachfolger Euclid Tsakalotosas fast zwangsläufig blass aus. Dieser führte sich gestern in Brüssel zunächst auf traditionelle Weise ein – mit leeren Händen.



Zu den Märkten

Insgesamt reagieren die Märkte weiter erstaunlich gelassen auf das Gezerre um die griechischen Schulden. Der DAX verläuft beispielsweise noch immer in der Flaggenformation, die sich an das Allzeithoch vom 10. April 2015 anschloss (vgl. Abb., blaue Linien). Die Standarderwartung einer solchen Konsolidierungsformation ist ein Ausbruch in Richtung des zuvor vorherrschenden Trends – also nach oben.

Was aber zunehmend stutzig macht, ist die zeitliche Ausdehnung dieser „Verschnaufpause“. Gestern hatte sich das Bild eingetrübt, als der DAX praktisch ohne Gegenwehr auf neue Mehrmonatstiefs fiel. Auch heute wurde im Verlauf ein neues Tief markiert. Unterstützend wirken aktuell die untere Begrenzung der Flaggenformation (blau) und die vielbeachtete 200-Tage-Linie (gelb). Beides darf allerdings nicht so missverstanden werden, dass der Kurs nun zwangsläufig in diesem Bereich halten werde.

2015-07-08_DAX

Es sind vielmehr Entscheidungsmarken, an denen oft sehr emotional gehandelt wird. Das kann dann im Ergebnis ein erfolgreicher Test oder ein Durchbruch nach unten sein. Besonders tückisch ist ein angetäuschter Ausbruch, der rasch geheilt wird und sich damit als Fehlsignal erweist. Was uns konkret bevorsteht, hängt aber weniger von der Markttechnik ab, sondern von den Signalen, die in den nächsten Tagen von der politischen Bühne kommen. Es bleibt spannend und dynamisch.

Gerade an solchen Entscheidungspunkten wäre eigentlich ein kühler Kopf gefragt. Eine Anforderung, der viele Anleger nicht gerecht werden können, wenn sie unter großem Zeitdruck folgenschwere Entscheidungen treffen sollen. In dieser Hinsicht können mechanische Handelssysteme eine gute Unterstützung sein, da sie alleine aufgrund der einmal festgelegten Regeln handeln. Ein gut designtes Handelssystem zeichnet sich dabei weniger durch Spitzenperformance als durch seine Stabilität quer über verschiedene Börsenplätze und -phasen hinweg aus. Wir widmen uns im aktuellen Smart Investor Ausgabe 7/2015 ab S. 34 intensiv diesem Thema.

Edelmetalle ignorieren Griechenlandkrise

Ein ebenfalls bemerkenswerter Aspekt der Griechenlandkrise ist, dass Edelmetalle davon praktisch nicht profitieren konnten. Während der Euro – als zweitwichtigste Reservewährung der Welt – massiv unter Beschuss steht, kommt es zu keiner Fluchtbewegung ins Gold. Das ist schon deshalb erklärungsbedürftig, weil dem Publikum eine Pleite Griechenlands noch vor wenigen Jahren als DER Auslöser für einen Super-GAU für das Finanzsystem verkauft wurde. Wäre dem tatsächlich so, dann kann dieses Finanzsystem nicht sonderlich viel taugen. Stattdessen aber wurde dieses „Argument“ so gewendet, dass damit letztlich die viele Milliarden Euro schweren „Rettungsmaßnahmen“ gerechtfertigt wurden.

Ganz so abgestumpft und sorglos wie es der Goldpreis suggeriert, scheinen die Anleger allerdings nicht zu sein. Edelmetallhändler berichten uns von einer belebten Nachfrage nach physischem Gold – allen im Mainstream angestimmten Grabesreden auf die Edelmetalle zum Trotz. Natürlich wittern die Edelmetallfans hinter der merkwürdigen Bewegung bzw. Nicht-Bewegung des Goldpreises eine „Verschwörung“. Und möglicherweise liegen sie damit gar nicht so falsch, denn an der US-Terminbörse wurden Rekordmengen an Gold und Silber leerverkauft – von den üblichen Verdächtigen aus dem US-Großbankenbereich. Mehr dazu in der nächsten Smart Investor Printausgabe 8/2015.

Börsenblase in süß-sauer

Ein weiterer Grund für die unter Druck geratenen Edelmetallpreise könnte jedoch auch die schwache Nachfrage aus China sein. Denn bei aller Brisanz der Griechenland-Thematik sollten Börsianer ihren Blick auch über den „Gyros-Tellerrand“ richten. Denn im Reich der Mitte findet gerade ein kolossaler Aktiencrash statt. Freilich unter etwas anderen Voraussetzungen, schließlich werden die Kurse an der Börse von Shanghai zu großen Teilen von Privatanlegern gemacht. Und diese gelten gemeinhin als Zocker.

So gibt die chinesische Sprache nicht einmal ein Wort für „Investieren an der Börse“ her, sondern lediglich für „Börse spielen“. Ganz „spielerisch“ ist in den vergangenen Wochen dann auch der sogenannte A-Shares Markt in Shanghai um annähernd 30% eingebrochen. In Summe ist damit deutlich mehr als der Gegenwert eine Sackes Reis vernichtet worden – genau gesagt nämlich 2.400 Mrd. USD, etwa achtmal so viel wie die gesamte ausstehende griechische Staatsschuld. Erste Marktbeobachter warnen nun bereits vor den negativen Konsequenzen für den Konsum.

Enorme Summen spekulativen Kapitals waren zuvor nach der Öffnung des Shanghaier Marktes für ausländische Investoren in die dortigen Papiere geflossen – paradoxerweise jedoch eher Gelder inländischer Kleinspekulanten, als der anvisierten institutionellen ausländischen Investoren. Statt mit eigenem Geld haben die heimischen Anleger häufig auch auf Pump spekuliert: Mit 9,5% der Marktkapitalisierung erreichten die sogenannten Margin-Käufe (sprich: Käufe mit geliehenem Geld) letzte Woche einen vorläufigen Höhepunkt. Genau aus dieser Ecke kommt nun auch der gigantische Verkaufsdruck, denn die beleihenden Banken beginnen ihre Kunden zum Verkauf zu zwingen.

Doch genau wie der vorangegangene Aktienboom politisch gewollt war, versucht die kommunistische Partei nun den rapiden Kursverfall durch allerhand Eingriffe zu stoppen: Chinesische Firmen im Staatsbesitz sollen nun ihre Aktienbestände nicht mehr reduzieren dürfen, staatliche Banken und Versicherungen dagegen zu den verbilligten Kursen in den Markt einsteigen. Politische Börsen haben primär jedoch immer eines  kurze Beine. Der Markt fordert derzeit sein Tribut von der gelenkten chinesischen Marktwirtschaft, mit bislang noch unklarem Ausgang.

Fazit

Die Griechen haben abgestimmt und sie haben mit „Nein“ gestimmt, aber die Erde dreht sich weiter. Damit wurde die Eurogruppe einmal mehr düpiert, die nun zähneknirschend weiterverhandelt, weil sie keine andere Wahl hat.

©Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Samrt Investor


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5 Kommentare auf "Schlupp vom grünen Stern: Wie wahrt man ein Gesicht, das man längst verloren hat?"

  1. FDominicus sagt:

    Ich kann die Düpierung so nicht sehen. Es ist doch nur ein Düpierugn wenn man darauf eingeht. Ist doch ganz einfach. Alle Zahlungen an/nach Griechenland werden eingestellt. Die Schulden werden abgeschrieben und fertig.

  2. waltomax sagt:

    Welche „Märkte“? Ob nun die Kommunisten in den USA oder die Kapitalisten in Peking den Markt manipulieren, kommt doch auf dasselbe heraus. Was sagen denn Charts noch wirklich aus? Früher mal bildeten diese ein Abbild der realen Werte der Unternehmen, welche die Aktien emittiert hatten. Aber heute? Fast alles Heißluft – Ballons und am Brenner wird ständig gefummelt.

    Begreifen wir endlich: Es gibt keine Märkte mehr. Statt dessen gibt es nur noch „politische Börsen“.

    Kapitalismus und Kommunismus haben sich vereint.

    • bluestar sagt:

      „Kapitalismus und Kommunismus haben sich vereint.“
      Sieht bei Planwirtschaft, Politbüro, Demokratieabbau und Überwachung fast so aus.
      Müssen nur noch die 85 reichsten und damit mächtigsten Familien der Erde, die so viel besitzen wie die untere Hälfte der gesamten Menschheit, enteignet werden. Daran glaube ich wiederum nicht, wird doch der ganze Zirkus für sie und weitere Oligarchen veranstaltet.
      Und: Sie sind absolut clever, gut miteinander vernetzt, skrupellos und zu allem entschlossen.
      Beste Chancen also für weiteren Reichtum, Versklavung, Elend, Propaganda, Feindbilder, Überwachung, Kontrolle, Manipulation, Krieg und andere sogenannte westliche Werte.

  3. Insasse sagt:

    Auf SPON (wer hätte das gedacht!) wurde gestern ein meiner Ansicht nach wirklich guter Artikel über die Konstruktionsfehler von EU und Euro – natürlich unter Bezugnahme auf die aktuelle Entwicklung um GR – gebracht: http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-gefangen-in-der-eurozone-a-1042521.html

    Dieser absolut zutreffenden Bestandsaufnahme kann nur noch die dringende Empfehlung hinzugefügt werden, dieses völlig misslungene Konstrukt schnellstmöglich rückabzuwickeln. EU und Euro stehen in dringendem Verdacht, ganz Europa erneut in Chaos und Unfrieden zu stürzen!

    • FDominicus sagt:

      „Dieser absolut zutreffenden Bestandsaufnahme kann nur noch die dringende Empfehlung hinzugefügt werden, dieses völlig misslungene Konstrukt schnellstmöglich rückabzuwickeln. EU und Euro stehen in dringendem Verdacht, ganz Europa erneut in Chaos und Unfrieden zu stürzen!“
      [Sarkasmus]
      Sie lesen die falschen Bücher und Blogs und widersetzen sich dem neuen Glauben an die Göttlichkeit der Politiker. Und Sie verstehen noch nicht einmal was „Mamma Merkel“ sagt
      [/Sarkasmus]

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