Scheitern ist keine Option: In Kürze zu Tode gespart

18. Mai 2011 | Kategorie: RottMeyer, Slideshow

Nicht nur unter Politikern ist die Ansicht weit verbreitet, dass Finanzhilfen an Griechenland, Portugal oder Irland sein müssten und damit gerechtfertigt sind. Trotz meiner ohnehin schon zahlreichen Kolumnen zum Thema EU kann ich nicht anders – ein Nachschlag…

 

 

von Ronald Gehrt

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Bruder, der für seinen Schlendrian bekannt ist. Ärgerlich und für alle anderen belastend, aber man hilft sich natürlich in der Familie. Der Gute hat sich in den vergangenen Jahren überschuldet und steht nun kurz davor, Privatinsolvenz anzumelden. Sie aber haben natürlich Erspartes. Was tun? Nun, natürlich hilft man ihm. Aber nur unter der Auflage, in Zukunft eisern zu sparen und bei seinen Ausgaben mehr Augenmaß und Vernunft an den Tag zu legen. Schließlich möchte man zum einen sein verliehenes Geld irgendwann wiedersehen und zum anderen, dass der Bruder wieder auf die Füße kommt. Daher leiht man ihm auch nur so viel, wie er braucht, um seine Zinsen zahlen und seine Schulden langsam abtragen zu können. Ansonsten, wenn man ihm zuviel gäbe, bestünde die Gefahr, dass er sich mit unserem sauer Ersparten einen schönen Lenz macht, während wir es sind, die den Gürtel enger schnallen müssen.

So ist’s recht. Und genau so werden auch die schwachen EU-Staaten behandelt. Nur wird dabei übersehen, dass ein Mensch und ein Staat zweierlei sind. Und zwar in absolut jeder Hinsicht. Und so wurde, was Griechenland & Co angeht, in meinen Augen von Anfang an alles falsch gemacht, was nur möglich war. Schauen wir noch einmal hin:

Von Anfang an Pfusch?

Am Anfang stand die Aufnahme in die Eurozone. Oder die Festsetzung der Stabilitätsregeln, das ist Ansichtssache. Griechenland gehörte zu den Staaten Europas, die immer eine ziemlich hohe Staatsverschuldung hatten. Man konnte sich nur über Wasser halten, indem man eine regelmäßige Abwertung der Drachme zuließ, wodurch man sich der Schulden leichter entledigen konnte – allerdings zum Preis höherer Zinsen am Kapitalmarkt, weil die Investoren einen Gegenwert für die schwache Währung einforderten. Dieses Problem hatten die meisten Länder Südeuropas, auch Portugal, Italien, Spanien. Zumindest im Vergleich zu stärkeren Staaten wie Frankreich, Deutschland, Österreich oder den Beneluxländern. Aber auf die kommt es ja in diesem Fall an.

Als Eintrittskarte in den Euroraum legte man Stabilitätskriterien fest. Staatsdefizit, Inflation, Neuverschuldung – das alles sollte innerhalb von Grenzwerten liegen, um sicher gehen zu können, dass einzelne Staaten nicht aus dem im Vorfeld gebildeten, am grünen Tisch von den „Nordstaaten“ festgelegten Korsett der EU-Staaten ausbrechen würden. Und wenn doch, so sollten diese Strafen zahlen. Letzteres deutete damals schon an, dass man da irgendwo eine Reihe von Denkfehlern eingebaut hatte – Geld zahlen als Strafe dafür, dass einem das Geld ausgeht? Aber sei es drum, immer dann, wenn es den Verantwortlichen in den Kram passte, wurden ja ohnehin dauernd „Ausnahmen“ gemacht, aus den fadenscheinigsten Gründen, um diese Regelungen zu unterwandern. Manch ein unabhängiger Volkswirt hatte da schon die Augenbraue gehoben. Die Regierungen hingegen fanden alles ganz prima.

Griechenland durfte 2004 den Euro einführen, obwohl bereits damals bekannt war, dass die Haushaltsdefizite der Jahre 1997-1999 massiv geschönt waren. Das selbe erkannte man später auch für die Jahre 2003 – 2005. Für die Jahre dazwischen habe ich keine Daten zur Hand, aber auch da dürfte es „Differenzen in der Berechnungsweise“, wie es damals hieß, gegeben haben. Damals interessierte das aber kaum jemanden. Die Griechen nicht, die nun glaubten, unter die warme Decke der reicheren Staaten geschlüpft zu sein. Und die reichen Staaten ebenso wenig, weil für sie nur zählte: je größer die EU, desto mächtiger wird sie. Und genau darum ging es. Da beide Seiten ihre egoistischen Beweggründe hatten, hörte auch niemand auf die Warnungen dahingehend, dass die EU-Gesetzgebung weder einen Notausgang noch einen Rausschmiss vorsah. Wer drin war, war drin. Auch da wuchsen manchem Volkswirt graue Haare … aber die Mehrheit scherte sich darum nicht – und erst recht nicht die Verantwortlichen.

Und wieder hat man die Wahl: Mit der selben dümmlichen Ignoranz wie vor dem Ausbruch der Subprime-Krise wurden massive Risikofaktoren einfach zugelassen. Zugelassen, nicht übersehen. Denn es wurde ja hinlänglich und lautstark gewarnt. Man kann, ja muss also zwischen zwei Urteilen wählen: Entweder waren die Entscheider damals nicht imstande, die Tragweite ihres Handels zu erfassen und damit von ihren Fähigkeiten her ungeeignet für ihre Ämter … oder sie haben die Schwachstellen erkannt, sie aber aus Eigennutz, Geltungssucht oder Gleichgültigkeit grob fahrlässig oder gar vorsätzlich ignoriert. Ob EU oder Subprime – es war, als würde man ein Atomkraftwerk in Betrieb nehmen, das man selbst im Notfall nie mehr herunterfahren kann. (—>Seite 2)

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14 Kommentare auf "Scheitern ist keine Option: In Kürze zu Tode gespart"

  1. matt06 sagt:

    Hoffentlich löst sich diese missgebildete EU-DSSR bald in Luft auf.Diese schleichende Diktatur strebt ihrem Ende entgegen,ein wirtschaftliches gemeinsam auftretendes und sich unterstützendes Europa wäre sehr wünschenswert ,da der Gedanke einer Wirtschaftsunion durchaus positive Seiten hat,jedoch ohne gemeinsame Währung!Eine jede Nation sollte sich auch innerhalb einer Union ihren Nationalstolz behalten,so wie auch die Deutsche Fahne auf den Reichstag gehört!(sorry,das Ende ist etwas am Thema vorbei aber mir war gerade danach.)Top-Artikel von Herrn Gehrt.Beste Grüsse Matt06

  2. Hans Moog sagt:

    Wiedermal ein sehr schöner Artikel, der mir in vielen Punkten aus der Seele spricht!

    Meiner Ansicht nach liegen aber die eigentlichen Gründe für „die Krise“ sogar noch viel tiefer und haben nicht zwangsläufig etwas mit geschönten Bilanzen zu tun.

    Das ganze Eurosystem ist doch letztendlich wie ein großes Pyramidenspiel:

    – Euros entstehen einzig und allein bei der EZB.
    – Diese verlangt Zinsen für die Herausgabe.
    – Sie verlangt also mehr Geld als eigentlich zur Verfügung gestellt wurde.
    – Dieser Umstand gilt für jeden existierenden Euro.
    – Um den zusätzlichen Betrag für die Zinsen zu „erwirtschaften“, gibt es also nur zwei Möglichkeiten:

    1. besser wirtschaften als jemand anders und ihm sein Geld „abnehmen“
    2. mehr Schulden machen und damit die alten bezahlen

    Das heißt, dass egal wie effizient und sparsam die Nationen mit ihrem Geld umgehen, am Ende immer einer verliert. Dass es nun Griechenland erwischt hat ist zwar blöd für die Griechen und sicher auch zum Teil selbstverschuldet, aber wenn es die Griechen nicht erwischt hätte, wäre es eben ein anderes Land gewesen.

    Man sollte es auf den Punkt bringen und die Aufgabe der EZB neu definieren: Ziel der EZB ist es, die Länder und Volkswirtschaften von sich abghängig zu machen bis die Länder irgendwann unter dem Druck zusammenbrechen und Zahlungsunfähig werden.

    Das System vor dem Euro war zwar ähnlich aber letztendlich stabiler.

    Denn frei nach dem Motto: „Wenn du von einem Löwen gejagt wirst, musst du nicht schneller sein als der Löwe – es reicht wenn du schneller bist als derjenige der neben dir läuft.“, hatte der Bankrott eines Landes keinen unmittelbaren Einfluss auf die anderen Länder. Heutzutage (mit Euro) laufen wir auch vor einem Löwen davon, aber wir sind durch ein Seil miteinander verbunden (und Griechenland liegt auf dem Rücken und wird als „Klotz am Bein“ hinterhergeschleift).

    Um das „Problem“ zu lösen müssen wir weg vom jetzigen Zentralbanksystem und die Geldschöpfung zurück in öffentliche Hand bringen (z.B. in Form einer 4ten demokratischen Säule – der Monetative).

    Solange wir das nicht tun, werden wir weiterhin „Reise nach Jerusalem spielen“. Solange die Musik spielt ist es nicht problematisch, dass es zu wenig Stühle gibt, doch sobald die Musik stoppt, fangen die Leute an sich um die viel zu wenigen Sitzplätze zu prügeln.

  3. retracement sagt:

    Bin irgendwie bereits gleichmütig. Der Kontraindikator auf den ich immer gewartet habe. Das ist wohl der Moment in dem dann die bedruckten Scheinchen aufwerten werden oder andersrum. Ich denk grad mal so vor mich hin und versuche mir bildhaft vorzustellen, wie das so ist, wenn sich Schulden und Guthaben gegenseitig reduzieren = Reduktion der Geldmenge = Aufwertung des verbliebenen Geldes.

    Ach Neee. Das ist zu einfach. Wäre ja auch saublöd. Kontraktion?
    Das Wort als solches gefällt mir dennoch.
    http://www.youtube.com/watch?v=rRVWwNmN-9U&feature=related

    • VickyColle sagt:

      Nöö, ist nicht zu einfach :-).
      Diesen Punkt haben nur die meisten „Inflationisten“ nicht auf dem Schirm.

      Ich halte diese Variante nachwievor für den Weg der bald eingeschlagen werden wird und die Zahlen der St. Louis FED sprechen hierzu m.E. auch eine deutliche Sprache.

  4. Goldfinger sagt:

    Wieso zu Tode sparen ?

    Gestern vermeldet:

    Die Inlandsverschuldung in Deutschland beträgt ca. 1,5 Bill. EUR.
    Die Sparguthaben der Deutschen incl. aller assets ca. 5 Bill. EUR.

    Wenn das mal keine Begehrlichkeiten weckt…

  5. EuroTanic sagt:

    Ich denke nicht, dass die Entscheider und deren Strippenzieher die Globalisten und Finanzeliten nicht wissen was sie tun. Vielmehr ist es ein gigantischer Raubzug, und ein noch erfolgreiches Geschäftsmodell dazu. Durch immer mehr Schulden – die im übrigen von keinem Staat je zurück gezahlt werden können – werden einzelne Staaten in der Gemeinschaft in die Pleite getrieben. Dann werde diese Staaten unter Zwangskuratell gestellt und zu weitreichenden Privatisierungen und Sparmassnahmen gezwungen. Dadurch wird dieses Land und deren menschen faktisch kalt enteignet. Durch die „alternativlosen“ Rettungspakete wird dann auch die europäische Schicksalsgemeinschaft durch immer höhere Bailout nach und anch in den Konkurs gerieben. Der Reihe nach werden dann die souveränen Staaten unter eine Fremdregierung, die der Banken, gestellt und das Tafelsilber an die privaten Banke verscherbelt. Am Ende steht dann der letzte Schulder, Deutschland, als Sahnehäpchen da. Mit den Billionen Ersparten auf der hohen Kante ist Deutschland neben der Schweiz das Land mit den höchsten Spareinlagen. Und genau diese galt es zu stehlen.

  6. Scheitern ist keine Option! In Kuerze: Zu Tode gespart sagt:

    […] und weiter: http://www.rottmeyer.de/scheitern-ist-keine-option-in-kurze-zu-tode-gespart/ Blog this! Recommend on Facebook Buzz it up Share via MySpace Tumblr it Tweet about it Buzz it up […]

  7. exbrainwashed sagt:

    Angie weiß genau was Sie tut.
    Dazu führe ich nur ein Foto an http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bild-763338-216121.html , von der aktuellen Spiegel Online-Titelseite.
    Wer damit nichts anfangen kann empfehle ich Paul Ekman.

    Gruß
    exB.

  8. EU veruntreut Milliarden Steuergelder…

    Das Millardenhilfspaket für Portugal ist abgesegnet worden. Somit ist auch dieses Geld mit Sicherheit weg. Es handelt sich um 78 Milliarden Euro, der deutsche Anteil beläuft sich dabei auf 14 Milliarden Euro. Es ist schade (und beängstig…

  9. macsoja sagt:

    Um das Bild des Bruders zu bemühen…
    Also ich würde ihm schon sagen:
    Pass auf Du bekommst das Geld, aber dann erwarte ich, dass Du wenigstens
    – ein billigeres Auto fährst (wie ich)
    – nicht mehr so weit in den Urlaub fährst (wie ich)
    und mal schaust, ob Du eine von Deinen Comic-Sammlungen verticken kannst.

    Aber da beginnt schon das Problem:
    Vielleicht kann mein Bruder ja mehr leisten, wenn er ein besseres Auto und mehr Urlaub hat.
    Und vielleicht ist die Comic-Sammlung in 3 Jahren 5mal so viel wert.

    Wer bin ich denn, dass ich mich einmische und ihn mit meinen Kriterien messe?

    Und hier hinkt der Vergleich mit der EU, die eben die Annahme getroffen hat, dass ALLE mit den gleichen Voraussetzungen das gleiche leisten SOLLEN ohne zu schauen und zu prüfen, ob sie es denn KÖNNEN.
    Und wie ausgeführt wird, wird auch jetzt noch der gleiche Maßstab angelegt.

    Und damit können alle nur scheitern, die in die starre Regelmühle der EU gelangen.
    Zwar wird es nach Belieben hinausgezögert und so richtig ist mir die Taktik nicht klar, aber am Ende läuft es darauf hinaus, dass das Scheitern beschlossen ist.

    Und damit sind wir beim nächsten Unterschied zum Bruder.
    Während mir mein Bruder mein ganzes Leben lang wichtig ist, so ist den Verantwortlichen die Stabilität nur im Rahmen ihrer Amtszeit wichtig.
    D.h. wenn es später zusammenbricht oder der Schulden-Cut kommt, dann ist es nicht mehr so schlimm, weil ich bin ja nicht mehr dabei.

    Schließlich muß man sich ja auch fragen:
    Wieviel Emotionalität / Engagement kann man von gewählten und tw. nicht einmal ausgebildeten Volksvertretern eigentlich verlangen?
    Sie machen es, so gut sie können und geht es schief, naja dann darf ein anderer mal.

    Das Problem ist die Vernetzung und das eben so viel gleichzeitig auf dem Spiel steht und diese Abhängigkeiten lassen ein Scheitern an einer Ecke nicht zu, weil keiner weiß, wie kontrolliert etwas zusammenbrechen kann und welche Auswirkungen es hat.
    Und darum ist seit Lehmann die Devise:
    Entweder geht alles den Bach runter oder nix.

    Aber die Frage ist ja:
    Wer ist derzeit stark und groß genug, um diese Verpflechtungen zu lösen?
    Gibt es nicht mächtige Leute, die genau das nicht wollen und darum zu verhindern wissen?

    und damit eben wieder der menschliche Aspekt:
    Wie weit geht ein Volksvertreter und legt sich mit den (wirklich im Hintergrund agierenden) Mächten an, der er lieber in Ruhe läßt, damit sie ihn in Ruhe lassen?

    Und führt am Ende dazu:
    Immer da, wo Macht immer mehr konzentriert wird (ob sichtbar oder nicht), konzentriert sie sich immer mehr und wird diese Macht ohne Gewalt/Eskalation nicht wieder zurückgegeben.

  10. quest sagt:

    „Was machen Sie da?“
    „Ich rette.“
    „Was retten Sie?“
    „Ich rette das System.“

    „Warum retten Sie das System?“
    „Weiß nicht. Ich glaube, es ist das beste der Welt!“

  11. VickyColle sagt:

    Schöner Artikel.
    Ich würde mich jedoch von aufgeklärten Kommentatoren öfter wünschen das sie den Unterschied EU und EURO, ständig herausstellen und nicht ins Fahrwasser dümmlicher Poliker geraten, die EU und EURO ständig auf die gleiche Stufe stellen.

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