Scheibchenweise ins Grab: Die fiese Salami-Taktik

1. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Ich weiß es nicht, daher frage ich die Allgemeinheit: Ist unser Gedächtnis eigentlich von Natur aus so miserabel, vielleicht zusätzlich bedingt durch Konservierungsstoffe und Glutamat? Oder ist es der 24-Stunden-Dauerregen an Nachrichten aller Art, die unsere inneren Festplatten überlaufen lassen? Sprich, sind es Löcher oder Überlastung, die uns bereitwillig vergessen lassen, womit wir erst vor wenigen Tagen/Wochen/Monaten (Zutreffendes bitte je nach eigener Erfahrung ankreuzen) belogen wurden?

Erinnert sich noch jemand an die Anfangsphase der Euro-Krise, die nicht, wie man vom Gefühl her meinen könnte, unlängst stattfand, sondern im März/April 2010? Damals wurde ja in der seltsamen Reihenfolge „Abverkauf griechischer Bonds“ … „Eingeständnisse diverser Schieflagen“ … „Herabstufungen durch Ratingagenturen“ klar, dass irgendwas so richtig schiefgelaufen ist. Wobei der findige Grübler schnell erkannte: Was die Politik als misslich erkannte, war nicht der Umstand, dass Griechenland sich jahrelang mit falschen Federn geschmückt hatte. Oh nein … denn das wusste man ja und billigte es. Nein, was die jeweiligen Verantwortlichen der Politik in Nöte brachte, war die Erkenntnis, bei diesem Schmu erwischt worden zu sein. Aber ich schweife mal wieder ab. Worum es mir geht, ist folgendes:

Damals tönte es in allen Kanälen, seitens Politik, Notenbanken und Finanzindustrie, dass das Problem Griechenland ein isoliertes sei, unstrittig in den Griff zu bekommen und Kapitalspritzen von außen wenn, dann nur kurz und in begrenztem Umfang nötig seien. Erinnern Sie sich? Nein? Aha. Das wurde damals so lange gebetsmühlenartig wiederholt, bis man feststellte, dass man die Wahrheit nicht länger kaschieren konnte. Dann wurde Scheibchen um Scheibchen mit der Wahrheit rausgerückt, in „homöopathischen Dosen“, so, dass der brave Bürger sich anpassen, an die Wahrheit gewöhnen konnte, die er zudem durch diese Salamitaktik gar nicht voll erfasste.

Als es dann in Irland eng wurde und Portugal in die Schlagzeilen rückte, wurde diese Taktik genau so fortgesetzt. Warum auch nicht? Mit dieser Methode, mit der Wahrheit nur Scheibchenweise rüberzukommen, konnte man die Menschheit seit eh und je in trügerischen Träumen wiegen … Träume von Sicherheit, Liebe, Frieden, Gesundheit. Es ist nun einmal so … bei all dem, das uns am meisten am Herzen liegt, sind wir nur zu gerne bereit, an genau die Versionen der Realität zu glauben, die wir uns wünschen. Negative Aspekte werden ausgeblendet, solange es geht. Und diese Methode, nur dann etwas zuzugeben, wenn es ohnehin schon aufgedeckt wurde, führt dazu, dass wir immer nur kleine Bröckchen einer großen Wahrheit zu sehen bekommen. Klein genug, um schnell vergessen zu werden.

Daher hatten gar zu viele Menschen auch bereitwillig daran geglaubt, dass Griechenland kein zweites Hilfspaket benötigen würde. Bis es dann kam. Man glaubte an die Sprüche aus Portugal, kein Hilfspaket zu benötigen. Bis es dann geschnürt wurde. Man kaufte den Politikern ab, dass ein moderat großer Rettungsschirm alle Unwägbarkeiten abdecken würde … bis er dann vergrößert wurde. Tja, aber damit sei nun wirklich alles im Griff, hieß es. Und die Anleger kauften, denn sie glaubten, weil sie daran glauben wollten. All das billige Geld, hieß es, der riesige, doppelte Rettungsschirm … ei, was kann da noch anbrennen?

Nun, alles, wie ich in den Kolumnen der letzten Monate immer wieder zu erklären versuchte. Einfach, weil diese irrwitzige Sparpolitik, das Konsolidieren maroder Haushalte während einer Rezession, grober Unfug ist. Jetzt, nachdem Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, aber auch Nicht-Euro-Staaten der EU wie Ungarn, dick in der Rezession feststecken, soll gespart und zugleich gewachsen werden. Wie schön. Wie dieses Kunststück funktionieren soll, soll Ende Juni beim nächsten EU-Palaver auf Kosten der Steuerzahler „angedacht und angeschoben“ werden. Falls man dazu noch Zeit findet, denn zunächst mal muss man sich ja auf eine gemeinsame Haltung einigen bzw. diese erstreiten, ertrotzen. „Ach, macht doch, was ihr wollt“ … solch ein Gedanke kommt mittlerweile sogar mir, dem dergleichen nicht egal sein darf. Immer mehr Bürgern indes ist das alles egal. Gerade hierzulande, wenn man den Umfragen glauben darf … wobei es da gleich wieder losgeht: Darf man den Umfragen denn glauben? Vor allem dann, wenn man nicht weiß, wie die Fragen formuliert wurden, deren Antworten alleine uns mundgerecht in den Nachrichten dargereicht werden? Nun, tun wir mal so, als ob:

Dann scheint wahr zu sein, dass sich immer mehr Bürger nicht mehr um die EU-Krise kümmern, weil diese einfach für Laien nicht mehr zu erfassen ist. Immer neue Programme, dauernd neue Entscheidungsträger wegen Abwahl der vorherigen, pfundweise kryptische Abkürzungen. Wie soll man da noch durchblicken, wenn man vorher nicht mal wusste, welches die 17 Länder mit dem Euro als Zahlungsmittel eigentlich sind? Oder nicht weiß, wer gerade den Ratsvorsitz hat? Wer will sich da durch die permanenten „News“ vom x-ten Gipfel oder Finanzministertreffen wühlen, wer über Hintergründe und Gefahren nachdenken, solange man selber noch in Lohn und Brot steht und im eigenen Land angeblich alles bestens ist? Eben. Weghören leichtgemacht.

Und so – und nur so, in dieser Kombination aus der Bereitschaft zum Weghören und dem Willen, die Karten nicht freiwillig auf den Tisch zu legen – ist es möglich, dass der Euro Stoxx als Repräsentant der europäischen Gesamtlage noch nicht unter den Tiefs des Vorjahres notiert, der Euro die damals, im Juni 2010 erreichten „Schocktiefs“ noch nicht unterboten hat oder die US-Aktienmärkte bislang nur geringe Reaktionen zeigen, obwohl man eigentlich wissen könnte, dass Europa eine Sogwirkung hat, die sich, wie in allen vergleichbaren Phasen vorher, auf die ganze, globalisierte Weltwirtschaft auswirkt. Aber das einfach zu ignorieren, da sind gerade US-Anleger ganz groß – zumal die dortigen Medien ebenfalls ihr bestes tun, Unruhe durch publizierte, unangenehme Wahrheiten gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Da können dann auch Ansichten von erfahrenen Strategen wie Faber oder Roubini einfach verpuffen, die unterstreichen, dass die USA in Wahrheit ein weit größeres Schuldenproblem haben … zumal sie es nicht einmal angehen und ob des typischen Vorwahlgezänks auch in diesem Jahr nicht mehr angehen werden.

Wegen dieser Doppeltaktik, „weghören wollen“ in Kombination mit „nichts rausrücken, solange man nicht muss“, haben wir in Europa bislang nur sanfte, kontrollierte Abwärtstrends. Denn würde man hinhören, sich erinnern, man wäre längst in Panik. Es ist noch kein Jahr her, da hieß es aus allen Ecken: Solange es bei Griechenland und Portugal bleibt, geht’s ja noch. Aber wenn Italien, Spanien oder beide zusammen unter Wasser geraten, ist die Eurozone tot. Well, kürzlich mal die Nachrichten gehört oder die Zinsentwicklung vorgenannter Länder betrachtet? Nein? Eben, ei, wozu auch. Wenn was sein sollte, bitte dreimal läuten, steht bei den meisten an der Tür.

He, Sie vergessen das billige Geld, höre ich es tönen. Die Anleger sind keineswegs so ignorant, aber die Banken pushen mit dem fast zinsfreiem Geld die Kurse! Hmm … nein, dem kann ich so nicht zustimmen. Das ist teilweise sicher wahr, aber so ist das zu einfach.

Das „billige Geld“ ist nicht imstande, die Zinsen in Italien und Spanien im Griff zu behalten. Ich hatte darüber schon geschrieben: Die Banken haben realisiert, dass sie sich in eine Sackgasse manövrieren, wenn sie da zu aktiv „stützen“. Denn sie werden zusehends zu den einzigen Käufern, kommen also nicht mehr aus diesen Positionen heraus, wenn sie es wollten. Daher hörten auch die Käufe an den Aktienmärkten Ende April auf. Zuerst in Europa und Asien, nun auch zusehends in den USA. Aus dem selben Grund: Man kommt rein, aber nicht mehr ohne Kurseinbruch heraus. Das realisieren der Gewinne ist nur möglich, wenn genug Käufer vorhanden wären, die zu Höchstkursen einsteigen wollen – und die sind eben nicht da.

Nein, all dieses billige Kapital nutzt nur, wenn es auch eingesetzt wird. Und alleine die hohen „Parkraten“ im Bereich 700-800 Milliarden bei der EZB zeigen, dass dieses Geld bislang nicht dorthin floss, wohin es die Bullen gerne haben wollten – bzw. wieder abgezogen wurde. Und ausgerechnet jetzt sind die Argumente überaus dünn, es wieder einzusetzen, nicht wahr?

Und der Bund Future, ist dessen Höhenflug, verbunden mit am Donnerstag erstmals unter 1,25 % gefallenen Renditen für 10jährige Bunds, nicht ein Beweis dafür, dass die Anleger vorsichtig sind und in Sicherheit fliehen? Ich sage nein. Denn diese irrwitzige Rallye bzw. der Kauf deutscher Bonds zu solch albernen „Japan-Zinsen“ zielt vor allem darauf ab, dass in dem Moment Währungsgewinne die niedrige Rendite ausgleichen, wenn die Eurozone zusammenbricht und der „Kern-Euro“, von allem Ballast befreit, durch die Decke geht. Das ist auf diesem Kursniveau mit Masse Spekulation und weniger Angst oder Vorsicht.

In meinen Augen haben zu viele Investoren, ob kleine oder große, das wirkliche Ausmaß der Katastrophe, vor allem aber das Fehlen eines „billigen“, einfachen und schnellen Auswegs, bislang nicht erkannt. Erstens, weil sie sich dieser unangenehmen Wahrheit nicht stellen wollen, bevor der „arge Schnitter“ für die Eurozone nicht persönlich an die Tür klopft. Zweitens, weil die Taktik der Verantwortlichen in Politik, Notenbanken und Finanzindustrie weiterhin durchgezogen wird und funktioniert: Die fiese Salami-Taktik, nur das zuzugeben, um das man ob der Ereignisse nicht herumkommt. Die einen wollen den reinen Wein nicht einschenken, die anderen ihn nicht trinken. Und so bleibt es bei einem leichten Unwohlsein in Magengrube und Depots …

… bis wieder einmal irgend ein Ereignis … oder die Ballung kleinerer Ereignisse … es ganz nach oben in die Schlagzeilen schafft, sich dort festsetzt und dadurch diejenigen Investoren, die immer noch in ihrem selbstgestrickten Kokon aus reißfestem „Alles-wird-gut“ schlummern, schlagartig aufschrecken lässt. Aber es sollte bekannt sein: Wenn man Schlafwandler oder Narkotisierte ruckartig in die Realität zurückholt, neigen diese zu unberechenbaren Reaktionen. Darauf sollten wir uns daher, was die Börsen angeht, für die kommenden Monate tunlichst einstellen.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


 

7 Kommentare auf "Scheibchenweise ins Grab: Die fiese Salami-Taktik"

  1. EuroTanic sagt:

    Dieser Zwiespalt löst sich zweifach auf. Die soziale Euthanasie breiter Bevölkerungsschichten ist nicht eine Fehler der Politik, sondern deren Ziel. Und der „gemeine“ Mensch ist anlagegemäss dazu verdammt immer wieder die gleichen Fehler zu begehen. So einfach ist die bittere Wahrheit.

  2. gilga sagt:

    Slightly OT:
    Insofern man auf Chart-Technik generell und insbesondere bei einem Performance-Index vertrauen will: Beim Dax sind wir je nach Sichtweise gerade durch einen wichtigen Wiederstand bzw. kurz davor einen solchen zu brechen.

    Mal schauen wie viele Robo-Trader da drauf schauen.

  3. Fnord23 sagt:

    Ohne Salamitaktik wäre längst eine breite Panik ausgebrochen.

    Ich hatte vor zwei Tagen ein Gespräch mit einem Steuerberater.

    Aussage: “ Es ist schon erstaunlich, wie gut und schnell man die Krise gemeistert hat.“ (gemeint war 2010.

    Krise vorbei. Widerspruch wurde nicht zu gelassen.

    Der Mensch ist eben so veranlagt. Ich seh das Problem, aber wenn ich nicht drüber nachdenke, dann geht das an mit vorbei. Kopf in den Sand und gut. Die Meisten können eben mit schlechten Nachrichten nicht umgehen.

    VG

  4. FDominicus sagt:

    Also gut, nur dieses eine Mal. Das habe ich niemals geglaubt und das es nicht zu weiteren Eingriffen kommen würde hielt ich schon bei der „auch“ alternativlosen Rettung er Banken für ausgeschlossen. Also bei „man“ schließe ich mich explizit aus. Und meine Blogs belegen das sogar ;-(

    Nein es fängt gerade erst an, das Brechen des Vertrages von Lisabon war der traurige Anfang, der ESM wird wahrscheinlich noch nicht das traurige Ende sein. Aber mit Hilfe des ESM wird man das Ende in einer grausamen Abfolge von Ereignissen einleiten. Wir standen vor dem Abgrund und heute sind wir einen Schritt weiter.

    Es ist aber völlig egal ob wie Europäer vor marschieren oder jemanden anders den Vortritt lassen, untergehen werden die Staaten in dieser Form und in dieser furchtbaren Ausdehnung weltweit. Und ich befürchte es geht nach der alten Brutalität: „Gefangene werden nicht gemacht“……

    Einige werden es überleben, und ich befürchte die Gruppe der Schmarotzer gehört dazu…. Solange es noch Wirte gibt….

  5. […] Rott & Meyer: Scheibchenweise ins Grab: Die fiese Salami-Taktik […]

  6. Widerstandsrecht » Blog Archive » Sarrazin gegen Merkel: Wird das Böse gewinnen? sagt:

    […] für die Wiedereinführung der D-Mark ist, bringen unsere Politiker uns mit ihrer Salamitaktik scheibchenweise ins Grab. Die Börsenkurse stürzen ab, die deutsche Industrie beklagt drastische Auftragseinbrüche, in der […]

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.