Schlimmer geht’s immer: Karlspreis 2011

2. Juni 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

An diesem wunderschönen Tag des Jahres 2011 tritt der noch amtierende Präsident der EZB in große Fußstapfen. Herr Trichet bekommt im schönen Aachen den Karlspreis verliehen. Viel ist über den Preis gesagt worden. Viel ist über Herrn Trichet gesagt worden. Viel ist auch über den Euro gesagt worden. Wenig ist dabei herausgekommen.

Auch ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Währungsunion und Finanzmärkte haben heute Ihren Senf auf die Wirtschaftssemmel gestrichen. Auf die amtierende bundesdeutsche Regierungsvorsitzende wollen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen. Die oberste Dienststellenleitung wird sich vermutlich noch einige Zeit mit der Frage beschäftigen, warum sie für die Aussage „wir haben eine Schuldenkrise aber keine Währungskrise“ nicht ausgelacht wurde wie dies einst Timothy Franz Geithner in China wiederfuhr. Herr Geithner, Leiter des US-amerikanischen Schatzamtes, hatte bei seinem ersten Besuch in Peking irgendetwas von einem „starken Dollar“ erzählt. Die Zuschauer in der Universität haben ihn damals für diesen offensichtlichen Blödsinn offen ausgelacht. In Europa war das Publikum entweder bereits eingeschlafen, höflicher oder von schierem Erstaunen gebannt.

Dies alles soll aber den Chef der EZB an einem sonnigen Jubeltag wie heute nicht stören. Er tritt heute in große Fußstapfen. Eine ehrenwerte Gesellschaft, diese Riege internationaler Preisträger und Friedenstauben. Aber heute geht es nicht nur um Personen, sondern auch um die europäische Gemeinschaftswährung. Wer bräuchte schon eine EZB ohne Euro? Im Zusammenhang mit dem Euro und der Europäischen Union kommen den Menschen viele Dinge in den Sinn. Kredite vor allem, Notfallhilfen und Brücken ins nichts. Aufrichtigkeit hingegen drängt sich weniger auf. Das ist erstaunlich, hat doch ein Vorgänger und Vornamensvetter von Herrn Trichet, der derzeitige Vorsitzende der „Euro-Gruppe“  Jean-Claude Juncker,  sich um selbige gerade verdient gemacht. Oder ist es nicht ein Zeichen von Aufrichtigkeit, wenn man eingesteht, dass Lügen notwendig ist?

Seisdrum! Es bleibt die vielbeschworene Unabhängigkeit der EZB. Diese äußert sich – wie wir unlängst berichteten – unter anderem in der hauseigenen Auslegung „geltenden“ EU Rechtes. So wie die Lüge hat sich auch der Rechtsbruch scheinbar mühelos den Weg ins Instrumentarium der Krisenpolitik gebahnt. Wir erinnern uns, im Artikel 123 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union heißt es.

Artikel 123(ex-Artikel 101 EGV)

(1)Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten ((im Folgenden als „nationale Zentralbanken“ bezeichnet) für Organe, Einrichtungen oder sonstige Stellen der Union, Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder andere öffentlich-rechtliche Körperschaften, sonstige Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken.

Naja, die paar Milliarden an Käufen und die gut €100 Mrd. an Kreditlinien an griechische Banken. Wer will schon so kleinlich sein, hier geht es nicht um schwerwiegende Delikte wie Falschparken. Es geht doch nur um Geld und da darf man in einer Schuldenkrise nicht so kleinlich rangehen. Schlussendlich ist doch alles nur Wortklauberei wie in der alltäglichen medialen Flut. Der eine ist Regierungschef (ohne Machtinteressen), der andere ein Machthaber. Der ein legt heimtückische Sprengfallen der andere richtet sichernde Minenfelder ein (sicher mit roten Fähnchen dran, damit niemand drauflatscht). Der verlängert die Kreditlaufzeit (rein freiwillig!), der andere ist pleite. Alles eine Frage der Perspektive. (Seite 2)

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12 Kommentare auf "Schlimmer geht’s immer: Karlspreis 2011"

  1. Frank Meyer sagt:

    Dottore Ponzi, ein kleiner Kommentar dazu aus der Meyerei. Ich hatte gestern mit Wilhelm Hankel ein Interview aufgezeichnet, wo wir auch darüber gesprochen haben. Zitat Hankel:

    Wenn man den Preis der Lächerlichkeit preisgeben will, kann man das ja machen, wie ja überhaupt die Schamlosigkeit in diesen Dingen kaum noch zu überbieten ist.

    Grüße aus dem Bollerwagen…

  2. King Balance sagt:

    Ich brauche kein Orakel oder irgendwelche Charts um zu sehen, in welchem Zustand wir uns hier in Deutschland befinden. So wie die Verschuldung exponentiell zunimmt, so nimmt auch der Wert des Goldes in gleichem Maße zu. Dieses von absoluten Laien konstruierte System fällt bald zusammen wie ein Kartenhaus.

    • Frank Meyer sagt:

      Ich lese gerade, dass der Herr Trichet den Ländern die finanzielle Souveränität entziehen möchte. Na das ist doch noch einen größeren Peis wert. Oder? Früher hat man Kriege geführt. Heute auch – nur anders.

      Und da sage einer, man hat davon nichts gewusst, dass die Sache schief liegt. Der EZB-Vize war ein Grieche.

      Wenn auf dem Euroscheinen 2001 schon die griechische Schrift zu finden war. Griechenland kam erst später hinzu.

      Und Draghi wird jetzt EZB-Chef. Da könnte einem ständig das Essen nochmal durch den Kopf gehen.

  3. King Balance sagt:

    Nachtrag.. unsere Hofberichterstatter melden das Japan die Mehrwertsteuer um 3% erhöht um die Katastrophe in den Griff zu bekommen. Die Info das es von 5% auf 8% geht verschweigt man dem deutschen Michel

  4. Martin Berger sagt:

    Die EUROkraten haben immer neue Ideen.

    Wenn Herr Trichet den Ländern die finanzielle Souveränität entziehen möchte, könnten wir unsere bundeseigenen Institutionen schließen.

    Also, man sieht ja immer mehr auf was dieses „ein Europa“ hinausläuft.

    Viele sind mit den Geschehnissen aus Brüssel nicht einverstanden. Viele merken, daß ihnen täglich auch Lügen aus der Politik aufgetischt werden, angefangen von A wie Arbeitslosigkeit …

    Aber welche Möglichkeiten haben wir, etwas dagegen zu tun???

    • wolfswurt sagt:

      Möglichkeiten:

      1. Sein Leben selbst in die Hand nehmen und die Bequemlichkeit dieses anderen zu überlassen überwinden

      2. Keine „öffentlichen Informationen“ mehr in das Bewußtsein dringen lassen – da alles Lügen

      3. Sich und den Seinen Raum verschaffen auf dem Land um eine der vier nötigen Lebensbedingungen zu haben

      4. Seine eigenen Lebensmittel anbauen, doch Vorsicht: dies ist die gefährlichste Tätigkeit erreicht man nämlich dadurch Freiheit!

      Ist man da angelangt ergibt sich alles weitere von selbst.

      Über uns sind nur noch Ver-rückte die auch durch noch soviel Energieaufwand nicht mehr gerade gerückt werden können!

      Und natürlich ihre Regulierungen und Gesetze nicht akzeptieren dienen sie doch der Ausplünderung unsereins.

      Unter mir kein Knecht und über mir kein Herr!

  5. brauni sagt:

    Die Vergabe des Karlspreises an Trichet mit seiner Begründung ist der Gipfel der Volksverdummung. Wir haben mal in der Schule gelernt: nur ein dummes Volk läßt sich gut regieren.
    Wie lange lassen wir uns diese Schmierenkomödie noch gefallen? Oder hat die breite Masse noch nicht registriert, dass unser Wohlstandsschiff einen Eisberg geschrammt hat und die Rettungsboote alle nicht Seetauglich sind?
    Da das Leck und seine Größe unter der Wasserlinie nicht so offensichtlich ist, kann die Kapelle noch etwas weiter zur Bouzouki-Party aufspielen. Vieleicht bekommt man das Loch doch noch irgendwie gestopft und es ist alles gar nicht so schlimm. Die da oben auf der Brücke werden schon wissen was für uns gut ist, oder haben die keine Ahnung?
    Traurig ist nur, wenn man sieht welche Gäste bei der Preisverleihung dabei waren. Wissen die alle nicht, was hier gespielt wird?

  6. deutsche sagt:

    Ich lese hier schon lange mit und bin erleichtert, zu sehen, dass es in der Tat genug gibt, die sich ihre eigenen Gedanken machen. Allerdings war diese Preisverleihung der Anlass, mich hier anzumelden.
    Ich glaubte tatsächlich an Satire.
    Mir kommt es so vor, als testet mein kleines cleveres vierjähriges Kind aus, wie weit kann ich gehen, bis es Protest gibt.
    Aber keine Angst, der Mob stand wie immer draußen und hat Beifall geklatscht, als die „Geldzauberer“ daher schritten.
    Mit sächsischen Grüssen
    eine fassungslose deutsche

  7. stonefights sagt:

    @Bank rott
    Immer wieder ein Lichtblick und Zeugnis von kompetentem „Fachjournalismus“, ihre „Feststellungen“…
    (Artikel 123(ex-Artikel 101 EGV)) beweisst dies zum x-ten male.
    Bereits am 21.05.2010 fragte ich „Müllerchen“ per email, er möge doch mal die Griechenland-Aktionen in Bezug auf dem (damaligen) Artikel 101 „kommentieren“, Still ruht der See (bis heute)…
    Am Ende bleibt immer die Frage, was hilft mir das Wissen und Intelligenz ?
    Würde ich „schalfend“ nicht glücklicher leben ?
    Ich schaue gerade auf die Pferde auf der Koppel. Sie fressen den ganzen Tag und machen ab und zu Freudensprünge. Das wird der Zeitpunkt sein, an dem sie sich bewusst werden, nicht als Mensch auf die Welt gekommen zu sein .-)
    lg, stonefights

  8. […] Rott & Meyer: Schlimmer geht’s immer: Karlspreis 2011 […]

  9. Alex sagt:

    So, so. – Der Erzbischof predigt der Herde „seiner Schäfchen“, dass der Euro für die Vision eines vom Humanismus geprägten Europas stünde, weil er Ausdruck eines Solidarpaktes der Stärkeren mit den Schwächeren wäre. – Ach was?

    Von den vornehmlichsten humanistischen Zielen, den Menschen zur Erkenntnis von Moral und Wahrhaftigkeit zu führen, scheint auch der Herr Erzbischof nebst Staats-/Kirchen Galaxien entfernt zu sein.
    Die Verleihung des diesjährigen Karlspreises erinnert an die Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama … .

    By the way, in der Epoche des Humanismus ging es um aus der Antike tradierte moralistische Topoi, wobei keinesfalls ein ideales Menschenbild im Vordergrund stand.
    Vielmehr glaubte der Humanist an die Mittelmäßigkeit des Menschen schlechthin und sah das Potential, dass der Mensch durch seinen „freien Willen“ als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu den Tieren, auf der „Great Chain of Being“ unter das Niveau der Tiere rutscht.
    Auch so manche Vertreter der Staatskirchen scheinen auf dieser Stufe angekommen zu sein … .

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