Schieb es auf China!

27. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor (Homepage)

Pünktlich mit dem sogenannten „Black Monday“ an den westlichen Börsen lieferte die Mehrheit der Medien übereinstimmend eine Erklärung: China ist schuld – die abstürzende Börse in Shanghai und die zuletzt immer schwächeren Konjunkturdaten reichen den Börsianern dafür als Begründung.

Die Börsen werden weltweit vom „China-Syndrom“ heimgesucht. Doch einfache Erklärungsansätze gibt es für den aktuellen Börsencrash nicht, zu vielschichtig ist gerade das Thema China.

Entscheidend für die dortige konjunkturelle Entwicklung wird entgegen mancher Experten nämlich sehr viel weniger der aktuelle Börsencrash sein – zu gering sind die dabei auf dem Spiel stehenden Summen und zu überschaubar der daran beteiligte Personenkreis. Stattdessen dürfte die Millionenfrage sein, ob der von der Regierung geplante „Umbau“ der chinesischen Volkswirtschaft von einer Exportwirtschaft zu einer Binnenkonjunktur durch die prekäre Lage an den Investmentmärkten des Landes (vor allem Immobilien) derzeit ins Stocken gerät. Dafür gibt es fundamental betrachtet wenig Hinweise.

Ohne Zweifel, die Industrie Chinas schwächelt derzeit massiv, dies zeigen jüngste Exportstatistiken und insbesondere die anhaltende Schwäche des Ölpreises. Im Service- und Konsumbereich ist dies bislang jedoch noch ohne Konsequenzen geblieben (z.B. 11-Monats-Hoch im markit China Service PMI-Index).

Viel problematischer ist unterdessen der jüngste Vertrauensverlust in die Aktivitäten der Regierung: Denn selbst seit der groß angekündigten Stützungsmaßnahme für den Aktienmarkt durch Peking hat der Shanghai Composite nun weitere 25% verloren. Vor diesem Hintergrund wird es in der nächsten Zukunft interessant sein, die weitere Entwicklung des Renminbi zu beobachten.

Nach der überraschend deutlichen Abwertung im August erwarten hier diverse Beobachter weitere dramatische Schritte. Genau dies würde jedoch der offiziellen Strategie der Regierung widersprechen, aus China eine Binnenwirtschaft zu machen. Zu guter Letzt würde es auch der ökonomischen Realität widersprechen, schließlich konnte die Volksrepublik in den vergangenen Jahren trotz eines aufwertenden Renminbi kontinuierlich seinen Anteil an den weltweiten Exporten vergrößern (zuletzt rund 13%). Genau an dieser Frage wird sich also wohl entscheiden, in wie weit man Peking zutraut, die Zügel noch in der Hand zu haben. Und je dramatischer die konjunkturelle Lage, umso eher ist auch ein kurzfristiger unüberlegter Strategieschwenk vorstellbar – so wenig er auch zur ausgegebenen Marschrichtung passt.

2015-08-26_Shanghai

„About Schmitta“

Der chinesische Kurszusammenbruch ist allerdings kein isoliertes Phänomen. Das liegt zum einen an dem Gewicht, das Chinas Volkswirtschaft mittlerweile erreicht hat. Zum anderen sind wenige Ökonomien so international verflochten, wie die des Reichs der Mitte.

Der internationale Handel war der Treibsatz für den Aufstieg des Landes und ist auch heute noch ein wesentlicher Teil des chinesischen Geschäftsmodells. Allerdings produziert man nicht mehr fast ausschließlich für die Welt, sondern verstärkt für den Binnenmarkt. Der Zustand der chinesischen Konjunktur lässt sich auch deutlich an den Rohstoffmärkten ablesen. Da sieht es derzeit beim Weltkonjunkturindikator Kupfer („Dr. Copper“) und insbesondere bei Rohöl mehr als mau aus. Die Verbindungen zwischen den Märkten gehen allerdings tiefer als es nüchterne Handels- und Finanzbeziehungen erahnen lassen.

Seit Monaten liegt etwas in der Luft, das auf größere Turbulenzen – eine Art Marktbereinigung – im Herbst 2015 hinweist. Schon in der Printausgabe Smart Investor 5/2015 haben wir der entsprechenden Prognose des US-Analysten Martin Armstrong im Rahmen unserer damaligen Titelgeschichte breiten Raum gegeben. Allerdings erwartete er – wie auch wir – die Hauptprobleme an den Rentenmärkten, die durch eine gigantische, künstlich von den Notenbanken hervorgerufene Blase gekennzeichnet sind. Doch es ist auch noch nicht Oktober – der von Armstrong für den Renten-Crash erwartete Monat. Gut möglich also, dass er doch noch Recht bekommt und der „Black Monday“ des aktuellen Aktienbebens, das neben China auch den Rest Asiens, Europa und die USA erfasst hat, lediglich ein Vorgeplänkel eines wirklich heißen Herbstes ist.

Durch den Absturz der Aktien sind Anleihen im Vergleich nämlich noch unattraktiver geworden, als sie es ohnehin schon waren. Interessanterweise haben wir im laufenden Jahr schon zwei alternierende Abwärtsbewegungen zu verzeichnen. Nach dem Mini-Crash im Bund-Future in den Monaten April/Mai – die Aktienmärkte hielten damals still –, nun also das Aktienbeben, währenddessen die Bondmärkte auffällig ruhig blieben.

Mitte September endet zudem die sogenannte Schmitta, die auch Sabbatjahr genannt wird. Ursprünglich war dieses jeweils siebte Jahr als Ruhejahr für das Ackerland gedacht und geht auf die Tora bzw. die Bibel zurück. Danach beginnt dann wieder ein neuer Sieben-Jahre-Zyklus. Interessanterweise kam es zum Ende dieser Sabbatjahre in der Vergangenheit schon häufiger zu größeren Verwerfungen an den Finanzmärkten. Näheres zu diesem Thema lesen Sie im neuen Smart Investor 9/2015, der zum Wochenende erscheint.

Fazit

Wenn die USA husten bekommt die ganze Welt eine Grippe, so hieß es früher. Ein Sprichwort das offenbar heute nicht mehr gilt. Denn die heutigen Schockwellen der Finanzmärkte werden in Shanghai und Peking ausgelöst. Anleger sollten daher intensiv die weitere Bewegung des Renminbi beobachten, denn dieser darf als Indikator für die Situation in China betrachtet werden.

Print Friendly, PDF & Email

 

4 Kommentare auf "Schieb es auf China!"

  1. bluestar sagt:

    Natürlich sind China, Putin, der Islam und das Wetter für alle Übel der Welt verantwortlich.
    Ansonsten ist im friedliebenden, aufstrebenden, wirtschaftlich gesunden, humanistischen und freiheitlichen Westen alles in Ordnung.

  2. waltomax sagt:

    Keine Ahnung, wie sie die Kurse hochtreiben, aber es gelingt. Rohstoffpreise purzeln, Baltic Dry Index geht runter, Öl wird nicht gebraucht und fällt, globale Rezession also auf dem Wege und…die Kurse steigen. Ich raff’s nicht.

  3. Argonautiker sagt:

    Zum Titel:

    In der Tat scheint das derzeit Sportart Nummer Eins in den Führungsrigen zu sein. Erst kräftig sündigen, sich dann Einen ausgucken, und dann laut rufen, schaut mal der sündigt, der ist Schuld.

    Nein Du,…, Nein Du,…, Nein Du,…, Nein Du.

  4. waltomax sagt:

    Berüchtigt für meine Ahnungen, steigt in mir der dunkle Gedanke auf, dass all diese Kursgewinne nach dem Montags-Crash weitgehend dem exzessiven Betrieb der Notenpressen geschuldet sind.
    Die Daten der Weltwirtschaft geben keinen plausiblen Grund für die Euphorie der letzten Tage her.

    „Euphorie der letzten Tage“…Eine Doppeldeutigkeit, die eigentlich nicht beabsichtigt war…

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.