Schlaffe Segel

3. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Ein Kurseinbruch von satten 14% ist bei einem DAX-Titel durchaus eine Seltenheit, zudem an einem ansonsten relativ stabilen Tag. So geschehen ist dies allerdings am Dienstag bei der Linde AG. Denn die nun bereits zum dritten Mal gesenkte Prognose des Münchener Industriegase-Unternehmens schien die Börse stark zu überraschen.

Statt einer Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROCE) von 11 bis 12%, soll diese nun lediglich bei 9 bis 10% liegen. Das Konzernergebnis wird voraussichtlich nur noch bei 4,5 bis 4,7 Mrd. EUR liegen, zuvor wurden 4,5 bis 4,7 Mrd. EUR in Aussicht gestellt. Auch nicht bei Linde engagierte Börsianer lässt jedoch vor allem einer der Gründe aufhorchen, mit denen das Unternehmen die erneute Korrektur des Ausblicks begründet: Denn die Industrieproduktion in allen für Linde relevanten Zielmärkten sei im Vergleich zum Oktober noch einmal deutlich zurückgegangen – und dies bei einem Unternehmen, das in ca. 100 Ländern weltweit aktiv ist.

Die Frage ist daher wohl vor allem, inwieweit Linde als konjunktureller Frühindikator taugt. Auffallend ist immerhin, dass es sich um kein lokales Phänomen, sondern um eine globale Kaufzurückhaltung der Kunden handelt. Weltweit scheinen demnach die Einkäufer der Konzerne vorsichtig zu werden – branchenübergreifend, denn Linde ist in nahezu allen Industriesegmenten präsent. Anders als die aktuellen Zahlen zum Verbrauchervertrauen basieren die Bestellungen der Kunden von Linde auf ihren mittelfristigen Absatzerwartungen, die sich offensichtlich auch in den letzten Wochen noch einmal deutlich eingetrübt haben. Eine Aussicht, die auch den Chart stark angeschlagen aussehen lässt.

2015-12-02_Linde

Andererseits muss der nun reduzierte Ausblick eben auch als „Jammern auf hohem Niveau“ betrachtet werden. Denn noch immer gehen die Münchener von einer im vergleichsweise ansehnlichen Rendite aus. Die Welt bricht also nicht zusammen, auch wenn der Kurs dies suggeriert. Zwar dürfen die Zahlen eines einzelnen Unternehmens nicht überbewertet werde, sie lassen sich jedoch gerade im Fall von Linde als Puzzlestein in einem größeren Bild betrachten. Für die globale Konjunktur könnte demnach fürs erste eine Delle drohen, ohne sofort in eine Katastrophe münden zu müssen. Dass letzteres nicht eintritt, wird allein schon durch die Notenbanken „garantiert“.

Übers Ziel hinausschießen

Genau an dieser Front steht diesen Donnerstag eine neuerliche Zinsentscheidung durch die EZB an. Und diese könnte es in sich haben: Neben einer Ausweitung des laufenden QE-Programms in Volumen, Laufzeit und aufgekauften Assetklassen könnte eine erneute Senkung des Zinsbandes anstehen – Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Als Begründung dürfte eine weitere Senkung des Inflationsausblicks durch die EZB-Ökonomen von 1,7 auf 1,5% dienen, vom ursprünglich anvisierten Ziel von 2,0% sind die „Gelddrucker“ der EZB also meilenweit entfernt. Und dennoch sind es weniger die fundamentalen Daten, die die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer beeinflusst haben.

Primär waren dafür diverse Aussagen verschiedener EZB Direktoriums- und Ratsmitglieder verantwortlich, die bereits seit Wochen auf das weitere Öffnen der „Geldschleusen“ vorbereiten. Interessant wird die morgige Sitzung vor allem aber auch vor dem Hintergrund der erwarteten ersten Zinserhöhung durch die amerikanische Federal Reserve am 16.12. Denn immerhin würde sich dadurch die geldpolitische Ausrichtung der beiden Währungsblöcke noch einmal ein Stück weiter voneinander entfernen.

Der schwache Euro – der die Inflation befeuern soll – ist zwar vermutlich Teil des Plans der EZB, bei Kursen nahe der Parität sollten sich jedoch auch die handelnden Personen in der EZB fragen, ob sie hier nicht über das Ziel hinausschießen. Selbstreflexion ist bei aktiven Zentralbankern jedoch eine rare Tugend. Die Vermögenpreisblase wird also einmal mehr ausgeweitet werden, falls die nun angekündigten Maßnahmen nicht bereits von den Märkten eingepreist wurden.

Der Doktor und die Konjunktur

Nicht nur der Linde-Schock verunsichert die Börsianer, auch der anhaltende Preisverfall bei Kupfer deutet nicht gerade auf eine rosige Zukunft hin. Kupfer ist jenes Material, das aus modernen Volkswirtschaften praktisch nicht wegzudenken ist, weil es in einer unüberschaubaren Vielzahl von Produkten Verwendung findet – dank regenerativer Energie und Elektromobilität sogar mit steigender Tendenz.

Die Kupfernachfrage weist also neben der konjunkturellen Komponente inzwischen auch einen positiven Trendanteil auf. Wenn die Mainstream-These von der einigermaßen zufriedenstellenden Konjunktur richtig wäre, dann sollte die Diagnose von „Dr. Copper“ – wie das rote Metall aufgrund seiner historischen Korrelation zur Konjunkturentwicklung genannt wird – stark nach oben zeigen. Tut sie aber nicht. Im Gegenteil, der Trend ist klar abwärts gerichtet (vgl. Chart), wie wir auch in der Rubrik Charttechnik im aktuellen Smart Investor 12/2015 herausarbeiten.

2015-12-02_Copper

Tatsächlich stapelt sich das Kupfer in den Lagerhäusern der Terminbörse und das drückt auf den Preis. Weil die Produktion – von überraschenden Ausfällen abgesehen – eher kontinuierlich verläuft, kann eigentlich nur mangelnde Nachfrage schuld am Lageraufbau sein. Und da hier der Ausbau der kupferintensiven Elektromobilität ungebremst voranschreitet, also die Trendkomponente intakt ist, kann es eigentlich nur an der mangelnden konjunkturellen Nachfrage liegen. Das hat vielfältige Implikationen, auch für die weitere Geldpolitik der Notenbanken.

Die Angebotsseite muss im Übrigen keineswegs so bleiben, wie sie sich aktuell darstellt. Der bekannte Rohstoffzyklus entsteht ja gerade durch die – oft technisch bedingte – nicht synchron verlaufende Anpassung des Angebots an die Nachfrage. Auf längere Sicht wird Kupfer ohnehin ein gefragter Rohstoff bleiben, dessen Förderung tendenziell immer aufwändiger und kostenintensiver wird.

Zu den Märkten

Erwartungsgemäß konnte im DAX das Gap zwischen 10.925 und 11.278 Punkten geschlossen werden. Mit dem Erreichen eines solchen Etappenziels geht den Marktteilnehmern in der Regel auch etwas die Orientierung verloren. Diesen Effekt sehen wir aktuell. Zudem befand sich der deutsche Leitindex auch in einem übergekauften Zustand und konnte daher eine kleine Verschnaufpause gut vertragen.

An unserer Einschätzung, dass nach dieser Verschnaufpause weiter gute Chancen auf eine Jahresendrally bestehen, halten wir fest. Ein solches Szenario scheint zwar mit den Konjunktursorgen nicht kompatibel zu sein, aber die Konjunkturerwartung ist eben nur ein Einflussfaktor. Die anderen, die unvermindert auf Grün stehen, sind die günstige Saison, die ultralockere Geldpolitik, die anhaltende Schwäche des Euro und der durch die Finanzielle Repression erzeugte Anlagenotstand.

Fazit

Die Anzeichen mehren sich, dass die schon jetzt künstlich angefachte Konjunktur an Fahrt verliert. Doch vermutlich schon morgen wird es neuen Rückenwind aus Frankfurt geben.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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2 Kommentare auf "Schlaffe Segel"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Aha- ich als Börsenlaie verstehe es dann so:
    Wenn Herr Draghi heute das liefert, was von ihm erwartet wird, dann stiegen die Aktienkurse, somit der Wert des Unternehmens und das Vermögen der Aktionäre, die dann ja auch höhere Kapitalertragssteuern zahlen müssen.
    Davon haben doch alle etwas, weil die Einnahmen des Staates ja auch steigen.
    Ich befürchte, ich habe da doch etwas nicht richtig verstanden.
    Hauptsache bei meiner privaten Altersversorgung bleibt eine Unze immer eine Unze, egal was Herr Draghi liefert.
    Denn wer über 30 Jahre eine Altersversorgung anspart um dann etwa 15 Jahre davon seine gesetzliche Rente aufzubessern, sollte in etwas investieren, dessen Kaufkraft 45 Jahre nicht davon abhängig ist, was ein Notenbankchef „liefert.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  2. bluestar sagt:

    „Die Anzeichen mehren sich, dass die schon jetzt künstlich angefachte Konjunktur an Fahrt verliert.“
    Welche Konjunktur bitteschön ? Eher wohl die mit Unsummen von Geld versuchte Verzögerung der unausweichlich bevorstehenden Rezession und Korrektur auf Kosten aller nachfolgenden Generationen.
    Mein persönlicher Frühindikator: Lockheed Martin.

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