Schaufeln bis der Bagger qualmt

30. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die deutlichen Preisrückgänge bei einigen Rohstoffen in den letzten Wochen markieren eine weitere Treppenstufe im Bärenmarkt. Ein großer Teil des Abgabedrucks wird von den im Panikmodus fördernden Firmen selbst stammen. Im Überlebenskampf ist alles erlaubt….

Der Rohstoffmarkt wirkt für viele Betrachter kompliziert. Es gibt die Spotpreise, den Terminmarkt und diverse passive und aktive Indizes. Die grundlegenden Entwicklungen sind aber meistens mit dem Begriff Schweinezyklus gut beschrieben. Derzeit bewegt sich das Bild infolge eines lang anhaltenden Preisrückgangs eher in Richtung eines „arme Schweine“-Zyklus. Nicht nur an der fehlenden wirtschaftlichen Dynamik, um es höflich zu formulieren, sollten die Preisrückgänge festgemacht werden. Ein Großteil des Preisverfalls wird von Unternehmen im Überlebenskampf selbst verursacht.

Als die Rohstoffpreise noch stiegen und dabei Niveaus erreichten, die bis zu zehn Mal höher waren, als noch im Jahr 2000 (auch seinerzeit existierte China schon) waren die obersten Angestellten der meisten Minenkonzerne kaum zu bremsen. Man eilte wie derzeit in der Pharmabranche von Übernahme zu Übernahme und kaufte den Konkurrenten, bevor der einen selber schlucken konnte. Wirtschaftliche Betrachtungen oder gar Analysen spielen in solchen Szenarien keine Rolle mehr. Jeder, der es auf den CEO Stuhl geschafft hat, sollte in den Jahren, die er dahin gebraucht hat, eigentlich gelernt haben, dass man extreme Preisbewegungen nicht mit dem Lineal in die Zukunft fortschreiben sollte. Interessiert hat es dennoch niemanden, und so darf sich manch taumelnder Minenkonzern heute nicht beklagen. Falsche Prognosen führen zu falschen Ergebnissen und falsche Ergebnisse können finanziell tödlich enden. Manches Unternehmen verfährt offenbar nicht anders als die öffentliche Hand nach dem Motto wir wissen, dass die Prognosen falsch sind, aber wir brauchen sie für unsere Planung. Wie bei Aktien gilt auch für Rohstoffe die gute alte Rechenweisheit. Was ist ein Rohstoffpreis der 90% gefallen ist? Ein Rohstoffpreis, der 80% gefallen ist und sich dann halbiert hat. Richtig schmerzhaft wird es halt immer am Ende. Das erklärt auch das hysterische Verhalten der Marktteilnehmer bei Preisextremen.

iron ore

Solange der Anleihemarkt auch für Bergbaufirmen lief wie geschmiert oder jederzeit ein paar Millionen neuer Aktien platziert werden konnten, war die Lage entspannt. Derzeit aber reißen sich Anleger weder um Zinspapiere noch um neue Aktien der meisten Minen. Zuviele leer Versprechungen, zu viele tiefrote Cash Flows und Rekordschulden sprechen bestenfalls den distressed Investor an, der sich zur Zeit für den Fall der Fälle eine Einkaufsliste vorbereiten dürfte. Krise bedeutet eben auch am Anleihemarkt auch Chance. Man muss nur lange genug warten und genau hinschauen. In Zeiten, in denen sich alle bereitwillig dem gedankenlosen Geldanlegen verschrieben haben sind Geduld und akribische Analyse allerdings Begabungen, die nur wenige kultiviert haben. Der Großteil lauscht dem Wirtschafts-Geplärre der Medien und hangelt sich von „breaking news“ zu „breaking news“. Wenn andere dann in der Lage sind, die guten von den schlechten Anleihen zu trennen, schimpft man dann auf die bösen „Geier“-Investoren. Während es für einige Zeitgenossen völlig normal ist, beim Ausverkauf nach Angeboten zu suchen, halten es selbige für moralisch nicht vertretbar, das auch bei Anleihen zu tun. Neid und Ignoranz verschleiern leider oft das Sichtfeld.

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Für viele Firmen wird es noch schmerzhafter werden, bevor der Sektor eine Besserung erfahren kann. Auch Short Squeezes an den Rohstoffmärkten oder eine Stabilisierung auf niedrigen Niveaus brächte lediglich temporäre Erleichterung. Viele Investitionen der letzten Dekade rechnen sich auch bei höheren Preisen nicht. Wenn auch viele Firmen dies erkannt haben, so ist auch hier die Erkenntnis der erste Schritt, löst aber nicht über Nacht alle Probleme. Ein Beispiel für die Probleme, die auf die Einsicht folgen, sind die sehr schleppenden Verkäufe von Bergbauprojekten. Viele Großkonzerne wollen sich von Teilen ihrer Förderstätten trennen. Die Ankündigungen milliardenschwerer Schrumpfkuren werden an der Börse kurz gefeiert bis die Frage aufkommt, an wen man eigentlich zu welchem Preis verkaufen kann. Eine überaus wichtige Frage, denn potentielle Käufer werden kaum dazu bereit sein, Preise zu bezahlen, die ökonomisch sinnlos sind. Wie an der Börse heißt es auch beim Teilverkauf: Verkaufen muss man, kaufen kann man. Je nachdem, mit welchen Bewertungen die Assets in den Bilanzen der Verkäufer stehen, darf man von weiteren Abschreibungen ausgehen. Nimmt man den Kursverlauf der Bergbauindizes als groben Maßstab, so bekommt man einen ersten Eindruck für das Ausmaß möglicher Abschreibungen.

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Auch Pleiten werden kommen, darunter wohl auch die eine oder andere Großpleite. Wen das noch überrascht, der muss sich an die eigene Nase fassen. Die Anzeichen für existenzielle Probleme sind seit seit Jahren sichtbar. Für die Rohstoffpreise selbst stellt der ganze Prozess der Gesundschrumpfung der Bergbauunternehmen lediglich eine Bereinigung dar, die langfristig in die nächste Knappheit münden wird. Der gute alte Schweinezyklus verrichtet sein Tagewerk. An der generell nicht gerade überbordenden Ausstattung des Planeten mit günstig abbaubaren Rohstoffen hat sich durch den Kollaps der Firmen nichts geändert. Die Förderkosten für die meisten Rohstoffe sind in den letzten Jahrzehnten drastisch angestiegen, die Erzgrade befinden sich im Abwärtstrend und die größten Ölvorkommen sind vor zig Jahren entdeckt worden.

Der drastische Preisverfall ist nicht einem neuen strukturellen Überfluss zu verdanken sondern lediglich dem wahnwitzigen Ausbau der Kapazitäten und dem aktuell zu beobachtenden Überlebenskampf der Minen. So bedeutet Krise auch aus Sicht der Rohstoffpreise langsam wieder Chance. Wobei anziehende Rohstoffpreise auch wieder Krisen verursachen werden. Und so drehen die Schweine munter ihre Runden.

 

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14 Kommentare auf "Schaufeln bis der Bagger qualmt"

  1. Thomas S. sagt:

    Liebes Bankhaus,

    ist Ihr Hinweis, dass ein Preis, der um 90% gefallen ist, sich nachdem er bereits 80% gefallen ist, halbiert hat, als Argument für prozyklisches investieren zu verstehen? Immerhin verliert der Investor der am Hoch eingestiegen ist, zu dem Zeitpunkt nur noch 10%, während der bei 80% Kursverlust einsteigt 50% verliert.
    Weiterhin möchte ich mich beschwern. Die Rendite meines Investment in Gaskartuschen aufgrund eines Ihrer Artikel ist negativ.
    Nur weil ich für Ihre Artikel nichts bezahle, heisst das nicht, dass ich nichts erwarte.
    Schließlich habe ich etwas wesentlich wertvolleres als Geld in Ihre Artikel investiert. Meine Zeit!
    Enttäuschte Grüße

    • Mark L. sagt:

      Ich verstehe Ihre Entäuschung nicht. Dieser Artikel war wieder die reine Wahrheit. Das Prozentbeispiel zeigt eindrücklich, dass man auch noch viel Geld verlieren kann, wenn die Kurse bereits gefallen sind. Und wenn man von Artikeln Anlageempfehlungen erwartet, ist man selber schuld. Zum Denken sollen solche Artikel anregen und das tun sie definitiv!

      • Thomas S. sagt:

        Das war ein kleiner Spass, da das Bankhaus sicher kein Freund prozyklischen investierens ist und zumindest in Prozentzahlen sich ein 10% Verlust besser anhört als ein 50%.
        Das Bankhaus gibt grundsätzlich keine Anlageentscheidungen. Wer welche herausliest ist selbst schuld.

        • Bankhaus Rott sagt:

          Hallo Thomas S,

          haha, keine Sorge, wir haben den kleinen Spaß schon verstanden 🙂

          Immerhin ist man mit Kartuschen nicht der Terminkurve ausgeliefert, der man mit Futures nur den Buckel herunterrutschen konnte. So darf man auf die Zeit bis zum Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums hoffen oder das ganze kleinteilig an Campingfreunde verhökern!

          Ja, die Zahlen finden wir immer wieder beeindruckend. So eine Halbierung nach einem Rückgang von 80% ist ein Sahnehäubchen, dass dann bei vielen zur Kapitulation führt. Wie sie richtig erwähnen kaufen wir lieber bei tiefen als bei hohen Preisen. Interessanterweise sind wir uns fast überall mit den meisten Zeitgenossen einig. Nur an der Börse sieht es anders aus. Aber wir können damit sehr gut leben.

          Ansonsten drücken wir die Daumen für einen kalten Winter …

          Beste Grüße
          Bankhaus Rott

  2. EuroTanic sagt:

    Ich bin ja ken Anhänger der Evolutionstheorie, aber es wird genau diejenigen treffen, die sich im „Survival of the fittest“ nicht genügend „angestrengt“ haben. Und das ist leider – wie immer – die Mehrheit.

    • FDominicus sagt:

      Den Nachteil erkenne ich irgendwie nicht. Wäre doch sogar mal gerecht, die Mehrheit will doch fast alles so haben wie es ist. Gewählt wird seit 50 Jahren immer die gleichen Parteien und Bestrebungen die Voks(ver)treterr einzubremsen mit etwaigen Abstimmungen wird auch nicht verfolg. Also die Mehrheit will das alles so, also wäre es für mich völlig in Ordnung wenn es DIESE auch die Rechnung bezahlten.

  3. Sandra sagt:

    Überlebenskampf bla, bla.
    Seit wann wählt man denn eine Handelsroute, wo man ständig von Piraten überfallen wird? Bin ich irre?

  4. samy sagt:

    N‘ Abend,

    was das Shale Gas als Beispiel angeht, hier ein interessanter Artikel, wobei der Rig Count -also die neuen laufenden Bohrprojekte- ja schon dramatisch eingeknickt sind.

    http://oilprice.com/Energy/Natural-Gas/Shale-Gas-Rig-Count-Could-Implode-Here-If-Prices-Dont-Rebound.html

    Am Ende war der Shale-Gas-Boom doch nur ein klassischer „Sau-durchs-Dorf-Zyklus“.

    VG

  5. Avantgarde sagt:

    Was ist ein Rohstoffpreis der 90% gefallen ist? Ein Rohstoffpreis, der 80% gefallen ist und sich dann halbiert hat.
    ——
    Dazu fällt mir als Extrem z.B. PEABODY ENERGY ein.
    Aber auch Freeport, BHP und andere dürften da durchaus für schlechte Stimmung sorgen.
    Das muß für einige wirklich sehr bitter sein.

    Da bin ich doch wirklich sehr froh, daß ich vor ein paar Jahren nicht auch auf den angeblich bald kommenden Hyperinflationszug aufgesprungen bin.
    Mein Vale-Dammbruch genügt mir. Dachte die wären schon recht ausbebombt und dann kamen dennoch die höheren Mächte hinzu…..

    Wie sieht das Bankaus die Lage? Könnte der Boden bei den Rohstoffen bald erreicht sein oder kommt noch mal ein Schub nach unten?
    Ohne Gewähr – ich weiß 🙂

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Avantagarde,

      ob es das war, wissen wir nicht. Wir halten uns an das, was wir sehen, und das sind derzeit Rohstoffe im Bärenmarkt. Angesichts des massiven Abverkaufs bei einigen Rohstoffen kann es schnell zu einer scharfen Gegenbewegung kommen, wie sie bei Rohstoffen nicht ungewöhnlich ist. Diese würden wir aber nicht sofort als Ende des Abwärtstrends werten. Das tun viele schon seit geraumer Zeit immer mal wieder, wenn es mal 5% nach oben geht. Ein ebenso teurer wie frustrierender Spaß.

      Das schöne ist, man muss nicht agieren. Wir finden die Ausgangslage ausgezeichnet, um abzuwarten. Sollte es zu einem erneuten starken Abverkauf kommen, dürften sich angesichts der bereits jetzt erreichten Niveaus auch bei den Anleihen vieler Emittenten in diesem Segment interessante Chancen auftun. Dafür muss man sich aber die Cash Flows und die Paragraphen mit dem „*“ in den Zahlenwerken der Unternehmen genau anschauen. Ein weiterer Preisrückgang würde den Kapitalmarktzugang für viele Produzenten komplett verschließen. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Cash Flow is King. Eine Arbeit die mühselig ist sich aber erfahrungsgemäß auszahlt, weil dies kaum jemand ernsthaft macht geschweige denn solche Trades umsetzt. Welcher institutionelle Anleger, der nicht auf Sondersituation spezialisiert ist, hält schon für einen ausgebombten Bond den Kopf hin? Geht’s schief, hat man ein Problem, verpasst man eine Gelegenheit, ist man ja in breiter Gesellschaft. Eine altbekannte Branchenkrankheit.

      Sollte es zu einer Squeeze kommen, würden wir uns die in Ruhe anschauen und abwarten, ob es diesmal zu einem strukturellen Wandel kommt. Hektik ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber.

      Beste Grüße und eine gute Portion Geduld,
      Bankhaus Rott

      • Avantgarde sagt:

        Merci für die Einschätzung.

        Ich stelle mir halt langsam die Frage wie das überhaupt weitergehen wird oder kann.
        Die Nachfrage aus China hat sich bereits deutlich verlangsamt, die Rohstoffländer werden deshalb immer weniger bei den Industrieländern nachfragen können – eine gefährliche Spirale.
        Bei einem noch mal deutlichen Preisrückgang der Rohstoffe sehe ich da aber noch ein ganz großes Ding auf uns zukommen – die Märkte in Europa/USA dürften dann sehr stark überbewertet sein.

        Global gesehen aber sollte die Nachfrage nach Rohstoffen und Industriegütern aber doch vorhanden sein nachdem nicht nur China sondern auch Indien und andere asiatische Staaten ihr Niveau doch deutlich angehoben haben.

        Also warten wir mal ab 🙂

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